Ein Neuseeländer auf dem Mars

in Comic

Comic | Dylan Horrocks: Sam Zabel in: Der König des Mars

Ein Film im Film, das kennt man ja inzwischen. Ein Comic im Comic ist da schon ungewöhnlicher. Dylan Horrocks schickt in der Graphic Novel mit dem komplizierten Titel ›Sam Zabel in: Der König des Mars‹ einen krisengeplagten Comiczeichner auf eine Reise in ein magisches Comicheft. Eine kunterbunte Geschichte, die auch ernste Töne nicht ausspart. BORIS KUNZ hätte nie gedacht, dass eine Geschichte über die Überwindung einer Schreibblockade solchen Spaß machen könnte.

DerKönigdesMarsAutobiographische Abhandlungen über die eigene Jugend (wie ›Fun Home‹ oder ›Persepolis‹) einmal ausgenommen: Wenn die Hauptfigur eines Comics selbst ein Comiczeichner ist, dann handelt es sich dabei meistens um eine tendenziell eher glücklose, frustrierte Figur. Das fängt an bei John Arbuckle (dem von seinen eigenen Haustieren drangsalierten Halter von Garfield) und setzt sich in so unterschiedlichen Comics fort wie ›Doppeltes Glück mit dem roten Affen‹ oder ›I am a Hero‹. Warum das so ist, könnte vielleicht eine ausführliche medientheoretische Untersuchung beantworten. Oder ein Blick in das Werk des neuseeländischen Comicschöpfers Dylan Horrocks, der schon in den Neunzigern mit seiner Graphic Novel ›Hicksville‹ der Riege dieser Charaktere einige weitere Exemplare hinzufügte. Einer von ihnen war Sam Zabel, der jetzt zum Helden seines eigenen Abenteuers werden darf (dessen Lektüre man auch ganz ohne vorherige Kenntnis von ›Hicksville‹ genießen kann).

Ein »Fantasie – Abenteuer«

Sam Zabel leidet an einer doppelten Schreibblockade: Früher hat er seine eigenen Independent-Comics gezeichnet (›Pickle‹), doch dafür will ihm nach ersten Erfolgen nichts mehr einfallen. Also muss er sich mit Schreibjobs für einen amerikanischen Superheldenverlag über Wasser halten und verfasst die Skripts für die eher drittklassige Reihe ›Lady Night‹ – eine Verbrecherjägerin mit knappem Outfit und großem Vorbau, deren Erscheinungsbild nahe legt, dass es nicht die brillanten Dialoge sind, deretwegen sich ihre Reihe überhaupt noch verkauft. Trotzdem scheitert Sam Zabel auch hier: Weil er sich nicht damit abfinden kann, uninspirierte Texte abzuliefern, liefert er überhaupt nichts ab und Zeichner und Verleger liegen ihm täglich wegen überschrittener Deadlines in den Ohren.

SAM_ZABEL_IN-_DER_KOENIG_DES_MARS_6Die Parallelen zu Dylan Horrocks eigener Biographie legen nahe, dass dem Autor die Leiden von Sam Zabel nicht gänzlich unbekannt sind. Auch er hat mit unabhängigen, sehr persönlichen Werken (›Pickle‹ (sic!) und ›Hicksville‹) von sich Reden gemacht und anschließend für amerikanische Verlage geschrieben unter anderem für ›Batgirl‹. Die Fragen, die Horrocks in seiner viel beachteten neuen Graphic Novel verhandelt, gehören sicherlich zu denen, die sich jeder Künstler (nicht nur während einer Schaffenskrise) stellt, die aber selten so direkt, so selbstreflexiv und gleichzeitig so unterhaltsam in das jeweilige Werk einfließen. Es geht um die Funktionsweise der menschlichen Phantasie. Ist sie reiner Eskapismus oder steckt noch mehr dahinter? Dürfen wir uns in unseren Phantasien alles erlauben oder gelten auch hier moralische Grundsätze? Können wir darin etwas über uns selbst erfahren – und wenn es nur die Tatsache ist, dass unsere tiefsten Wünsche eigentlich ungeheuer banal sind?

Durch Zufall gerät Sam Zabel in einem alten Comicladen ein zerfledderter, unbekannter Comic aus den Fünfzigerjahren in die Hände, mit dem Titel ›Der König des Mars‹. Darin erkundet Errol Rose, Flieger-Ass und neuseeländischer Weltraumpionier, nach einer Bruchlandung den Planeten Mars, um in den Tiefen der Marsschluchten auf eine bunte, primitive Zivilisation zu treffen. Was Zabel zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt: Das Werk ist mit einer magischen Feder gezeichnet, die ihre Comicwelten für jeden erlebbar macht, der auf die Seiten pustet. Als Zabel versehentlich auf den aufgeschlagenen Comic niest, findet er sich plötzlich auf dem Mars wieder. Dort trifft er auf Miki, ein aufgewecktes Mädel mit Raketenstiefeln, die um das Geheimnis der Feder weiß und wie eine Art hedonistischer Samurai durch all die Comicwelten reist, die mit dieser Feder schon geschaffen wurden. Dort begegnen Sam bald noch einige andere Comicfans und Comiczeichner, an deren Seite eine rasante Odyssee durch die Welt der bunten Bilder beginnt.

