Ah! jetzt! ja! Ah! jetzt! ja!

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Sachbuch | Alastair Brotchie: Alfred Jarry. Ein pataphysisches Leben

Pataphysik ist ein Thema mit doppeltem Boden, mindestens. »Die Schmerzen in Ihrem linken Schultergelenk«, diagnostiziert die Ärztin, »sind altersbedingt.« – »Unmöglich«, widerspricht der Patient, »die rechte Schulter ist doch ebenso alt und sie tut nicht weh.« Hm. Oder anders: Weshalb bleibt ausgerechnet die Teekanne, die seit Jahren einen Sprung hat, länger heil als diejenige, die die ganze Zeit lang immer heil war? Diese Art Fragen treiben uns um. Von WOLF SENFF

Alastair Brotchie: Alfred JarrySeit 1948, dem Gründungsjahr des College du Pataphysique in Paris, breitete sich das Prinzip der Pataphysik aus, ach bitte welches Prinzip, internationale Künstler zählten zu den Gründern und Mitgliedern, Raymond Queneau und Boris Vian waren Gründungsmitglieder, und die Crème internationalen kulturellen Schaffens zierte sehr bald die Mitgliedsliste: Marcel Duchamp, Max Ernst, Eugene Ionesco, Joan Miro, Man Ray, die Marx-Brothers, Jean Baudrillard, Dario Fo, Pablo Picasso, Harald Szemann, Umberto Eco. Weitere Institute gründeten sich in Mailand (1963), in Amsterdam (1972), in Braunschweig (1997) und London (2000).

Das traumatisierte Knie

»Joan was quizzical, studied pataphysical / Science in the home / Late nights all alone with her a test tube«. The Beatles, ›Maxwell’s silver hammer‹ (in: Abbey Road, 1969). Die Prinzipien ›Zufall‹ und ›gezielte Beliebigkeit‹ als Elemente pataphysischer Tradition liegen Werken von Marcel Duchamp und John Cage zugrunde.

Oder erinnern wir daran, dass der weißhaarige Doktor, einer der Granden der europäischen TCM, nicht das schmerzende, sondern das andere Knie akupunktierte, auf dass das traumatisierte Knie keinem unnötigen Reiz ausgesetzt werde. Und, wir kommen darauf, nur Geduld, wir wollen nicht drängeln, jedes Geschehen hat seine eigene Ordnung – als Begründer der Pataphysik gilt Alfred Jarry, dessen Biographie, wir erinnern daran, hier rezensiert wird.

Der sechste Patriarch zerreißt die Sutras

Pataphysik definiert sich als die der Metaphysik übergeordnete philosophische Struktur, sie soll die Gesetze untersuchen, denen die Ausnahmen folgen, so etwas gestaltet sich, nehmen wir an, nicht komplikationslos. Gilles Deleuze nennt sie eine »Überwindung der Metaphysik«, er begreift das Werk Martin Heideggers mit dessen Begriff der »Kehre« bzw. dessen Seinsbegriff als »eine Entfaltung der Pataphysik«.

In diesem Kontext dürfte der Hinweis auf die Diskussion Martin Heideggers durch den japanischen Buddhismus erhellend sein, verbunden mit dem Namen Masao Abe, der in Honolulu auf Hawaii forschte, eine Diskussion, die den Heideggerschen Seinsbegriff in Zusammenhang bringt mit der Gründung der Südlichen Schule durch Hui-neng, den sechsten Patriarchen (638-713) – siehe auch Liang-K’ai, ›Der sechste Patriarch zerreißt die Sutras‹ (Tuschebild, China, 13. Jh.) – und mit den langanhaltenden Auseinandersetzungen um ›Hongaku‹.

Die Gedanken sind frei

Die Existenz, übrigens, des erwähnten sechsten Patriarchen ist nicht unumstritten, der Hinweis auf seine vermeintliche Mumifizierung ist wenig hilfreich, er sitze, heißt es, von schwarzem Lack überzogen im berühmten Kloster an der Tsauschlucht, einem stillen Seitental beim Nordfluss – doch das führt uns wenn nicht in die Irre, so doch zu weit, zumal die Mumie, heißt es weiter, in den Wirren des Weltkriegs sich auf mysteriöse Weise aufgelöst habe. Sei’s drum.

