Von menschlichen Bären und affigen Menschen

in Comic

Comic | Stefano Ricci: Die Geschichte des Bären

Im Sommer 2006 beschäftigte ein Braunbär, den die Medien auf den Namen Bruno tauften, Mittelosteuropa. Denn der aus einem italienischen Nationalpark entflohene Bär zog durch die Länder, bis er über die österreichisch-deutsche Grenze nach Bayern kam, wo der vermeintliche Problembär, der einige Schafe gerissen hatte, schließlich vom damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) zum Abschuss freigegeben wurde. Die Empörung war damals groß, Tierschützer mokierten sich über die Tötung des Tieres. Über Bruno hat jetzt Stefano Ricci einen sehr alternativen, schwierigen und wunderschönen Comic verfasst: ›Die Geschichte des Bären‹. PHILIP J. DINGELDEY hat sich das sonderbare Werk für uns angesehen.

Die_Geschichte_des_Baeren_Cover_webVieles an diesem über 400 Seiten langen Comic mutet sehr speziell an. Kein Wunder: Ist doch Ricci schon seit Langem eine prägende Größe in der Alternativcomicszene. Verschiedene Handlungsstränge mischen sich und lösen sich wieder auf. Da ist zum Beispiel der Bär Bruno selbst, der sehr vermenschlicht dargestellt wird, etwa sprechen, telefonieren und menschliche Arbeitsgeräte bedienen kann. Anstatt dass Bruno hier einfach erschossen wird, findet ihn eine junge Frau, Antje, angeschossen im Wald und nimmt ihn mit. In dieser kontrafaktischen Geschichte bringt sie ihn zu einem Landarzt, der mit seinen Schweinen kommunizieren kann und den Bären versorgt, bis dieser mit der jungen Frau nach Hamburg fliehen kann.

Fast noch präsenter als der Bär selbst ist der Arzt Manfred. Man sieht ihn Bruno versorgen, sich mit Tieren unterhalten und beobachtet ihn bei einem faszinierenden Kneipenbesuch, bei dem er wohl auf den Jäger trifft, der Bruno anschoss, ohne dies jedoch zu erfahren. Daneben gibt es noch die Geschichte des Ich-Erzählers, einem Rettungssanitäter, der mit einem ignoranten Kollegen durch die Landschaft fährt, über allerlei Politisches und Privates sinniert und auf für ihn schockierende Dinge bei seinen Fahrten stößt.

Über all dem schwebt immer die Verarbeitung des italienischen Faschismus, verbunden mit den Biographien des Sanitäters oder Manfreds Gesprächspartner in der Kneipe. In einem langen Bericht etwa wird die Geschichte des Großvaters des Ich-Erzählers aufgearbeitet, der erst an der Seite der Faschisten kämpfte und dann zu den Partisanen überlief. Ob dieser Großvater mit Nachnamen Ricci ein Verwandter des Verfassers ist, bleibt bis zuletzt unklar. Auch Mauerfall und Wiedervereinigung Deutschlands spielen immer wieder eine Rolle.

Abb: Avant-Verlag
Abb: Avant-Verlag
Ist diese an sich melancholische Geschichte schon seltsam (und faszinierend) genug, so setzt Ricci mit seinen grandiosen Zeichnungen noch einiges drauf: In dem quaderförmigen Band macht ein Bild jeweils eine Doppelseite aus, Ricci verzichtet auf Panelgräben, es finden sich kaum Sprechblasen, und wenn doch, dann rudimentär in weißer Schrift auf schwarzem Grund. Dafür wimmelt es von Bildunter- und überschriften, die auf dem ersten Blick selten zu Bild und Inhalt passen und daher die Geschichte auf eine weitere Metaebene setzen. Mit schwarzer Acrylkreide hat Ricci bei diesem Comic grobe, manchmal ungenaue, oft sehr abstrakte Zeichnungen auf Karton aufgetragen. Ja, es lässt sich sogar spekulieren, dass er zuweilen noch transparente Stoffe über die Zeichnungen geklebt oder auf diese zusätzliche Weiß- und Grautöne aufgetragen hat. Damit würden nicht nur Konturen und Lichteffekte geschaffen, sondern die Unschärfe der Bilder noch erhöht werden.

Diese spezielle Technik wird noch durch den rein in Schwarz-Weiß gehaltenen Stil, der stets sehr düster und trostlos wirkt, unterfüttert. Die Aura einer allumfassenden, aber nie näher definierten Bedrohungsperzeption ist hier allgegenwärtig und total.

Ebenfalls ist die optische Darstellung der Protagonisten sehr interessant, denn hier verwischen die Grenzen zwischen Mensch und Tier: Während Bruno und die Schweine vermenschlicht werden, ist der Ich-Erzähler etwa als Hase dargestellt, sein Kollege als Affe, und die optische Form des Gesichts des Jägers bleibt undefinierbar. Rein menschlich sind hier im Grunde nur Manfred und Antje.

Riccis Werk ›Die Geschichte des Bären‹ wirft mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Der düstere, sehr kunstvolle und melancholische Comic wirbelt mit Bruno zahlreiche Themen des Verhaltens zwischen Lebewesen, besonders im Zwanzigsten Jahrhundert auf, ohne diese explizit zu kontextualisieren. Dennoch ergibt sich in diesem einzigartigen Kunstwerk eine abstrakte und verwischte Melange des menschlichen Verhaltens – sowohl was die Liebe von Menschen zu Menschen und Tieren als auch die düstere Gewalt und Bedrohung, die von uns ausgeht, betrifft.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Stefano Ricci: Die Geschichte des Bären
Berlin: Avant Verlag 2014
432 Seiten, 34, 95 Euro

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