Feministin und Patriotin – Zum 100. Todestag von Lesja Ukrajinka

in Menschen/Porträt & Interview

Menschen | Lesja Ukrajinka

Eine Tuberkulosekranke. Eine ukrainische Nationalistin zur Zeit der Russifizierung. Eine der ersten ukrainischen Feministinnen. Eine Lesbe?

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»Wenn ich diese weichen und schwächlichen oder kalten und klugschwätzerischen Werke junger Ukrainer lese und sie mit den frischen, starken, mutigen und dennoch so einfachen, aufrichtigen Worten Lesja Ukrajinkas vergleiche, komme ich zu dem Schluss, dass dieses kränkliche, schwächliche Mädchen wohl der einzige Mann in der derzeitigen ukrainischen Literatur ist …« Mit diesen berühmten Worten hebt der Kritiker und Dichter Iwan Franko seine jüngere Kollegin Lesja Ukrajinka auf den Olymp der ukrainischen Literatur. Bis heute gilt sie als die bedeutendste ukrainische Autorin der Moderne. Von JUTTA LINDEKUGEL

Contra spem spero: Tragik und Hoffnung

Nicht nur ihre Werke, auch ihre Biographie ist sehr eindrücklich. Irena Katschaniuk-Spiech, die bereits einige Dramen Ukrajinkas ins Deutsche übertragen hat, resümiert: »Ich habe schon in der Schule Ukrajinka gelesen und durchgenommen. Die Werke gefielen mir und ich war von der Biographie beeindruckt: Ukrajinka hat sehr gelitten und hat dennoch viel, in hoher Qualität und positiv geschrieben. Sie ließ sich nicht von ihrer Krankheit abhalten. Alles ist bei ihr Hoffnung.« Contra spem spero ist denn auch der Titel eines von Ukrajinkas bedeutendsten Gedichten. Auch die in Wien ansässige Autorin Tanja Maljartschuk würdigt die fast trotzige Einstellung der Dichterin in einem Aufsatz: »Es gibt etwas in Lesja Ukrajinkas Biografie, das mir fremd ist. Vielleicht weil sie ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes poetisch war. Sie brachte dafür alle Voraussetzungen mit: die adlige Herkunft, eine unheilbare Krankheit, eine unerwiderte Liebe.«

Von der Ukraine bis zu den Pyramiden

Unter dem Namen Larissa Petriwna Kosatsch wurde die Autorin am 25. Februar 1871 geboren. Schon in ihrer Kindheit erkrankte sie an Knochentuberkulose. Die Krankheit zwang sie, zu Ärzten und Kuren im In- und Ausland zu reisen: Deutschland, Österreich Italien, Bulgarien, den Kaukasus oder Ägypten. Dadurch lernte sie sehr verschiedene Kulturen persönlich kennen. Angeblich beherrschte sie zehn ost- und westeuropäische Sprachen. Diese interkulturelle Erfahrung floss in ihr Schaffen ein und machte sie zur ›kosmopolitischsten‹ unter den ukrainischen Autoren. Nicht nur, dass sie ›exotische‹ Sujets und Themen anderer Nationalliteraturen aufgriff und in einen ukrainischen Kontext setzte, sie bemühte sich intensiv um die Europäisierung der ukrainischen Kultur durch Übersetzungen. Dabei zielte sie auch darauf ab, dem vorherrschenden russischen Einfluss eine Alternative entgegenzusetzen. Denn während die Westukraine zum Habsburger Reich gehörte, war das übrige Territorium Teil des russischen Zarenreichs, welches die ukrainische als ›kleinrussische‹ Kultur betrachtete, die Sprache verbot und die Assimilierung erzwang.

Dichtung und Drama

Ihre ersten Gedichte wurde 1884 veröffentlicht. Die Mutter hatte die Gedichte Konvalija (Maiglöckchen) und Safo (Sappho) unter dem Pseudonym Lesja Ukrajinka bei der Zeitschrift Zorja (Stern) in Lwiw eingeschickt. 1893 erschien dann die erste Gedichtsammlung Nakrylach pisen (Auf den Flügeln der Lieder) – im habsburgischen Lwiw, denn in Kiew, unter der Herrschaft des russischen Zaren, waren ukrainische Publikationen verboten. Ihre von europäischen Zeitgenossen und antiken Klassikern beeinflussten Dramen betrachtete Lesja Ukrajinka als Herzstück ihres Werks. Um so enttäuschter musste sie feststellen, dass die Kritik nur ihre Poesie zu würdigen wusste. Ihre Theaterstücke wurden kaum aufgeführt, sie waren dem Publikum zu intellektuell und zu fremd. Sie war als Autorin respektiert und gefeiert, aber gleichzeitig unverstanden, zu ›exotisch‹ und ›progressiv‹. So erklärt sich das Paradox, das Lesja Ukrajinka sich einst selbst zuschrieb: vom Publikum verehrt, aber nicht gelesen.
Wichtigstes Motiv in Ukrajinkas Werk sind die Unterdrückung der Ukraine und die der Frau. Ihre Frauenfiguren erfahren Einsamkeit, Enttäuschung, sind aber immer auch Patriotinnen. Während sie ihre Inspiration in der Antike und Klassik fand, blieb ihr Anliegen also immer aktuell.

