Rede an die Nation

in Jugendbuch

Jugendbuch | Christian Frascella: Bet empört sich

Auch in Zeiten überbordender Geschwätzigkeit gilt es noch als wichtig, etwas zu sagen zu haben. Allerdings ist es keineswegs so, dass selbst dann alle Gehör finden. Die, denen nicht zugehört wird, sind auf jeden Fall die jungen Menschen. Genau das hat Bet satt. Sie verschafft sich die Möglichkeit, gehört zu werden, und hält unversehens eine Rede an die ganze Nation. Christian Frascella erzählt in seinem neuesten Jugendroman, wie es dazu kommen konnte. Von MAGALI HEISSLER

BetBet geht aufs Gymnasium, hält aber wenig von dem, was ihr Lehrerinnen und Lehrer erzählen. Sie lebt in einem Turiner Arbeiterviertel, ihre Eltern haben sich getrennt. Ihr Vater ist nach Rom gezogen, sie wohnt bei ihrer Mutter und deren Lebensgefährten. Mit den beiden kämpft Bet den täglichen Teenager-Eltern-Krieg. Alle Waffen sind erlaubt, hin und wieder fließt Blut, seelisch vor allem. Tränen gibt’s auf jeden Fall, aber die lässt Bet niemand sehen. Überhaupt sind Gefühle etwas, das sie lieber für sich behält. Und dann ist da noch ihr ureigenes Wunder, eines, das nur sie sieht.

Im Leben geht es Bet um Unabhängigkeit. Im Überschwang ihrer knapp achtzehn Lebensjahre verwechselt sie das häufig mit Abkapselung und den dazugehörigen Alleingängen. Ebenso hat die wortreich postulierte Freiheit viel mit frechen Sprüchen und weniger mit Verantwortung zu tun. Dass Bet am besten weiß, was für andere gut ist, versteht sich von selbst. Dass das Schwierigkeiten geben wird, ebenso.

Die Erste, die das mit Wucht zu spüren bekommt, ist Bets neue Bekannte, Viola. Sie ist schwanger, aber alleinlebend. Das findet Bet nicht gut, prompt mischt sie sich ein. Gegenstand ihrer Einmischung wird auch eine junge Algerierin, die einen Gesichtsschleier trägt und die Bet ‚befreien‘ möchte. In ähnlichem Überschwang organisiert sie einen Streik bei der Firma, in der ihre Mutter arbeitet, weil dieser die Entlassung droht. Als sie auch damit nicht sehr weit kommt, hat Bet genug, sie ist endgültig empört. Das Gymnasium wird der Ort ihrer großen Tat, ein echtes Abenteuer. Allerdings nicht das eigentliche Abenteuer, denn Bet hat mit einem nicht gerechnet, mit dem Leben nämlich.

Wir da unten

Bet, Jeans, Pulli, gelbe(sic!) Doc Martens und ein Mundwerk wie ein Schwert, hält die Leserin vom ersten Augenblick an in Atem. Bet will Gerechtigkeit. Arbeitslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeiten müssen beendet werden, überall und sofort. Sie weiß, wovon sie spricht, sie gehört zur Generation derjenigen, auf die auch nach einem Abitur und Studium höchstens befristete Arbeitsverträge warten und deren Leben von permanenter Unsicherheit bestimmt ist, ökonomisch, sozial, aber auch privat. Bet träumt von der Revolution. Massen auf den Straßen, Fahnen, Transparente, Lieder, eine geballte Wucht, die die Veränderung herbeizwingt. Endlich ein Ende macht mit leeren Versprechungen aus Politik, Industrie, von irgendwelchen hohen Gremien, die irgendwo hoch oben über die da unten bestimmen.

Bet träumt nicht nur, sie ist nicht nur aus dem Mund anderer eine‚ der da unten. »Wir da unten«, denkt Bet und dass ausgerechnet die betroffenen Jugendlichen so machtlos sein sollen, schluckt sie ganz bestimmt nicht. Als sie durch Zufall in die Zwangsräumung einer Wohnung stolpert, stürzt sie sich umgehend ins Getümmel.
Die anschließenden negativen Erfahrungen halten sie nicht ab. Politisch handeln gehört für Bet zum Leben, auch wenn das »politisch« vor allem mit »spontan für Gerechtigkeit eintreten« zu übersetzen ist. Das ist ein besonderes Motiv in Frascellas Roman, alles andere als häufig im Genre und eines, das den Leserinnen einiges an Mitdenken abverlangt.

