Anmerkungen zu Michel Houellebecq

in Roman

Roman | Michel Houellebecq: Unterwerfung

›Unterwerfung‹ (›Soumission‹) heißt der neue, heiß diskutierte Roman des französischen Autors Michel Houellebecq, der – obgleich eine rein fiktive, vielleicht im Grunde utopische Erzählung (der Autor nennt es eine »einigermaßen glaubwürdig erscheinende Beschreibung« – durch die furchtbaren Anschläge auf ›Charlie Hebdo‹ und den jüdischen Supermarkt in Paris eine ganz andere Bedeutung erhielt, ist doch Houllebecqs Buch genau an diesem 7. Januar 2015 in der französischen Originalausgabe erschienen. HUBERT HOLZMANN hat ›Unterwerfung‹ nach den Wochen des »je suis«-Aktivismus noch einmal gelesen.

HouellebecqUnabhängig von der Aktualität und Brisanz dieses Romans, die sich natürlich ob der Ereignisse in Frankreich aufdrängen – Autor und Verlag haben dieses makabre Zusammentreffen der Ereignisse in keiner Weise für etwaige PR genutzt (Michel Houellebecq haben die Ereignisse persönlich sehr getroffen!) –, mag unabhängig von der zeitgeschichtlichen Perspektive die Frage nach den Konstanten im Werk Houellebecqs spannend sein.

Angefangen von Ausweitung der Kampfzone (1994) über den Roman ›Plattform‹ (2001) steht ein bestimmter Typ im Zentrum von Houellebecqs Romanen: Es ist der oft allein lebende, eher ein wenig durchschnittliche, hässliche Mann, der im Bordell oder auf Reisen in die Sexparadiese Thailands Selbstbestätigung und Ausgleich sucht.

Distanz durch Aggressivität und Obszönität

Zugegeben Houellebecq gestaltet diese Beschreibungen männlicher Bedürfnisse extrem hart, aggressiv, obszön. Aber auch durchaus ironisch und ansatzweise distanziert, wenn er wie beispielsweise in ›Plattform‹ die Anziehungskraft von Mann und Frau (oder »Schwanz« und »Möse«) als zentrale Kraft in der Existenz der Menschen sieht. »Wenn ich aus dem Büro kam, sah ich mir im Allgemeinen erst mal eine Peepshow an… Der Anblick einer sich bewegenden Möse brachte mich auf andere Gedanken.«

In ›Unterwerfung‹ sind die männlichen Vorlieben des Helden François nicht mehr ganz so kraftvoll geschildert, muss er sich doch auf Youporn vergewissern, dass er der »Andropause« noch nicht »zum Opfer« gefallen ist. Jedoch bleibt Houellebecq der alte Zyniker, der er schon immer war. Der Unidozent François ist der einsame Held, der nicht unbedingt dem anderen Geschlecht hinterherjagt, sondern seiner Position als Lehrer zu verdanken hat, dass sich Studentinnen aus seiner Fakultät mit ihm einlassen. Seine Beziehungen beginnen also eher zufällig. Dass sich dabei ein nicht ganz ausgeglichenes Machtverhältnis auftut, stört ihn wenig. Denn eine wirkliche Bindung sucht er nicht, geht ihm zu nahe, passt nicht in sein Weltbild, das von Anfang an eher rückwärtsgewandt ist. François agiert fast schon gleichgültig, frustriert.

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Des Weiteren stammt der Held auch diesmal wieder aus dem Bereich der Forschung und der Wissenschaft, wie es schon der Informatiker im Debütroman von 1994 oder der Molekularbiologe in ›Elementarteilchen‹ (1998) war. Diesmal also forscht die Hauptfigur François an der Universität Paris III über den französischen Romancier und Autor der Décadence Joris-Karl Huysmans, über dessen Werk er als ausgewiesener Experte vor Studenten liest, Essays verfasst und später eine kritische Ausgabe vorbereitet. Wie oft an der Uni bestimmen Intrigen, Kollegenhäme, Berufungsfantasien seinen Alltag.

Houellebecq distanziert sich ironisch von seiner Figur – in seiner abschließenden Danksagung bemerkt er, dass er selbst »an keiner Universität studiert« hat – was nicht ganz den Tatsachen entspricht (Houellebecq war an einem der Hochschule ähnlichen Institut national eingeschrieben). Es bedarf zudem keiner großen Fantasie, um sich das Leben in einer Pariser Zwei-Zimmer-Wohnung vorzustellen. Und auch sonst wird François’ Leben sehr realistisch geschildert. Houellebecqs Programm: »ein Autor ist zuvorderst ein Mensch, der in seinen Büchern gegenwärtig ist«.

Dabei spielt Houellebecq auch ironisch mit Perspektiven und Ansichten. François scheint im Alltag so eben noch überleben zu können – dank Smartphone, einiger Tassen Kaffee am Tag, Zigaretten bis zum Abwinken und dem Sushi-Lieferdienst. Aber das ist alles nur Nebensache, ebenso der gelegentliche Männerblick auf seine »selteneren und unberechenbaren Erektionen«. Dabei entwirft Houellebecq noch eine zweite ästhetizistische Ebene mit dem Leben in der Abgeschiedenheit von Forschung und künstlicher Welt, in die sich François wie auch Huysmans’ Held Floressas des Esseintes aus dem Roman Gegen den Strich zurückziehen.