Die Feministin und die Patriotin

Sechs Jahre nach dem Tod ihrer großen Liebe, den weißrussischen Marxisten Serhiy Merzhynsky, heiratete die Dichterin ihren langjährigen Freund und Vertrauten, den Juristen und Musikdokumentator Klyment Kwitka. Viel aufsehenerregender war jedoch ihre Beziehung zur Autorin Olha Kobyljanska, mit der sie sich im Briefwechsel unter anderem über ihre gesellschaftliche Position als Frau und Autorin austauschte. Sowohl von der kulturell-ethnisch- sprachlichen Zugehörigkeit über ihren modernistischen Stil bis hin zur geschlechtsbedingten Alterität fanden sie sich in einer marginalen Position wieder. Ihre Freundschaft wurde indes zur lesbischen Liebe hochstilisiert. Die Literaturwissenschaftlerin Solomija Pawlytschko sieht darin eine bewusste Provokation seitens der Autorinnen. Ihre Analyse: Es handelt sich bei homoerotischen Anklängen in den Briefen um eine Attitüde, die dem frühen Modernismus aller Nationalliteraturen eigen war, jedoch außer in Paris mit seinem Bohemien-Milieu von einer breiteren Öffentlichkeit nicht akzeptiert wurde.

Gleichzeitig standen Ukrajinka und Koblyjanska als Vertreterinnen – übrigens die einzigen Vertreter in der damaligen ukrainischen Literatur – des Modernismus (Feminismus impliziert) im Widerspruch zur herrschenden Ideologie des Populismus (Patriarchat impliziert). Die nationale wurde von den Populisten der bäuerlich-folkloristischen Kultur gleichgesetzt. Diese war patriarchalisch geprägt und sehr konservativ. Sie verharrte in der Idee der unterdrückten Nation.

Wer also moderne Einflüsse, wie den Feminismus, oder eine Öffnung nach Europa vertrat, wurde als Verräter an der nationalen Kultur betrachtet. In den 1870er Jahren regten sich nach Lockerung der Gesetze zur Leibeigenschaft und zur Bildung von Frauen die Anfänge einer ukrainischen Frauenbewegung. Zwar gab es schon früher ukrainische Literatur, die von Frauen verfasst wurde, doch zeichnet sich in den 1880er Jahren die erste ukrainische Bewegung ab, in der ein Bewusstsein für spezifische Frauenproblematik vorhanden war. Symbolkraft besitzt in diesem Zusammenhang der 1887 erschienene erste rein weibliche Almanach Perschyj winok (Erster Kranz). Dennoch ordneten auch diese Aktivistinnen ihre Interessen generell denen der ukrainischen Nation unter. Ukrajinka und Kobyljanska jedoch scheuten keine Provokation. Für die beiden Autorinnen bedeutete ein Wirken gegen den Populismus keinen Anti-Nationalismus, auch wenn das die ukrainische Literaturkritik bis heute behauptet. Ihr Einsatz für die eigene Nation manifestiert sich z. B. in der bewussten Wahl der ukrainischen statt der deutschen oder russischen Sprache.

Tod : Einordnung und Würdigung

Als Lesja Ukrajinka am 1. August 1913 starb, hielt sie sich gerade zur Kur in Georgien auf. Ihre sterblichen Überreste wurden nach Kiew überführt. Während der Begräbnisfeier wurde Polizei eingesetzt, um die Menge der Trauernden vom Singen, von Ansprachen und anderen potentiell nationalistischen Bekundungen abzuhalten.

Noch heute wird Lesja Ukrajinka als ukrainische Patriotin und gleichzeitig als internationalste ukrainische Autorin gewürdigt. Die Autorin ziert die ukrainische 200-Hrywnja-Note. Zahlreiche Straßen, Plätze und Theater sind nach ihr benannt, Ukraijnka-Denkmäler pflastern die Nation wie die Diaspora. Der Imageberater Oleh Pokaltschuk gibt an, dass der traditionelle Stil der berühmten

Autorin Inspiration und Vorbild für Julia Timoschenkos berühmte Zopffrisur gewesen sei. Auch ihre Werke bleiben populär. Dabei geht ihre Bedeutung für die Moderne und den ukrainischen Feminismus oft unter.
Foto: Public Domain

| JUTTA LINDEKUGEL

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