Sommerzählung mit unfreiwilligem Ende

in Comic

Comic | Volker Reiche: Snirks Café

Volker Reiche hat im Frühjahr und Sommer daran gearbeitet, sein Strizz-Universum in der ›FAZ‹ auszubauen. ›Snirks Café‹ hat sich aber nicht mehr so recht zur Endlos-Reihe entfalten können, denn die FAZ hat die Comicstrips aus ihrem Feuilleton gestrichen. ANDREAS ALT wirft einen Blick auf die 77-teilige Rumpfserie, die jetzt komplett bei Suhrkamp erschienen ist.

SnirkEine »wunderbare Sommer-Comic-Erzählung« verspricht der Text auf dem Buchrücken. Da soll sicher ein wenig Tucholskys Sommergeschichte ›Schloss Gripsholm‹ anklingen. Oft heißt es, das Leichte sei in der Kunst eigentlich das Schwerste. Wie ging es da Volker Reiche mit seinem Voodoohuhn?

Man konnte es schon wissen, denn der Comic war bereits vom 11. Februar bis zum 11. Juli 2014 in täglichen Fortsetzungen in der ›FAZ‹ vorabgedruckt worden. Erst in der Komplettfassung wird jedoch klar, was für eine komplizierte Konstruktion Reiche seiner Sommererzählung zugrunde gelegt hat: Täglich lieferte er frisch vom Zeichenbrett eine etwa zehn Panels umfassende in sich sinnvolle Episode. Zusammen mussten die 77 Fortsetzungen eine Geschichte mit Hand und Fuß ergeben, die im Umfeld seines bereits 2002 entwickelten ›Strizz‹-Universums angesiedelt ist (Strizz und weiteres Personal dieser Serie kommen am Rande in ›Snirks Café‹ vor). Dabei sollte möglichst oft Tagesaktualität einfließen. Am Ende stellt er zum Beispiel Bezüge zur damals laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien her.

Reiche gelingt all das – mehr oder weniger, aber für eine »wunderbare Sommererzählung« ist das dann doch ein zu enges Korsett. Tatsächlich neigt die Geschichte zu wilden Bocksprüngen und droht andererseits mehrmals zu versanden. Man kann das dem Comicautor nachsehen, denn am Ende bringt er dennoch eine halbwegs stimmige, halbwegs unterhaltsame Reisegeschichte zuwege. Man fragt sich aber, ob das rigide Regelwerk wirklich notwendig war oder ob er sich zumindest einen groben Plot hätte zurechtlegen sollen.

Aktuelle Bezüge haben nach einem halben Jahr an Reiz verloren

Das hat er offenbar – wie zuvor bei ›Strizz‹ – nicht getan. Die Querverweise zum Tagesgeschehen hätte er wohl besser sparsamer gehalten. Für den Zeitungsleser sind sie zwar nicht ohne Reiz, aber wer sich gut ein halbes Jahr später die abgeschlossene Geschichte zu Gemüte führt, nimmt sie eher als störend wahr; die Aktualität ist weg. Oder Reiche hätte auf eine in sich abgeschlossene Erzählung verzichten müssen.

Was wird da eigentlich erzählt? Der Titelheld ist ein jüngerer Wiedergänger von Strizz, also ein sympathischer Taugenichts, der nicht recht weiß, was er aus seinem Leben machen soll. Seine Freundin Julia, eine Gesangslehrerin, hält ihn in seinem Leben so einigermaßen auf Kurs. Eine vage Geschäftsidee hat er im Kopf, eben ›Snirks Café‹, das aber kein Café, sondern eine kleine Beratungsfirma werden soll. Das passende Business-Geschwurbel wäre für Snirk kein Problem (da erinnert er am meisten an Strizz). Aber sonst weiß er bisher nicht viel mehr, als dass er Startkapital brauchen wird (wohl vor allem, um die anfängliche Durststrecke zu überstehen). Dafür käme ihm das Erbe seines Großvaters gerade recht, das dieser möglichst noch mit warmen Händen auszahlen soll.

Doch der verschrumpelte, gleichwohl beängstigend vitale Greis hat eine unerfreuliche Nachricht: Snirks verschollener Vater lebt, wie Opa erfahren hat, auf der Südseeinsel Curacao und hat dort womöglich eine neue Familie gegründet. Snirk wird beauftragt, vor Ort nachzusehen, mit wie vielen Personen er sein Erbe voraussichtlich zu teilen hat. Begleitet wird er dabei von Opas Kumpel Kurti, der wie einst Harpo Marx keine Lust hat zu sprechen und sich stattdessen mit kleinen Zeichnungen verständigt. Am Ende kehrt Snirk zwar nicht materiell, aber menschlich bereichert zurück.

›Snirk‹ konnte nicht mehr zur Endlos-Serie werden

Man sieht: Ein ordentlicher Spannungsbogen, ein Konflikt, der eine längere Erzählung trägt, fehlt ›Snirks Café‹ – von einem Tag zum nächsten ist so etwas auch schwer zu entwickeln. Aber »Sommererzählung« muss auch nicht bedeuten, dass die Geschichte nur so dahinplätschert. Vielleicht hat Reiche gehofft, dass ›Snirk‹ eine Endlos-Serie wird wie ›Strizz‹ – oder ganz in den ›Strizz‹-Kosmos einmündet. Dann bräuchte man keinen Spannungsbogen und könnte das Plätschern hinnehmen. Dann könnte man in der ›Snirk‹-Serie einfach heimisch werden und neugierig sein, was die nächste Fortsetzung bringen wird. Am Ende von ›Snirks Café‹ wird übrigens tatsächlich eine Fortführung in der ›FAZ‹ angekündigt. Die kam aber nicht zustande, weil das Herausgebergremium kurz zuvor beschloss, die täglichen Comicstrips im Feuilleton einzusparen.

Die einzelnen täglichen Episoden sind durchaus fast immer gelungen. Hier kommt Reiche seine langjährige Erfahrung mit ›Strizz‹, zuvor bereits mit ›Mecki‹ zugute. Aber insgesamt wirkt die Geschichte ein wenig wie ein Lückenbüßer, zur Überbrückung der Zeit bis zum nächsten großen Fortsetzungsprojekt. Schade, dass es dazu nicht mehr gekommen ist. Und schade, dass nach mehr als zehn Jahren großer Comicstrip-Kunst in der FAZ – vor allem von Volker Reiche – die Tradition ein etwas klägliches Ende nimmt.

| ANDREAS ALT

Titelangaben
Volker Reiche: Snirks Café
Berlin: Suhrkamp 2014
112 Seiten, 14 Euro
| Leseprobe

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