Paranoia mit Stil

in Comic

Comic | Thierry Smolderen, Alexandre Clérisse: Das Imperium des Atoms

Thierry Smolderen (Autor von ›Ghost Money‹, ›Gipsy‹, ›Convoi‹ u.v.a.) hat sich von einem psychiatrischen Fallbericht und von alten Science-Fiction Romanen zu einer originellen Story inspirieren lassen, die gleichzeitig Paranoia-Thriller und Sci-Fi-Hommage ist: ›Das Imperium des Atoms‹. Der hierzulande noch kaum bekannte Alexandre Clérisse hat die großformatige Grahpic Novel als Verbeugung vor Stil und Eleganz der 50er Jahre in Szene gesetzt. BORIS KUNZ hat das Werk gelesen.

atomUnter dem Titel ›The jet-propelled couch‹ beschreibt der Psychotherapeut Robert Lindner seine Erfahrungen mit seinem Patienten »Kirk Allen«, der davon überzeugt war, in einer Science-Fiction Romanreihe seine eigene Biografie entdeckt zu haben, und sich ein detailliertes und lückenloses Wissen über sein Leben auf einem fernen Planeten angeeignet hatte. Es wird bis heute darüber spekuliert, ob es sich bei Kirk Allen tatsächlich um den Sci-Fi-Schriftsteller Cordwainer Smith (alias Paul Linebarger) gehandelt haben könnte, in dessen Biografie und Lebenswerk man einige Parallelen zu Allens Biographie und Psychose entdecken kann. In dem Wissen, sich hier ohnehin auf sehr spekulativem Territorium zu bewegen, hat Smolderen die Biografie Paul Linebargers als Vorlage für seine ganz eigene Version der Dinge genommen.

Erinnerungen an die Zukunft

Zunächst führt er uns mit einigen Rückblenden in eine verschachtelte Erzählung ein, die damit beginnt, dass der Protagonist Paul 1964 mit seiner Tochter einen Ausflug zu einem Aztekentempel in Mexiko macht. Ausgelöst von den Fragen seiner neugierigen Tochter beginnt hier ein Trip in Pauls Erinnerung, in dem man zunächst assoziativ von einer Zeitebene in die nächste springt: 1926 erlebt der kleine Paul als Diplomatensohn in Schanghai, wie ein Mann an einen Pranger gestellt wird, 1958 sieht er sich in Brüssel von geheimnisvollen, fliegenden Männern in Taucheranzügen verfolgt, und 1953 entdecken in Washington Pauls Vorgesetzte beim CIA, dass dieser sich offenbar schon länger damit beschäftigt, die Geschichte eines zukünftigen, intergalaktischen Imperiums akribisch aufzuzeichnen. Sie schicken Paul nach New York in psychiatrische Behandlung, und jetzt kommt Smolderen langsam zum Kern der Geschichte, die er aus ebenso vielen Schichten zusammensetzt, wie sein Held Paul Tarn- und Künstlernamen hat.

Paul steht – so bildet er es sich zumindest ein – seit seiner Jugend in telepathischem Kontakt mit der Zukunft, genauer gesagt mit Zarth Arn, dem großen intergalaktischen General, dem Held mit den tausend Gesichtern, der realen Person hinter Namen wie John Carter oder Buck Rogers. Von Zarth Arn hat Paul über die Jahre die komplette Geschichte der menschlichen Eroberung des Weltraums und aller intergalaktischen Kriege zugeflüstert bekommen. Seit Jahren flüchtet er sich in diese Parallelwelt – ist aber durchaus auch in der Wirklichkeit noch lebensfähig und hat es dort zu einer Ehefrau und einem Job als CIA-Analyst für Asien gebracht. Während Pauls Seelenklempner nun in dessen Kindheit gräbt und vorpubertäre, sexuelle Traumata zum Vorschein bringt, durchschaut Paul dessen Ansatz und geht zum Schein darauf ein, bricht seinen telepathischen Kontakt zu Zarth Arn ab, und gaukelt der Welt um des lieben Friedens willen vor, von seiner Krankheit vollkommen geheilt zu sein.

