Der Tod, der ihm das Lächeln zurückgab

in Film

Film | Helium(*) Ein Film von Eché Janga

1953 wurde es gegründet, seit 1994 ist es mit Heidelberg verbunden, das aufgrund seiner stargetöse- und mainstreamfreien Atmosphäre überaus wohltuende Filmfestival in Mannheim. Michael Kötz, seit 1992 künstlerischer Direktor, begrüßt das Kinopublikum in der Regel launig, durchaus erheiternd, Helium avisierte er über das Genre Gangster und Ganoven. Über die Geschichte, die Handlung, meint er am Ende seiner Anmoderation, möge man besser erst gar nicht weiter nachdenken, entscheidend sei die Atmosphäre. Von DIDIER CALME

Helium96Der Betrachter, hier einer, der noch das weniger philosophierende Kino von Adenauer und de Gaulle in Erinnerung hat, dachte beim Stichwort Gangsterfilm an eine Zeit, zu der er bereits als erwachsen galt bzw. an der Kinokasse nicht mehr einen Altersnachweis erbringen musste. Ihm fiel bei Kötz‘ Ansage spontan das schummrige, rosa flitternde Licht in ›The Killing of a Chinese Bookie‹ von John Cassavetes aus dem Jahr 1976 mit Ben Gazzara in der Hauptrolle ein, es flackerte auf wie ein rotes Laternchen. Und dann das Thema Niederlande: Janwillem van de Wetering schlich sich in die Erinnerung ein, dessen komischer, auch im klein- bis großkriminellen Umfeld sozial handelnder Commisaris dem Leser ein für damalige normalsterbliche, nicht unbedingt Coffeeshops (auf)suchende Reisende in der Regel völlig unbekanntes, von keinem Tourismus berührtes Amsterdam beschrieb: abgelegene, sich von anderen europäischen Städten kaum unterscheidende Wohngegenden, in denen es selbstverständlich ebenfalls Mord und Totschlag gab.

Die große Stadt der Provinz Nordholland, in der der Titelheld Frans (Hans Dagelet) gemeinsam mit anderen seine nicht eben den Strafgesetzen gemäßen Geschäfte betreibt, kommt in der Trostlosigkeit seiner Ränder auch bald ins Bild: spätherbstliche Nacht, mehrspurige, feuchte, leere, dennoch mehr oder minder hell erleuchtete Straßen, Andeutungen von irgendwelchen Verhandlungs- und Verabschiedungsgesprächen, in knappen Worten, die keiner deutschen oder englischen Untertitelung bedürften. Doch dann ein Bilderreiz, der denjenigen einnimmt, der diese ohnehin beeindruckende Landschaft gut zu kennen meint, die er aber in solcher Genauigkeit oder besser vielleicht in derartig poetischer Stille noch nie betrachtet hat: das Wattenmeer mit seinen in diesem Bereich von der offenen See unbeeinflussten, selbst zu dieser Jahreszeit geruhsam anrollenden Wogen während des Niedrigwassers, auch Ebbe genannt. Der Chef der offensichtlich nicht allzu umfangreichen Ganoventruppe nimmt eine Auszeit in Texel, op nederlands Tessel und auch so, mit scharfem Doppel-Es, ausgesprochen, der größten der westfriesischen Inseln, die lange bevor die anderen dort liegenden Eilande an der Nordsee verkehrsberuhigt, gar autofrei und für den Tourismus liebreizend aufbereitet wurden, durch erste Hochhäuser und autobahnähnliche Einflugschneisen auffiel, ausgerechnet dorthin flieht er. Es ist nicht genau auszumachen, vor wem er ausreiß nimmt, die ohnehin knappen Dialoge ergehen sich in Andeutungen; eben, wie Kötz eingangs meinte: Über die Handlung möge man sich besser erst gar keine Gedanken machen. Einer drängt sich dennoch auf: Frans befindet sich auf der Flucht, vor was oder wem auch immer. Vor sich selbst?

