5 vor 12

in Lite Ratur/Textwerkstatt

Textwerkstatt | Benjamin Brigant: 5 vor 12

Hach, ja, erster Schluck – immer schwer zu genießen. Scharf, sprittig, zersetzt die Zunge. Nicht lang schnacken! – Brennen im Rachen, in der Speiseröhre. Gesicht verzerren nicht vergessen. Bäh. Aufprall im Magen, bisschen Beben, kurzer Widerstand. Speichelreflex? – Ah, kommt schon. Besser spät als nie. Schnell schlucken! – Bleibt drin, klar doch, jawoll, geschafft, alles bestens, mein Guter! Leichte Wärmewelle, wie gewohnt. Schön. Doch noch genossen, irgendwie. Kurz mal die Augen geschlossen – Ruhe. Herz entspannt sich. Wunderbar.

TITEL-tBlick zur Uhr – 5 vor 12. Blick zur Flimmerkiste, zum Glück lautlos – alles live, alle aus dem Häuschen, dampfen wie die Weltmeister. Pudelmützen hier, Schals da; Parkas, Pelzkragen, Mikros mit Handschuhen dran – Schaufensterfernsehen. Doch mal eben Ton anmachen.

Und? Stimmung bei Euch? – Bombe, geil, krass, Berlin, Berlin, schalala, tralala, olé olé…

Deutschlandfahne, Wunderkerze, Sektflasche, hallo hier bin ich…

Vorsätze? – Mehr Rauchen, weniger Sport, mehr Stress, laberrhabarber…

Hey, wow, supi, froher Rutsch, gutes Neues, bitte, danke, tschüß, Spannung steigt, alles superduper, wie gesagt…

Ziehen im Bauch. Blick zum Tisch, Blick zum Glas – funkelt feucht, will befüllt werden. Zu Befehl! Knallt schon draußen. Dann mal los. Prost! – Immer noch bäh. Aber schon besser. Leichter Anflug von Beschwingtheit. Läuft, mein Guter, läuft.

Ach Gott, kack Countdown – Riesengedöns, zum Kotzen. 10, 9, 5, 7, 3. Können alle nicht zählen. Aber ist dann wohl so weit – überdrehte Heiterkeit, Feuerwerk, links, rechts, oben, unten. Peng, peng, peng. Atemlos durch die Nacht. Gröl, gröl, gröl. Ist ja gut, danke, reicht. Fix die Fernbedienung aus der Ritze pulen – und Tschüß! Tief durchatmen. Schön. Draußen ist Krieg. Aber geht noch. Und was nun? Gorbi, wie talkst du mit mir?! – Take me tonight? Wenn nicht jetzt, wann dann? – Mehr Drecksohrwürmer, bitte! Danke auch. Grässlich. Ja, ich geb schon auf, hilft ja nix, komm her! – Langer, feuchter Kuss auf die kalte Glasnost-Glatze. Gluck, gluck, gluck, gluck. Arschbombe ins Eiswasser. Nicht so gierig, mein Guter! – Oha, Luft bleibt weg. Schüttel, schüttel, hust, hust, hust. Ach du scheiße. Komm klar! Loch in der Eisdecke wieder in Sicht. Schnell auftauchen! – Hechel, hechel, Luft schmeckt scharf. Aber tut gut. Puh. Riecht nach Wind of Change, fast wie versprochen, nur bitterer. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Gorbi weiß das, Gorbi kümmert sich – wohlige Wärme, wie von ’ner Wolldecke. Schön! Frohes Neues, mein Bester!

Blick zur Uhr – 5 nach 12. Sanfte Euphorie. Alles schick. Geht doch. Bock auf Kippchen? Jawollja! Ruhig mal kurz raus, bisschen gaffen und so. Jogger reicht, Schlappen auch, sicher doch. Knallt schon doller jetzt. Gorbi, be my bodyguard tonight!

 

Erst als er die plötzliche Misere bemerkte, fiel ihm auf, wie viel er schon getrunken hatte. Die Flasche Wodka war bereits zur Hälfte leer. Oder halb voll, je nachdem. Er hatte fast eine viertel Stunde lang andächtig im Hauseingang des kleinen Waschbetonblocks gestanden. Das schmutzige Weiß der Fassade unterschied sich kaum von dem der Schneereste auf den Straßen und Gehwegen. Zwei Tage zuvor war man noch fest davon ausgegangen, dass bis zum Silvesterabend alles weggetaut sein würde. Bis es am frühen Vormittag unverhofft zu frieren begonnen hatte. Nun war es bitterkalt. Aber das störte ihn nicht mehr sonderlich, dafür hatte der Schnaps schon gesorgt. Abgesehen vom vertrauten Schwefelgeruch atmete sich die eiskalte Luft klar und angenehm. Am Nachthimmel glitzerte eine Feuerwerksexplosion nach der anderen mit den Sternen um die Wette. Von allen Seiten war, neben dem aufgesetzten Gejohle im Zwei-Sekunden-Takt, das scharfe Zischen der Raketenantriebe, Geheule und Geknalle, mal mehr mal weniger weit entfernt, zu vernehmen. Die üblichen Nachbarscliquen aus jungen Familien hatten sich auf der Straße formiert; scheinbar nur um wettstreitartig zu ermitteln, wer von ihnen am meisten Geld zu verpulvern in der Lage war. Dabei waren sie merklich angestrengt darum bemüht, besser gelaunt als der Rest der Anwohner aufzutreten. Ihre Kinder rannten aufgepeitscht kreuz und quer durch das für sie noch so aufregende Geschehen. Die Rentner vom Altersheim gegenüber wirkten deutlich weniger begeistert, wohnten der Szenerie aber augenscheinlich mit stoischem Pflichtbewusstsein bei, schemenhaft aufgereiht an den geöffneten Fenstern, die verschränkten Arme auf die Fensterbänke gestützt.

