Japan liegt an der Ostsee

in Roman

Roman | Christoph Peters: Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln

Hatte der Autor Christoph Peters die Absicht, einen Roman über eine aussterbende Berufsgattung zu schreiben? Oder gibt er der Agentur für Arbeit Tipps für Berufsinformation einmal anders? Jedenfalls wählt Peters in seinem neuen Roman ›Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln‹ – wie zuvor schon in ›Mitsukos Restaurant‹ (2009) – erneut ein kulturell etwas abseitiges Thema, den fast ein wenig marginal erscheinenden Beruf des japanischen Zen-Töpfers. Der Autor blickt dabei mit viel Humor auf diese alte fernöstliche Handwerkstradition, die sich ein deutscher Wandergeselle mit gewerkschaftlich erkämpften Rechten nicht freiwillig aussuchen würde. Was Peters uns in dieser Geschichte erzählt, haben selbst Kenner früher Japan-»Soaps« wie ›Shogun‹ (1982) nicht für möglich gehalten. Von HUBERT HOLZMANN

Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln von Christoph PetersDer norddeutsche Autor Christoph Peters erzählt in seinem sehr kuriosen Roman ›Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln‹ die Geschichte seines Freundes, des norddeutschen Keramikers Jan Kollwitz, dem er bereits 2010 den Dokumentarband Japan beginnt an der Ostsee gewidmet hat.

Im Roman heißt dieser junge Töpfer Ernst Liesgang – Peters wählt einen sprechenden Namen, denn dem Künstler der Kollwitz-Familie sind Ernsthaftigkeit und Bildung sowie Zurückhaltung, eine Eigenschaft der Zen-Mönche, nicht abzusprechen. All dies verkörpert auch Peters Held Ernst, der in Japan die traditionelle Töpferkunst erlernen wird und sich nach seiner Ausbildung im Jahr 1989, wieder zurück in Deutschland, neben seiner Werkstatt einen eigenen japanischen Brennofen errichten lässt.

Ikebana mit »Buletten« aus Ostholstein

Natürlich reist hierzu eigens der alte japanische Ofenbauer Yamashiro mit seinem ganzen Hofstaat nach Schleswig-Holstein an, im Gepäck also Kind und Kegel und eigener Hausrat. Was der Romancier Peters hier auf sehr burleske Weise zu berichten weiß, hat sich so oder vielleicht noch viel kurioser in einem kleinen Klosterdorf in Ostholstein in den 90er Jahren wirklich zugetragen. Der Leser quittiert diese zahllosen Einfälle, Unfälle, Zufälle mit herzhaftem Lachen oder fassungslosem Kopfschütteln.

Peters erzählt aus voller Überzeugung und fühlt sich geradezu berufen, diese Geschichte weitergeben zu müssen: die Geschichte der traditionellen japanischen Töpferkunst, der bereits in den späten 20er Jahren deutsche Gelehrte auf Japanreisen begegnet sind; die Geschichte des jungen Ernst Liesgangs, der beim japanische Meister Furukawa in die Lehre geht; die Geschichte vom Bau eines eigenen Holzbrandofens in Deutschland.

Unglaubliches können wir in Peters’ Roman lesen: die mit unserem westlichen Verständnis kaum einzuordnenden japanische Höflichkeitsregeln, die es für alle Bereiche des Lebens zu geben scheint, für die Begrüßung, für Einladungen, am Tisch und bei Konversation. Wir lernen viel über religiöse Vorstellungen, über den Geisterglauben und über japanisches Verständnis von Ironie. All diese Zwischentöne vernehmen wir, wenn wir die beiden Welten, die der japanischen Meister sowie die des noch jungen und unerfahrenen Ernst Liesgangs, aufeinanderprallen sehen. Jedoch Liesgang lernt schnell, vor allem sich unterzuordnen und seinen Meister zu beobachten.

Christoph Peters bereitet diese Erfahrung für uns Leser dabei recht didaktisch auf und schaltet sich zur Genüge ein mit Voice-over-Erklärungen, die uns die Erlebnisse des jungen Töpfers in der fremden Kultur verdeutlichen, etwa der Fauxpas, dass Liesgang sich auch für andere japanische Töpferwerkstätten interessiert: »Als Ernst sich einen Bildband über Ito Hidetoshi kaufte, kam es zu einer dreitägigen Krise, da Herr Furukawa den Kauf als Mangel an Vertrauen in seine Fähigkeiten als Lehrer betrachtete.« Auch das Besondere des Ofenbaus wird uns Lesern mit Akribie von Christoph Peters erklärt – doch greift der Schriftsteller hier in die epische Trickkiste.

Er übernimmt nicht als allwissender Erzähler selbst die Aufgabe des Lehrmeisters, sondern instruiert hierfür sein reichliches Personal, das beim Ofenbau anwesend ist: Ernst Liesgang selbst, seine Freunde vor Ort oder das extra angereiste Filmteam dolmetschen manchmal im nebenbei die fremde Kultur. Im Dialogischen kommen die Erläuterungen jedoch manchmal schon dozierend, das heißt überdeutlich an. Und so fühlen wir uns stellenweise selbst wie die neugierige Nachbarschaft vom platten Land, das unbedarft Mettwurstbrötchen und Bratkartoffeln anschleppt, um den fernen Gast zu erfreuen.