HELIUMEs herrscht eine geradezu niederdrückende Tristesse auf der ganz im Westen Frieslands gelegenen Insel, die zur sommerlichen Ferienzeit so überbevölkert ist wie alle anderen dieser Freizeitgeographien. Aber nachdem die letzten Blätter in Endfärbung fast moderbraun von den Bäumen gefallen sind, ist es ein Ort, zu dem allein der ohnehin depressiv Veranlagte noch Wohlgefühle zu entwickeln vermag; möglicherweise im Sinne Friedrich Nietzsches, der es beruhigend fand, wenigstens an den Tod denken zu dürfen. Außer den drei Urlaubern, die ihre im Übermaß freie Zeit in einem fein ausgestatteten Haus sowie einer minimal menschenbelebten Sauna mit Schwimmbad vertändeln und sich aus lauter Langeweile sogar einen alten Leuchtturm anschauen, ist ansonsten nirgendwo ein Mensch zu sehen in dieser von leer stehenden Gebäuden und breiten Zufahrtsstraßen beherrschten Landschaft. Hier möchtest du, meint einer der beiden rangtieferen Begleiter oder auch Leibwächter zu Frans, auch im Sommer nicht sein. Es geschieht quasi nichts. Erwähnenswert sind eigentlich lediglich die Nigerianer, von denen zwischendurch immer wieder mal die Rede ist. Die kommen schließlich auch auf die Insel, dann fährt ein Motorrad an die Seite des Autos, in dem sie sitzen, und dann sind sie tot, erschossen. Diese Szene des Films dauert kaum länger als zwei Minuten. Ansonsten weilt die Länge. Selbst dann, nachdem die Drei Texel wieder verlassen haben und aufs Festland, in die große Stadt zurückgekehrt sind. Das Spannendste der Handlung scheint noch der Umzug von Frans zu sein, und vielleicht der Besuch im Zoo von Amsterdam.

Und dieses scheinbar Langweilige erzeugt tatsächlich eine ungemeine Spannung, hergestellt durch Bilder, die für heutige, schnellschnittige Kinozeiten ungewöhnlich lang anhaltend stehen, ob auf Landschaften oder Gesichtern, außergewöhnliche Aufnahmen, die Gemälde in Erinnerung rufen, derentwegen man immer wieder ins Museum geht, um sie eines Erkenntnisgewinns willen immer wieder aufs neue zu betrachten. ›Helium‹ ist vor allem aber angefüllt von zwar angedeuteter, aber um so drastischerer Symbolik, die Sinn- und Seinsfragen abhandelt, die nun mal auch am Ende eines Ganovenlebens von entscheidender Bedeutung sein müssen; ob die eigene Endlichkeit bereits in jüngeren Jahren in Erwägung gezogen worden ist oder erst im Endstadium, das bleibt der Phantasie des Kinogängers überlassen.

Der sieht: vor allem eine offenbar seit Langem anhaltende Ödnis, die möglicherweise lediglich allein durch das aufregende Leben eines Gesetzlosen Abwechslung erfährt und die nun wieder in sich zurückmündet. Der Filmbetrachter rätselt anfänglich über die etwa ab der Mitte des Films immer wieder thematisierte Maus, die Frans in seiner neuen Wohnung rattengroß gesichtet hatte; die neue Umgebung mag auf den Versuch eines zweiten Anfangs des Lebens hindeuten. Die Maus liegt dann in einer überaus langen Einstellung, die Gedanken über den Tod nachgerade herausfordert, tot vor dem noblen Sofa – erlegt von einer Katze, die ein Glöckchen um den Hals trug. Frans war sie von der Ehefrau des engeren Mitstreiters, dem bulligen, einen Boxertypus assoziierenden John (Manou Kersting), zu dem er, wie auch zu dem aus Surinam stammenden, intellektuell wirkenden Elias (Poal Cairo), durchaus freundschaftliche Beziehungen unterhält, was szenisch immer wieder dargestellt wird, leihweise zur Verfügung gestellt worden. Dabei hatte die sich ihm gegenüber noch kurz zuvor als nicht eben allzu freundlich gesinnt gezeigt. Kaum etwas deutet auf die tierpsychologische Theorie hin, nach der ein solcher getöteter Kleinnager ein Beleg dafür sein soll, der Beschenkte gehöre fortan zur Familie der Katze. Der Betrachter assoziiert: Die tote Maus war ein Auftragsmord, der tierische Täter hat den Ort der Bluttat wieder verlassen, ward jedenfalls nie wieder gesehen.

Zuvor steht Frans mit dem Rücken zum Zuschauer im begehbaren Ankleideraum vor dem Wandschrank und bewegt die Schiebetür beinahe hospitalistisch mit zwei Fingern der rechten Hand hin und her, als ob er unschlüssig sei, tatsächlich am Ende angekommen zu sein. Als er aus dem Haus gehen möchte und deshalb die braunen (Maß-)Schuhe anzieht, die Schnürsenkel festziehen will, reißt das Band. Er zieht die braunen ohne Halt wieder aus und die vor Kurzem gekauften, gestalterisch beinahe identischen, aber nun schwarzen an. Aus einem der achtlos zur Seite gelegten Schuhe rieselt Sand, gleich dem einer Uhr; es mag der der Nordseeinsel Texel gewesen sein, auf der bereits für die Nigerianer die Zeit abgelaufen war. Mit seinem siebzehnjährigen Sohn besucht Frans den zoologischen Garten, beobachtet, wie dem einen Löwen von einem anderen die Beute streitig gemacht und weggenommen wird. In der Gefangenschaft des Zoos vegetiert auch der Silberrücken, von dem sich das Weibchen mit einem Jungen auf dem Rücken entfernt. Der Mensch im Kino nimmt auch jetzt im Gesicht des außerordentlich ausdrucksstarken Hauptdarstellers ein immer wieder kurzes, geradezu erlöst um das Ende wissendes Lächeln, aber eben auch die sofort danach wieder einsetzende unendliche Einsamkeit, hier gespiegelt im Angesicht des Primaten.