Das gilt auch für die Folgen von Bets Eingreifen. Frascella schildert differenziert, was aus romantischem Veränderungswillen wird, der kein theoretisches Fundament hat. Gutsein genügt nicht. Dass er dabei an den gegebenen Umständen, den Verflechtungen von Politik und Wirtschaft, dem Wegducken der Erwachsenen, den Mitläuferinnen und Träumerinnen kein gutes Haar lässt, ist sympathisch. Seine Geschichte lässt sich direkt in die Unruhen in Italien 2011 einordnen. Frascella wägt ab, er diskutiert Für und Wider. Die Entscheidungen überlässt er den Leserinnen. Bet nimmt sie ihnen ganz sicher nicht ab. Sie baut ja auch ihren Mist allein.

Die Bedeutung von Worten

Es geht ums Sprechen in diesem Buch, miteinander, übereinander, füreinander, nur nie gegeneinander. Viele Missverständnisse beruhen auf stillschweigenden Annahmen über das jeweilige Gegenüber. Mit Vorannahmen und Vorurteilen verdirbt sich Bet beinahe die beginnende Freundschaft mit Viola, verpasst beinahe eine große Liebe, erpresst fast ihren Vater, zerstört beinahe die Beziehung zu ihrer Mutter. Wer nicht erst fragt, ehe sie handelt, kann unversehens rassistisch sein, sexistisch, menschenfeindlich. Bet ist mitunter in ihren Urteilen über andere schneller als ein Blitz vom Himmel und ebenso unterschiedslos.

Die andere Seite der Worte sind die hohlen Phrasen, die Beschwichtigungen, Drohungen, leeren Versprechungen. Geschwätz zur Ablenkung. Was aus Bets etwas verrückter Aktion werden könnte in einer Zeit, in der Auflagen und Quoten in den Medien alles beherrschend sind, wird thematisiert, allerdings etwas zu knapp abgehandelt. Frascella steht ohnehin immer kurz davor, das Ganze thematisch zu überfrachten.
Sprachlich ist es sehr treffend wiedergegeben, der Autor hat deutlich Jugendlichen zugehört und er kennt auch die Worthülsen der Gegenseite genau. Die Übersetzung von Annette Kopetzki fängt den Ton geschickt ein, zeigt sich sensibel gegenüber dem häufig wechselnden Rhythmus von Sprechen, Erzählen, Fühlen und vermittelt Frascellas unterliegenden Appell an die Leserinnen ohne Einschränkung.

Privates Erleben und Politik mischen sich immer wieder in dieser Geschichte, das balanciert der Autor recht geschickt aus. Die größeren Zusammenhänge wirken auf die kleinen zurück. Um das genau zu verstehen, muss man einiges an Geduld aufbringen. Eine gewisse Offenheit und Bereitschaft, umzudenken, sind bei der Lektüre notwendig. Überraschende Einsichten werden einer dafür alle paar Seiten geschenkt, vor allem in puncto Geschlechterverhältnisse. Die letzten Seiten runden die Geschichte ebenso unerwartet wie fulminant ab, bis hin zum allerletzten krönenden Satz.

Störend bei der Charakterisierung der Hauptfigur ist nur der Umstand, dass sich Bet auch noch mit einem innerfamiliären Trauma herumschlagen muss. Dieses Motiv ist im Jugendbuch nicht mehr nur Stereotyp, was schlimm genug ist, sondern dabei, zum kitschigen Klischee zu verkommen. Es sollte für die nächste Zeit gründlich vermieden werden. Ein Trauma ist für Teenager nicht unabdingbar, um erkennen zu können, dass mit unserem Gesellschaftsmodell etwas nicht stimmt.

Bets große Rede schließlich muss man in Ruhe lesen. Bet irrt und sie hat recht, sie ist Teenager und hat zugleich erste Lebenserfahrung vorzuweisen. Die Rede ist eine einzige Herausforderung. Das ganze Buch ist eine Herausforderung für Jugendliche, streckenweise auch Überforderung. Das ist gut so. Jugendliche werden denkerisch eher unterfordert, aufgefordert werden sie heutzutage vornehmlich dazu, zu funktionieren nach Regeln, die von deutlich Älteren aufgestellt wurden. Bet nennt sie »beschissene Dinosaurier«. Wo das Mädel recht hat …

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Christian Frascella: Bet empört sich
(La sfuriata di Bet,2011)
Übersetzt von Annette Kopetzki
Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt 2015
285 Seiten, 16,90 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren

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