An dieser Stelle, ungefähr in der Mitte des Comicalbums, taucht die Figur des mysteriösen Gibb Zelbub auf, ein eigentümliches Genie, der das Konzept des Think Tanks erfunden zu haben scheint: Regelmäßig lässt er bedeutende Denker in seiner Villa in Vermont zusammenkommen, um aus deren Gesprächen die Inspiration für technische Innovationen zu gewinnen. Bald stellt sich heraus, dass Zelbub in Wahrheit ein Schurke wie aus einem James Bond-Film ist, der Paul nur aus einem Grund eingeladen hat: Er möchte, dass dieser den Kontakt zu Zarth Arn wieder aufnimmt, um so an die Pläne für atomare Vernichtungswaffen aus der Zukunft zu kommen.

Aufbruch in die Vergangenheit

Mit diesem Clou treibt Smolderen die Geschichte in eine ganz neue Richtung: War man sich vorher als Leser noch sicher, zwischen Pauls Einbildungen und seinen Erinnerungen, zwischen Realität und Wahn unterscheiden zu können, werden diese Grenzen von Gibb Zelbub völlig in Frage gestellt. Denn plötzlich spielt sich in der Realität ein Plot ab, der Pauls Psychose an Absurdität weit in den Schatten stellt. Doch erstaunlicherweise verliert sich Smolderen jetzt keineswegs im Vagen und Undurchschaubaren, im Gegenteil! Je unschärfer die Trennung von Realität und Einbildung wird, je gleichberechtigter sich alle Ebenen gegenüberstehen, um so stringenter läuft die Geschichte auf einen Höhepunkt zu, um so stimmiger schließen sich all die Rückblendenklammern zu einem sinnvollen Ganzen. Zu einer augenzwinkernden Erzählung, die sich nicht dem Ziel verschrieben hat, eine psychische Erkrankung auszuloten, sondern sich selbst gerecht zu werden. Nach dem eher enttäuschenden ›Ghost Money‹ hat Smolderen hier zu einer ganz neuen Qualität als Autor gefunden.

Das Zeichentalent Alexandre Clérisse macht dabei jede Comicseite zu einer Augenweide. Die etwas abstrakt gehaltenen Figuren erinnern an klassische amerikanische Cartoonserien wie die Jetsons oder die legendären Zeichentrick-Vorspannsequenzen von Filmen wie Pink Panther. Ihre markanten Gesichtszüge sind meistens die einzigen erkennbaren Tuschelinien in einer Umgebung, die Clérisse aus bunten Farbflächen zusammensetzt, die sich ohne Trennlinien berühren. Dabei findet er ein ideales Gleichgewicht zwischen Cartoon und Collage, in dem es ihm gelingt, das voll zur Geltung zu bringen, wovon diese Graphic Novel im Wesentlichen lebt: das elegante futuristische Design der 50er Jahre. Die Autos und die Möbel, die Mode, die Architektur und nicht zuletzt banale Haushaltsgegenstände wie Föns oder Küchenmixer, alles versprüht mit stilvollem Schwung den Charme einer hoffnungsvollen und unschuldigen Zukunftsvorstellung, an die man heute nicht mehr so recht glauben kann.

Konsequenterweise macht Clérisse hier kaum einen Unterschied zwischen Pauls Zukunftsfantasien und seiner Realität: Beide Welten entspringen klar denselben Gestaltungsprinzipien, demselben Zeitgeist. Die Szenen in den galaktischen Archiven von Zarth Arn sind allerdings schwarz-weiß gehalten, während Clérisse in den anderen Szenen eine sehr breite Farbpalette gekonnt als Gestaltungsmittel einsetzt.
Wer also bereit dazu ist, Smolderens Story-Kapriolen bis zum Ende zu folgen, kann sich auf beinahe jeder Seite an dem eleganten Artwork erfreuen und in der wunderbaren Nostalgie verlieren, die es verbreitet. Man muss kein Fan von Retro-Sci-Fi sein, um diesen Comic zu mögen, im Gegenteil: Man könnte durch ihn auch einer werden.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Thierry Smolderen (Text), Alexandre Clérisse (Zeichnungen): Das Imperium des Atoms
(Souvenirs De L´ Empire De L ´ Atome)
Aus dem Französischen von Uli Pröfrock
Hamburg: Carlsen Verlag 2014
144 Seiten, 22,90 €

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