Auszug aus der Einbahnstraße

in Roman

Roman | Markus Öhrlich: Die beste erstbeste Gelegenheit

Den komprimierten Roman Die beste erstbeste Gelegenheit von Markus Öhrlich hat STEFAN HEUER für TITEL kulturmagazin gelesen. Hier seine Leseerlebnisse.

Öhrlich-GelegenheitIch saß am Strand, genoss das mitgebrachte Sushi und beobachtete meinen Sohn, der zwischen den Felsen schnorchelte, als ich im Ohrenwinkel eben jenes Geräusch wahrnahm, das in jedem Urlaub eine nicht zu unterschätzende Zäsur darzustellen vermochte: Meine Frau hatte ihr Buch zu Ende gelesen, zugeschlagen und zur Seite gelegt.

Ich wusste, dass sie damit alle Bücher, die sie mitgenommen hatte, durch hatte, und die Erfahrung sagte mir, dass sie sich nun an der von mir mitgebrachten Lektüre zu schaffen machen würde. Ob ich denn was empfehlen könne. Nun ja, ich hatte Kurzgeschichten von Jörg Fauser dabei, auf den steht sie nicht so, und auch mit den von mir verehrten, im Reitsport-Metier angesiedelten Krimis von Dick Francis wird sie nicht so richtig warm. Blieb noch das dünnste der mitgeführten Bücher, der knapp 60-seitige Roman Die beste erstbeste Gelegenheit von Markus Öhrlich.

60 großzügig gesetzte Seiten sind im Urlaub natürlich nichts, und so dauerte es nur eine knappe Stunde, bis sie auch dieses Buch ausgelesen hatte. Nach ihrem Eindruck befragt, antwortete sie, und ich zitiere wörtlich: »Langweilige Kunstkacke, scheiße zu lesen!« Kein Problem, ist unsere Ehe doch gleichzeitig eine Freundschaft und hält Meinungsverschiedenheiten aus. Es ist nicht so wie mit meinem Freund Marc aus der Grundschule, mit dem ich mich über Monate nicht zum Spielen traf, weil ich den Pottwal cooler fand, während er den Blauwal favorisierte. Jedoch gönne ich mir als emanzipierter (Ehe)Mann den Luxus einer eigenen Meinung, die zumindest in diesem speziellen Fall lautet: Mir gefällts!

Nun kenne ich meine Frau und ihre literarischen Vorlieben schon ein paar Jahre und weiß auch genau, warum ihr Die beste erstbeste Gelegenheit nicht gefällt. Ohne es abwertend zu meinen, denn schließlich darf ja jeder lesen und mögen, was er möchte, ist sie eher die Fantasy-Leserin, die sich durch siebenhundertseitige Kracher ackert, weil ihr die Stimmung gefällt, das Gut gegen Böse, all die Landschaften, Ahnengalerien und Trolle – und Markus Öhrlichs komprimierter Roman bietet von alldem nicht viel. Wer auf über Absätze gehende Beschreibungen eines königlichen Gewandes steht, ist hier falsch.

Die beiden Protagonisten benehmen sich nach konventionellen Maßstäben seltsam und werden forsch in die Handlung geworfen. Da ist Beerwitz, ein Mann, der seit 15 Jahren in seinem hellblauen Büro (wegen der günstigen Wirkung der Farbe auf seinen zu hohen Blutdruck) am Entwurf einer Sozialphilosophie tüftelt und, um es mit den Worten seines Arztes zu sagen, den »Zustand einer verfestigten Erwartungsspannung« zeigt. Theoretische Grübeleien, bei denen nichts rumkommt oder gar fertig wird. Ein ganz anderes Kaliber ist da schon Melli »Meise« Hagelsteiner, eine Zugbegleiterin, deren »Charakterzug Selbstregulation schwachbetont ist, was bedeutet, dass ihr eigen ist, Bedürfnissen schnell bis immediat nachzugeben, Handlungsinitiierung einer –planung in jedem Fall vorzuziehen

Ihre Spontaneität und diverse Lustkäufe sorgen für Verspätungen und Chaos am Gleis – weshalb sie »voll saloppfähig« ihren Vorgesetzten zuvorkommt und ihren Job kündigt, was sie als Befreiung empfindet, als »Auszug aus der Einbahnstraße«. Beerwitz und Meise Hagelsteiner machen sich Luft, geistig und auch räumlich, und brechen gemeinsam auf, um Meises Eltern mit einer Ladung aussortierter Bücher zu überraschen (wobei Beerwitz sich eine erotische Beziehung oder wenigstens eine Orgie erträumt …). Schnell zeigt sich, dass auch Meises Familie nicht ganz knusper ist. Ihr im Nachbarhaus wohnender Bruder Fritz, der irgendwie auf einem schlechten Trip hängen geblieben zu sein scheint und sich seinen Opa für seinen Vater vormachen lässt, trifft sich von Zeit zu Zeit mit »Fräulein Chamäleon, einer Tapetenechse aus Pappe im Maßstab 12:1« (alles klar soweit?!). Und auch Meises Mutter und ihr Opa sind nicht von schlechten Eltern …

Ob ich das alles richtig verstanden, richtig gedeutet habe? Keine Ahnung! Eine an vielen Stellen gegen jede Vernunft, Gewohnheit oder Regel eingesetzte Sprache führt dazu, dass man manchmal nur raten kann, wer oder was gerade dieses oder jenes sagt, tut oder denkt. Vieles bleibt undurchsichtig, und diese Diffusion hat Methode, dient sie doch als Spiegel verwaschener Erinnerungen und durch die Jahre aufgebauter Verunsicherung. Manches erinnert an Loriots Bundestagsrede, in welcher der Redner vieles andeutet, wo viel geredet und nichts gesagt wird: »Mit einemmal kommt es ihm so vor, als ob – und zwar im Sinne der Lehre vom Nutzwert menschlicher Annahmen –, als hielte die Luftstadt zusammen. – meine Damen und Herren, um dies hier mal in aller Deutlichkeit zu sagen…«

Die beste erstbeste Gelegenheit ist im Grunde die Liebesgeschichte eines mehr als ungleichen Pärchens, darüber hinaus aber auch ein Buch über Verschiebungen in der Wahrnehmung der Zeit, über das Warten und Erfahren und die Hoffnung, über Zeitraffer und Zeitlupe in Hirn und Herz. Gut gemacht!

| STEFAN HEUER

Titelangaben
Markus Öhrlich: Die beste erstbeste Gelegenheit – komprimierter Roman
Grabenstetten: Bank Druck Verlag 2014
60 Seiten. 8,50 Euro