Free Jazz & Free Space & Impro: Ornette Coleman

in Live/Porträt & Interview

Musik | Legende des Free Jazz und Extrem-Ästhet Ornette Coleman

Ornette Coleman wurde am 9. März 85 Jahre alt. Aus diesem Anlass hier meine Erinnerung an eine seiner Shows der vergangenen Jahre beim Jazzfestival Saalfelden 2009: Blau überspannt den sommerwarmen Bergort. Im Congresshaus, das schickes Festivalzentrum darstellt, verbringe ich Zeit fast wie chillend, relaxt in musikalische Sets mit zumeist eher Feinnervigem hineinhörend. Zwischendurch unterhalten wir Journalisten uns mit den Musikern auf dem Balkon der Lounge. Ich stimme mich gedanklich ein auf den Festival-Mainact: Ornette Coleman. Von TINA KAROLINA STAUNER

Foto: Frank Schindelbeck. Photography by www.schindelbeck.org
Foto: Frank Schindelbeck. Photography by www.schindelbeck.org
Coleman, der 1960 mit der Veröffentlichung von »Free Jazz« als Neuerer auftrat, startet seinen Auftritt zum Festivalabschluss fast lyrisch, sentimental wechselt im ersten Stück zwischen Saxophon und Trompete. Später auch einmal zur Violine neben einem Bass gespielt wie bei einer Cellosuite. Im lilafarbenen, feinrotgestreiften Anzug und schwarzen Basthut, ist der schmächtige, fast 80-jährige Mann, lebende Autorität des Free Jazz, im Zentrum der Bühne und koordiniert ein Spiel, das in seine gesamte Werkgeschichte und sein antiautoritäres Musiksysthem führt.

Mit ihm in der Formation die Bassisten Anthony Falanga und Al McDowell und sein 53-jähriger Sohn Denardo Coleman am Schlagzeug. Ein Quartett. Coleman arbeitet damit, um an sein Original-Quartett der 60er Jahre zu erinnern, genauso aber auch die Zeit von Prime Time anzudeuten und begibt sich natürlich ebenso in sein jüngstes Material. Die Übergänge sind wie fließend. Das harmolodische Gedankengebäude besteht im Grunde von Anfang an in Colemans Arbeit, auch schon im Original Quartett, wurde aber erst etwa 1972 zu Prime Time theoretisch mit Worten artikuliert und diskutiert. Der Grundgedanke ist eine Synthese aus »harmony«, »movement« und »melody« bzw. »melodic«. Daraus entsteht die Formel »harmolodics« als ein offenes Spiel, bei dem die Improvisation Form schafft. Auch in Saalfelden ein sich stets veränderndes Klangbild. Immer wieder werden in diesem Ineinandergehen von Soundflächen und Soundlinien Motivkürzel eingefügt, die betont oft wiederholt werden. Auch Denardo Colemans Schlagzeugarbeit ist davon geprägt. Kann einfühlend zurückhaltend sein, genauso wie härtest Strukturieren und Vorwärtstreiben.

Coleman verlangt vom Musiker wie vom Zuhörer extreme Hörfähigkeit, Bereitschaft zu besonderem musikalischen Denken. Wobei das Ganze mittlerweile etwas gezähmt wirkt, da nicht mehr neu, nicht mehr alternativ, längst den Hörgewohnheiten vieler vertraut. Aber an Ausstrahlungskraft hat der Charismatiker aus Fort Worth Texas nichts eingebüßt. Sicher hat sich sein Spiel etwas verändert. Weniger Widerspenstigkeit, sondern eine unglaubliche Wärme geht davon aus. Auch im Dissonanten, Atonalen. Coleman soll ja Kreativität als soziale Botschaft bezeichnet haben, von Beginn an als Visionär von Weltverbesserung gesprochen haben. »Harmolodic meint nicht nur Musik. Sie existiert auch im menschlichen Körper, in dem Sinne, wie das Nervensystem mit dem Wissen korreliert. Es ist ein Weg wahrzunehmen, wie alles auf alles einwirkt!«, so Coleman.

Harmolodics, zeitlos, ständig in Wandlung begriffen, ist eine musikalische Philosophie. Mit Potential, das eine Weltphilosophie birgt. Vielleicht wie der CD-Titel ›Sound Grammar‹ von 2006 sagt eine Art Grammatik dafür. Für ein musikphilosophisches Programm als Entwurf zu herrschaftsfreiem Diskurs, und Kollektivität.

Coleman zeigt sich nach dem Konzert kommunikativ in der Lounge. Ich interviewe ihn spontan mit ein paar Fragen über »harmolodics«.

| TINA KAROLINA STAUNER

Reinschauen
| Wilson, Niklas: ›Ornette Coleman – Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten‹