Ein Wasserloch, das Tuwan heißt

in Ausstellung

Ausstellung | Spinifex Art Project

Spirituelle Landkarten als Besitzurkunde: die Kunst der australischen Spinifex People im Münchner Völkerkundemuseum. Von SABINE MATTHES

Spinifex Art Project
Abbildung: Tjaruwa (Angelina Woods), Kamanti, 90 x 136 cm, 2012. Tjaruwa gehört zu den letzen sieben Nomaden der australischen Wüste, die erst 1986 ihren ersten Kontakt mit der »weißen« Welt hatte. © Spinifex Arts Project

Als Kapitän James Cook 1770 in der Botany Bay in Australien landete, erklärte er das Land zur leeren, unbewohnten Terra Nullius. Die Briten begründeten damit ihre Landnahme und unterwarfen die Ureinwohner einer erniedrigenden Routine nach dem Motto »Zivilisieren, Christianisieren, Ausrotten, um Vergebung bitten«. 1967 wurden die Aborigines schließlich Staatsbürger und eine starke Landrechtsbewegung begann. Der Fall »Mabo vs. Queensland« wurde 1992 zum bahnbrechenden Präzedenzfall: das Oberste Bundesgericht sprach Eddie Mabo und anderen indigenen Klägern das Besitzrecht auf die von ihnen bewohnten Murray Islands zu. Dies war eine historische Wende, denn das britische Terra Nullius Prinzip wurde als fiktiv und illegal verworfen. Es hatte nicht zur Auslöschung von Mabos ursprünglichem Eigentumsrecht an seinem angestammten Land geführt. Das Mabo-Urteil half anderen Aborigines-Gemeinden die Rückgabe ihres Landes (Native Title) zu fordern – sofern sie eine kontinuierliche traditionelle Verbindung dazu nachweisen konnten.

So wurde die Landrechtsbewegung zu einem enormen Stimulans für die zeitgenössische Aboriginal Art. Denn der Erfolg der Landansprüche hing auch von der bildlichen Darstellung dieser Beweisführung ab. Die Kunstwerke erzählen von der Schöpfungszeit, in der Ahnenwesen die Landschaft, deren Bewohner, Sitten, Gebräuche und Gesetze erschaffen haben. Es sind spirituelle Landkarten, die zu Besitzurkunden werden. »Wenn ich diese Geschichte nicht male, kommt irgendein Weißer und stiehlt mir mein Land« – lautet häufig die Motivation zu malen.

Mit der überlieferten Bildsprache von Zeichen und Symbolen aus einer 50.000 Jahre alten Kulturtradition der Aborigines kommuniziert der initiierte Künstler seinen Geburtsort, dessen spezielle Verbindung zur Schöpfungsgeschichte und seine persönliche Verantwortung dafür. In den Bildern der Spinifex People, die als Nomaden im südwestlichen Australien in der Abgeschiedenheit der Great Victoria Desert leben, sind die überlebenswichtigen Wasserlöcher vorherrschend. Die Kreise sind oft wichtige Versammlungs- oder Kraftorte um die sich gepunktete Linien und Wege ranken – Geschichten in Form von Emuspuren, menschlichen Sitzabdrücken, magischen Wasserschlangen oder dem Reiseweg des Python-Mannes Wati Tiru. Lennard Walker malte sein Land und die Wasserlöcher seines Geburtsorts Kuru Ala, eine für Frauenrecht bedeutende Stätte der Sieben-Schwestern-Schöpfungsgeschichte, zu der er als Mann jedoch keinen Zugang hat.

