Requiem for a dream

in Comic

Comic | Ville Tietäväinen: Unsichtbare Hände

Der Marokkaner Rashid bricht nach Europa auf, in der Hoffnung, dort genug Geld für seine Familie verdienen zu können. Doch sein Traum von einer besseren Welt wird gnadenlos an der Wirklichkeit zerschellen. Der finnische Comicautor Ville Tietäväinen hat Rashid und dessen Schicksal zwar frei erfunden, doch es steht exemplarisch für Tausende Flüchtlinge, und es geschieht Jahr um Jahr wieder. ›Unsichtbare Hände‹ ist eine bewegende Graphic Novel über ein immer drängenderes Thema. BORIS KUNZ hat Rashid auf seiner Reise begleitet.

Unsichtbare_Haende_Cover_NEU_webDas Jahr 2014 hält bereits jetzt einen traurigen Rekord: So viele Flüchtlinge wie noch nie zuvor haben ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg nach Europa gemacht, wo die Politik in fast allen Ländern mit den Flüchtlingsströmen überfordert ist. Wo die Politik versagt, findet jedoch die Privatwirtschaft eine Art von Lösung: Auf riesigen Gemüseplantagen in Spanien, einem Meer aus weißen Plastikplanen und Gewächshäusern, pflanzen und ernten die Flüchtlinge ohne Papiere und zu unmenschlichen Bedingungen das, was bei uns in den Supermärkten landet. Tietäväinen hat dort ebenso wie in Marokko lange recherchiert, hat sich mit der gesellschaftlichen Situation der Flüchtlinge vor und während ihres Aufenthaltes in Spanien intensiv befasst und aus dieser Recherche das bewegende Schicksal von Rashid destilliert.

Herausgekommen ist eine 200 Seiten starke Graphic Novel im großen Albumformat. Ein Buch, das schwer in der Hand und teilweise auch schwer auf der Seele liegt, und das heute noch brisanter scheint als zu seinem Erscheinen in Finnland 2011. Man zögert, bevor man es aufschlägt: Will man sich wirklich mit dieser düsteren Thematik befassen oder wendet man sich nicht doch lieber etwas fröhlicherer Kost zu? Doch ähnlich wie ›Maus‹ oder ›Barfuß durch Hiroshima‹ entwickelt auch ›Unsichtbare Hände‹ durch seine gelungene und facettenreiche Erzählung und seine stimmige Illustration schon bald einen Sog, der einen nicht mehr loslässt.

Stationen einer Passion

Die Geschichte von Rashid beginnt nicht in einem Terrorregime, er flüchtet nicht vor politischer Unterdrückung, Folter oder Genozid. Der arbeitslose Schneider flüchtet nicht einmal, er folgt den Verlockungen und Versprechungen der Schlepperbanden, in Europa das schnelle Geld machen und als gemachter Mann wieder erhobenen Hauptes durch die Straßen seiner Stadt gehen zu können. Rashid wohnt in einer Bretterbude auf dem Dach des Hauses seiner Eltern, er hat einen verschuldeten Vater, einer bettlägerige Mutter, eine unterernährte Tochter und eine Frau, die ihm vorhält, seine ehelichen Pflichten als Versorger nicht auszufüllen.

Tietäväinen zeichnet im ersten Drittel seiner Erzählung ein differenziertes Bild der marokkanischen Gesellschaft. Nicht jeder in Rashids Umfeld glaubt daran, dass die Straßen in Europa mit Gold gepflastert sind. Die meisten sind klug genug zu wissen, dass sie in Europa nicht willkommen sind, dass die reichen Ungläubigen alles andere als erpicht darauf sind, ihren auch dort ungleich verteilten Reichtum auch noch mit dem Rest der Welt zu teilen. Und die strengen Moslembrüder wissen sowieso, dass den Gläubigen in Europa vor allem eines erwartet: Die giftigen Versuchungen der dekadenten westlichen Kultur. Der Comic sucht nicht, wie es am einfachsten wäre, die Schuld allein im ausbeuterischen Kapitalismus, im Wohlstandsgefälle zwischen Erster und Dritter Welt, sondern auch in der Mentalität der Emigranten selbst: In der muslimischen Kultur wie Tietäväinen sie beschreibt, ist der Mann der Versorger der Familie. So lässt es Rashid in seinem Stolz nicht zu, dass auch seine Frau als Näherin in der Fabrik arbeitet und so etwas dazu verdient. Stattdessen redet er ihr (und sich selbst) ein, dass jeder Mann, der ihr Arbeit gibt, ihr damit gleichzeitig auch an die Wäsche will. Als er dann schließlich verkündet, dass er sich auf den Weg nach Europa machen wird, gesteht sie ihm unter Tränen: »Diesen Tag habe ich gefürchtet – und auch auf ihn gehofft.«