Merkwürdigerweise scheinen diesem nämlich die eigens mitgebrachten japanischen Spezialitäten gar nicht zu munden: »Als er seine Stäbchen beiseite legte und sich mit mürrischem Gesicht zurücklehnte, … sagte Herr Yamashiro, dessen ostentatives Schweigen nach und nach alle anderen hatte verstummen lassen: ›Ijah!‹ – Die gute Stimmung auf der japanischen Seite erstarb schlagartig. Selbst die Kinder erstarrten mitten im Gezänk und brachten keinen Ton mehr heraus. ›Was hat er gesagt‹, fragte Martina halblaut …, woraufhin Ernst ihr mit glühenden Wangen die Sojasaucen-Flasche reichte und raunte: ›Dieses Wort bedeutet sinngemäß, daß es ihm ganz und gar überhaupt nicht geschmeckt hat.‹« Und es folgt eine kürzere Abhandlung über die japanische Küche.

Viel Wissenswertes in einem dokumentarischen Roman

Ernst Liesgang kennt diese spezielle japanische Art natürlich bereits aus seiner Ausbildungszeit aus Japan. Hat er sich doch dort als Lehrling komplett den Regeln des Meisters unterwerfen müssen, um in Isolation und Askese diese Zen-Kunst lernen zu dürfen. Da ist es für den jungen Liesgang ganz normal, im ersten Jahr nur einfache Tonbecher zu fertigen, mit dem Ergebnis, dass der Meister nahezu alle Stücke immer wieder aufs Neue verwerfen wird. Sodass der junge Deutsche nach diesem Jahr erstaunt die Stückzahl hochrechnet: wohl insgesamt etwa 23000 Stück. Die japanische Schule ist hart. Wie bei der Kunst des Bogenschießens gilt nicht die westeuropäische Zielorientierung.

Was Christoph Peters in seinem Roman so lebensnah erzählt, enthält also bereits im Stoff selbst eine gute Portion Skurrilität und Humor: Es ist diese fremde Kultur, die so gar nicht in unser Vorstellungsbild passt und die auch der junge Liesgang nur zum Teil so akzeptieren kann. Die vielen Weisheiten, Denkhaltungen, die traditionelle Lebensweise lassen sich mit unseren Maßstäben nicht wirklich erschließen.

So beginnt er seinen Roman auch nicht einfach mitten im Plot. Er hebt an – ein erstes Mal, geheimnisvoll, fast wie im Märchen: »Einmal kam ein japanischer Meister nach Deutschland, um einen Auftrag auszuführen, von dem er gleichsam nichts wußte.« Danach Absatz. Sein Blick wandert von Japan an die Ostsee. Er verortet nun seine Geschichte topografisch: »Beginnen wir mit der Landschaft«. Eine langsame Annäherung nicht ganz wie bei Arno Schmidt, bleibt alles doch ganz nahe am Bild, »an Wiesen, Ackerflächen«, an »Getreide, Rüben, Futtermais. Dazwischen Pferde und schwarzbunte Rinder«. Ein Hauch von Idylle vermischt mit historischen Anekdoten über das Kloster, das Dorf. Der Heimatforscher meldet sich hier zu Wort.

Und dann geht es zum Dritten endlich nach Japan, »fast neuntausend Kilometer entfernt« nach Osten, in die japanische Stadt Seto, zurück auch hier ins Jahr 1927, wo ein deutscher Philosoph an einer japanischen Universität lehrt. Und sich – ähnlich wie Heinrich Harrer in Tibet – mit der dortigen Kultur vertraut macht und sich anfreundet mit einem japanischen Keramikmeister. Dieser erste Kontakt zweier gegensätzlicher Welten wird die Schüsselszene des ganzen Romans.

Doch Peters tut sein Bestes, diese Diversität nicht einfach aufzuheben. Er nähert sich nur an, würzt seine Erzählung mit einer Prise Humor. Die kulturellen Unterschiede werden dadurch erfassbar, manchmal jedoch fast überspielt. Ein bisschen überraschend und auch tröstend klingt irgendwann kurz vor Ende dann die Erkenntnis aus des Meisters Mund über das Harte Leben an der Küste, das wir hier verkürzt wiedergeben: mieses Wetter, gutes Essen.

Im Originaltext heißt es da schon etwas zäher aus dem Munde Liesgangs: »Er sagt, es ist kalt in Deutschland. Viel kälter als in Japan. Wobei das Wetter in der vergangenen Woche etwas besser geworden ist … Aber das Essen schmeckt ihm. Er mag sehr gerne Rinderbraten, noch lieber Rouladen, Salzkartoffeln, Rotkohl. Vor allem wenn Herta Mölders … – das ist die Wirtin vom Gasthaus hier im Dorf, Pit’s Schollenkutter…« Und so weiter und so weiter.

Stellenweise hätte man sich einen etwas weniger klug daher kommenden, nicht immer ganz so sentimentalen Stil gewünscht, eine etwas flottere, pointiertere Schreibe vorstellen können. Mehr erzählen, weniger erklären. Aber vielleicht schweigen dazu die japanischen Gäste in der Geschichte zu viel. Erst beim Abschlussfest kommt Peters wirklich in Fahrt: Die Handlung gerät ins Rollen, es wird spielerisch und am Rande wird ein kleines Geheimnis um den Anagama-Ofen gelüftet, bevor endlich angefeuert wird. ›Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln‹ von Christoph Peters ist ein Roman, der uns herzhaft lachen lässt. A propos – der Meister Jan Kollwitz ist übrigens im Klosterdorf Cismar in seinem Atelier zu besuchen. Man kann sich dort von der besonderen Ästhetik der japanischen Keramik überzeugen und noch weitere Details zur Geschichte des Ofens erfahren.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Christoph Peters: Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln
München: Luchterhand 2014
224 Seiten. 18,99 Euro

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