Die brasilianische Eröffnung

in Brasilien 2014/Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Mirian Goldenberg: Untreu

Gender-Forschung ohne Konfrontationskurs? Starker Tobak. Mirian Goldenberg versteht sich als Anthropologin, sie führt umfangreiche Forschungsvorhaben durch und beschäftigt sich in ihren zahlreichen Publikationen durchgängig mit dem Verhalten brasilianischer Mittelschichten, was Liebe, Begehren, Ehe, Familie und Treue betrifft. Legen wir das ungelesen beiseite ins Regal für Spießbürger? Mal halblang, meint WOLF SENFF.

Mirian Goldenberg: UntreuEin Freund in meinem Bekanntenkreis hatte fünfzehn Jahre lang eine intensive und glückliche Beziehung mit einer Brasilianerin, er lebte stets ein halbes oder ein dreiviertel Jahr mit ihr in Recife oder in Rio de Janeiro, einmal war sie ein halbes Jahr bei ihm in Hamburg, und er genoss auch die Monate, die er allein in Deutschland verbrachte, er hat erwachsene Kinder. So etwas klappt, ohne dass man über Reichtümer verfügen müsste.

Normal ist das brisant

Brasilien ist interessant. Brasilien ist anders. Wer das Land kennt, ist eher der Ansicht, wir hier in Deutschland sollten uns einwickeln lassen (sofern das nicht schon längst geschah, ohne dass es irgendwen aufgeregt hätte, NSA lässt grüßen) und ab mit dem hübschen Paket, ein für alle Mal ab damit ins Regal für Spießbürger. Gut. Nett. Okay. Das wirft uns zurück auf Mirian Goldenbergs ›Untreu‹.

Ihr Untersuchungsbereich ist Genderforschung, normal ist das ein brisantes Thema. In Deutschland existieren universitäre Fachbereiche, in denen, überall gibt’s was zu tun, akribische Sprachingenieure unseren Umgangston geschlechtermäßiger Aufsicht und Kontrolle unterziehen. Die Damen und Herren Oberlehrer verordnen geschlechtsneutrale Suffixe, ein Neusprech, das von der einen oder anderen Universität allen Ernstes praktiziert wird; man trägt damit in schöner Regelmäßigkeit zum Amüsement der Öffentlichkeit bei und stellt letztlich der wissenschaftlichen Arbeit ein Armutszeugnis aus.

Ein empirischer Ansatz

Mirian Goldenberg untersucht speziell das Geschlechterverhältnis in der brasilianischen Gesellschaft, ihr tragendes Thema ist Untreue. »Ich habe qualitative Interviews durchgeführt, Tausende von Fragebögen ausgewertet, Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften, Filme, Romane, Telenovelas und unzählige Bücher zum Thema analysiert […] und frage mich nach so vielen Forschungsjahren, warum die Untreue weiterhin eines der Hauptprobleme, wenn nicht das Hauptproblem einer Ehe ist«.

Dieser empirische Ansatz nimmt jene hektische Spannung heraus, die in der deutschen Debatte noch jedes diesbezügliche Gespräch vergiftet und »Feminismus« mittlerweile zum Unwort des Jahrhunderts qualifiziert. In ›Untreue‹ werden weder Schützengräben aufgeworfen noch überhaupt Fronten gezogen. Niemand lamentiert, niemand erhebt Vorwürfe, niemand klagt Schuld ein, Mirian Goldenberg geht von den Fakten aus.

Demografische Sachzwänge

Maßgeblich ist die Tatsache, dass das Alleinleben, für Frauen aus der ersten Welt eine begehrte Lebensform, in Brasilien hingegen als »eine weibliche Niederlage, vielleicht die schlimmste von allen« gilt, es ist »Zeichen des Scheiterns«. Hinzu kommt, dass höhere Männersterblichkeit im Alter in einen deutlichen Frauenüberschuss mündet, was Konsequenzen für alle Altersgruppen hat.

Nüchtern betrachtet, sieht Mirian Goldenberg einen »demografischen Druck«, aufgrund dessen sich »die wenigen verfügbaren Männer zwischen der übermäßigen Zahl an Frauen, die einen affektiv-sexuellen Partner suchen, aufteilen«. Von den 60- bis 64-jährigen sind 16 Prozent der Männer alleinstehend, aber 47 Prozent der Frauen; von den 65- bis 69-jährigen sind es 19 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen.

Untreue plagt ewig

Und tschüss? Das wär’s dann? Statistik hat’s erklärt? Brasilien ist anders? Nein, so simpel tun wir das nicht ab. Es geht um Untreue, Untreue in jedem Lebensalter, und Untreue ist auch in den Ländern Europas ein wichtiges Thema. Die detailliert gesammelten Fallbeispiele zeigen, in welch’ faszinierender Vielfalt sich dieses Thema und die Versuche, damit umzugehen, im Alltag Brasiliens darstellen.

Da »kann niemand normal sein in einer Szenerie voller extremer Konzepte und Prinzipien«, und jenseits aller Demographie und Statistik sieht Goldenberg einen unveränderten Trend zu mehr Gleichberechtigung und zu größerer Flexibilität, die lebenslange Kleinfamilie existiere real nicht mehr. Stattdessen würden die individuellen Freiräume in einer Beziehung bewahrt und respektiert. Und völlig egal, die Untreue, Thema des Buches, bleibt zentrales Problem jeder Beziehung, es gibt wechselnde Partnerschaften, gibt etablierte Dreiecksbeziehungen, alles außerordentlich lebendig, nicht immer stressfrei.

Es fehlt die Hysterie

Was dem hiesigen Leser vor allem auffällt, ist die entspannende Selbstverständlichkeit, mit der Abläufe beschrieben werden, die an die Grundfesten unserer Individualität rühren. Die Darstellung ist weit gefächert, souverän. Mirian Goldenberg arbeitet quasi nebenher ihre jugendliche Simone-de-Beauvoir-Lektüre auf. Ganz im Gegensatz führen wir hier vergiftete Auseinandersetzungen, der so wichtige Diskurs ist gegen die Wand gefahren.

›Untreue‹ ist ein schönes Buch zur Genderthematik, weil es keine Normen setzt, weil es uns nichts vorschreibt, weil ihm die Hysterie fehlt, die Aufgeregtheit. Das Thema neuer Mann bzw. das Phänomen der Metrosexuellen wird einfach nur niedrig gehängt. Irgendwann gibt es auf den letzten Seiten ein, zwei Sätze dazu, und reichlich heiße Luft entweicht.

Das Geschäft mit Penisvergrößerungen

Ernsthafter ist der Hinweis auf den ›Adoniskomplex‹ sowie mit Pierre Bourdieu auf die Beobachtung, derzufolge reife Männer sich tendenziell unter den paradoxen Zwang setzen, einer infantilen Männlichkeitsvorstellung zu entsprechen.

Als Stichworte nennt Mirian Goldenberg Fitnessstudio, Nahrungsmittelergänzung, Anabolika und erwähnt das einträgliche Geschäft mit Penisvergrößerungen. Sie merkt an, »dass die schrecklichen Anforderungen, einem bestimmten Gendermodell zu entsprechen, nicht nur die Frauen versklaven, sondern auch die Männer«.

Schlaflose Nächte

›Untreue‹ ist eine abwechslungsreiche Bestandsaufnahme. Die je verschiedenen Blickwinkel der Beteiligten – Ehefrau, Ehemann, die ›Andere‹ – werden unvoreingenommen und lebensnah, ja einfühlsam wiedergegeben. Gut, ein strategisch gestählter Europäer nebst Europäerin schaltet bei Genderthematik unverzüglich auf verbale Kriegführung, auf Angriff. Dagegen ist kein Kraut gewachsen.

Dennoch – diese Annäherung á la Mirian Goldenberg ist eine neue Erfahrung, eine quasi brasilianische Eröffnung, sie bringt uns eine komplizierte, vielschichtige Thematik behutsam nahe. Nein, sie gibt keine ›Lebenshilfe‹, keinen Rat. Untreue tritt eher als eine anthropologische Kategorie auf, sie ist jedenfalls »weit davon entfernt, ein individuelles Versagen zu sein«. Untreue dürfte uns alle schon geplagt und uns manch schlaflose Nacht bereitet haben, sie bietet einen unverdächtigen Zugang zu dem uralten Thema.

Und außerdem – sie ist eine Entdeckung, sie schreibt pfiffige Kolumnen für ZEIT online zur Fußball-WM. Wenn das nichts ist. Wer gern auch ein Buch liest, sollte sich ›Untreu‹ auf seine To-do-Liste setzen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Mirian Goldenberg: Untreu. Beobachtungen einer Anthropologin
(Infiel. Notas de uma anthropologa, 2006)
Aus dem Portugiesischen von Mechthild Blumberg
Konstanz und München: UVK 2014
272 Seiten. 24,99 Euro

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