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Comic | Boulet/Bagieu: Wie ein leeres Blatt

Ein leeres Blatt kann wahnsinnig inspirierend sein. Es bedeutet Raum für neue Ideen und lässt erst einmal alle Möglichkeiten offen. Das dachten sich wohl auch die französischen Comiczeichner Boulet und Pénélope Bagieu, als sie es in ihrer existenzialistisch gefärbten Graphic Novel Wie ein leeres Blatt zum Sinnbild des Neuanfangs machten. Zum Glück haben sie sich dabei nicht zu plumpen Lebensweisheiten verleiten lassen, freut sich STEFANIE HÄB.

Boulet/Bagieu: Wie ein leeres Blatt
Pénélope Bagieu hat mit ihrem Blog Ma vie est tout à fait fascinante (»Mein Leben ist total faszinierend«) in Frankreich Kultstatus erlangt. Wie alle ihre frühen Veröffentlichungen lässt sich dieses augenzwinkernde Comictagebuch dem Lager der Chick Lit zuordnen, einem inzwischen immer beliebteren Genre, das mit den gängigen Klischees und einer großen Portion Selbstironie die kleinen und großen, aber nie zu ernsten Probleme seiner jungen, selbstbewussten Protagonistinnen abbildet. Seit einigen Jahren jedoch hat sich die Zeichnerin mit dem herrlich lässigen Federstrich in Richtung Graphic Novel weiterentwickelt und wagt sich an zunehmend tiefgründigere Inhalte. Wie ein leeres Blatt ist für Bagieu und ihren Zeichnerkollegen Boulet, der das Szenario entwickelt hat, der erste Comic, der es nach Deutschland geschafft hat. Und er macht gleich einen guten Eindruck.

Dem eigenen Leben auf der Spur

Auf den ersten Blick will man diesen farbenfrohen Comic mit dem kindlichen Zeichenstil unterschätzen. Auf den zweiten Blick wird man jedoch von der leise knisternden Spannung überwältigt. Eine junge Frau sitzt im abendlichen Paris auf einer Bank und kann sich nicht mehr daran erinnern, wo sie herkommt. Da sind eine Handtasche und eine Visitenkarte, aber Éloïse, das kann doch unmöglich ihr Name sein.

Zunächst will sie an einen vorübergehenden Blackout glauben, denn schließlich kennt sie sich noch in der Pariser Metro aus und weiß noch, dass ein Ikosaeder ein zwanzigflächiger Körper ist. Während sie der Visitenkarte zu ihrer Wohnung folgt, malt sie sich in den buntesten Farben aus, was sie wohl hinter der Wohnungstür vorfinden wird. Dort angekommen erwartet sie jedoch weder eine Überraschungsparty noch ihre besorgte Familie noch eine filmreife Mordszene. Viel schlimmer: Was sie antrifft, ist erschreckend normal. Nicht aufregend, nicht verstörend, aber eben auch nur Mittelmaß. Éloïse fühlt sich wie eine Einbrecherin in dieser fremden Wohnung, in der ein ungespülter Teller zum Platzhalter für ein Leben wird, das irgendjemand angefangen und zurückgelassen hat. Hier beginnt ihre manische Spurensuche.

Der Leser merkt schnell, wohin die Reise geht: Die Amnesie, deren Ursache weder vom Arzt noch vom Psychologen geklärt werden kann, ist für Éloïse die lange überfällige Gelegenheit, ihr Leben mal von außen zu betrachten. Während sie noch spekuliert, ob mit dem Gedächtnisverlust wohl ihre Karriere als Geheimagentin geendet hat, unternimmt sie erste Versuche, sich in ihrem angefangenen Leben zurechtzufinden. Doch im grauen Mikrokosmos der Buchhandelsfiliale, für die sie arbeitet, trifft sie nur auf einen oberflächlichen Freundeskreis und auf einen Mann, von dem sie sich hat ausnutzen lassen.

