Der McGuffin des Nostradamus

in Comic

Comic | É.Corbeyran & N.Hamm (Text) / L. Dubois »Grun« (Zeichnungen): Die Opalverschwörung

Wer an die Weissagungen von Propheten glaubt, der kann leicht auf einen Schwindler hereinfallen. Die Opalverschwörung entlarvt aber nicht Nostradamus als Scharlatan, sondern die Autoren dieses Comics. BORIS KUNZ ist ihnen ein Stück weit auf den Leim gegangen.

OpalIn den Wirren des Dreißigjährigen Krieges verfolgen der Arzt Joachim Pratentis, der schwedische Söldner Erik Gustavson und die dunkelhäutige Korsarin Walaya die Spur dreier rätselhafter Opale, die ihre Väter von dem legendären Nostradamus erhalten haben. Die Edelsteine sollen der Schlüssel sein zu einer seiner Prophezeiungen, für die die Menschheit zu seiner Zeit noch nicht reif war. Verfolgt von den Kriegern des Geheimbundes Ars Magna, schlägt sich das ungleiche Trio durch ein von Krieg und Pest verwüstetes Europa.

Auf den ersten Blick wirkt dieser luxuriös dicke Sammelband so, als würde man als Fan historischer Abenteuergeschichten mit Sicherheit gut bedient. Die Geschichte spielt in einer aufregenden historischen Epoche, und schafft es dabei, Handlungsorte zu finden, die nicht schon völlig ausgelutscht sind; statt immer nur Paris bekommen wir z.B. die belagerte Festung von La Rochelle oder die damalige Weltmetropole Antwerpen zu Gesicht. Wie meistens bei Splitter lässt der Band auch grafisch wenig zu wünschen übrig. Dem Zeichner Grun gelingt es auf jeder Seite neu, die historischen Stadtansichten, belagerten Festungswälle, düsteren Häfen und voll betakelten Handelsschiffe detailverliebt in Szene zu setzen und stimmungsvoll zu kolorieren.
Die Handlung verknüpft tatsächliche historische Ereignisse mit einem klassischen Verschwörungsplot mit leicht übernatürlichem Einschlag, lässt eine Menge historischer Persönlichkeiten wie Kardinal Richelieu, den Maler Rubens, den Feldherren Wallenstein oder Galileo Galilei mit einem Trupp origineller Protagonisten zusammentreffen. Geheimbünde und Piraten, barbusige Schönheiten und Heroen in Mantel und Degen – das Ganze in einer dicken, vier Alben vereinenden Gesamtausgabe. Was kann schon schiefgehen?

»Mir scheint, als seien wir gerade rechtzeitig gekommen.«

Wenn man ein wenig tiefer gräbt, stellt man mit milder Enttäuschung fest, dass da leider nicht mehr sehr viel ist, wonach man tiefer graben könnte. Die historischen Bezüge sind zwar gut recherchiert, und wenn man ihnen im Lexikon nachgeht, kann man nach der Lektüre des Comics noch spannende Stunden damit zubringen, sein Allgemeinwissen über das 17. Jahrhundert aufzufrischen. Im Comic selbst aber liefern der Dreißigjährige Krieg und all die darin verwickelten historischen Gestalten lediglich eine bunte Kulisse, vor der sich eine Story abspielt, die man so dann doch schon häufiger gelesen hat – inklusive der üblichen Schurken und »Anti«-Helden und altbekannten Rettungen in letzter Minute durch einen Armbrustschuss aus dem Hinterhalt.

Da halten dann auch die großen Namen nicht immer, was sie versprechen: So erklärt sich etwa Wallenstein bereit dazu, Erik eine Hinrichtung wegen Fahnenflucht zu ersparen, wenn Walaya im Zweikampf den stärksten Krieger seiner Armee besiegt. Wenn der berühmte historische Feldherr sich aber laut Plot so benehmen muss wie ein Indianerhäuptling in einem Karl May Film, bleibt der historische Bezug reines Namedropping.

Emotional greifbare Figuren sind das A und O einer guten Geschichte sind, und Comicautoren täten gut daran, sich zumindest diese eine goldene Regel der Dramaturgie hinter die Ohren zu schreiben. Und da hapert es leider auch hier wieder. Wir erfahren zu lange zu wenig über Joachim und Sven, um nachvollziehen zu können, warum ein Versprechen, dass ihre Väter geleistet haben, sie derart umtreibt, dass sie dafür fahnenflüchtige Outlaws werden. Und auch der Exotenbonus der dunkelhäutigen Walaya ist, trotz diverser Auftritte oben ohne, längst verbraucht, bis wir im letzten Kapitel ihre Herkunft erzählt bekommen.

Abgesehen davon, dass sie nur dem ersten Anschein nach originell sind, haben die Protagonisten vor allem ein Problem, das es ihnen schwer macht, den Leser für sich einzunehmen: Bei ihrer Suche geht es irgendwie um nichts. Und das ist wohl das größte Ärgernis der ganzen Geschichte. Das Geheimnis von Nostradamus, das Rätsel, das es zu ergründen gilt, ist von vorn herein schon so schwammig und vage formuliert, dass die Helden eigentlich selbst nicht wissen, wohinter sie eigentlich her sind. Für keinen von ihnen steht wirklich etwas Wichtiges auf dem Spiel, das Erreichen ihres Ziels ist mit keinerlei Hoffnungen oder Ängsten verbunden. Man versteht nicht wirklich, zumindest nicht auf einer Ebene, die einem nahe ginge, warum alle drei nicht einfach ihre Sachen packen und Nostradamus Nostradamus und die Opale Opale sein lassen.

»Ich glaube, je mehr wir reden, desto verwirrender erscheint alles.«

Alfred Hitchcock nannte so ein austauschbares Objekt der Begierde, das keinen andern Zweck hat, als den Helden ein äußeres Ziel zu geben, einen »McGuffin«. Das Problem bei der Opalverschwörung ist, dass ein McGuffin allein noch keine spannende Geschichte macht, wenn er nicht zumindest für die Helden selbst mit Bedeutung aufgeladen ist. Der Plot der Opalverschwörung hätte mit einem Schatz statt einer Prophezeiung als McGuffin (und mit Dagobert Duck in der Hauptrolle) wesentlich besser funktioniert.

Es wundert einen dann auch nicht mehr, dass die Auflösung des ganzen Rätsels am Ende ebenso enttäuschend und banal ist, wie es das Rätsel von Anfang an war. Das, was der große Prophet am Ende zu sagen hat, ist eine Art altertümliche Version eines Greenpeace-Aufkleberspruchs und verändert weder die Welt noch unsere Helden noch den Leser.

Das macht ja noch nicht unbedingt einen schlechten Comic aus. Die Geschichte ist eigentlich solide, gut gemachte Stangenware. Das fühlt sich nur deshalb enttäuschend an, weil die hohe Qualität der Zeichnungen, die Authentizität der Settings und die teilweise schon recht clever ausgetüftelten historischen Querverweise deutlich zeigen, dass hier das Potenzial für eine wesentlich spannendere Story zu einem guten Teil verschenkt wurde.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Éric Corbeyran & Nicolas Hamm (Text) / Ludovic Dubois »Grun« (Zeichnungen): Die Opalverschwörung
(La Conjuration d´Opale – Intégrale). Aus dem Französischen von Tanja Krämling
Bielefeld: Splitter Verlag 2012
216 Seiten, 39,80 Euro

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