Wenige Meter von ihm entfernt wartete eine Gruppe junger Leute auf den letzten Bus in die Innenstadt. Sie hatten ihn wohl genauso wenig bemerkt wie all die anderen. Er fühlte sich wie ein unsichtbarer Beobachter, überlegen und mächtig irgendwie; besonders, wenn das Licht der kleinen Hauseingangslampe erlosch und bloß noch das kurze Aufglühen seiner Zigarette zu sehen war. Er bewegte sich nur, wenn er abaschte oder die Flasche zum Mund führte, worauf prompt der Bewegungsmelder ansprang. Dann ging das Licht bald wieder aus. Ihm gefiel dieses Spielchen. Der Silvestergeist im Trainingsanzug. Er musste schief grinsen. Nach der Zigarette stand er noch gute fünf Minuten einfach so da und schaute, ehe er genug von dem, aus seiner Sicht absurden, alljährlichen Spektakel hatte. Vor einiger Zeit hätte er alles stehen und liegen lassen und wie all die anderen das erwartete Programm abgespult. Heute nicht. Einmal sah er noch zur Bushaltestelle hinüber und kam sich wie ein alter Hase vor. Dann schüttelte er den Kopf, drehte den Schraubverschluss auf die Flasche und sich zur Haustür um. Der Griff in die Hosentasche brachte nicht das erwartete Objekt hervor. Das Feuerzeug war jedenfalls nicht als Haustürschlüssel zu gebrauchen. Als er mit zunehmend hektischeren Bewegungen die anderen Reißverschlusstaschen des Trainingsanzugs durchforstet hatte, stieg erstmals leichte Panik in ihm auf. Er sah jetzt auf die Flasche, verzog demütig das Gesicht und stellte sie auf die matschige Treppenstufe. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Er befahl sich, ruhig zu bleiben und tastete sich mehrmals von oben bis unten ab. Der Radau und das Gelächter der Menschen drumherum irritierten ihn nun und machten ihn ungemein nervös. So weit konnte der Schlüssel nicht sein, schließlich hatte er sich kaum bewegt. Vielleicht war er nur beim Herausholen des Feuerzeugs herausgefallen. Er kniete sich sogar hin, um die feuchtkalten Betonstufen abzutasten und sodann die Fußroste herauszunehmen, was jedoch erwartungsgemäß nichts als Kippenstummel und Dreck zutage förderte. Seine letzte Hoffnung, beim Durchwühlen der kleinen, zerfrorenen Beete neben der Haustür doch noch fündig zu werden, verpuffte letztlich auch. Das Herz schlug ihm nun bis zum Hals, an seiner Schläfe pulsierte es unregelmäßig stark und schnell. Und sein Magen erst – als würde er von zwei kräftigen Pranken wie ein nasses Handtuch ausgewrungen, wieder und wieder. Diffuse Angst überfiel ihn. Nicht schon wieder! Nicht jetzt! Die letzte Panikattacke war noch keine ganze Woche her. Die Beine wurden ihm weich und er setzte sich zitternd, aber so achtsam wie möglich, auf die oberste der beiden Stufen, um sich sogleich in leichter Schieflage des gesamten Körpers an die Haustür zu lehnen. Er kannte das ja. Und versuchte sich zu beruhigen, indem er langsam tief ein- und ausatmete und sich gut zuredete.

Ist gar nicht schlimm, mein Guter, geht alles vorbei, weißt du ja, geht bald vorbei, wird gleich besser, wirst schon nicht sterben, weißt du doch, du schaffst das, halt durch, mein Bester!

Das Zittern nahm zu. Jetzt war ihm auf einmal doch lausekalt. Er spürte, wie das T-Shirt unter seiner Trainingsjacke von kaltem Schweiß durchtränkt wurde. Sein Brustkorb hob und senkte sich unkontrolliert schnell und er meinte, seinen flattrigen Herzschlag sehen zu können. Obendrein hatte ein abscheuliches Kribbeln in Armen und Beinen eingesetzt, das er unfreiwillig mit einer amoklaufenden Ameisenarmee assoziierte. Der Versuch, zur Beruhigung eine Weile die Augen zu schließen ging, wie fast immer, schief, denn das ließ ihn den Schwindel und das Pochen im Kopf nur noch bewusster erleben. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an, seine Zunge wie Sandpapier. Er konnte kaum schlucken und hatte ein Fremdkörpergefühl im Hals, das ihm, zusammen mit einem zusätzlichen starken Pochen direkt unter dem Kehlkopf, die Luft zum Atmen raubte. Mit zitternder Feinmotorik öffnete er den Jackenreißverschluss, in der Hoffnung, besser Luft zu bekommen. Das klappte zwar, doch ließ ihn selbstverständlich noch stärker frieren. Der unerträgliche Zustand klang unglücklicherweise nicht – wie sonst mittlerweile – bereits nach wenigen Minuten wieder ab, was wohl an der als besonders ausweglos empfundenen Situation liegen musste, in die er sich unwillkürlich immer weiter hineinsteigerte. Mit aller Mühe versuchte er, seinen Verstand in Gestalt einer reißenden Flut aus rasenden Gedanken auszutricksen. Wie ein stereotyper Matrose, der sein erstes schweres Unwetter auf hoher See durchleidet, wand er sich nun zuckend und kreidebleich hin und her und suchte Halt an der dicken, frostigen Metallstange des kurzen Treppengeländers. Ihm war hundeelend zumute. So schlimm war es lange nicht gewesen. Die Panik, die Angst, das Adrenalin hatten ihn nahezu wieder nüchtern werden lassen. Wenn es nicht bald besser wurde, würde er um Hilfe rufen müssen. Da nützte alles nichts. Gegen all den Krach anzukommen, konnte dabei jedoch zum ernsten Problem werden. Vielleicht waren auch noch ein paar Leute im Haus, bei denen er klingeln konnte. Wenn er sich an der Stange hochzog, würde er noch gerade so an die Klingelknöpfe kommen. Wie peinlich das alles wäre. Wie peinlich das alles ist! Was für ein Silvesterabend! Einzig sein Stolz hielt ihn noch davon ab, Hilfe zu holen.

Tu es endlich! Sei nicht dumm! Wem willst du was beweisen? Wenn du ohnmächtig wirst, kannst du erfrieren, das ist dir doch klar. Willst du das? Ist dir dein Leben immer noch so wenig wert? Tu es wenigstens deiner Familie zuliebe, du Idiot!

Er nahm noch einmal alle Kraft zusammen und zog sich an der Stange in eine geradere Sitzposition. Seine Hand war schon etwas am Metall festgefroren. Es gab natürlich noch eine Option, die riskant war und mit der er schon die ganze Zeit über geliebäugelt hatte: Der Wodka.

Vor fast einem Vierteljahr hatte er allerdings einigen besorgten Personen in seinem Leben – und allen voran sich selbst – hoch und heilig geschworen, Panikattacken nie mehr mit Alkohol zu bekämpfen. Auf kurz oder lang würde dies unweigerlich wieder in einen Teufelskreis führen. Die erlernten, normalerweise durchaus wirkungsvollen Techniken funktionierten diesmal jedoch nicht. Ob er nun um Hilfe rief oder einen großen Schluck zur Beruhigung nahm – so oder so würden Stolz und Selbstachtung darunter leiden.

Der Griff zur Flasche kam dennoch überraschend schnell und entschlossen. Ohne groß nachzudenken, instinktiv irgendwie. So würde wenigstens bloß er mit dem Problem fertig werden und mit der Schmach leben müssen, hielt er sich so plausibel wie vorteilhaft seine spontane Entscheidung vor Augen. Dann nahm er, nachdem der Drehverschluss endlich abgedreht war, mit zusammengekniffenen Augen vier große, hastige Schlücke aus der eisig kalten Flasche, die er danach unverzüglich zur Seite stellte. Die Augen ließ er geschlossen und hielt wie erstarrt inne. Nach ungefähr zwei Minuten spürte er, wie das Pochen in seinem Kopf langsamer und regelmäßiger wurde. Auch das Zittern ließ nach, genau wie das Kribbeln. Er atmete mehrmals tief durch und wischte sich mit einem Jackenärmel einmal vom Haaransatz bis zum Kinn gründlich den kalten Schweiß aus dem Gesicht. Als er die Augen wieder öffnete, zuckte er zusammen. Jemand stand direkt vor ihm.