Einen Blick lohnt es sich auch diesmal auf Houellebecqs Frauenbild zu werfen. Nicht zu vergessen ist dabei, dass es zuerst die Perspektive des Helden ist, die wir erfahren. Und hier spielt eine starke sexuelle Obsession, die beinahe schon bemitleidenswert überlegen vom Helden geschildert wird: »Ich profitiere letztlich voll und ganz von jener grundlegenden Ungleichheit, die zur Folge hat, dass sich der Alterungsprozess eines Mannes nur langsam auf sein erotisches Potenzial auswirkt, während sich der Verfall der Frau mit verblüffender Härte in wenigen Jahren, manchmal Monaten vollzieht.« Da haben wir es also, der Blick des Macho muss bedauern. Wenn Frau nicht genügt, nutzt er Alternativen. Die Angst, die sich dahinter verbirgt, muss riesig sein.

Dieses Frauenbild passt nun perfekt auf die Bedrohung in Frankreich – der Roman ›Unterwerfung‹ spielt kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 –, die durch eine politische Patt-Situation von konservativen und linken Parteien ausgeht. Um die rechten Kräfte um Le Pen zu verhindern, wird die Bruderschaft der Muslime zur stärksten Kraft im Land. Ein Szenario, das Houellebecq nicht als Erster entworfen hat. Dass es vor den Wahlen zu Unruhen und zu Morden kommt, scheint in Kauf genommen zu werden. François flüchtet in dieser Zeit der Wirren aus Paris und bekommt nur am Rande die Auswirkungen des Terrors zu Gesicht. An einer Tankstelle bemerkt er einige Leichen, die wahrscheinlich von Dschihadisten ermordet wurden. Doch dies geschieht in einer sehr kurzen Übergangszeit. Die Verhältnisse stabilisieren sich schon bald. Nahezu alles geht unverändert weiter seinen Gang.

Unter der Regierung der Muslime kommt es nur zu leichten Akzentverschiebungen. Toleranz und Respekt sowie die Freiheitsrechte der Revolution gelten weiterhin. Was sich allerdings grundsätzlich ändert, ist die Stellung der Frau. Houellebecq entwirft ein utopistisches Frankreich, das den Ressentiments der heutigen Zeit Rechnung trägt. Mädchen besuchen nur noch Elementar- und Hauswirtschaftsschulen.

Die Frau kehrt also wieder zurück an den Herd, was die Probleme der Arbeitslosigkeit schlagartig löst. Und sie zeigt sich Fremden stets verhüllt. François beweist ungemeines kulturelles Verständnis und zeigt sich als Kenner der Materie, wenn er erklärt: »Während die reichen Araberinnen tagsüber die undurchdringliche schwarze Burke tragen, verwandelten sie sich abends in schillernde Paradiesvögel: Mieder, transparente BHs, Strings mit bunter Spitze und Schmucksteinen, also genau das Gegenteil der westlichen Frauen, die sich tagsüber sexy und elegant kleideten, weil ihr sozialer Status auf dem Spiel stand, abends aber zusammensanken, in unförmige Freizeitklamotten stiegen und beim Gedanken an Verführungsspielchen nur müde abwinkten.

Liegt es womöglich nicht allein an der Bedrohung durch muslimische Gesellschaftsstrukturen, dass unter diesen Umständen François’ Freundin Myriam, die als Jüdin nicht unbeeindruckt von der politischen Entwicklung ist, mit ihrer Familie das Land verlässt und nach Israel auswandert? Nicht verwundert wird man darüber sein, dass François unbeeindruckt davon scheint, nimmt er doch eine absolut apolitische Haltung ein. Erklingt in ›Plattform‹ (2001) noch ein »höllisches Konzert«, als Islamisten den Sexclub in die Luft jagen, so findet in ›Unterwerfung‹ – übrigens ist der Titel des Romans ›Unterwerfung‹ neben »Hingabe« eine Übersetzungsmöglichkeit des Worts »Islam« – Frankreich nach dem Machtwechsel »zu einer Zuversicht zurück, wie sie seit den ersten Nachkriegsjahrzehnten nicht mehr geherrscht hatte«.

Als Letztes sei ein kurzer Blick auf Houellebecqs Sprache geworfen, die nicht gerade von poetischer Kraft und lyrischem Ton strotzt. Beschwört er dennoch einmal Metaphern herauf, scheitert diese Bildersprache kläglich: »Le pénis passait d’une bouche à l’autre, les langues se croisaient comme se croisent las vols des hirondelles, légèrement inquiétes, dans le ciel sombre du Sud de la Seine-et-Marne, alors au’elles s’apprêtent à quitter l’Europe pour leur pèlerinage d’hiver.« Das Übersetzerduo Norma Cassau und Bernd Wilczek, das eine ertaunliche Arbeit geleistet hat, kann solch eine Stelle nur wortwörtlich nachzeichnen und sich wundern: »… die Zungen kreutzen sich, wie die Schwalben sich in leichter Unruhe im dunklen Südhimmel des Départements Seine-et-Marne kreuzen, kurz bevor sie Europa verlassen, um dem Winter zu entfliehen.« Der Bildgehalt ist mehr als trivial.

Dass die deutsche Ausgabe von ›Soumission‹ einen grünen Einband bekommen hat, ist dabei nicht nebensächlich, ist doch grün die Farbe des Islam – eine Anspielung darauf, dass Houellebecq mit ›Unterwerfung‹ (dem neuen heiligen Buch?) das Bild eines muslimisch geprägten Europas entwirft? Wer lesen kann, der lese.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben:
Michel Houellebecq: Unterwerfung
Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek
Köln: DuMont 2015
272 Seiten. 22,99 Euro

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