Helden sind vom Mars, Sexobjekte von der Venus

SAM_ZABEL_IN-_DER_KOENIG_DES_MARS_13Natürlich kann sich Horrocks bei einer solchen Story ein paar augenzwinkernde Anspielungen für Comic-Insider nicht verkneifen. Natürlich werden ebenso analytisch wie liebevoll ein paar Eigenheiten von modernen Superheldencomics, der Manga-Kultur oder den naiven Raumfahrerabenteuern der 50er Jahre (à la ›Flash Gordon‹) auf die Schippe genommen. Aber eine Reihe netter Stilparodien populärer Comics darf man hier nicht erwarten. Horrocks präsentiert eine wendungsreiche und verschachtelte Erzählung, die in jedem Kapitel mit einer neuen Überraschung aufwartet, die aber trotzdem zu keinem Zeitpunkt unübersichtlich wird, obwohl die Protagonisten darin zwischen verschiedensten Welten herumspringen. Dabei gelingt es Horrocks immer wieder, die Story zum Anlass zu nehmen, sich Gedanken über sein Grundthema zu machen und dabei auch ein paar moralische Fragen aufzuwerfen.

So wird Sam Zabel auf dem Mars für den »zeichnenden Gottkönig« gehalten und in dessen Gemächer gebracht, wo ihm eine Schar zwar grünhäutiger, ansonsten aber überaus liebreizender und beinahe nackter Venusianerinnen Aufwartungen macht. Erst weiß Zabel nicht, wie ihm geschieht, als die Frauen ihm die Kleider von Leib reißen, ihn erst in den Pool und dann in ein gewaltiges Bett zerren, um endlich ihren unbändigen Liebeshunger stillen zu können. Bald aber wird er herausfinden, dass diese Welt so ist, wie sie ist, weil sie dem Hirn eines männlichen Comiczeichners entspringt, der hier mehr oder weniger unverblümt seinen Phantasien gefrönt hat. Sams weibliche Reisebegleiter finden das Frauenbild auf dem Mars natürlich alles andere als akzeptabel.

Sind Fantasywelten ein rechtsfreier Raum, in dem es uns gestattet ist, unsere abgründigsten Wünsche auch mit anderen Menschen zu teilen – beispielsweise in Form von Comics? Oder sollten wir uns auch hier Grenzen setzen? Horrocks reflektiert in seiner Graphic Novel über diese Fragen, ohne dabei ins Theoretisieren zu geraten – im Gegenteil: Es sind genau diese Themen, die die Handlung vorantreiben, anstatt sie auszubremsen.

Nicht zurück nach Hicksville, bitte

SAM_ZABEL_IN-_DER_KOENIG_DES_MARS_15Grafisch ist der Comic in einem Stil gehalten, der auf den ersten Blick darüber hinwegtäuschen könnte, wie durchdacht und verschachtelt sein Werk eigentlich ist. Horrocks bleibt bei relativ einfachen, klaren und schnörkellosen Tuschezeichnungen, die eine gewisse Naivität vorgaukeln. Doch dieser einfache Strich hat große Vorteile, weil es ihm damit gelingt, mit nur sehr geringen Veränderungen dem Stil eines Mangas ebenso nachzuspüren wie dem klassischer Superheldencomics oder der blauäugigen Retro-SciFi-Welt auf dem Mars. Dabei entstehen keine Parodien oder Imitationen, Horrocks kann all die unterschiedlichen Welten in seiner reduzierten, naiven Ligne Claire unterbringen, in der ein einäugiges Marsmonster wie aus einer Kinderzeichnung neben einer hocherotischen, barbusigen Venusfrau ohne Stilbruch bestehen kann. Gleichzeitig kann er damit erotische Fantasien in einer Weise darstellen, die noch immer charmant unschuldig wirkt, ohne sich den Vorwurf machen lassen zu müssen, den Sexismus, über den der Comic nachdenkt, selbst zu betreiben.

Gerade im Vergleich mit ›Hicksville‹, indem es ebenfalls schon um Lust und Frust in der Comicbranche und die Ausbeutung von Kreativität ging, zeigt sich deutlich, wie souverän Horrocks als Autor und Zeichner inzwischen geworden ist: ›Sam Zabel in: Der König des Mars‹ ist grafisch stringenter und stilsicherer, der theoretische Überbau und die Dynamik der Geschichte sind viel besser miteinander verzahnt als in seinem Frühwerk. Ob Horrocks sein deutlich erweitertes Können allerdings nun einfach konstanter Übung, tatsächlich der Überwindung seiner Schreibblockade, oder am Ende womöglich einer magischen Feder verdankt, bleibt eines der Geheimnisse, die der Künstler auch in diesem Band noch für sich selbst bewahren kann.

| BORIS KUNZ
| Abbildungen: Dylan Horrocks/Egmont-Verlag

Titelangaben
Dylan Horrocks: Sam Zabel in: Der König des Mars
(Sam Zabel and the Magic Pen)
Aus dem Englischen von Volker Zimmermann
Köln: Egmont 2014

Reinschauen
| Internetpräsenz von Dylan Horrocks
| Hicksville bei Reprodukt