»Hallo? Wat is’n mit dir? Gehts dir gut? Brauchste Hilfe?« Eine heisere Männerstimme sprach von weit oben zu ihm. Er brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um zu antworten und starrte dabei nur auf die Waschung der Jeans seines unbekannten Gegenübers, die ihn an weiße Flügel erinnerte.

»Nee, also ja, mir gehts gut, also jetzt gerade wieder…«, stammelte er mit belegter Stimme und räusperte sich sogleich kräftig.

»Hätt fast schon ’nen Krankenwagen gerufen. Oder brauchste noch einen?«

Seine raue Stimme ging ihm durch Mark und Bein.

»Äh, nee, danke, musste mich nur mal kurz hinsetzen und ausruhen.«

»Ha, dat hab ich gesehn. Hast ja auch schon gut einen getankt, wa?«, sagte er leicht amüsiert und deutete mit seiner glühenden Kippe auf die Flasche. »Is ganz schön gefährlich, wat du hier abziehst, Kollege!«

Erst jetzt, als er langsam an dem Fremden hochsah, bemerkte er, dass ihn dessen Stimme getäuscht hatte – er war jung, Mitte Zwanzig, vielleicht jünger, etwas zu braun gebrannt, aber durchaus gutaussehend und gepflegt. Zudem umgab ihn eine dicke Wolke eines schweren Herrenduftes, die nun auch die Treppenstufen erreicht hatte.

»Warum bist’n überhaupt so angezogen? Wohnste hier? Oder is hier irgendwo Trash-Motto und ich weiß nix davon?« Er zog an seiner Zigarette, um dann den Rauch, sichtlich erheitert über die eigene Frage, aus Mund und Nasenlöchern wieder auszustoßen. Sein Blick war durchdringend. Und höhnisch. Wie er so dastand, im kühlen Licht des Hauseingangs, vor der explosiven Kulisse des Nachthimmels, sah er aus wie ein mächtiger Dämon.

»Ja, genau, ich war auf ’ner Party…, aber war scheiße, hab meine Jacke nich gefunden und…gab Stress, brauchte frische Luft und so…« Langsam aber sicher schien er wieder zu funktionieren. Ihm war sogar etwas wärmer geworden. Der kleine Plausch, wenn auch holprig, gefiel ihm irgendwie.

»Na gut, Meister, dir gehts ja doch ganz blendend… Muss jetzt auch ma sehn, wie ich heut noch inne City komm. Hab den Bus verpasst und die andern Kanaken ham nich gewartet…Wo musst’n du jetzt hin?«

Er zögerte. Ja, wo konnte er jetzt bloß hin?

»Muss eigentlich auch in die Stadt…«, presste er noch etwas mitgenommen heraus. »Dann seh ich mal weiter.«

»Alles klar. Hast du Geld für Taxi? Ich ruf Taxi.«

»Hm, nee, ist in der Jacke…scheiße… Ich muss aber auch nicht…«

»Ach, scheiß drauf, dann bezahlt Chef heute…« Er zwinkerte und grinste wohlwollend, wenn auch gönnerhaft. »Angelo, der Pokergott, hat gestern Nacht dick Cashmoney gemacht, Kollege!«

Er bot ihm seine Hand an und zog ihn ruckartig, wie beim Start eines rasanten Fahrgeschäfts auf dem Rummel, nach oben.

»Hast ganz schön dreckige Griffel, wasch ma im Schnee! Ich hab Taschentuch. Sonst macht Taximän noch trouble in the bubble, hehe… Und vergiss deinen Suff nich, Ghost, hehe!«

»Ghost?«

»Haha, ja, Alter, hast du ma innen Spiegel geguckt? Wie weiß du bist, ich schwör!« Er lachte heiser und schlug ihm dabei kumpelhaft und etwas zu doll an die Schulter.

Er war noch ein bisschen benommen und hatte kurz Schwierigkeiten, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie gingen zur Bushaltestelle, um auf das Taxi zu warten. Angelo lieh ihm für die Zeit seinen dicken Parka mit Pelzkragen und bot ihm eine Zigarette an. Beides nahm er dankend an. Im Gegenzug genehmigte sich Angelo ein paar Schlücke vom Wodka, regte sich aber nur künstlich darüber auf. Eigentlich trinke er so einen Fusel ja gar nicht. Nur Moskovskaya oder Russian Standard. Parliament gehe auch noch. Dafür trank er dann doch recht viel davon, sodass die Flasche danach fast leer war. Der letzte Schluck sollte aber »Ghost« gehören. Dieser trank artig aus und stellte die leere, feuchtglänzende Flasche auf den Mülleimer an der Bushaltestelle, als das Taxi angerauscht kam.

Auf der Fahrt erzählte Angelo hauptsächlich vom Pokern und einigen, angeblich durchweg attraktiven Damen (»Eine mehr Bombe als die andere«), mit denen er natürlich gleichzeitig etwas am laufen habe (»Standard, Alter, is so!«). Noch arbeite er ab und zu in der Videothek seines Onkels, aber ihm sei klar geworden, dass er Profi-Pokerspieler werden wolle. Letztens habe er eine Sendung über Poker-Profis und deren Lebensstil auf DMAX gesehen. Sie hatte ihn offenbar nachhaltig beeindruckt.

»Und wie siehts aus bei MC Ghost? Bestimmt tagsüber Adidas-Model und nachts immer ’ne andere Bitch im Bett, haha. Big Pimpin-Lifestyle in Trainingsanzug und Badeschlappen, wa?«, scherzte Angelo wieder.

Jetzt musste auch er lachen, genau wie der Taxifahrer. Als sich alle wieder beruhigt hatten, antwortete er, halb heiter, halb verlegen: »Nee, nee…, also um ehrlich zu sein…, ich hab mein Studium geschmissen und such jetzt gerade nach was, das besser zu mir passt. Vor ’nem Monat ist meine Freundin abgehauen und seitdem ist auch Flaute gewesen, also nix mit Bitches pimpen und so…« Er war selbst von seiner Offenheit überrascht. Mit fremden Leuten hatte er noch nie darüber gesprochen. Ihm war klar, dass der Schnaps Schuld war, aber das war ihm gerade egal. Irgendwie fühlte er sich ziemlich wohl dabei.

»Aach, Frauen von heute… Is nix gut für ein‘! Komm‘ und geh’n immer, ich hör jeden Tag!«, gab der Taxifahrer in gebrochenem Deutsch seinen Senf dazu. »Wie sagt immer? ‚Alle Schlampen, außer Mama‘?«

Wieder mussten alle drei lachen, diesmal noch lauter.