Des primären Ganoven Geschichte hat denn auch ein Ende. Es kommt so scheinbar unerwähnenswert daher wie nahezu alle dieser Einstellungen, die allesamt Stoff für einen jeweiligen Kurzfilm hergäben. Er geht nächtens hinaus, setzt sich ins edle Auto, wie alle anderen Fahrzeuge im Film bzw. der Umgebung dieser sogenannten Halbwelt angemessen, an deren Oberfläche allein das dezent Teuerste Wert vermittelt und Zusammenhalt bietet, selbstverständlich ein SUV der noblen Marken. Vor den Wischerblättern, die in des Herbstes stürmischem Regen keine Klarsicht zu schaffen in der Lage sind, verschwimmt die Szenerie gänzlich. Zwei Gestalten sind schemenhaft zu erkennen, sie könnten Waffen in den Händen halten. Dann kippt Frans am Volant zur Seite. Er ist sozusagen mausetot. Der alternde Suizidant – Jean Améry unterschied in seinem Buch ›Hand an sich legen‹ zwischen ihm und dem Suizidär, der lediglich um Hilfe ruft, und eben dem, der die Todessehnsucht ein Leben lang in sich trägt und es schließlich selbst vollendet – scheint sich seine Katzen geordert zu haben. Die gesamte Szene wirkt wie ein zum Ende eines Films einfrierendes Bild. Und tatsächlich setzt der Abspann ein.

x-defaultDer ältere Filmbeobachter hätte ohne eine Sekunde Langeweile gerne noch eine lange Weile dabei zugeschaut, wie der jüngere, 1978 geborene und zugleich altersweise Eché Janga in bisweilen end-, präziser: zeitlosen Einstellungen Abläufe und Charaktere zeigt, deren Gesichter auch in kürzeren Bildpassagen Lebensläufe unterschiedlicher Ethnien bieten, die sich in den Niederlanden zusammengefunden und einander gekreuzt haben. Selbst in den äußerst knappen Dialogen blitzen sie immer wieder zwischen den bildnerisch ohnehin ungemein narrativen Zeilen auf, die Schwierigkeiten, mit denen die aus und mit den Kolonien lebenden Niederlande trotz aller Integration, besser Assimilation nach wie vor zu kämpfen haben. Vor allem Surinam, das nördlich Brasiliens am lateinamerikanischen Atlantik gelegene Land, das erst 1975 unabhängig wurde, spielt in diesem Film eine bedeutende, wenn auch, wie filmisch insgesamt, scheinbar nebensächliche Rolle. Es handelt sich also weniger um einen Gangster- oder Ganovenfilm als um ein eigenes, wie neu erdachtes und umgesetztes Genre, quasi das wiedererfundene Rad: allein über Bilder erzeugtes Kino, hier von außergewöhnlicher Atmosphäre – die zu Gedanken über das in letzter Zeit immer virulentere Thema anregen: Über den Freitod, der einem das Lächeln zurückgibt.

(*)Das unmittelbar nach dem Urknall im Universum entstandene Edelgas Helium ist an sich ungiftig. Dennoch wird davor gewarnt, es einzuatmen, da es die Atemluft verdrängt. Orientierungsschwierigkeiten und Bewusstseinsverlust bis hin zum Tod sind die häufigsten Symptome. Opfer bemerken den Erstickungsvorgang kaum bis überhaupt nicht.

| DIDER CALME

Titelangaben
Helium
Regie: Eché Janga
Buch: Sammy Reynaert
Kamera: Tibor Dingelstad
Schnitt: Axel Skovdal Roelofs
Musik: Christiaan Verbeek
Produzent: Frans van Gestel, Arnold Heslenfeld
Darsteller:
Hans Dagelet (Frans Weeling)
Manou Kersting (John Verkerk)
Poal Cairo (Elias Wattimena)
Dennis Rudge (Henk Coutinho)

Reinschauen
| Helium – beim IFFM 2014
| Interview mit Regisseur Eché Janga (NL)
| Helium – auf imdb

Fotos
| IFFMH

Print Friendly, PDF & Email
Tags: