Von Afrobeat bis Liebeslied

in Platte

Musik | Toms Plattencheck

Der aus Frankreich stammende wahlberliner Produzent David Letellier hat als Kangding Ray bereits diverse Alben bzw. EPs auf raster-noton veröffentlicht. Seine Musik könnte man als experimentellen Techno im weitesten Sinne beschreiben. Sie treibt einen aber weniger Richtung profane Entertainment-Spaßtempel der großstädtischen Nacht, als vielmehr in die sphärischen Weiten am Rande unserer Vorstellungskraft. Von TOM ASAM

Kangding Ray - Solens ArcDer Sound fördert die visuelle Phantasie und lässt den Hörer förmlich abheben. Sternennebel werden durchflogen, Lichtfetzen streifen die ewige Dunkelheit kurzzeitig. Die Schönheit großer Weiten wird spürbar; dass in unserer Vorstellung aber alles irgendwo endlich ist, wird durch die großen wie kleinen Spannungsbögen, den ganzen Aufbau des Albums, deutlich. Die zwölf Tracks sind in vier verschiedene »Arcs« verpackt. Jede Kurve, jeder Bogen, ist so schön wie endlich. Ausgang und Ziel sind weniger wichtig als der pure Moment der Ausdehnung. Um sich nicht in teilweise düsteren, dystopischen Weiten zu verlieren, ertönt immer wieder ein industriell anmutenden Backbone-Drone in Form der Bassdrum, der an den menschlichen Ausgangspunkt der (Phantasie) Reise erinnert. Exakt die Mitte zwischen betörend und verstörend.

Bryce Dessner - Carolyn by the SeaVor Kurzem an dieser Stelle noch als Querverweis zu Johann Johannssons Soundtrack Prisoners erwähnt taucht Jonny Greenwoods Beitrag zum Soundtrack There will be blood in Form einer sechsteiligen Suite erneut auf. Die Deutsche Grammophon veröffentlicht seine Musik zusammen mit Bryce Dessners St. Carolyn by the Sea. Die gemeinsame Klammer soll da wohl sein: Musiker aus dem populärmusikalischen Bereich (Radiohead bzw. The National) wagen sich in die Welt der Klassik. Zur Synthese von Rock und Klassik kommt es dabei (zum Glück) allerdings nicht wirklich. Dessner, der klassische Musik studiert hat und der klassisch ausgebildete Bratschist Greenwood beziehen sich in ihrer Umsetzung von Klassik vielmehr auf den Einfluss von Minimal Musik und Soundtrack-Ästhetik, was den orchestralen, (im Falle Dessners teils spätromantisch anmutenden) Stücken zu einer Form verhilft, die auch für Hörer außerhalb des überschaubaren Hörerkreises typischer Klassikfreunde, durchaus zugänglich ist. Und wenn Dessner sein Lieblingsinstrument Gitarre nutzt, klingt sie auf St. Carolyn eher glockenartig und fügt sich in den orchestralen Klangkosmos.

Prommer - ÜbermoodSeit 20 Jahren steht Christian Prommer in enger Verbindung mit Michael Reinboth und dessen CompostLabel, auf dem Prommer 1994 erstmals veröffentlichte. Unter anderem als Gründungsmitglied von Fauna Flash und dem Trüby Trio prägte er den Begriff »Future Jazz« (oder auch: »NuJazz«) mit. Auch im Jahre 2014 hat er noch seinen Spaß an der Fusion von elektronischer Musik und Jazz, was die 16 Stücke seines Soloalbums ÜberMood belegen. Locker flockig und gleichzeitig einigermaßen vertrackt kommen die daher. Von der an der Grenze von House zu Jazz dengelnden Hommage an Holzblasinstrumente (Reeds) Shanghai Nights über einen deepen Walzer mit dem überraschenden Titel Waltz bis zum Minimal-Liebeslied Beautiful oder dem astreinen Popsong Future Lights (mit Simon Jinadu von der Band The Beauty Room) und darüber hinaus reicht die Spannbreite dieses Soundtracks zum Aufbruch in wärmere Tage. Wie zielgenau und perfekt hier alles zusammenkommt, verwundert nicht weiter, wenn man weiß, dass dieser Herr auch als Produzent und Co-Autor für Größen wie Kruder und Dorfmeister oder DJ Hell erfolgreich tätig war.