»Scheiß mal drauf, Alter, ganz ehrlich«, griff Angelo elegant das zuvor Gesagte auf, wobei er etwas aufgesetzt grimmig dreinschaute und den Kopf schüttelte. »Jetzt is halt wieder neues Jahr. Neues Spiel, neues Glück. Is genau wie beim Pokern, ich schwörs dir!«

Nach einer kurzen Schweigerunde kam er plötzlich wieder – der zu starke Boxschlag an die Schulter. »Ey na logisch! Wirst du halt auch Poker-Profi!«, stieß Angelo euphorisch aus.

»Kannst du Pokern?«

»Geht so. Kenn die Grundregeln und hab ein paar Mal gespielt, aber…«

»Ja, egal, kann eigentlich jeder Idiot. Reicht, wenn du schlauer bist als die meisten. Du warst doch Student und so. Ich zeig dir Tricks und dann läuft das, Alter!«

Auf einmal weiteten sich seine Augen noch mehr vor Begeisterung.

»Haha, du hast sogar schon den perfekten Profi-Namen: GHOST! Wie geil! Das is dein Schicksal, ich schwör!« Er prustete drauf los und alle wurden erneut angesteckt.

»Dann führt da wohl kein Weg dran vorbei – ich werd Profi-Pokerspieler. Punkt. Aus. Ende.«

»Ich meins ernst, Alter! Und dann klappts auch mit den Bitches von ganz alleine, ich schwörs dir!«

Sein Profi-Name werde »Hells Angelo« sein, das sei schon lange sicher, fügte er stolz hinzu. Leider sei nicht er selbst, sondern sein Onkel darauf gekommen. Sie waren sich alle einig, dass der Name ziemlich cool war.

Der Taxifahrer ließ sie in der Nähe eines Spätis raus. Angelo zeigte sich mit dem Trinkgeld mehr als großzügig. Man gab sich noch respektvoll die Hand und wünschte sich gegenseitig alles Gute. Da waren sie nun, im Epizentrum des ganzen hysterischen Wahnsinns. Es war kurz nach 1 Uhr und die Stimmung auf dem Kiez auf ihrem vorläufigen Höhepunkt. Die Straße glitzerte verschlagen und überall drehten die Leute durch. Die maßlose Reizüberflutung – allein durch die knallbunte Lichterpalette der Leuchtreklamen, kombiniert mit den unkontrollierten Auswüchsen der Pyrotechnik und den Blaulichtern der vorbeidrängelnden Polizei- und Krankenwagen – bereitete ihm schon jetzt leichtes Unbehagen. Die Hölle für jeden Epileptiker, dachte er.

Es herrschte gefühltermaßen Anarchie. Und die ausgelassene Stimmung schien sternhagelvoll auf einem besonders dünnen Drahtseil zu tanzen. Ihm war wieder etwas schummrig. Er brauchte dringend Schnaps. Angelo bewegte sich wie ein Fisch im Wasser und schüttelte schon den ersten Bekannten die Hand. Man boxte sich gegenseitig mit kindlicher Freude an die Schulter oder die Brust und wünschte sich erst ein frohes Neues, nachdem man den wohl zum guten Ton gehörenden Austausch nett gemeinter Beleidigungen vollzogen hatte. Jedes Mal, wenn Angelo sich wieder umgedreht hatte und sie weitergingen, sah er ausdruckslos geradeaus und sagte beiläufig »Spast…« oder »Spinner…«. Dann folgte meist ein tiefer Zug an seiner Zigarette.

Im Späti war natürlich die Hölle los. Angelo erklärte das Besorgen des Schnaps daher prompt zur Chefsache (»Lass Chef mal machen!«), sodass sie bereits nach zehn Minuten wieder vor dem Laden standen, die Taschen mit Red Bull Dosen gefüllt und mit einer Flasche Moskovskaya in der Hand.

»Die Party is gleich um die Ecke. Is kein Problem, dass du mitkommst. Ich sag, du bist Kollege, das läuft. Aber lass mal noch saufen und gucken, was hier geht. Will nich zu früh da sein, das kommt nich gut…«, gab Angelo das Programm vor.

Sie einigten sich darauf, immer abwechselnd zwei große Schlücke Wodka und einen vom Red Bull zum Nachspülen zu nehmen. Im Minutentakt erfreuten sich vorbeiziehende, betrunkene Horden an dem Outfit aus schmuddeligem Trainingsanzug und Adiletten. Die meisten grölten »Geiler Macker!« oder »Ey, du Asüü!« und wollten einklatschen oder anstoßen. Angelo hatte immer den passenden Konterspruch parat, wenn doch mal jemand übers Ziel hinauszuschießen drohte und entschärfte die Situation mit seinem derben Humor. Am Ende lachten meist alle zusammen und klopften sich wie alte Freunde auf die Schulter.

»Wir sollten ein Schild aufstellen: ‚High Five – 1 Euro, Anstoßen – 2 Euro, Foto – 3 Euro’«, schlug Angelo, jetzt schon deutlich angeduselt, vor. »Dann wären wir ganz schnell reich! Wobei:

Eigentlich ja nur ich, ne?! Du schuldest mir was, Kollege!«, feixte er und zwinkerte herausfordernd, was er mit einem scharfen Schnalzlaut unterlegte.

Gerade als er an seiner neuen Rolle als Silvesterattraktion gefallen gefunden hatte, durchfuhr es ihn wie ein Blitzschlag. Der Auslöser war ein beiläufiger Blick zur Ampel gegenüber. Noch hatte sie ihn anscheinend nicht gesehen. Er war sich auch nicht zu hundert Prozent sicher. Ihre Frisur sah ganz anders aus. Und ihr Kleidungsstil. Ansonsten war sie es aber. Sofort fing sein Herz wieder an zu stolpern und sein Magen verkrampfte sich aufs Neue. Ihm wurde speiübel. So unauffällig wie möglich wandte er sich an Angelo. Seine Stimme wollte sich überschlagen.

»Angelo, lass uns mal schnell gehen, bitte! Ich glaub, da vorne kommt meine Ex.«

»Echt jetzt?! Wo denn? Lass mal sehen!«

»Kommt direkt auf uns zu. Lass uns abhauen! Bitte!«, flehte er eindringlich.

Angelo bekam ein schelmisches Flackern in den Augen. Gnadenlos pfiff er laut Richtung Straße, die sie gerade überquerte. Noch war sie scheinbar nur darauf konzentriert, den ganzen Irren im Slalom auszuweichen.

»Nicht schlecht, Ghost, nicht schlecht! Hätt ich dir gar nicht zugetraut, du alter Player!«, amüsierte sich Angelo prächtig. Die sich anbahnende Situation würde für seinen neuen Kumpel unweigerlich unangenehm werden. Sie war jetzt nicht einmal mehr zehn Meter von ihnen entfernt.

»Na gut, na gut, ich merk schon, gar nich lustig und so. Dann lass uns halt reinhauen. Reicht auch.«

»Danke! Dann komm aber auch!«, entfuhr es ihm genervt und erleichtert zugleich.

Mit wackligen Beinen drehte er sich ruckartig um. Dann ging alles ganz schnell.

