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Indie sein

Thema | Indiebookday 2014

Auch in diesem Jahr ist wieder Indiebookday – das TITEL kulturmagazin stellt einige gelungene unabhängig verlegte Bücher vor. Aber was ist eigentlich Indie? JAN FISCHER macht sich Gedanken. 

plakat_indiebookday_2014In dem Viertel, in dem ich wohne, gibt es zwei beliebte Ziele für die Farbbeutel der Gentrifizierungsgegner. Das eine ist ein vergleichsweise kleiner, gerade frisch hochgezogener Apartmentkomplex, für den ein älteres Gebäude abgerissen wurde. Das andere ist eine Filiale eines großen Biosupermarktes, dessen Problem es ist, eine Filiale zu sein.

Ich möchte gar nicht den Fehler begehen, die komplexen Verflechtungen von mehr oder weniger linkem Aktivismus und den mehr markt- und styleorientierten Begriff »Indie« in einen Topf zu werfen. Es geht um eine Veranschaulichung, um den Punkt: Es gibt Menschen dort draußen, die wären gerne alternativ zu irgendwas und unabhängig von irgendwas. Es geht um die Frage: Wie möchte ich leben? Was möchte ich konsumieren? Wie soll das aussehen, wie soll das entstanden sein? Wenn ich dies und jenes ablehne, was bleibt dann noch?

Wenn ich die Hauptstraße meines Viertels runtergehe, gibt es viele kleine Geschäfte: Ein Burgerladen, der nicht McDonald’s ist. Zwei, drei Gemüsestände. Mehrere Biobäcker. Gebrauchtelektroschrottläden. Ein Café, das die Bedeutung des Wortes »Hipster« ironisch überhöht. Ein Bücherantiquariat, das alles hat, außer Aktuellem. Ein Comic-DVD-und Videospielladen, dessen Auswahl immer eigenartig ist, aber auch immer gut. Was es nicht gibt (mit Ausnahme des Biosupermarktes, aber den hatten wir ja schon), sind Filialen. Teile von größeren Ketten. »Der Begriff Indie-Verlag bezieht sich auf die ökonomische Ebene und auf eine Ästhetik, die das Streben der großen Verlage nach Massenerfolgen und Umsatzmaximierung ablehnt.«, schreibt Wikipedia.

Ästhetik, kein Geld. Das bedeutet auch einen bestimmten Lebensstil – den Willen, etwas anderes, aus einer bestimmten Perspektive auch besseres zu haben. Tatsächlich ist Indie ein Zauberwort, das genau dorthin stößt. Es geht gar nicht so sehr um das Produkt – sei es Musik, seien es Bücher oder digitale Spiele. Indie ist ein Stempel für künstlerische Street Credibility, und bei einem richtigen Indie transportieren das alle Beteiligten – von Künstler bis zum Abnehmer (oft hat das was mit Bärten zu tun). Ein wunderbares Beispiel für die Lifestylisierung des Begriffes Indie ist Indie-Game. The Movie, in dem sämtliche Protagonisten sich bemühen, ein ganz bestimmtes Künstlerbild von sich rüberzubringen. Ein wunderbares Beispiel für Labelisierung des Begriffes Indie ist die Musik – Indie wird einfach überall draufgeklebt, was nicht Charts ist oder ein bisschen eigenartig klingt, egal, wo und wie die Musik entstanden ist.

Tatsächlich hat aber ganz speziell die Literatur ein großes Indie-Problem. Wenn ich ein Indie-Game entwickele, habe ich es relativ einfach, das auch nach draußen in die Welt zu bringen. Es gibt eine Armada von Plattformen, auf denen ich es unterbringen kann, es gibt eine Menge kleinerer Blogs, die es besprechen könnten, vor allem aber ist es relativ günstig, digitale Daten irgendwo zum Download bereitzustellen. Mit der Musik ist es ähnlich: MP3s sind leicht bereitzustellen, schnell an Leute zu bringen, die sie haben wollen. Und owbohl es tolle unabhängige eBook-Verlage dort draußen gibt und ein paar Plattformen, die diese auch vertreiben, haben Bücher (noch) das Problem, dass die meisten Leser den physikalischen Datenträger bevorzugen – und ein Buch zu drucken ist teuer. Es in die Läden zu bringen noch teurer. Es zu verteilen auch.

Das Verlagshaus J. Frank schreibt: »Die vielen kleinen unabhängigen Verlage in Deutschland leisten Pionierarbeit. Sie entdecken und fördern junge Talente, setzen Themen und Trends und tragen wesentlich dazu bei das literarische und kulturelle Leben in Deutschland zu prägen.« Das ist sicherlich richtig. Der geschätzte Kollege Martin Spieß ergänzt bei der Huffington Post: »Noch bedeutet, bei einem Kleinst- oder Indie-Verlag zu veröffentlichen, dass man nicht wahrgenommen wird und folglich nicht zur deutschen Gegenwartsliteratur gezählt wird. Denn natürlich ist Literatur nur das, was im Fokus der Öffentlichkeit stattfindet.«

Indie ist ein brüchiges Label – in der Musik ist es kaum mehr als eine hohle Phrase, die eher eine Zielgruppe oder ein Genre kennzeichnet als Produktionsbedingungen oder irgendeine Art von künstlerischer Integrität. Was genau Indie-Games sind, ist Gegenstand heißer Debatten unter Leuten, denen das wichtig ist. Die deutschen Indie-Verlage haben (noch) keines dieser Probleme: Das mag an verkrusteten Vertriebs- und Verlagsstrukturen liegen, die es relativ einfach machen, »die da oben« zu identifizieren. Das mag an dem Problem liegen, die Bücher überhaupt erst mal an die Leute zu kriegen. Das mag daran liegen, dass meistens nur die großen besprochen werden, und eine Bloggerszene, die sich mit Indie-Literatur befasst in Deutschland nur ansatzweise existiert. So oder so: Die Indiebuchkultur steht in Deutschland noch ganz am Anfang.

Es gibt sie, die kleinen, geilen Verlage. Es gibt sie, die Perlen. Sie kennt nur kaum jemand. Deshalb lohnt es sich, am 22.März einen Blick zu werfen. In die Buchläden. In die Blogs, mit etwas Glück auch in die Feuilletons. Vielleicht lohnt sich der zweite Indiebookday in dieser Hinsicht – ganz sicher aber lohnt sich #indiebookday im Sozialen Netzwerk der Wahl.

| JAN FISCHER

Reinschauen

Mehr Infos zum Indiebookday2014 gibts auf indiebookday.de

Zum Weiterlesen:

Mairisch-Blog

Blog von Stefan Mesch

Blog von Gesine von Prittwitz

ocelot, Buchhandlung Berlin

Blog We read Indie

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