Zu Besuch

in Lite Ratur/Lyrik

Lite Ratur | Wolf Senff: Zu Besuch

Paul misstraute äußerlichen Abläufen, einer davon war eingeteilte Arbeit, er sträubte sich gegen Vorschriften jeglicher Art, er hatte nie eine Armbanduhr getragen, als man noch Armbanduhren trug. Er hätte als Versager gelten können, doch bei ihm war kein Gedanke daran.
Tim hatte ihm die Fahrkarte zugeschickt, das war nun einmal Tim, er erwarte ihn gegen Mittag, sie kamen gut miteinander aus, mehr konnte niemand wünschen.

designtnt-stock-photo-10Sieht aus, als ginge es dir von Jahr zu Jahr besser, sagte Paul, lachte und stieg zu Tim in dessen lindgrünen Q3.
Kannst du das von dir nicht sagen? Wie geht es deiner Mutter?
Sie sorgt sich.

Tim schmunzelte. Er fuhr zügig bis Gohlis, öffnete das schmiedeeiserne Tor per Tastendruck und hielt auf der Auffahrt.

Der bessere Teil der Stadt, stellte Paul fest, als er ausstieg und sich nach der Sonne streckte.
Die Preise ziehen überall an. Ich bin froh, günstig gekauft zu haben. Nicht besonders groß, aber dieses Haus reicht für den Fall, dass hier einmal noch jemand einzieht.

Wie geht es Marie?
Sie lebt mit den Kindern drei Straßen weiter.
Du zahlst?
Ich zahle, wer sonst.

Tim öffnete die Haustür, sie legten ihre sommerliche Garderobe ab, Tim ging voraus in die Küche und zog zwei Espressi aus der Maschine. Die Küche war geräumig, sie setzten sich an den Tisch, eine gläserne Platte auf Stahlgerüst.
Stress?, fragte Tim. Wie war die Reise?
Mit der Bahn fährst du angenehm. Danke für die Einladung. Was hast du vor?
Null Pläne, sagte Tim. Wir können zu Marie. Sie wird sich freuen, dich zu sehen.
Fein. Ich sortiere mich und mache mich frisch.

Tim blätterte im ›Handelsblatt‹, es lohnte nicht, sich über Politik zu informieren, außer dass er eben auf dem Stand der Dinge blieb, er hatte einige Jahre in Schanghai gelebt und machte Geschäfte mit China, gute Geschäfte, doch jeder Abschluss mit China stand auf wackeligen Beinen, die Dinge waren im Umbruch, auf nichts war Verlass. Freunde in China täten nichts lieber, als nach Deutschland zurückzukehren, und ›Rette sich, wer kann‹ empfiehlt sich als Leitspruch für das Jahrhundert.

Paul trug Jeans und ein Sakko aus Ziegenleder, als er aus dem Bad kam, eine sympathische Erscheinung Ende dreißig, sie brachen dann gleich auf, sie gingen wirklich nur drei Straßen weiter, sie waren unangemeldet, Marie war völlig überrascht.
Tim!, rief sie. Du hast mir kein Wort gesagt!
Sie errötete und umarmte Paul. Die Kinder sind in der Schule, sagte sie, sie sind erst am Nachmittag zu Hause. Sie blickte auf Tim. Kommt ins Haus.
Schön hast du es, sagte Paul. Marie führte sie ins Wohnzimmer, sie setzten sich. Während Marie Kaffee zubereitete, blickte Paul fasziniert auf den tiefblau grundierten Kashan.
Ich bleibe nur bis morgen, sagte Paul, als Marie einschenkte.
Paul. Es ist immer dasselbe mit dir. Du hast so viel Zeit. Sie lachte. Keine Verpflichtungen. Man könnte neidisch werden. Und dann bleibst du immer nur einen Tag.
Ich kümmere mich um Mutter. Sie ist ungern allein.
So redest du seit Jahren, Paul.
Du wirst ihn nicht ändern, sagte Tim.
Und?, fragte sie. Was hast du vor?
Ich fahre in die Stadt, sagte Paul. Später treffen wir uns vor der Oper, Tim hat Karten reserviert, sie geben Puccini.
Du spielst noch Klavier?
Privat. Er trank einen Schluck. Und ihr zwei? Alles gelöst?
Marie und Tim sahen einander an, Marie lachte. Besser als je zuvor, sagte sie.

Sie redeten über die Kinder, die sich prächtig entwickelten, sie waren der Stolz ihrer Eltern. Sie verabschiedeten sich, Paul nahm die 7 in die Stadt, stieg vor dem Bahnhof um und fuhr auf gut Glück stadtauswärts, Eisenbahnstraße, mehrmals an leer stehenden Wohnblocks vorüber, die Zeiten ändern sich, die Fundamente bröckeln, verfallende Fassaden in Selleringhausen, Paul verschaffte sich einen Eindruck.

Die City war gepflegt, fein teuer zurechtgemacht, er trank einen Kaffee im traditionsreichen Riquet, Kolonialstil des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, er schlenderte zum Augustusplatz. Die Oper war ein schlichtes, schönes Gebäude aus den frühen Sechzigern, er stand einige Minuten davor und schaute es an. Im Vestibül verschwatzte er ein halbes Stündchen mit einem sympathischen älteren Herrn und winkte Tim zu, als er ihn beim Eingang stehen sah.

Mehr gibt es nicht zu erzählen. La Bohème war unterhaltsam, der Saal war mit wunderschön wärmendem Holz ausgekleidet, war nicht wenige Tage darauf ein Konzert mit Werken von Boulez angekündigt, nein, Boulez ist kompliziert, ein Musiker der Moderne, der Kompositionen Frank Zappas einspielte, man weiß ja so vieles gar nicht, Pierre Boulez komponiert serielle Musik, die auf zufälligen Mustern aufbaut, berühmt sind seine ›Structures‹, Werke für zwei Klaviere.

Anschließend kehrten sie in der Südstadt auf ein Bier ein, am nächsten Tag aßen sie zu Mittag bei einem Inder, bummelten bei herrlichem Wetter durch die Innenstadt, tranken gegenüber der Thomaskirche ein Tässchen Kaffee. Am späten Nachmittag stieg Paul in seinen ICE nach Hamburg.

| WOLF SENFF