Völlig unvermittelt bekam er einen wuchtigen Stoß ab und die Wodkaflasche zerschellte schrill kreischend auf dem Asphalt. Männer brüllten, gaben aggressive, animalische Laute von sich und verkeilten sich mit hektischen, stakkatoartigen Bewegungen ineinander. Er mittendrin. Dann traf ihn etwas Hartes mit ordentlich Schwung unter dem rechten Auge und er flog rückwärts zu Boden. Weit weg, irgendwo außerhalb der dicken Käseglocke um ihn herum, erkannte er Angelos Stimme, die aufgebracht und noch rauer klang als sonst.

»Lasst Ghost in Ruhe, ihr Wichser! Der hat nix gemacht, der hat nix gemacht!«, schrie er immer lauter, aber vergeblich – schließlich lag auch er auf der Straße. Die Angreifer – zwei bullige Gestalten, die aussahen wie Ex-Türsteher mit reichlich Knasterfahrung – ließen jedoch nicht von ihm ab. Einer der beiden blutete aus der Nase. Angelo musste ihn noch erwischt haben. Mit irrem Gesichtsausdruck versuchte er immer wieder, Angelo an den Kopf zu treten. Der hielt sich wacker und wich den schweren Tritten, so gut es ging, aus. Wie ein Fernsehboxer schirmte er dabei seinen Kopf mit den Armen ab. Einige Leute drumherum – hauptsächlich junge Frauen – schrien, sie sollten doch endlich aufhören und die Polizei würde gleich kommen. Aber niemand schritt ernsthaft ein. Die meisten gafften bloß, mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Entsetzen und Faszination schwankte.

Dann geschah etwas Merkwürdiges: Unversehens nahm eine scheinbar unsichtbare Macht die dicke Käseglocke hoch und befreite den Geist. Diesen Moment der Klarheit hatte er schon lange nicht mehr gespürt. Alles lief auf einmal ohne Ton ab – wie als hätte er einen störenden Fernseher einfach auf stumm geschaltet. Er fühlte sich plötzlich quicklebendig. Aus der Vogelperspektive sah er sich selbst dabei zu, wie er in Zeitlupe aufsprang, eine der Red Bull Dosen aus der Jackentasche zog, sie wie einen Torpedo ausrichtete, schwungvoll zum Wurf ausholte und die schwere Dose mit ungeahnter Wucht und Präzision dem tretenden Angreifer genau aufs Auge schleuderte. Schlagartig war der Ton wieder da – das Geräusch des Aufpralls klang dumpf, aber laut, und genau deshalb so ekelerregend. Ein düsteres Raunen ging durch die kleine Menschentraube, die sich mittlerweile gebildet hatte. Für ein, zwei Sekunden schien die Zeit still zu stehen – bis der unsägliche Schmerz mit etwas Verzögerung im Glatzenhirn ausgelöst wurde. Ein markerschütternder Schrei, der bloß mal zum Luftschnappen abriss, war die Folge. Natürlich hatte der Angreifer umgehend von Angelo abgelassen. Er war auf die Knie gesunken und hielt sich mit beiden Händen das Auge. Als dessen wütender Kumpan realisierte, wer für die Tat verantwortlich war, lag schon die nächste Dose wurfbereit in der Hand. Angreifer Nummer zwei schien darauf zunächst verwirrt. Offenbar wusste er nicht ganz, was er zuerst tun sollte. Dann entschied er sich – wohl ob des quälenden Geschreis und des schockierenden Anblicks – doch für seinen ramponierten Zwilling.

Angelo war indes geistesgegenwärtig genug gewesen und hatte die Gunst der Stunde genutzt, um sich aufzuraffen. Wie durch ein Wunder schien er, zumindest auf den ersten Blick, kaum etwas abbekommen zu haben. Lediglich seine Hose war in Mitleidenschaft gezogen worden.

Zusammen durchbrachen sie beide die Menschentraube und rannten, was das Zeug hielt. Alle zeterten wild, und doch machte niemand Anstalten, sie aufzuhalten.

 

Auf der Party ging es ganz schön hoch her. Angelo hatte nicht zu viel versprochen. Unweit des Spätis hatten ein paar seiner russischstämmigen Freunde eine versteckte Kellerbar angemietet. Die Atmosphäre war deutlich herzlicher und entspannter als auf dem Kiez, wenngleich irrsinnig wild und ausgelassen. Es roch nach Tanzschweiß, Schnaps und gefälschtem Parfum, ähnlich dem von Angelo, und die beiden kleinen Ventilatoren über der Bar kämpften einen schier aussichtslosen Kampf gegen die mächtigen Rauchschwaden. Die gut einen Meter breite Theke schlängelte sich schwungvoll durch den ganzen Raum und diente fast ausschließlich zum Tanzen. Dahinter warfen sich bestens aufgelegte Barkeeper abwechselnd Wodkaflaschen zu und wirbelten diese vor jedem Einschenken kunstvoll durch die Luft, was wie eine einstudierte Choreographie wirkte. Die Shotgläser wurden, nachdem ihr Inhalt mit einem beherzten Satz in den Rachen gekippt war, meist auf dem Boden zertrümmert. Das Ritual wurde von der Meute regelmäßig mit einem hohen Kreischen gefeiert. Einige besonders Feierwütige legten sich mit dem Hinterkopf auf den Tresen und ließen sich den Wodka direkt aus der Flasche in den Mund schütten. Die mächtigen Boxen pumpten den Bass der ohrenbetäubenden Songs, deren überschaubare Texte zumeist auf Russisch vorgetragen wurden, unerbittlich in die Mägen der Feiernden und zwangen jedem Herz ihren temporeichen Rhythmus auf. Angelo kannte hier nahezu jeden. Und diesmal wirkte seine Freude über jede Begegnung echt. Er stellte ihn einem nach dem anderen vor und jedes Mal wurde die Heldengeschichte von der »Beulerei beim Späti« um ein Vielfaches mehr ausgeschmückt, woraufhin die Leute stets ehrfürchtig nickten und darauf bestanden, einen mit ihnen zu trinken; in der offensichtlichen Hoffnung, sich mit ihnen gut zu stellen und noch mehr brutale Details zum Tathergang zu erfahren. Ausnahmslos versicherte man ihm seine bedingungslose Loyalität, sollte es noch einmal zu einem derartigen Zwischenfall kommen. Die Namen seiner neuen Bekanntschaften konnte er sich kaum merken. Die Männer hießen meist Arthur, Eugen oder Dimi, die Frauen Anna, Irina oder Oksana. Sie waren alle gehörig aufgebrezelt und hatten hauptsächlich zu enge Hemden beziehungsweise zu enge Kleider an. Überall glitzerten abwechselnd Strassapplikationen, zu große Uhren und Ohrringe, die das Stroboskoplicht reflektierten. Überhaupt wurde viel Schmuck getragen. Gleich nachdem sie angekommen waren, hatte ihm Angelo von der Bar ein paar Eiswürfel

in einem kleinen Handtuch besorgt, um die Schwellung unter seinem Auge zu kühlen. An betroffener Stelle hatte es auch ein bisschen geblutet. Angelos Einschätzung nach musste die Wunde aber auf keinen Fall genäht werden, weshalb bloß etwas Wodka zur Desinfektion darauf getupft wurde. Er legte das durchnässte Handtuch auf den Tresen. Das Eis war schon lange geschmolzen. Sie standen jetzt nur noch alleine an einer vergleichsweise ruhigen Ecke der Theke. Beide sahen auf den ersten Blick doch ziemlich mitgenommen aus. Dennoch waren ihre Gesichter von erschöpfter Zufriedenheit beseelt. Selbstverständlich hatte der Schnaps sein Übriges getan.

