In Auflösung befindlich

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Yanis Varoufakis: Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft

Bei meinem Schwager fuhr ich mal mit. Moto Guzzi. Meine Brüder besaßen Maschinen, eine Zeit lang. Es gibt Dinge, die schiebst du für dich auf oder streichst du. Nein, aus der kurzen Sequenz in den Nachrichten ließ sich kaum erkennen, was für eine Maschine der griechische Finanzminister fährt. Das ist auch nicht das Thema. Und seitdem er im Amt ist, kommt es häufiger vor, dass er fliegt, er fliegt Economy – er »tourt« durch Europa, so missgünstig formulieren das unsere Nachrichtenredakteure. Von WOLF SENFF

MinotaurusMotorrad fahren, kann man das sagen, ist ähnlich wie Segeln auf festem Boden, man nimmt die Welt aus veränderter Perspektive wahr, schon sind wir beim Thema.

Neues Licht

Yanis Varoufakis stellt das Zwanzigste Jahrhundert auf die Füße. Wer wollte heutzutage noch allen Ernstes behaupten, dass die USA nach Kriegsende den Marshallplan aus moralisch noblen Motiven durchgeführt hätten. Ach der gute Uncle Sam. Irgendwann wird auch der Neffe erwachsen, die Zeit von Osterhase und Weihnachtsmann ist abgelaufen, und nun will er wissen, was wirklich geschah.

Varoufakis wirft nicht bloß neues Licht auf die vergangenen Jahrzehnte, er stellt auch kluge Fragen: »Wie passt radikale Skepsis gegenüber dem Staat zu einer geradezu religiösen Hingabe an die Vorstellung, dass die Ergebnisse des Marktes definitionsgemäß optimal sind?«

Der Hegemon gestaltet

Es läuft darauf hinaus, dass für ihn das Gerede von ›Markt‹ reine Ideologie ist, ein Schleier, der die realen Verhältnisse verbirgt. Die maßgeblich gestaltenden Faktoren der Ökonomie lägen bereits in den unmissverständlichen Akzentsetzungen seitens der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem im Bretton-Woods-Abkommen von 1944, das den US-Dollar zu einer Ankerwährung mit fester Bindung an die Wechselkurse der übrigen Nationen erhob.

Auf dieser Grundlage sei ein »globaler Plan« entstanden, der die Handelsüberschüsse der USA zum Teil als Direktinvestition in von den USA protegierte Staaten weiterleitete. Die eigene Überschussproduktion verlässlich in seine Provinzen zu exportieren, sollte sich als zentrale Bedingung für ökonomische Stabilität des Hegemons erweisen.

Der ›Globale Plan‹

Die USA hätten gezielt die Nachfrage und Kapitalakkumulation in Japan und in Deutschland gefördert, so dass mit dem finanziellen Zentrum USA drei industrielle und monetäre Zonen entstanden seien, die für rund zwei Jahrzehnte nach dem Weltkrieg, »die erste Nachkriegsphase«, eine optimale Herrschaftsstruktur darstellten. So gesehen stehe auch hinter dem Prozess der europäischen Einigung das »lange, beharrliche Bemühen der politisch Verantwortlichen in Washington«.

Ein zentraler Schwachpunkt, eine »Achillesferse«, sei bereits in den Vereinbarungen von Bretton Woods angelegt gewesen, und zwar die Tatsache, dass – entgegen dem damaligen Vorschlag von John Maynard Keynes – für den Umgang mit anhaltenden Ungleichgewichten der Handelsbilanzen keine globalen Kontrollmechanismen vorgesehen waren, und schon gar habe seinerzeit niemand daran gedacht, dass die USA je in die Rolle eines defizitären Staates geraten könnten.

Das Zentrum des Planeten

Ungeachtet geostrategischer Rückschläge wie »Maos unerwartetem Sieg und dem Scheitern des ursprünglichen Plans, aus dem chinesischen Kernland einen großen Markt für japanische Industrieprodukte zu machen«, datiert Yanis Varoufakis diese Phase des ›Globalen Plans‹ für den Zeitraum von 1950 bis 1971.

Vor allem durch die Kosten des Vietnamkriegs seien die USA gegen Ende dieses Zeitraums hoch verschuldet gewesen, und im August 1971 kündigte Richard Nixon die Vereinbarung von Bretton Woods auf, indem er die noch bestehende nominale Goldbindung des Dollars annullierte. Der Dollar wurde endgültig zur Reservewährung, d.h. auch sämtliche Rohstoffgeschäfte wurden in Dollar abgewickelt, Wall Street wurde zum finanziellen Zentrum des Planeten.

Destabilisierung als globale Strategie

Yanis Varoufakis beschreibt diese Ereignisse als einen Ausdruck kaltblütiger Machtpolitik, er zitiert Paul Volcker, der bereits 1978 die »kontrollierte Desintegration der Weltwirtschaft« als »legitimes Ziel für die 1980er-Jahre« einordnete. Das klingt abenteuerlich, und allzu gern würde man das als Verschwörungstheorie abtun. Aber das Zitat ist verbürgt, und Paul Volcker war langjähriger Notenbankpräsident der USA. Er wusste, wovon er redete.

