Spaziergang über den Salon

in Comic

Comic | Internationaler Comic Salon Erlangen 2014

 
Niemand kann auf dem Comic Salon alle Leute treffen, mit denen er sich gern mal wieder unterhalten würde, niemand innerhalb von vier Tagen alle Veranstaltungsorte besuchen oder an allen Programmpunkten teilnehmen, die ihn interessieren. Trotzdem könnte man ohne Mühe ein gutes Dutzend Artikel schreiben über das, was man an Bemerkenswertem und Kuriosem erlebt hat. Abseits der zentralen Pflichttermine wie der Elefantenrunde der Verlage und der Verleihung der Max-und-Moritz- und der ICOM-Preise hat ANDREAS ALT Seitenblicke auf das Festival geworfen, die etwas von seiner Vielfalt einfangen.
 
comicsalon2014_klZu den Stargästen zählte neben Jacques Tardi, Èmile Bravo, Joe Sacco oder Ralf König auch der amerikanische Inker Klaus Janson. Er stammt aus Coburg und wanderte 1957 im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach New York aus. Einen deutschen Satz ließ er sich in seinem Gespräch mit Lutz Göllner nicht entlocken. Mit dem Comic Salon wurde er offenbar auch nur allmählich warm, denn die Fragen nach den wichtigsten Serien, an denen er mitarbeitete, beantwortete er ebenso routiniert wie oberflächlich. Als es um sein Handwerk, die Kunst des Inkens, ging, begann er aufzutauen.
 
In kritischen Leserbrief- und Internetkommentaren lese er häufig nur, wie die Zeichnungen aussehen, und das ärgere ihn. Es gehe vor allem darum, was die Zeichnungen bewirken. Gute Zeichner sind für ihn zugleich Storyerzähler auf einer nonverbalen Ebene, und gute Inker fügen den Zeichnungen da etwas hinzu, wo der Zeichner vielleicht Schwächen hat. Das werde von vielen Lesern missachtet. Bei den großen US-Verlagen Marvel und DC sei den Zeichnern darüber hinaus das Erzählen abgewöhnt worden, und die Inker seien nur noch dazu da, die Linien nachzuziehen. Aber bei den Independent-Verlagen ist in den Augen von Janson heute mehr künstlerische Freiheit zu finden denn je.
 
Gewaltdarstellungen sollten kein Selbstzweck sein
 
Auf die Frage eines Zuhörers, was er von der Serie ›Sin City‹ von Frank Miller hält, sagte er, er schätze das Übermaß von Gewalt nicht, wenn sie nicht der Story diene. Er wolle keine staatliche Zensur, aber mit den Jahren sei er zu der Überzeugung gelangt, dass Künstler selbst dafür Verantwortung tragen, was sie zeigen. Auf Jansons Rückfrage, wie ihm die Serie gefalle, sagte der Zuhörer, sie habe ihn angeregt, Comics zu zeichnen. »Ah, gut«, entgegnete Janson, »das ist das Beste, was man erhoffen kann.«
 
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Auf dem Comic Salon läuft man überall Leuten über den Weg, die man aus der Comicszene kennt. Manchmal ergeben sich peinliche Situationen, weil man dem Gesicht nicht gleich einen Namen zuordnen kann, was wiederum mitunter einfach daran liegt, dass die letzte Begegnung schon ein paar Jahre zurückliegt. Auf der Toilette traf ich David Boller. Ihn vergesse ich gewiss so schnell nicht, denn er hat es vor gut 20 Jahren geschafft, für ein Stipendium an der Joe Kubert School (einer Comiczeichner-Akademie) nach USA zu reisen. Schnell gelang ihm der Sprung zu Marvel und arbeitete dort viele Jahre lang an teils namhaften Serien. Diese bemerkenswerte Geschichte hat er inzwischen in dem Band ›Ewiger Himmel‹ grafisch verarbeitet. Beim Händewaschen sagte ich ihm, dass ich diesen Comicband noch bei ihm erwerben wolle.
 
