Phönix aus der Asche

in Debüt/Roman

Roman | Franka Potente: Allmählich wird es Tag

Lola schreibt – oder? Das experimentelle Spiel der drei Runden in Tom Tykwers Kultfilm von 1998 ist in Franka Potentes Romandebüt Allmählich wird es Tag der Frage gewichen, was wäre, wenn…? Denn ihr Held Tim Wilkins hat sich verrannt, sein Leben steckt in der Sackgasse. Und trotzdem ist er für Veränderungen nicht zu haben. Kann nicht aus seiner Haut. Weshalb sollte er auch? Ist er doch kein schlechter Kerl. Die Geschichte einer Abwärtsspirale hat HUBERT HOLZMANN gelesen.
Franka Potente Allmählich wird es TagDass Franka Potente, Jahrgang 1974, seit einiger Zeit auch zu Stift und Papier greift, nach Kinoerfolgen wie Lola rennt (1998), Die Bourne Identität (2002) und Elementarteilchen (2006), mag auf den ersten Blick verstören, fordert jedoch zugleich zur Lektüre heraus. Dass hierbei die Kinobrille nicht ganz abzustreifen ist – vielleicht gar zurecht aufbehalten wird – wird bereits auf den ersten Seiten von Potentes Allmählich wird es Tag bestätigt.

Ihre Art zu erzählen scheint von Hollywood bestimmt. Am Beginn ihres Romans hält die Kamera auf die Totale, gleitet über eine Kulisse, die in jedem Western aufgebaut sein könnte: »leichter Wind«, »Morgensonne«, »tiefblauer Himmel«, »roter Staub aus der Sierra Nevada«. Sogar auf einen ersten Arbeitstitel scheint in diesen ersten Zeilen angespielt zu werden, »Zeit der Aufruhr«. Da haben wir den Schlamassel: Es muss etwas geschehen sein. Sonst gäbe es ja gar keinen Grund für dieses Buch. Jetzt fehlt nur noch die passende Kulisse: die staubige Straße, Häuserfronten mit Veranda, die Bar und dann der Held. Die Colts schwankend im hüftbetonten Gang heimwärts, das Pferd an seiner Seite. Das Ende eines ereignisreichen Tages. Und was folgt in Wirklichkeit bei Franka Potente?

Der Held ist gefällt

Mit der Kamera zoomt sie von der Totalen auf einen kleinen Garten, sie zeigt farbenfrohe Details, Blumen, Zitronenbäume, den korrekt geschnittenen Rasen – Requisiten einer heilen, perfekt gestylten Welt. In dieses Farbenspiel mischt Potente jedoch gleich etwas Graues: »Ascheflocken waren vom Pool herübergeweht… Es roch verbrannt.« Ein Bruch im stimmigen Gemälde, eine synästhetische Ambivalenz, unerwartete Spannung? Es muss tatsächlich etwas Außergewöhnliches passiert sein. Und richtig: Da liegt ja unser Held, in seinem Garten, ausgestreckt, »wie ein gefällter Baum«. Da ist es also doch, das Western-Klischee. Denn so ohne Weiteres wirft es den Zweimetermann Tim Wilkins nicht aus der Bahn.

Mit diesem kurzen Intro mit kurzem Blick in Szenerie, auf den Protagonisten und seine Geschichte scheint eigentlich alles klar zu sein. Für den Helden Tim Wilkins ist der Punkt erreicht, an dem sein Leben gelaufen scheint. Hier muss nichts analysiert werden, daran gibt es nichts mehr zu rütteln. Also Filmschnitt. Cut. – Fangen wir also noch einmal an. Denn auf diesen ersten zwei Seiten hat Potente das Ende ihrer Geschichte bereits vorweggenommen. Und nun kann sie Schritt für Schritt das Vergangene nachholen. Sie kann erzählen, was passiert ist, was der Held erlebt hat, woran er sich erinnert. Alles das also, was der Leser benötigt, um die Figur zu verstehen. Allmählich kann es also dämmern… Und der Roman setzt zum zweiten Mal an: »Vier Wochen zuvor« ist die erklärende Regie- bzw. Leseanweisung.

Ein zweiter Anlauf

Und hier beginnt nun eine eigentlich so tragische wie belanglose Story: Ein Durchschnittstyp, 49 Jahre, Familienvater, Bänker, verliert erst seinen Job, dann seine Frau, seine Familie. Es ist die typische Art, wie man als Mann konsequent alles im Leben »verkacken« kann. Man vergrault Freunde, da genügt ein eigentlich harmloses Missverständnis, miteinander zu reden, kommt da gar nicht infrage.

Man suhlt sich im Mitleid, steigert seine Eifersucht und rastet aus, schlägt sich mit dem besten Freund, knallt kurzerhand der Frau eine. Und wundert sich, dass die heile Welt zerbricht. Zuletzt steht man alleine da, von allen verlassen. Auch ohne Arbeit. Damit geht es bergab. Lebt von Junkfood und Bier, macht sich an eine Nachbarin ran und entwickelt sich immer mehr zum unangenehmen, selbstgerechten Typen. Da natürlich auch die übliche Putzarbeit ausbleibt, wird der Held immer mehr und mehr zum Messie.