»Nach der Aktion macht dich hier heute keiner mehr dumm an, ich schwörs dir, haha!«, lachte Angelo, diesmal nicht ganz so laut, ließ seinen Blick einmal durch den Raum schweifen und schüttelte ungläubig den Kopf. Ein Stück der Vorderseite seines einen Hosenbeines war aufgerissen und ragte leicht übergeklappt als Fetzen heraus. Das künstlich grelle Weiß der Waschung war an betroffener Stelle tiefrot mit Blut befleckt. Schuld daran waren wohl ein paar besonders große Scherben der kaputten Wodkaflasche, in denen er sich hatte wälzen müssen. Die beiden großen Pflaster, die er ebenfalls an der Bar bekommen hatte, waren bereits blutdurchweicht. Er versicherte jedoch, man müsse sich keine Sorgen machen.

»Alles schon viel schlimmer gehabt…«, tat er seine Verletzung mit wegwerfender Handbewegung ab. Dann schauten beide, mit einem Ellbogen auf den Tresen gestützt, in Gedanken versunken ins Leere. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen. Nach einer gefühlten Ewigkeit war es Angelo, der ihr genüssliches Schweigen mit gewohnt rauer Stimme durchbrach.

»Sachma, Ghost, wat ich mich schon die ganze Zeit gefragt hab: Verstehst du eigentlich wat davon, wenn hier welche unter’nander quatschen?«

»Hm? Nee, das meiste versteh ich nicht. Wieso fragst du?«

Seine Antwort klang so überrascht wie belustigt.

»Na, ich dachte mir nur, du bist doch auch bestimmt da irgendwo aus der Ecke. Oder deine Eltern, Oma, Opa, wat weiß ich denn…also Polen, Ukraine, Balkan, Russland…Ostblock halt… Oder nich? Siehst zumindest voll so aus. Mehr Klischee geht gar nich, haha, fehlt nur noch die Kette, ich schwör!« Er amüsierte sich schon wieder köstlich.

»Nee, nee, leider nicht. Bin durch und durch deutsche Kartoffel. Ich schwör!«, entgegnete er leicht lallend und hob feierlich die rechte Hand zum Schwur.

Angelo schüttelte erneut ungläubig den Kopf und grinste.

»Alter, krass, voll getäuscht…Vorm Späti warst du der Aggro-Russki überhaupt, haha!«

»Wieso, was bist’n du eigentlich für’n Landsmann, Angelo? Irgendwo aus Südamerika? Ah nee, bestimmt Italiener, oder?«

»Haha, nee Alter, ich bin genauso deutsche Kartoffel, aber psst! Bin halt fast nur mit Kanacken groß geworden, da wird man bisschen so, verstehste?« Grinsen, Zwinkern, Schnalzen.

Er verstand und nickte wohlwollend.

»Du warst echt so der Killer vorm Späti, Ghost… Habs ja leider nur so halb von da unten mitgekriegt, trotzdem echt der Oberburner, haha! Bäm! Voll ins Auge! Was geht’n ab! Haha! Ghostface Killah! Hahaha, genau! Kennste? Vom Wu-Tang Clan?« Er klatschte mehrmals in die Hände und kriegte sich gar nicht mehr ein, ehe er sich die Lachtränen aus den Augen wischte und noch zwei kurze Wodka an der Bar bestellte (»Komm, einer geht noch, Ghostface!«).

Nachdem die Gläser pflichtbewusst geleert worden waren, wurde Angelo etwas rührselig und legte einen Arm um seine Schulter. Sie beide seien jetzt auf jeden Fall quitt und er solle sich keine Sorgen machen, es werde schon alles wieder ins Lot kommen.

»Ich muss mal kurz nach draußen, telefonieren, dies das… Du bist echt’n geiler Macker, Ghost! Mach was draus!«, sagte er freudestrahlend und boxte ihm noch einmal etwas zu doll auf die Brust.

Dann bahnte er sich leicht taumelnd einen Weg durch die aufgepeitschte Menge und stieg die Treppe gen Ausgang hinauf. In dieser Nacht sah er Angelo nicht mehr wieder.

 

Tanz auf der Theke – Schwindel. Euphorie. Fuß vor, Fuß zurück. Und wieder vor. Und zurück. Hüfte kreisen. Arme hoch, Arme runter. Klatschen. Arme wieder hoch. Drehen, drehen, drehen. Schwindel. An der Kippe ziehen. Tief inhalieren. Klatschen. Schweiß abwischen. Rauch rauspusten. Schwindel. Wodka kippen. Glas wegschmeißen. Lachen. Grölen. Klatschen. Schwitzen. Wodka kippen. Drehen, drehen, drehen. Ekstase. Taubes Gesicht. Alles bunt. Alles verschwimmt. Wodka kippen. Glückseligkeit. Schwindel. Geradeaus gucken. Geht nicht. Fremdes Gesicht. Hübsch. Feucht. Nasse Haare. Mund am Ohr. Feuchter Atem. Nichts verstehen. Fremder Körper. Warm. Fremde Haut. Weich. Glatt. Feucht. Hüfte kreisen. Umarmung. Reibung. Eins werden. Fremde Lippen. Augen zu. Schwindel. Fremde Zunge. Drehen, drehen, drehen. Fremde Spucke. Symbiose. Alles dreht sich. Schwindel. Übelkeit. Nichts geht mehr. Augen auf. Große Augen. Blau. Ganz nah. Dreieinhalb Augen. Eisblau. Ganz nah. Wodka. Nein. Danke. Wodka. Nein. Ausfallschritt. Freier Fall. Fremde Hände. Lachen. Grölen. Pfeifen. Schwindel. Übelkeit. Magen dreht sich. Fremde Hände. Fremde Arme. Leichtigkeit. Bewegung. Bewegung. Klotür. Klokabine. Klo. Runter. Fremde Hände. Dünne Spucke. Würgen. Kommt schon. Klatsch. Platsch. Sauer. Bitter. Scharf. Brennen im Rachen. Anstrengung. Würgen. Raus. Raus. Brennen in der Nase. Kalter Schweiß. Atmen. Atmen. Würgen. Anstrengung. Platsch. Leer. Erleichterung. Zähe Spucke. Ausspucken. Geschafft. Atmen. Fremde Hände. Fremde Arme. Hoch. Waschbecken. Kaltes Wasser. Im Gesicht. Auf dem Kopf. Im Mund. Überall. Wohltuend. Wunderbar. Schön. Alles bestens, mein Bester. Alles bestens.