Wenn man sich keine erbarmungslose Disziplin auferlegt, sucht ein Gedanke auch schon mal seinen eigenen Weg, die Gedanken sind frei, sie eilen davon, sie fliegen voraus, wir werden ihrer nicht Herr. Da leuchtet ohne weiteres ein, dass Pataphysik mit naturwissenschaftlichem Denken, salopp gesagt, nichts am Hut hat. Außerdem ist die Fähigkeit, beharrlich beim Thema zu bleiben, nicht in jedem von uns gleichermaßen verwurzelt.

Der Künstler liegt in Trümmern

Gut, gut, ob das nun alles wirklich erforderlich war, man weiß es nicht, wir lassen es als Einstimmung gelten. Doch nun:
Ah! jetzt! ja!
Ah! jetzt! ja!

Alfred Jarry (1873-1907) wird bei Wikipedia als »Bürgerschreck« tituliert. Das dürfte seiner Bedeutung nicht gerecht werden, er war kein Struwwelpeter. »Alfred Jarry war ein Literat, wie es wenige gibt. Seine kleinsten Handlungen, seine Lausbubenstreiche, alles war Literatur. Wir besitzen keinen Begriff, der diese eigenartige Fröhlichkeit ausdrücken kann« (Guillaume Apollinaire). Sein ›Ubu‹, Held dreier Theaterstücke, und ›Doktor Faustroll‹, Hauptfigur des Romans ›Heldentaten und Lehren des Doktor Faustroll‹ sind die Vorläufer einer Bewegung, die die etablierten Vorstellungen von Kunstwerk und vom Künstler zertrümmerte.

Bis Euro regnet

Die umfassende Biographie Alastair Brotchies, der dem Collège du Pataphysique, Paris, angehört, widmet sich Jarrys Lebensalltag, wägt Anekdoten ab, die in großer Zahl verbreitet wurden, und handelt als Arbeitshypothese, dass Alfred Jarry seine Theorie der Pataphysik im eigenen Leben umgesetzt habe. Das macht neugierig.

Jarrys ›Ubu roi‹ ist Wegbereiter für Surrealismus, Dadaismus, Theater des Absurden, und sein Anteil an der Ausarbeitung der Pataphysik, auch Patafysiek oder, grundsätzlicher, »Antifüsiek« (Jan Philip Reemtsma), scheint hierzulande nicht recht geläufig zu sein, der »neowissenschaftliche« Roman ›Heldentaten und Lehren des Doktor Faustroll‹ wird antiquarisch zu Höchstpreisen gehandelt, so etwas deuten wir nach den ›Regeln‹ des ›Marktes‹ als einen Hinweis auf langjährige Vernachlässigung, die Anbieter harren verzweifelt aus, bis gekauft wird und Euro regnet.

Die Avantgarde des Symbolismus

Brotchies Biographie ist akribisch und liebevoll im Detail, die deutsche Ausgabe noch deutlich aufwendiger als das englische Original. Wo immer möglich, werden Zeugnisse und Aussagen über Alfred Jarry verglichen. Zeugnisse von Mitschülern zeigen, dass die Figur des Père Ubu als eine Karikatur des Physiklehrers angelegt ist, dessen Autorität im Klassenraum grandios versagte, der sich auch unter den Kollegen einen zweifelhaften Ruf erwarb und von seinen pubertierenden Schülern gnadenlos lächerlich gemacht wurde, an vorderster Front Alfred Jarry.