LSD on CIA»Zurücklehnen, Entspannen. Und was sehen Sie, wenn Sie auf das Artwork schauen?« fragt der Promo-Waschzettel zu LSD on CIA (Bandname = Albumname). Also ich sehe nichts, was mich in irgendeiner Form dazu bringen würde, die Musik zu hören. Aber: Es hat sich durchaus gelohnt, genau das dennoch zu tun. Die Truppe aus Kopenhagen ist stilistisch nicht leicht zu verorten. Ihre zappeligen Tracks erinnern vor allem an die neunziger Jahre, als der Begriff Crossover zum Teil für eine Fusion von funky Gitarren, Rock und Spinnereien galt. Vieles was damals cool schien, scheint heute ziemlich unhörbar, LSD on CIA schaffen es aber, einem mit Freude mal wieder in die Untiefen der älteren Tonträger-Stapel tauchen zu lassen. Selbst wenn man hier an längst überstrapazierte Bands wie Muse, Chilli Peppers oder Placebo erinnert wird – was wiederholt vorkommt – ist man nicht gelangweilt, da LSD on CIA doch immer auch eine eigene Note bewahren und die Songs stets unerwartete Wendungen nehmen. Dumpster Diving etwa hat diesen gewissen Placebo– (oder doch eher: Blackmail-)Touch, bringt aber gleichzeitig noch eine Prise Wüstensand und einen Ausflug in Prog-/Artrock-Tage mit unter. Letzteres wird immer wieder durch extremen Falsett Gesang akzentuiert. Acid Mom klingt, als würden Queen »No sleep til Brooklyn« von den Beastie Boys spielen. Und um noch mehr Namedropping in dieses –auch dank Songtiteln wie Anal Sunshine – kurzweilige Scheibchen zu bringen: Es schwingt immer wieder eine vage Seelenverwandtschaft zu den famosen Kanadiern VOI VOD mit.

La Chiva Gantiva - VivoDie Formation La Chiva Gantiva stammt aus Brüssel. Dort trafen sich zunächst drei Studenten, allesamt Perkussionisten mit kolumbianischen Wurzeln. Auf der musikalischen Suche nach gemeinsamen Wurzeln stießen sie auf kolumbianische Rhythmen, wie etwa die Champeta oder die Chirimia, die sie auf traditionellen karibischen Instrumenten spielten. Weitere musikalische Mitstreiter (aus Belgien Frankreich und Vietnam) brachten zusätzliche Instrumente wie Bass, Klarinette und Saxofon mit ein – und weitere musikalische Ingredienzien wie Funkrock und Afrobeat. Auf ihrem zweiten Album Vivo ist eine ausgewogene, mitreißende Stilmischung zu hören, die unmittelbar in die Beine geht. Von Fela Kuti bis Rage against the Machine scheinen viele explosive Einflüsse spürbar. Auch Freunde von energiegeladenen Stiljongleuren wie Manu Chao oder Gogol Bordello sollten hier hellhörig werden – und nach Liveterminen in Europa Ausschau halten! Zunächst werden La Chiva Gantiva leider erst den Benin und Neuseeland mit ihrer Liveenergie beglücken.

| TOM ASAM

Titelangaben
kangding ray: solens arc – raster-noton
Bryce Dessner: St. Carolyn by the Sea / Johnny Greenwood: Suite from »There will be blood« – Deutsche Grammophon/ Universal Music
Christian Prommer: ÜberMood – Compost Black Label / Groove Attack
LSD on CIA: same – Noisolution / Indigo
La Chiva Gantiva: Vivo – Crammed Discs / Indigo / Pias

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