 

Die Übelkeit verflog langsam und er konnte sich alleine am Waschbeckenrand abstützen. Seine Gedanken wurden allmählich wieder klarer. Er hatte den Kopf immer noch nach unten geneigt und spuckte permanent überflüssigen Speichel aus. Dabei bildeten sich zähe, spinnenseideartige Fäden zwischen Mund und Waschbecken, die er wiederholt mit dem Handrücken zu beseitigen versuchte. Plötzlich tauchten von rechts zwei fahle, drahtige Hände unter seinem Gesicht auf – die eine hielt ihm einen gerollten Geldschein, zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, entgegen. Die andere hingegen war starr ausgestreckt und präsentierte einen kleinen, randlosen Spiegel, auf dem zwei akkurat gelegte Lines aus grellweißem Pulver lagen. Er musste sofort an Angelos Hose denken und wünschte sich, dass jener genau in diesem Moment hier wäre, um ihn zu retten.

»Du brauchst Schnee, moj drug! Macht dich wieder frisch, du wirst sehn!«, sagte ein noch recht jung klingender Mann mit leichtem russischem Akzent.

Er reagierte nicht, hob nun aber seinen Kopf und sah zum ersten Mal heute in den Spiegel.

Trotz seines benebelten Zustands war er über den Anblick seines Konterfeis zutiefst schockiert – der Großteil seiner klatschnassen, verklebten Haare stand kreuz und quer ab, während der vordere Rest dünnsträhnig an der Stirn backte. Das lädierte Auge war geschwollener als erwartet und an der kleinen Platzwunde hatte sich dunkelbrauner Schorf gebildet. Unter dem anderen Auge hing ein blauschwarzer Schatten. Das Augenweiß war durchweg von fein verästelten Äderchen durchsetzt. Seine Haut war tatsächlich noch blasser als sonst und bekam durch das kühle Neonlicht einen beängstigend ekelhaften Gelbstich. Aus den Nasenlöchern hing dunkler Rotz und seine Lippen hoben sich mit einem blass-kühlen Lila vom Rest des Gesichts ab. Ihm war so, als würde er seiner eigenen Leiche – einer Wasserleiche nach einem Gewaltverbrechen – bei der Autopsie ins Gesicht schauen. Er erschauderte bei der Vorstellung, tot auf einem Obduktionstisch zu liegen und schüttelte sich kurz, aber heftig.

Guck dich bloß mal an… Was machst du noch hier? Geh endlich nach Hause. Bring die Dinge endlich ins Lot, mein Bester. Dir zuliebe.

Mit der Armbeuge wischte er sich das Gesicht einmal fest von oben nach unten ab. Anschließend zog er lange und kräftig die Nase hoch und legte sich den widerspenstigen, groben Rotz mit markig schleifendem Rachengeräusch zurecht. Schließlich klatschte der klumpige Schleimbrocken pfeilschnell aufs Porzellan. Wie er so dalag – in Gelb- und Brauntönen, auf dem matten Weiß des Waschbeckens klebend, behäbig, schwulstig, gallertartig –, erinnerte er ihn an eine übertrieben abstoßend dargestellte, parasitäre Spezies aus einem Science-Fiction-Film. Davon angewidert, dass

sich dieses ekelerregende Etwas gerade eben noch in seinem Körper befunden hatte, drehte er den Wasserhahn rasch bis zum Anschlag auf und sah gebannt zu, wie die zähe Masse allmählich der Wucht des Wasserstrahls wich, wenn auch widerwillig. Als sie sich endlich gänzlich gelöst hatte, trieb sie träge zum Ausguss, wo sie ein letztes Mal Widerstand leistete, ehe sie vom grobmaschigen Sieb zerteilt wurde und endgültig im Schwarz der Löcher verschwand.

Erleichtert drehte er das Wasser aus, richtete sich auf und räusperte sich unfreiwillig vornehm.

Dann wandte er sich unerwartet energisch zu dem jungen Kokser, der ihn mit stiller Faszination beobachtet hatte, boxte ihm beherzt an die Schulter, sah ihm tief in die Augen und sagte mit fester, ernster Stimme: »Bring die Dinge ins Lot, Snowman! Mach was draus!«

Er erntete bloß Sprachlosigkeit.

Prompt verließ er den Toilettenraum, durchquerte mit noch etwas wackligem, aber zielstrebigem Gang die unermüdliche Partymeute und landete, nachdem er die steile Treppe nach oben gemeistert hatte, wie von einem barmherzigen Ungetüm wieder ausgespuckt, an der frühen Morgenluft. Sie war überraschend mild.

 

Die nassen Straßen waren übersät mit aufgeweichten, currybraunen Böllerresten, Raketenstäben, Glasscherben und sonstigen Relikten der Silvesternacht. Vom einst erneut erstarrten, wochenalten Schneematsch war dagegen fast nichts mehr übrig. Einzig am Straßenrand und an mancher Hausecke hing er noch hartnäckig, teils kniehoch aufgetürmt, in blassem Grau, mit reichlich kleinen Kratern und Schmauchspuren versehen. In wenigen Stunden würde wohl auch dieser geschundene Rest vollständig verschwunden sein.

Von der Bank der Bushaltestelle aus beobachtete er die letzten, meist allein vor sich hintorkelnden Nachtschwärmer auf ihrem Nachhauseweg, zwischen den ersten behäbig heranbrummenden Kehrfahrzeugen mit ihren fiebrig orange blinkenden Warnleuchten am Dach. Trotz der morgendlichen Uhrzeit war es immer noch dunkel. Er hatte sich so bequem wie möglich hingesetzt, das eine Bein über das andere geschlagen, die Hände in den Taschen seiner schmutzigen Trainingsjacke vergraben und den klammen Kopf in den Nacken gelegt. Er schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Von der frischen Neujahrsluft konnte er gar nicht genug kriegen. Dann schloss er die Augen. Nichts drehte sich. Schön. Bis sein Bus kam, würde es noch eine Weile dauern. Als er bemerkte, dass sich jemand neben ihn gesetzt hatte, vermutete er schon einen Dieb. Aber was hätte man ihm schon stehlen sollen. Schließlich traute er sich, die Augen zu öffnen und den Kopf langsam zur Seite zu drehen. Merkwürdigerweise blieb der Schock diesmal aus – Sie saß neben ihm. Nur eine Handbreit entfernt. Und grinste ihn kess, mit großen, aufgeweckten Augen, an.

»Dich hätte ich hier jetzt am allerwenigsten erwartet!«, ergriff sie zuerst das Wort, offenbar noch ein wenig beschwipst.

»Du bist es ja gar nicht!«, stieß er verwundert aus, klang aber auch erleichtert – und furchtbar heiser.

Sie sah ihn ganz verdutzt an.

