Schonungslos

in Jugendbuch

Jugendbuch | Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben

Krieg, Flüchtlinge, Asyl, Abschiebung, auch Kinder kennen diese Begriffe schon. Ob und wie man mit ihnen darüber spricht, wie es zu den Zuständen kommt, die diese Begriffe bedeuten, davon hört man weniger. Die norwegische Autorin Ingeborg Kringeland Hald hat sich für den direkten Weg entschieden, und erzählt in ihrem Debütroman für Kinder ›Vielleicht dürfen wir bleiben‹ schonungslos vom Grauen. Von MAGALI HEISSLER

bleibenAlbin ist elf, seit fast fünf Jahren lebt er in Norwegen, zusammen mit seiner Mutter und den kleinen Zwillingsschwestern. Eigentlich stammen sie aus Bosnien, der Krieg hat sie überrollt. Von einem Moment auf den nächsten hat er Albins Familie zerstört und die, die übrig blieben, zu Flüchtlingen gemacht. Albin spricht längst norwegisch, hat einen Freund gefunden. Das zählt aber nicht, eines Morgens steht das Auto vor der Tür. Die Familie soll nach Bosnien zurückgeschickt werden. Der Schreck ist zu groß, Albin läuft davon.

Ganz zufällig trifft er Amanda und ihre kleine Schwester Lisa, sie wechseln ein paar Worte während einer Busfahrt. Als sie sich wieder trennen, folgt Albin ihnen heimlich. So landet er in den Bergen, verängstigt, stets fluchtbereit und doch hingezogen zu anderen.

Das Knäuel im Bauch

Hald lässt Albin erzählen, unmittelbar, dem Augenblick verhaftet und dem, was gerade geschieht. Sehr schnell wird deutlich, dass Albin vor allem von Angst getrieben wird. Er kann nicht klar denken, jede Belastung wird zu einem Druck, der auslöst, was er in den Wochen der Flucht gelernt hat. Weglaufen, sich verstecken, gleich, wie unbequem, kalt, abweisend, ja, gefährlich das Versteck ist. Wichtig ist allein den nächsten Moment zu erleben, die nächste halbe Stunde, den Tag. Die Gefahr für das Leben ist zu groß. In Albins Bauch haust die Angst, ein Knäuel, das nicht aufzuwickeln ist.

Auf der Reise als blinder Passagier mit Lisa und Amanda und in der Zeit in den Bergen lässt die Angst Erinnerungen an die Erlebnisse im Krieg wach werden, die Albin bis dahin unterrückt hat. Und sie sind grauenhaft, Hald erspart sich und den Leserinnen nichts. Albin durchlebt die Schreckenszeit erneut. Auch die Leserin hat bald ein Knäuel im Bauch.

Gleichzeitig erzählt Hald von den Ferientagen, die die Mädchen mit ihren Großeltern verbringen. Unbeschwert, fröhlich, mit Spielen, Lachen, gut versorgt, der Tisch immer gedeckt, sicher behütet. Zuweilen ist man sich beim Lesen nicht mehr sicher, welche der beiden Geschichten einer den Atem stocken lässt, die vom Grauen oder die von der Unbeschwertheit aus freundlicher, aber dennoch Sorglosigkeit aus unschuldig-naivem Unwissen heraus.

Mutige Entscheidung

Diese Geschichte für ältere Kinder und ganz junge Jugendliche zu schreiben erforderte Mut, sie zu verlegen ebenfalls. Sowohl der norwegische wie auch der deutsche Verlag mit der großartigen Übersetzung von Maike Dörries haben ihn bewiesen. Dieses Buch jungen Leserinnen und Lesern in die Hand zu geben, braucht auch Mut. Hald erzählt in knapper Sprache, aber sie benennt, was an Entsetzlichem geschieht. Das Morden, Blut, Vergewaltigung. Der Gestank, der Hunger, die Orientierungslosigkeit. Manches davon kann der Berichterstatter Albin noch nicht einordnen, er ist ja erst sechs, als er all das miterlebt. Er beschreibt, was er gesehen hat, was gehört.

Auf erwachsene Leserinnen und Leser macht das einen anderen Eindruck, weil sie die Bilder, die Hald mit entsetzlicher Präzision in Worte fasst, bereits eindeutig erkennen. Kinder kennen sie in ihrer Eindeutigkeit noch nicht. Aber sie werden Fragen stellen. Hier ist wieder der Mut gefragt, zu antworten. Den braucht man auch, wenn die Fragen nach Asyl und seiner modernen Bedeutung auftauchen. Und danach, ob man es sich nicht zu leicht macht, wenn man die materiellen Bedürfnisse der Geflohenen befriedigt, sich aber nicht um ihre Traumata kümmert.

Das Buch ist durchaus geeignet, eine Debatte darüber auszulösen, was man Kindern an Lektüre zumuten kann. Am Vorführen realen Grauens, weit jenseits von Zombies, Vampiren und anderen ach so fürchterlichen klauenbewehrten Ungeheuern, die ja nichts weiter sind, als zu Buchstaben gewordene Phantasie mehr oder minderer Güte. Oder am Vorführen von strahlenden unbesiegbaren Helden, für die Ähnliches gilt. Alles nur Papier.

Deswegen gibt es in dieser Geschichte auch keine Heldinnen oder Helden. Albin erfährt ein bisschen Glück. Wie lange es anhält, weiß niemand. Vielleicht können er und seine Familie ja in Norwegen bleiben.

Das Knäuel im Bauch bleibt.

Titelangaben
Ingeborg Kringeland Hald: Vielleicht dürfen wir bleiben
(Albin Prek, 2010). Übersetzt von Maike Dörries
Hamburg: Carlsen 2015
112 Seiten. 9,99 Euro
Jugendbuch ab 11 Jahren

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