Detailliert erzählt der Comic von der nächtlichen Überfahrt über die Straße von Gibraltar, von der Begegnung mit den spanischen Grenzschützern, von der Arbeit auf den Plantagen und schließlich von dem Versuch Rashids, in der Stadt auf eigene Faust sein Glück zu machen, als Verkäufer von billigem Plastikschund an Touristen. Doch je mehr der arme Kerl sich auch anstrengt, je mehr er schuftet, ein wirkliches Licht am Ende des Tunnels ist nicht zu sehen. Immer wieder schreibt er Briefe an seine Familie, verschweigt die Demütigungen, die er über sich ergehen lassen muss, und wiederholt wie ein Mantra das Versprechen, das ihn antreibt, und das immer bitterer und herzzerreißender klingt mit jedem Mal, in dem es in diesem Comic zu lesen ist: »Bald schicke ich euch Geld.«

Menschsein in unmenschlichen Umständen

Tietäväinen zeichnet seine Figuren markant und mit kräftigen Strichen, gerade in der leichten Überzeichnung und cartoonhaften Stilisierung schafft er es, ihnen starke Charaktergesichter zu geben. Die Seiten sind monochrom koloriert, doch auch die sehr reduzierte Farbpalette von Grau- Braun- und Ockertönen, gelegentlich mit schmutzigem, metallischem Blau versehen, genügt ihm um Stimmungen und plastischen Realismus zu erzeugen. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Marokko und Spanien, zwischen Slums, Großstadt und Meer: Rashid kann dem Dreck des irdischen Jammertals auch optisch nicht entkommen.
Doch innerhalb dieses Jammertales ist vieles möglich: die drohende Finsternis eines sturmumtosten Meeres, die blendende Mittagszitze auf dem Feld, drückende Schummrigkeit winziger Hütten, der verlockende Schein eines Sonnenaufganges. Das Artwork mag auf den ersten Blick etwas grob und in seinem streng reduzierten Farbkonzept etwas trist wirken, doch bei näherem Hinsehen erweist sich Tietäväinen als hervorragender Zeichner ebenso wie als genauer Beobachter und Dokumentarist. 
Glaubwürdigkeit bezieht die Geschichte vor allem aus ihren differenzierten Figuren. Der Autor belässt es nicht dabei, das Elend beklagenswerter Menschen zu zeigen, sondern lässt auch deren eigene Schattenseiten nicht aus. Er verschweigt die Feindschaften und den Rassismus nicht, die auch unter den Flüchtlingen noch herrschen: Die Osteuropäer agieren als Vorarbeiter, um sich die Haut und die Lungen nicht mit Pflanzenschutzmittel ruinieren zu müssen. Und die Marokkaner wiederum sind froh, keine »Neger« zu sein, denn die stehen ganz am Ende der Nahrungskette.

Der Comic berichtet von den vielen Strategien, die Menschen anwenden, um im Elend nicht nur zu überleben, sondern sich irgendwie auch noch im Spiegel anschauen zu können – wenn sie denn einen hätten. Er erzählt von Freundschaften und Zweckgemeinschaften, von Machogehabe und Religiosität, von den Versuchen, die Ungerechtigkeit der Welt mit einem strengen Glauben an einen gerechten Gott vereinbaren zu können, von den immer verzweifelteren Versuchen Rashids, die Hoffnung auch dann nicht zu verlieren, wenn er als Penner mit einem Einkaufswagen voller Plastiktüten durch die Gassen zieht.  Hier gerät er auch immer mehr in eine psychische Schräglage, weil er das Zerbrechen seines Traums nicht wahrhaben will.

Am Ende ist seine Lage so verfahren, dass man dem Hoffnungsschimmer gar nicht mehr trauen will, der schließlich doch noch am Horizont erscheint. Da trifft Rashid einen zu Geld gekommenen Cousin, der vor drei Jahren noch mit ihm im Flüchtlingsboot saß, und der die Frau zu Hause über seinen Zustand informiert. Die hat inzwischen auch eine Arbeit gefunden und bekommt sogar von ihrem Chef Urlaub und ein Ticket nach Spanien, um ihren Mann nach Hause zu holen. Kann Rashids Odyssee wahrhaftig so enden? Gerettet, aber als kläglicher Versager vor sich selbst? Und wenn das nur noch eine Wahnvorstellung von Rashid ist, ist dies seine Sehnsucht oder sein Albtraum? Ganz am Ende trägt Tietäväinen zwar etwas dick auf, bringt seine Story aber zu einem konsequenten Abschluss.

›Unsichtbare Hände‹ ist ein zurecht mit viel Lob bedachtes Comicalbum über eines der drängenden Probleme unserer Zeit. Es kommt ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Moralkeule daher – denn letztendlich erzählt es die dramatische Geschichte vom Scheitern eines Menschen an seiner unmöglichen Lebenssituation.
 
| BORIS KUNZ

Titelangaben
Ville Tietäväinen: Unsichtbare Hände
(Näkymättömät kädet)
Aus dem Finnischen von Alexandra Strang
Berlin: Avant Verlag 2014
216 Seiten, 34,95 Euro
 
Reinschauen
| Leseprobe
| Ville Tietäväinen bei Wikipedia