Annäherungen an die Liebe

Kinderbuch | Leen van den Berg: Vom Elefanten, der wissen wollte, was Liebe ist

Es gibt Fragen, die schwierig sind. So schwierig, dass sie sich einer schlichten Antwort entziehen. So schwierig, dass sich nicht nur Dichter und Denker seit Menschengedenken darüber den Kopf zerbrechen und versuchen, die Antwort in Worte zu fassen. So schwierig, dass eine Antwort fast unmöglich scheint. Fast. Von ANDREA WANNER

ElefantenEs ist der Elefant, der für die Versammlung der Tiere eine Frage mitgebracht hat. Gemeinsam wollen sie versuchen, die Antwort zu finden. Dazu sind sie wie jedes Jahr auf ihren Hügel gestiegen. Anders als sonst hat aber nicht Herr Schildkröte den Vorsitz, da seine Frau krank ist, sondern leitet eine Ameise die Sitzung. Zielstrebig, ehrgeizig und äußerst effizient will sie zeigen, was in ihr steckt, mahnt die Teilnehmenden zu knappen Antworten, protokolliert akkurat und in bestem Beamtenton, schnörkellos, knapp. Zunächst muss sie dafür sorgen, dass der Elefant endlich seine Frage formuliert. Da tut er, wenn auch zögernd: »Woher weiß man, dass man jemand liebt?«

Die Antworten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen in Form von Erinnerungen, kleinen Gedankensplittern, spontanen Eingebungen. Jede und jeder kann etwas zu diesem Thema beitragen. Herr Maus erinnert sich das Gefühl, das er hatte, als er seine Geliebte das erste Mal sah. Schneewittchen berichtet davon, wie sie beim Küssen ihres Prinzen alles andere vergisst. Und ausgerechnet der Stein gesteht, dass es ihm immer schön warm ist, wenn seine Liebste neben ihm liegt. Das Meer, die Wolken, der Apfelbaum, der Eisbär, die Sonne, die Schneeflocken, die Großmutter und andere mehr teilen mit den anderen das, was für sie Liebe ist. Dinge, Tiere, Menschen: Alle kennen das Gefühl. Am Ende fasst der Akrobat die Einblicke und Fragmente schlicht zusammen: »Das ist es. Das alles ist es.«

Antwort genug für den Elefanten, der eilig die Zusammenkunft verlässt. Ebenso wie alle anderen. Die Letzte, die geht, ist die Ameise. Und auch sie fasst das Gehörte für sich zusammen: »So ein Unsinn.«

»Es ist Unsinn, sagt die Vernunft«, beginnt Erich Frieds Liebesgedicht ›Was es ist‹. Und aus der Sicht der Vernunft stimmt es. Es ist Unsinn. Es braucht den Blick der Liebenden und der Liebe selbst um das Wesen der Liebe zu begreifen: »Es ist was es ist,
sagt die Liebe«. Mit dieser Perspektive hat sich die niederländische Autorin Leen van der Berg der Frage genähert, hat gesammelt, zusammengetragen und den Liebenden poetische Bilder von dem, was die Liebe ausmacht, in den Mund gelegt. Für jeden und jede ist sie anders, immer wieder neu und immer wieder gleich. »Unsinn«, wenn man die Frage rational und nüchtern angeht. Rosarot, voller Herzklopfen und unbeschreiblich schön, wenn einen das Gefühl selbst erwischt hat, wenn man liebt.

Kaatje Vermeire begleitet das Liebesgedicht, zu dem die Geschichte wird, mit außergewöhnlichen Illustrationen in zarten Tönen, eine Mischung aus Buntstiftzeichnungen, Druckgrafik und Collage, die wie hingehaucht wirkt. Grau, grün und rosarot sind die Farben, in denen sie ihre Bilder komponiert, und die eine eigene, faszinierende Welt herbeizaubern. Emsige Ameisen krabbeln über die Buchseiten und versuchen durch ihr »sinnvolles« Tun eine Welt zusammenzuhalten, die längst ihren eigenen Regeln gehorcht. In einem Reich, das dem verlorenen Paradies gleicht, tummeln sich Menschen und Tiere, lösen sich vor dem Hintergrund auf, scheinen Luft und Licht zu werden. Das ist eben die Liebe.

Ihr Gegenstück sind die Dunkelheit und die Einsamkeit, Erfahrungen, die das Ende der Geschichte markieren und beschreiben, wie es der Ameise geht. Ungern lässt man sie auf der letzten Seite zurück. Alleine. Und wünscht ihr, dass sie irgendwann auch einmal diese wundervolle Erfahrung machen wird, die man Liebe nennt. Und die in diesem Bilderbuch so treffend eingefangen wird.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Leen van den Berg: Vom Elefanten, der wissen wollte, was Liebe ist
(De vraag van Olifant, 2011)
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Mit Illustrationen von Kaatje Vermeire
Hildesheim: Gerstenberg 2014
32 Seiten, 14.95 Euro
Kinderbuch ab 4 Jahren

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