Der IWF fungierte als Werkzeug, Varoufakis nennt Beispiele. U.a. die Schuldenkrise der Dritten Welt Mitte der siebziger Jahre; dafür, dass Staaten – wie wir es gegenwärtig an Griechenland erleben – gegen Finanzhilfe gezwungen wurden, ihren öffentlichen Sektor beträchtlich zu reduzieren und wertvolles Staatsvermögen komplett an westliche Firmen zu übertragen – eine gezielte Destabilisierung staatlicher Strukturen. Der ›Globale Plan‹ war zu einem ›Minotaurus‹ mutiert, jenem Ungeheuer, das in ein Labyrinth verbracht werden musste und nur durch regelmäßige Menschenopfer zu beruhigen war.

Der Minotaurus geht zu Boden

Diese zweite Phase sei mit der Krise von 2008/2009 beendet, »das Untier liegt am Boden«. Die Lage sei jedoch nach wie vor besorgniserregend, denn »wie in einem Zombie-Film saugten die untoten Banken ihre Kraft aus dem Staat und wandten sich dann sofort gegen ihn. In Europa wie in Amerika zittern die Politiker angstvoll vor den Banken, die sie doch gestern erst gerettet haben«.

Er sieht die westliche Welt nach 2008 in einer Phase kompletter Irritation und politischer Ratlosigkeit. Er nennt diese neue Welt sinnigerweise eine »Bankrottokratie«. Das Geschehen summiert sich zu einer spannenden Erzählung, Griechenland hat eine jahrhundertelange Tradition spannenden Erzählens, eine bewundernswerte Kultur, aber man kann sich bedauerlicherweise nicht davon befreien, dass Yannis Varoufakis nicht einen Roman verfasst, sondern reale Gegenwart beschreibt.

Politisch tonangebende Banken

Der Geithner-Summers-Plan habe in den USA »die Macht der Banken, den Staat zu erpressen, erhöht«, und ESFS bzw. ESM ›Euro-Rettungsschirm‹ sei dessen europäisches Remake. Der Minotaurus liege am Boden, aber wir würden von den »Helfern des Minotaurus« regiert; Varoufakis sieht die Gegenwart als eine Zeit »voller Spannungen, die künftige Generationen mit Unruhe und Aufruhr in einem Ausmaß bedrohen, wie wir es uns heute noch gar nicht vorstellen können«.

Vanoufakis erklärt die wechselhafte Entwicklung des regionalen Hegemons Japan, der ersten hoch entwickelten kapitalistischen Volkswirtschaft, die nach Mitte der 1930er Jahre in einer »rezessionären Liquiditätsfalle« steckte ähnlich der gegenwärtigen Situation in den USA und Europa, wo im Unterschied zu Japan die Banken politisch tonangebend seien.

Auflösungserscheinungen

Und er beschreibt »Deutschlands Europa«, dessen strukturelle Probleme, die Fehler im Umgang mit dem griechischen Defizit und das perfide Vorgehen von Banken, die auf den Staatsbankrott Griechenlands Wetten abgeschlossen hätten. Die den Defizitstaaten aufgezwungenen Sparprogramme hätten die Rezession verschärft, anstatt sie zu lindern. Varoufakis zeigt ökonomische Maßnahmen zur Minderung oder sogar Lösung der krisenhaften Spannung und räumt gleichzeitig ein, dass die gegenwärtigen innereuropäischen Machtstrukturen diesen Lösungen im Wege stünden.

Generell konstatiert er jedoch eine Auflösung traditioneller Machtblöcke, die Welt befinde sich »in einem Zustand permanenter Instabilität, chronischer Unsicherheit und einer möglicherweise lange anhaltenden Depression«. Erforderlich seien politische Vorgaben, um die zu beschreitenden Wege zu markieren.

Ein erstaunliches Lesevergnügen

Die Darstellung ist außerordentlich detailliert und faktenreich, manche aufschlussreiche Argumentation kann hier gar nicht wiedergegeben werden, so etwa die Bezugnahme auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 nebst diversen Hinweisen auf die Parallelen zur Gegenwart.

Sie ist von anschaulicher Klarheit und bleibt von wenigen Ausnahmen abgesehen auch für den mit ökonomischen Texten wenig vertrauten Leser verständlich. Die überzeugende Bildkraft der Sprache macht das Lesen zu einem Vergnügen. Wer sich den Sachverhalt dennoch mit ökonomischer Fachsprache erschließen möchte, dem sei die umfangreichere akademische Version empfohlen.

| WOLF SENFF / Titelfoto: © Antje Kunstman Verlag

Titelangaben
Yanis Varoufakis: Der globale Minotaurus. Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft
(The Global Minotaur. America, the True Origins of the Financial Crisis and the Future of the World Economy. London 2011. Übersetzt von Ursel Schäfer)
München: Kunstmann, 2012
288 Seiten, 19,95 Euro
| Leseprobe

Blog von Yanis Varoufakis, Joseph Halevi, Nicolas Theocarakis:
Modern Political Economics. Making sense of the post-2008 world