Was ihre Nachforschungen über sie offenbaren, passt wie eine Schablone auf tausend andere Frauen ihres Alters. Vielleicht ist es da nicht so schlimm, wenn sie sich nicht mehr an das passive Dasein dieser Frau erinnert, die lieber die Trendansagen der Elle abgepaust hat als ihr Leben mit eigenem Inhalt zu füllen. Und so stellt man sich auch als Leser die Frage, wie viel Zeit seines Lebens man eigentlich damit verbringt, bestimmten Idealbildern nachzueifern, ohne sie zu hinterfragen.

Angewandte Lebensphilosophie in bunter Verpackung

Wer nun trübe Lebensweisheiten à la »Lebe deinen Traum« befürchtet, der sei beruhigt: Die Autoren schaffen es, dem Leser lediglich einen kleinen Schubs zu geben – der erhobene Zeigefinger wird angenehmerweise vermieden. Und dann freut man sich entweder, dass das eigene Leben weit über dem Mittelmaß schwebt, oder man wirft unwillkürlich einen kritischen Blick darauf. Aber selbst dann ist die Geschichte keinesfalls deprimierend, sondern hinterlässt in jedem Fall das wohlige Gefühl, dass – garantiert auch ohne Reset-Knopf – immer noch alles offen ist.

Éloïse muss sich entscheiden, ob sie sich an ihr altes, ungeliebtes Leben klammern oder die Chance nutzen will, um die blanke Existenz, an deren Nullpunkt sie zurückgekehrt ist, in einen individuellen Entwurf zu kleiden. Man spürt deutlich, dass die Autoren sich selbst leidenschaftlich mit der Frage beschäftigt haben, was wohl vom eigenen Leben übrig bleibt, wenn die Erinnerung daran verschwindet. Deshalb schaffen sie es auch, die Frage an den Leser weiterzugeben, ohne sie direkt zu stellen.

Dass man sich als Leser wirklich darauf einlässt, liegt nicht nur daran, dass die Autoren auf Plattitüden verzichten. Vor allem Bagieus unkomplizierter Zeichenstil macht das doch recht abstrakte Thema greifbar, ohne aufdringlich zu werden. Bei dem eigentlich ernsten Szenario erinnert der lockere, bunte Anstrich daran, dass nichts nur schwarz oder weiß ist, und auch, dass Éloïses Leben nicht eindeutig beurteilt werden kann. Und während zuerst einmal auf der Erzählebene nur dargestellt wird, wie eine junge Frau versucht, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, liegt das Besondere wie immer im Detail. Vieles wird in dem Comic ohne Worte mitgeteilt. Wenn Éloise den Blick über ihre Wohnung schweifen lässt, dann spürt man auch als Leser, wie verlassen man sich in einer fremden Wohnung fühlen kann, in der selbst der Topflappen die Identität des Bewohners angenommen hat. Zudem haben wir es mit einer glaubwürdigen und nicht dramatisch überzeichneten Protagonistin zu tun, die sich auf der Suche nach ihrer Erinnerung schnell in herrlich naiven Tagträumen verliert. So stellt sie sich etwa die Buchhandlung, in der sie arbeitet, als idyllisches Antiquariat mit Zeitung lesendem, Pfeife rauchendem Besitzer vor. Die Resignation, mit der sie dann die moderne Buchhandelsfiliale betritt, wird jeder nachvollziehen können, der sich schon mal gefragt hat: Was hab ich eigentlich erwartet?

Mit anderen Worten: Die Lektüre lohnt sich allemal, wenn auch nur, damit man sich als Leser danach zum eigenen erfüllten Leben gratulieren kann. Wie ein leeres Blatt ist eine der Geschichten, die nicht damit enden, dass man das Buch zuklappt. Es bleiben Fragen zurück.

Die weisen Sprüche kann man dann selbst formulieren.

| STEFANIE HÄB

Titelangaben
Boulet (Szenario) / Pénélope Bagieu (Zeichnungen): Wie ein leeres Blatt (La Page Blanche)
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Hamburg: Carlsen Verlag 2013
208 Seiten, 17,90 Euro

Reinschauen
Comic-Blog der Zeichnerin (bis Oktober 2012, auf Französisch)
Comic-Blog des Szenaristen
Seite des französischen Verlags zum Comic (Video mit kleinen Kostproben, auf Französisch

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