Wir erfahren, dass er sich früh literarisches Renommee erwarb und an der Schule in Rennes erste Preise gewann. Sein ›Ubu‹ wurde privat in diversen Fassungen als Schatten- und als Marionettenspiel aufgeführt, als Zwanzigjähriger gewann Jarry für Prosa und Lyrik mehrfach einen Preis der Literaturbeilage des ›L’Écho de Paris‹, über deren Herausgeber er Zutritt zu den literarischen Zirkeln der Stadt gewann, schließlich zum ›Mercure de France‹, einem einflussreichen Literaturmagazin, das zur Avantgarde des Symbolismus zählte, der sich in Paris vor allem als Abgrenzung gegen naturalistische Inhalte definierte.

Ein Nussknacker spricht

Mit erdrückender Überschwänglichkeit, rastlos wacher Intelligenz und bizarr sprunghafter Konversation sei Jarry zur dominierenden Figur der wöchentlichen Zusammenkünfte dieser Avantgarde geworden, sein exaltierter Habitus sei gänzlich seinem ›Ubu‹ nachempfunden.

»Eine solche Figur«, kommentiert André Gide, »kann man gar nicht erfinden«, und fügt, auf Jarrys Artikulation anspielend, teils fasziniert, teils distanziert hinzu: »Ein Nussknacker, sofern er spräche, würde sich keinen Deut anders anhören.«

Vorlautes, debiles Verhalten

Wie sehr Alfed Jarry aber respektiert worden sei, zeige die Tatsache, dass er in ›L’Ymagier‹ Henri Rousseau, einen Autodidakten unter professionellen Künstlern, förderte und dieser schließlich die Wertschätzung von Apollinaire und Picasso gewann. Brotchie weist darauf hin, dass Jarrys Einsatz in diesem Fall bahnbrechend war für nichtprofessionelles künstlerisches Schaffen, sei es »naive Kunst« oder generell Kunst von »Außenseitern«. Über Rousseau sagte Jarry, er male mit der »Grazie, Reinheit und Spontaneität des Primitiven«, und beschrieb damit auch die eigene Ästhetik.

Es ist nicht von dieser Welt, was wir über Alfred Jarrys Militärdienst in Laval erfahren, den er im November 1894 antrat. Aufgrund seiner schmalen Figur und geringen Größe von 1,61m war er auch für die kleinste Standarduniform zu klein, Stiefel seiner Größe waren nicht im Angebot. Er praktizierte ein kühl kalkuliertes überangepasstes Verhalten, Unterwürfigkeit an der Grenze zum Schwachsinn, kurz er fiel gewaltig auf die Nerven, was letztlich den – von ihm selbst überlieferten – Entlassungsgrund eines vorlaut debilen Verhaltens begründete.

Théâtre de l’Œuvre

Er trat nun wieder ohne Unterbrechung in Paris auf und wurde, die einzige reguläre Arbeit in seinem Leben, im Juni 1896 als rechte Hand des Eigentümers Lugné-Poe am Théâtre de l’Œuvre angestellt.

›Ubu roi‹ wurde als Buch publiziert, und die Uraufführung im Dezember 1896 wurde ein Skandal, Jarry selbst hatte agents provocateurs ins Publikum lanciert, es geht hoch her in der Avantgarde des Symbolismus, und nach der Premiere wurde ›Ubu roi‹ hier nicht noch einmal aufgeführt. Lugné-Poe rief das Ende des Symbolismus aus, aber seine Glaubwürdigkeit war erschüttert, und am Ende der folgenden Saison musste das Théâtre de l’Œuvre schließen.

Denken à la Patafüsiek

Schon Alastair Brotchies Schilderung des Skandals im November 1893 um die Aufführung von Henrik Ibsens ›Volksfeind‹ im soeben gegründeten Théâtre de l’Œuvre ist als eine mitreißende Reportage verfasst und bildet überbordende Leidenschaften in einer Phase kulturellen und politischen Aufbruchs ab. Achtung! Hier tobt das Leben!

Nein, wir erhalten keine Nachhilfe in politischer oder sonstwelcher Theorie, sondern wir erleben eine facettenreiche Schilderung menschlichen Daseins, in keine Schablone gepresst – und diese Herangehensweise zeichnet nicht nur dieses umfangreiche Werk aus, sondern, dürfen wir annehmen, sie ist ein Leitmotiv des Denkens à la Patafüsiek.

