Das Schöne als Überlebensstrategie

in Ausstellung

Ausstellung | Bamako-Dakar. Westafrikanische Fotografie heute. Stadthaus Ulm

Die Ausstellung westafrikanischer Fotografie aus Bamako und Dakar feiert die Kunst der Selbstinszenierung. SABINE MATTHES hat sich mit der afrikanischen Fotografiegeschichte und dem Blick darauf auseinandergesetzt.

Emmanuel Bakary Daou: L`espoir (Die Hoffnung), aus der Serie "Signes des anciens" (Symbole der Ahnen)
Emmanuel Bakary Daou: L`espoir (Die Hoffnung), aus der Serie ›Signes des anciens‹
(Symbole der Ahnen)

Schönheit ist das Unerwartete, sagen die Surrealisten. So sind die Bilder der Ausstellung ›Bamako – Dakar. Westafrikanische Fotografie heute‹ im Stadthaus Ulm zunächst überraschend schön. Widersprechen sie doch unserer Sehgewohnheit von einem Afrika voller Kriege, Krankheiten und wilder Tiere.

»Schade«, findet es der senegalesische Fotograf Omar Victor Diop, »dass es weniger Leute gibt, die sich für das interessieren, was gut läuft und für die Träume, die wahr werden, weil es davon überall sehr viele gibt.« Diese Träume fotografiert er. Und sie explodieren vor Optimismus wie ein psychedelischer Rausch schriller Farben und tollkühner Stoffmuster. Seine Portraits der kreativen Szene aus der Modemetropole Dakar (»Studio der Eitelkeiten«) sind lebensgroß und ganz unprätentiös direkt an die Wand gepinnt. Wie visuelle Musicals versprühen sie sorgsam choreographierte Jahrmarktsfreude und Erhabenheit und versuchen, im Sinne der Ausstellung, »die Wahrnehmung des Kontinents wieder ins Gleichgewicht zu bringen.«(Diop)

Fotostudios als Orte der Selbstinszenierung

Das Herzstück der westafrikanischen Fotogeschichte ist die Portrait- und Studiofotografie. Viele der ausgestellten Fotografen beziehen sich auf die großen malischen Vorbilder Malick Sidibé (*1935) und Seydou Keïta (1921-2001). Keïta eröffnete, als Autodidakt, 1948 ein Studio in Bamako. Er avancierte mit seinen eleganten schwarz-weiß Portraits, in üppigen afrikanischen Roben und mit den europäischen Attributen einer gewünschten Weltläufigkeit, zum Vater der afrikanischen Fotografie. Die Fotostudios wurden gefeierte Orte der Selbstinszenierung. Malick Sidibé dokumentierte den elektrisierenden Aufbruchgeist der malischen Jugend der 1960er Jahre in den Straßen und Nachtclubs von Bamako; sein legendäres Studio betreibt heute der Sohn Karim.

Mit ihrem mobilen Fotostudio (»Studio de la rue«) arbeitet Fatoumata Diabaté seit 2013 an einem Reinszenierungsprojekt dieser alten Porträtfotografien. Die Straße als Bühne und Laufsteg benutzen in ähnlicher Weise die kongolesischen Dandys, die Sapeurs. In den 1960er und 1970er Jahren kamen sie als Akt des zivilen Widerstands auf, gegen die von Mobutu verordnete Staatsideologie afrikanischer »Authentizität«. Wie flammende Paradiesvögel in schreiend pinken Anzügen flanieren sie über die staubigen Straßen, stolze Hoffnungsträger im alltäglichen Kampf gegen die Realität.

Androgyner Look und schrille Popästhetik

Fatoumata Diabaté Aus der Serie "Das Studio der Straße" (seit 2013)
Fatoumata Diabaté
Aus der Serie „Das Studio der Straße“ (seit 2013)

Der europäische Kunstmarkt »entdeckte« Anfang der 1990er Jahre die Fotografie vor allem aus Südafrika, zunehmend aber auch aus den westafrikanischen Ländern Mali und Senegal. Durch französische Kooperation entstand in Dakar die Biennale der Bildenden Künste, die Dak’Art, und in Bamako die Biennale der Fotografie (1994-2011).

Die Fotografen aus Bamako schildern, dass es für sie eine große Bereicherung war, sich auf der ersten Fotobiennale direkt mit den vielen europäischen Künstlern austauschen zu können. Anfangs hätten sie sich gefragt, was das für eine Art von Fotografie sei, »die keine Menschen mag«. Aber dann hätten sie gelernt, neben der Porträtfotografie auch »zeitgenössisch« mit Objekten, Situationen und Gebäuden zu arbeiten.