»Wer bin ich nicht?«

»Na, meine Ex-Freundin! Du siehst fast genauso aus. Nur mit anderen Haaren und anderen Klamotten…«

»…und anderer Nase, anderem Mund und anderen Augen, ich versteh schon…«, führte sie seinen Satz trocken fort. Dann musste sie herzhaft lachen.

Er kam sich jetzt ziemlich blöd vor.

»Nein, ernsthaft jetzt! Ihr habt wirklich große Ähnlichkeit…«

»Ah ja…dann muss deine Ex ja ’ne ganz schöne Bombe sein, was?«

Nach einer Kunstpause prustete sie wieder los.

»An Selbstbewusstsein scheints dir jedenfalls nicht zu mangeln…«, entgegnete er.

Sofort fiel ihm auf, dass er etwas zu beleidigt geklungen hatte. Ihr war das anscheinend auch nicht entgangen.

»Ich mach doch nur Spaß… Kenn sie doch gar nicht, du Spinner…«, sagte sie in versöhnlichem Tonfall und versetzte ihm einen Knuff am Oberarm. Nun kam er sich noch blöder vor, konnte sich aber nicht verkneifen, verlegen zu lächeln.

»Stimmt auch wieder…«

Kurzes Schweigen.

»Nee, du Blödmann, es war ja so:«, begann sie charmant lächelnd den Satz. »Ich hab dich heute vor dem Späti gesehen, mit deinem extravaganten Outfit hier.« Sie zog kurz den Ärmel der Trainingsjacke hoch, mit Daumen und Zeigefinger, wie jemand, der eine alte Bananenschale schnurstracks in den Müll befördern möchte. Ihm fiel auf, dass sie ausgesprochen schöne Hände hatte. »Du hast mich ja angestarrt, als wäre ich der Teufel persönlich. Jetzt weiß ich wenigstens auch, warum. Aber was dann passiert ist, war ja wohl extrem heftig!« Ihr Blick wurde ernst, die Augen noch größer. »Du kannst froh sein, dass du so einen guten Freund hast. Aber du warst auch ziemlich mutig – ohne dich hätte der eine Asi ihn wohl noch am Kopf erwischt…«

Er wurde wieder verlegen, ließ sich aber diesmal nichts anmerken.

»Jo, Angelo ist schon echt’n Guter…«, versuchte er, möglichst cool zu klingen.

In Wahrheit war ihm alles unsagbar peinlich. Andererseits aber auch wieder gar nicht. Er kam sich ein bisschen vor wie ein Krieger, der aus einer langen, auszehrenden, einst aussichtslosen Schlacht lebend und in einem Stück zurückgekehrt war. Das war es wohl auch, was seine Schamgefühle ein wenig zu lindern vermochte – neben dem Restalkohol, versteht sich.

»Gehts dir gut? Kommst du klar?«, fragte sie jetzt sichtlich besorgt. Und schien ihm dabei direkt in die Seele zu schauen.

Er bekam kurz Gänsehaut und bemühte sich, abgeklärt zu wirken.

»Ja, doch, bei mir ist so weit alles in Ordnung… Das war bloß die wohl abgefahrenste Nacht meines Lebens. Aber ich habs überlebt, wies aussieht…« Er hielt kurz inne und holte tief Luft. »Klingt vielleicht komisch, aber meine größte Sorge ist gerade, dass ich nicht weiß, ob mich der Busfahrer umsonst mitfahren lässt. Außerdem hab ich den Nachdurst meines Lebens.«

Sie rollte ironisch mit den Augen.

»Mensch, sag doch was!«

Aus ihrer Handtasche kramte sie eine angebrochene Flasche Apfelschorle und drückte sie ihm in die Hand. Er nahm dankend an und trank gierig fast die komplette Flasche auf ex.

»Den Spuckschluck kannst du jetzt auch noch trinken! Du bist echt einer… Aber du scheinst ja doch zumindest ein paar Manieren zu haben – auch wenn du auf den ersten Blick nicht gerade so aussiehst…«, stellte sie frech fest.

»Is alles nur Tarnung. Sonst woll’n se alle immer gleich nur mein Geld…«, konterte er blitzschnell und war selbst erstaunt darüber.

Daraufhin blickte sie ihn betont argwöhnisch an. Bis sie es anscheinend nicht mehr aushielt und sehr laut, aber liebenswert loslachte. Er grinste derweil nur verschmitzt vor sich hin.

»Na ja, gut, wie auch immer, Batman…« Das letzte Wort sprach sie auffallend amerikanisch gedehnt aus. »Ich muss gleich mal wieder rüber zur anderen Haltestelle. Mein Bus kommt demnächst. Deiner kommt bestimmt auch bald. Warte mal…«

Sie kramte wieder in ihrer Handtasche. Diesmal jedoch, um ihr Portemonnaie herauszuziehen.

»Nee, nee, nee, das kann ich echt nicht annehmen. Das ist mein Problem und nicht…«

Neckisch legte sie ihm die schöne Hand auf den Mund.

»Wart doch erst Mal ab, du Spinner! Du weißt doch gar nicht, was ich vorhab…«

Dann entriss sie ihm forsch die leere Apfelschorleflasche und parkte sie in ihrem Schoß. Mit eleganter Geste zog sie nun einen klitzekleinen Kajalstift aus dem Portemonnaie hervor, riss die Flaschenbanderole auf, um sie ein Stück weit umzuknicken und schrieb gewissenhaft auf die freie Fläche. Danach reichte sie ihm die Flasche zurück. Er war sichtlich baff und nahm sie skeptisch dreinblickend wieder entgegen. Man konnte die Ziffern gerade so lesen.

»Ich würde wirklich gerne noch mal die ganze Geschichte hören, allein schon, wie man an Silvester darauf kommt, in Trainingsanzug und Badeschlappen auf die Piste zu gehen, Tarnung hin oder her.«

Mit einem Mal stand sie auf, schob den winzigen Kajalstift zurück ins Portemonnaie, nahm einen Fünf-Euro-Schein heraus und steckte ihn zielsicher in die Hosentasche seiner Trainingshose. Ihm ging das alles zu schnell. Er fühlte sich wie in Trance.

»Wiedersehen macht Freude, ne?«, sagte sie säuselnd.

Er nickte bloß verdattert.

»Und damit würde ich morgen unbedingt zum Arzt gehen. Das sieht nicht gut aus…« Sie deutete auf sein geschwollenes Auge und streichelte noch einmal behutsam mit dem Zeigefinger darüber.

Dann verschwand sie so schnell, wie sie gekommen war. Hinter ihm verhallte bloß noch das hypnotische Klackern ihrer Absätze. So langsam kam er wieder zu Verstand. Erst jetzt bemerkte er, wie erschöpft er war. Dann fielen ihm die Augen zu.

| BENJAMIN BRIGANT

zum Autor:
Benjamin Brigant, 26 Jahre, aufgewachsen im Oldenburger Land,
Studium der Rechtswissenschaften in Greifswald und Münster
Arbeiten im Bereich Kreatives Schreiben, Veröffentlichung von Prosa und Songtexten
|Reinhören