Wenige Minuten später tauchte ich an seinem Stand auf. Während David begann, mein Exemplar mit einer Signatur zu versehen, fragte mich eine Mitarbeiterin nach meinen Wünschen. »Wir haben alles schon besprochen«, antwortete ich und deutete launig auf David, »Sie wissen ja, wie das ist, wenn Männer zusammen auf die Toilette gehen.« Sie runzelte die Stirn: »Ich dachte immer, das würde sich auf Frauen beziehen…«
 
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›Wozu Verlage?‹ lautete der Titel einer Podiumsdiskussion über die Alternative, Comics bei einem Verlag zu veröffentlichen oder als sein eigener Verleger oder in Form von Webcomics selbst zu vermarkten. Richtige Self-Publisher saßen nicht auf dem Podium: Verena Klinke, die an der bei Cross Cult erschienen Serie ›Steam Noir‹ beteiligt ist, plant jetzt, ein Projekt im Internet zu entwickeln. Ulli Lust begann als Comic-Bloggerin und ging dann zu einem Verlag. Im Publikum saß Daniel Lieske, der mit ›The Wormworld Saga‹ im Internet Erfolg hat. Alles in allem ergab sich das Bild, dass ein Comiczeichner mit einem Verlag noch immer besser fährt. »Wenn man Geld verdienen will, braucht man eine Auflage von wenigstens 5000 Exemplaren und muss sie in einem Jahr verkaufen«, erläuterte Zwerchfell-Verleger Stefan Dinter. Übernimmt das der Comicmacher selbst, wird er kaum noch zum Zeichnen kommen. »Außerdem hassen Comichändler und Vertriebe die Self-Publisher, weil sie ihnen nichts als Arbeit machen«, fuhr er fort. Denn bei ihnen könnten sie nur einen Titel ordern und nicht ein Sortiment. Doch sollte sich der Titel als gut verkäuflich erweisen, sei es schwierig, vom Self-Publisher schnell Nachschub zu bekommen.
 
»Ich weiß nicht, ob Crowdfunding langfristig funktioniert«
 
Lieske arbeitet nach eigener Aussage daran, ein tragfähiges Crowdfunding-Konzept zu erarbeiten. ›Wormworld‹ sei zwar erfolgreich, aber »kein Bestseller«. Bei einem Verlag müsste er für den Massenmarkt arbeiten, sagte er. Im Internet könne er eine kleine Fangemeinde bedienen. »Aber ich weiß noch nicht, ob das per Crowdfunding langfristig funktioniert«, räumte er ein.
 
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Um das Verhältnis des Künstlers zum Verlag ging es auch bei der Vorstellung des ersten ›Drei Fragezeichen Kids‹-Comicbuchs von Kim Schmidt. Eingeladen hatte die Illustratoren Organisation (IO), die eine berufsständische Interessenvertretung werden will. Stefanie Wegner berichtete, wie sie beim Stuttgarter Kosmos Verlag in die Illustratorenarbeit hineinrutschte, aber im Lauf ihrer Zusammenarbeit zwischen 1998 und 2006 nie eine Umsatzbeteiligung an der immens erfolgreichen Buchreihe durchsetzen konnte.
 
Wie deutlich wurde, geht bei Kinderbuchverlagen offenbar die Angst um, schon bald der digitalen Revolution zum Opfer zu fallen. Das äußert sich laut Schmidt vor allem in vielfältigen Änderungswünschen an Buchcovern. In den Verlagskonferenzen hätten die Vertreter, die die Lage im Buchhandel am besten kennen, inzwischen große Mitspracherechte. Deshalb müssten Cover nicht selten mehrmals geändert werden – ohne dass dem Zeichner die Mehrarbeit honoriert werde.
 
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Eine fundierte Einführung in die amerikanische Comicserie ›Pogo‹ gab die Ausstellung ›Ein Opossum schreibt Geschichte. Walt Kellys legendärer Comic-Strip‹ von Carsten Laqua. Die Serie, die in USA einen bedeutenden Ruf genießt und als Comic Book, vor allem aber von 1948 bis zu seinem Tod 1973 als tägliche Zeitungsserie erschien, ist in Deutschland relativ unbekannt. Es gibt laut Laqua, einem auf Comics spezialisierten Galeristen, wenige und nicht besonders gute Übertragungen ins Deutsche, weil Kelly die amerikanische Politik aufs Korn nahm und seine Figuren in einem Kauderwelsch aus Südstaatenslang, Französisch, Ostküstensprache und Nonsensworten reden ließ, das sich kaum übersetzen lässt.
 