Ein Käseduell

Was soll man dazu sagen? Die Welt ist kompliziert, das Leben ist verwirrend. »Wer ihn kannte, der sagte, dass sich hinter seinem widerwärtigen Äußeren ein eigensinniger, aber scheuer, stolzer, vielleicht ein wenig überheblicher junger Mann verbarg, der unter all seinem Zynismus ein gutmütiger und geistreicher, leidenschaftlich unabhängiger und rigoros aufrichtiger Mensch war«. Dazu passt, dass ihm seine Identifikation mit der Rolle des ›Ubu‹ allmählich unangenehm wurde.

Die Biographie ist überaus unterhaltsam zu lesen. Wir erfahren, dass Jarry ein Marionettentheaterprojekt betrieb, ein Puppentheater für Erwachsene, wie es zurzeit in Berlin so engagiert vorbereitet wird. Im ›Théâtre des Pantins‹ stand selbstverständlich auch ›Ubu‹ auf dem Spielplan, wir erfahren, was ein ›Käseduell‹ ist, und nehmen erfreut zur Kenntnis, dass die Arbeit mit diesem Theater kommerziell vergleichsweise erfolgreich war.

Lesbar auch für Paris-Liebhaber

Seit den neunziger Jahren sicherten Rezensionen für die ›Revue Blanche‹ erstmals ein regelmäßiges Einkommen. Jarry begegnet Audrey Beardsley. Ocar Wilde nennt ihn einen »Stern des Quartier Latin« mit dem Äußeren eines »sehr aparten Strichjungen«. Jarry wurde zu einer anerkannten Figur der Pariser Bohème, seit 1903 arbeitete er für das kommerziell erfolgreiche Satiremagazin ›Le Canard sauvage‹.

Vor uns erscheint der selbstbewusste, unbeirrbare Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts mit all seiner anarchischen Verachtung für gewachsene bürgerliche Konventionen, er begegnete Guillaume Appolinaire: »Entschlossenes Trinken«, so erinnert sich dieser, »weckte unsere Sympathien füreinander«, Alastair Brotchie nennt das Café du Départ, das man noch heute besuchen kann, an der ersten Straßenecke vom Boulevard Saint-Michel an der Rive Gauche – eine Biographie also auch als ein Werk, das Paris-Liebhabern zu empfehlen wäre. Im Rocher an der Place de l’Odéon pflegten sie Billard zu spielen. Sind halt so Verpflichtungen im Leben der Bohème, über Golf äußert Jarry sich abfällig.

Spektakel und Droge

Auch ein Rezensent, es wird Ihnen nicht entgangen sein, löst sich nur schwer von der Faszination all der Details. Spektakel ist noch das Mindeste, was dieses Leben charakterisiert. Die heftigen Turbulenzen nehmen längst auch jene Eskapaden und Brüche vorweg, ohne die heutzutage ein Popstar, der auf seinen Ruf hält, nicht auskommt.

Droge? Bei Alfred Jarry war’s der Alkohol, vorzugsweise Absinth, vom dem er »allmählich zerfressen wurde«, während seiner drei letzten Lebensjahre litt er unter Ausbrüchen einer tuberkulösen Hirnhautentzündung und verstarb im Oktober 1907. Na, ein angenehmer Lebensabschnitt wird das wohl kaum gewesen sein, und nun erwarten wir selbstverständlich, dass über eine ähnlich exponierte Figur das Werk ›Ein pataphysisches Sterben‹ publiziert wird, da sind wir neugierig, da bleiben wir am Ball.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Alastair Brotchie: Alfred Jarry. Ein pataphysisches Leben
(Alfred Jarry, A Pataphysical Life, 2011)
Aus dem Englischen und Französischen von Yvonne Badal
Bern/Wien: Piet Meyer Verlag 2014
548 Seiten. 44,70 Euro

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