Eine typische Filmstory? Nach dem Motto: Seht her, so schnell kann es gehen. Erst noch ganz oben und schon liegt man am Boden. Und wie das so ist mit Hollywood-Streifen, geht das Leben trotz allem weiter und alles kommt nach einer etwas turbulent verlaufenden Story schließlich doch zum Happy-End. Und auch Franka Potente glaubt an das Gute im Menschen. Wenn man nur will, kommt alles wieder in die richtige Bahn. Geht in Kalifornien auch irgendwie nicht anders. Oder?

Eine Rundreise durch die Staaten

Was sich bis jetzt noch als eine etwas oberflächliche Story anhört, wird natürlich auf den weiteren fast 300 Seiten etwas genauer beleuchtet. Tim Wilkins hat eine schreckliche Kindheit zu verarbeiten, bemüht sich daher eigentlich recht redlich um die Seinen. Halt nicht immer ganz so geschickt. Unter dieser Spannung ist ein Bruch (Ausbruch, Zusammenbruch, Ausrasten) irgendwann vorgezeichnet. Und ebenfalls der Punkt, nach einiger Zeit des Durchhängens, der Blockade, des Ausprobierens, an dem wieder aufgeräumt wird: erst das Haus, die Küche, der Garten, das eigene Leben. Und dass am Schluss sogar der eigene Sohn, der sich vom Vater absolut distanziert hatte, wieder ein wenig stolz auf den Alten blickt, lässt fast etwas zufrieden das Buch zurück in den Bücherschrank stellen. Fast jedenfalls.

Franka Potente erzählt die Geschichte von Tim Wilkins recht flott und vergnüglich: Sie setzt den recht groß gewachsenen Mann in eine »Puppenküche«: »Er war es gewohnt, zu Hause zu stehen. Die meisten Möbel waren zu klein für ihn.« Eine sehr symbolische, wenn auch oberflächliche Ambivalenz, die sich natürlich nicht verträgt. Ebenfalls in die Richtung gehen die Farbspiele zu Beginn, die durch das Grau kontrastiert, den guten Kern von Wilkins erkennen, der noch durch Tristesse, Depression und Unglück überlagert ist. Also die Wiederkehr des groß angelegten melodramatischen Genres? Durchaus.

Jedoch werden noch viele weitere Sujets bedient: etwa das Road-Movie, als Wilkins mit einer Kleinen mit den Sommersprossen, die seine Tochter sein könnte und die er beim Tanzen aufgegabelt hat, »landeinwärts« kachelt. »Blitz und Donner ließen die Landschaft unwirklich und fremd erscheinen. Wohin führte sie ihn?« Alles bleibt wirklich etwas unwirklich, bedrückend, vor allem der durchaus hormonelle Blitzeinschlag beim alten Wilkins. Eine inszenierte Männerfantasie?

Ein anderes Thema schlägt sie an, als Wilkins zurück in die Heimat seiner Kindheit fliegt, irgendwo in den Mittleren Westen. Hier komplettiert Franka Potentes ihr Amerikabild, sie kennt auch die düsteren Seiten ihres Amerikas, sie zeigt nicht unkritisch auf soziale Depression, die in der Provinz herrscht, um dann doch ganz schnell wieder ins Kammerspiel zu flüchten, wo sie Tim mit seinem alten Studienfreund Larry diskutieren und um die Wette trinken lässt und eine Art Abschiedsparty inszeniert.

Dabei ist ihre Personenführung immer geschickt gewählt. Mit den Erinnerungen an den früheren Nachbarn Peter wird das Ehedrama aufgerollt. Die neue Nachbarin Aida hingegen erfüllt ihm manch ungelebten Traum, zeigt seine ungebremste Kraft, ungeheure Männlichkeit und Energie. Und Larry, ein Freund aus alten Tagen, wird Auslöser für ein Umdenken. Alle Personen haben also irgendwie eine Funktion. Sie gibt es nicht zufällig.

Auch mit der Umgebung verhält es sich so. Sie ist nicht irgendein zufällig gewählter Hintergrund. Nein, die Hintergrundszenerie ist immer auch Kulisse für Tims Erfahrung, für seine Situation, in der er steckt: der kleine Lebensmittelladen, das Einkaufszentrum mit dem Gitarrenstore, der Campingplatz. Sie sind prinzipiell austauschbar und charakterisieren doch in gewisser Weise seinen inneren Zustand. Stehen für Revolte, Ausbruch, Freiheit und seinen Absturz.

Franka Potente zeigt in ihrem Romandebüt alles aus der amerikanischen Traumfabrik: Es gibt die Straße, die Rockmusik, Werte der Familie, die Provinz. Daneben Burger, Bacon und ein Buick. Ihr Fazit auf die Frage, was Mann braucht, ist ganz einfach. Von allem alles. Sogar der Männerschweinkram – voyeuristische Einblicke ins Schlafzimmer der Nachbarin, der Fick mit einer Latinobraut – darf nicht fehlen. Potente geht in die Totale. Und das eigentlich völlig perfekt, die Pointe an den richtigen Stellen gesetzt, unterhaltsam, mit Happy End – und doch merkwürdig glatt. Zu viel auf einmal! – meint der Rezensent.

| Hubert Holzmann

Titelangaben:
Franka Potente: Allmählich wird es Tag
München: Piper 2014
304 Seiten. 19,99 Euro

Leseprobe

Reinschauen:
Franka Potente in TITEL-Kulturmagazin

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