Walt Kelly konnte es sich leisten anzuecken: Er war finanziell unabhängig
 
Kelly, ursprünglich Trickfilmzeichner bei Disney, wollte »mit dem, was ihm Spaß macht, Geld verdienen«, so Laqua, und arbeitete dafür sehr hart. Wenn auch unterstützt von Assistenten, lieferte er täglich einen wirklich lustigen und akkurat ausgearbeiteten Strip sowie Woche für Woche einen umfangreichen Sonntagsstrip, der so angelegt war, dass er für Zeitungen in kleinerem Format ohne Mühe ummontiert werden konnte. Kelly zählt für Jeff Smith und Bill Watterson zu ihren erklärten großen Vorbildern. Wie Laqua sagte, eckte Kelly mit seinen linksliberalen Ansichten nicht selten bei den konservativen Zeitungen, die seinen Strip druckten, an. Weil er finanziell unabhängig war, musste er bei seinem Humor keine Kompromisse eingehen. Die Sonntagsstrips waren aber in der Regel »politikfrei«.
 
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Auch nach 30 Jahren Comic Salon und viel Promotion für das »Medium der bunten Bilder« befinden sich Comics hierzulande noch nicht auf einer Stufe mit den allgemein anerkannten Künsten. Abzulesen ist das daran, dass die deutsche Comickritik nicht souverän ist. Würde zum Beispiel ein etablierter Literaturkritiker überhaupt darüber diskutieren, was eine gute Rezension ausmacht oder ob er unabhängig von Einflussnahmeversuchen der Verlage ist?
 
Zeitungen wollen mit Comicthemen jüngere Leser ansprechen
 
Den Comickritikern geht Souveränität schon deshalb ab, weil sie in aller Regel von dieser Arbeit nicht leben können. Zeitungen beginnen zwar, sich Comics zu öffnen, wie der landespolitische Redakteur des ›Tagesspiegel‹, Lars von Törne, sagte, der zugleich eine regelmäßige Comicseite betreut. Sie meinen, auf diese Weise jüngere Leser ansprechen zu können, die sonst der gedruckten Presse zunehmend den Rücken kehren. Das ändert aber nichts daran, wie bei der Podiumsdiskussion ›Die deutsche Comic-Kritik‹ deutlich wurde, dass Comics in den Feuilletons erst dann berücksichtigt werden, wenn Musik, Theater, Literatur und Kino bedient wurden und dann immer noch eine Ecke Platz übrig ist.
 
Kritiker müssen sich aber auch an die eigene Nase fassen. Weil Comics ein so entlegenes Gebiet der Kultur darstellen, kommen Rezensenten oft aus der Szene und pflegen enge Kontakte zu Comicmachern und -verkäufern. ›Spiegel‹-Mitarbeiter Stefan Pannor berichtete, dass er nach Verrissen häufig Anrufe von den Verlagen erhalte mit dem Tenor: »Was soll das, unseren Band zu verreißen? Wir sind doch alle eine große Familie.«
 
Erschwerend kommt hinzu, dass an einen Comickritiker eigentlich enorm hohe Anforderungen gestellt werden müssten. Allzu oft erschöpft sich eine Comickritik darin, dass der Inhalt eines Comics referiert wird. ICOM-Vorsitzender Burkhard Ihme erinnerte an einen bereits 1988 erschienenen Essay von Karlheinz Borchert: ›Vom Besteigen der Zugspitze in Turnschuhen‹. Darin wies er darauf hin, dass ein Comickritiker etwas von Bildender Kunst, von Literatur, von Dramaturgie, von Kino und vielem mehr verstehen müsse, um einen Comic angemessen würdigen zu können. Törne formulierte den hohen Anspruch: »Ich will aus einer Comickritik mehr lernen als aus dem Comic selbst.«
 
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