Das internationale Interesse half ihnen auch, ihre Fotos zu verkaufen und an mehr Ausstellungen teilzunehmen. Und sie lernten andere afrikanische Gleichgesinnte wie Samuel Fosso kennen, der ebenfalls durch die Biennale 1994 bekannt wurde. Fosso war vor dem Biafra Krieg in die Republik Zentralafrika geflohen, machte mit 13 Jahren in der Hauptstadt Bangui sein eigenes Fotostudio auf und nutzte die leeren Filmenden für Selbstportraits in unterschiedlicher Kostümierung als Boxer oder Matrose, die er seiner in Nigeria zurückgebliebenen Mutter regelmäßig fürs Familienalbum schickte. Mit seinem androgynen Look und schriller Popästhetik erschafft er sich immer neue Identitäten, als amerikanische Emanze der 1970er Jahre, als Malcolm X und Angela Davis, oder als afrikanischer Diktator.

Gibt es eine »afrikanische Fotografie«?

Die fünf ausgestellten Fotografen aus Bamako und acht aus Dakar repräsentieren nicht nur mit ihren Bildern die lebendige Fotografenszene der beiden Metropolen. Sie kommen auch in ausführlichen Video Interviews zu Wort und kommentieren ihre Arbeit im Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und westlichem Kunstmarkt. Malick Sidibé sagt, er habe früher für seine heimische Kundschaft nur Rechtecke gemacht und die Lampen oder Installationen im Hintergrund als störende »Parasiten« am Bildrand weggeschnitten, dann aber hätten Galerien Quadrate bevorzugt. Ein Problem ist für die »zeitgenössischen« Fotografen, dass man in Mali oder Senegal sein Haus nur mit Erinnerungsfotos der eigenen Familie oder dem Marabu dekoriert, aber nicht das Foto von einem anderen kauft. Es gäbe auch »keine Richter oder Experten, alle sind irgendwie Fotografen und Künstler.«

Fatoumata Diabaté Aus der Serie ›Sutigi: Uns gehört die Nacht‹ (seit 2004)
Fatoumata Diabaté Aus der Serie ›Sutigi: Uns gehört die Nacht‹ (seit 2004)

Emmanuel Bakary Daou aus Mali erzählt in seiner poetisch geheimnisvollen schwarz-weiß Serie ›Symbole der Ahnen‹ von den alten Zeichen, die Heiler in die Erde ritzten und deuteten. Wo heute das Fernsehen Bilder zeigt, die von anderswo herkommen und die eigenen Geschichten der Großeltern verdrängen, verliere man seinen Orientierungspunkt. So benutzt er die Symbole, um den Jungen die eigenen Traditionen und Werte weiterzugeben.

Auch Fatoumata Diabaté übersetzt traditionelle malische Märchen in eine surreale Bildsprache. In ihrer Serie ›Der Mensch als Tier‹ verkleiden sich Schüler mit selbstgemachten Masken als Kaninchen oder Hyäne. Das Mädchen hinter der Maske aus goldenen Zöpfen entstammt einem Feen-Märchen.

Sogar auf Djibril Sy’s Reportagefoto aus dem Bürgerkrieg in Liberia scheinen sich die Frauen mit den Gewehren, eine Rebellengruppe die man ›Die Amazonen‹ nennt, auch durch ihren extravaganten Modestil zu ermächtigen.

Gibt es eine »afrikanische Fotografie«? Nein, sagen die meisten, denn die Studioporträts von Malick Sidibé, Seydou Keïta oder August Sander in Deutschland seien die gleichen Fotografien einer weltweit verbreiteten Richtung. Würde Sidibé in New York fotografieren, hielte man den Urheber dieser Bilder für einen Amerikaner, da das Umfeld der Gebäude und Avenuen das Foto definiere. Für Emmanuel Bakary Daou gibt es aber einen afrikanischen Blick auf eine bestimmte Situation, der anders sei, als der eines Weißen aus dem Westen. Fotografie ist für Omar Victor Diop »ein Moment des Träumens, eine Flucht, das Erhabene.« Wenn es etwas spezifisch afrikanisches gibt, dann ist es für ihn, »vor allem in Westafrika, … ein ausgeprägter Sinn für das Schöne.« Wo doch selbst Erdnüsse an der Straßenecke, fein angeordnet, zu echten Installationen werden!

| SABINE MATTHES

Titelangaben
Bamako – Dakar. Westafrikanische Fotografie heute, Stadthaus Ulm, bis 23.November 2014.
Danach in Dakar und Saint-Louis, Senegal, 3.Januar bis 20.Februar 2015

Fotos
| Titelbild: Elise Fitte-Duval: Aus der Serie ›Der Ringkampf‹ (2010)