Etwa 500 solcher heiligen Stätte liegen im Spinifex Country. Exkursionen werden dorthin unternommen. Man fegt den Sand beiseite und beginnt zu malen – oft gemeinschaftlich auf einer auf der Erde liegenden Leinwand, Frauen und Männer gemäß Geschlechtersegregation getrennt. Einem zeremoniellen Ritual gleich, wird durch das Malen die Erdoberfläche quasi geöffnet und die kreative Kraft der darunter immer noch wirksamen Schöpferahnen angezapft. Die Aborigines glauben, dass die Welt in der Epoche der Traumzeit von den Schöpferischen Ahnen geschaffen wurde. Bei ihren Wanderungen formten diese die topographische Landschaft und träumten im Schlaf die kommenden Abenteuer und Dinge die sie erschaffen würden. Als die Welt mit den Arten gefüllt war und sich alle gegenseitig ineinander verwandeln konnten, gingen die Ahnen ermüdet in die Erde, den Himmel, die Wolken und die Geschöpfe zurück, um als Kraft in allem, was sie geschaffen hatten, nachzuhallen. Das Malen regeneriert diesen Schöpfungsakt und den Kontakt mit den Ahnen.

Einerseits müssen die Bilder diskret geheimes Wissen verbergen, andererseits müssen sie vor Gericht präzise Beweisstücke sein. Die Rinden-Petitionen an das australische Parlament konnten 1963 zwar noch nicht die Schürfarbeiten im Arnhem-Land-Reservat verhindern, markierten aber den Beginn einer Phase, in der Aborigines immer häufiger mit Malerei Anspruch auf Land erhoben.

Die Spinifex People mussten ihr Land in den 1950er Jahren wegen schwerer Dürren und den britischen Atombombentests in Maralinga verlassen. Viele wurden in Missionen umgesiedelt, hunderte Kilometer von ihrem Land entfernt. Während sie mit der australischen Regierung 1995-2000 über ihre Landrechte verhandelten, wobei ihnen schließlich 55.000 Quadratkilometer zuerkannt wurden, begann 1997 das Spinifex Arts Project. Die Stammesältesten malten zwei wesentliche Gemälde, je ein Gemeinschaftswerk der Männer und der Frauen, die ihre Identifikation mit dem ganzen beanspruchten Land darstellten. Diese Bilder wurden offiziell in die Präambel der Native-Title-Vereinbarung aufgenommen. Erst dieser politische Erfolg ermunterte die Spinifex, auch für den Kunstmarkt weiter zu malen.

Die Bilder entfalten den Sog und die pulsierende Ruhe einer sich endlos abspulenden minimalistischen Wüsten Oper. Ihre Farben und Muster zittern und vibrieren wie die flirrende Hitze, das Licht und der Sand. Die Spinifex Kunst ist roher und ursprünglicher als die bereits Ende der 1980er Jahre international gefeierte Central Desert Art. Dort, in der unerbittlichen Wüste Zentralaustraliens, wo die Siedler das Land wegen seiner besonders zahmen Kaninchen Utopia nannten, fand 1971 die Initialzündung der zeitgenössischen Aboriginal Art statt. Der Lehrer Geoffrey Bardon arbeitete damals in der nahe Alice Springs gelegenen Regierungs-Siedlung Papunya, wo Aborigines lebten, die man von ihrem traditionellen Land vertrieben hatte. Er gab ihnen Farbe und ermunterte sie, ihre Geschichten zu malen. So entstand das Honigameisen-Dreaming als Wandbild auf der Schulmauer – das erste Bild, das nicht mehr auf eine natürliche Oberfläche wie Haut, Holz, Felsen oder Erde gemalt war, sondern auf einen permanenten, vertikalen Untergrund nach westlichem Kunstverständnis. Acrylbilder auf Leinwand folgten. Die rasch wachsende Popularität der daraus sich entwickelnden Papunya Tula Kunst Bewegung fiel mit der indigenen Landrechtsbewegung zusammen. Das Spinifex Arts Project folgte dem erfolgreichen Papunya Model. Aber die Spinifex People gehörten zu den letzten Gemeinden, die ihre Geheimnisse, im Tausch gegen Landrechte, preisgeben wollten.

| SABINE MATTHES

Reinschauen
Spinifex Arts Project – Webseite
Spinifex Arts – bei Artkelch.de