Die unheimlichen Fälle des Scotland Yard

in Comic

Comic | Dobbs (Text), Stéphane Perger (Zeichnungen): Sctoland Yard

Ein Inspektor des Scotland Yard muss sich ungewöhnliche Hilfe holen, um einem irren Frauenmörder und einem menschlichen Vampir auf die Spur zu kommen. ›Scotland Yard‹ ist ein klassischer historischer Thriller, der den Fans des Genres alles geben will, was diese erwarten. In den Augen von BORIS KUNZ hat das Vor- und Nachteile.

scotland_yard_coverWieder führt uns ein Band aus der Reihe ›Splitter-Double‹ in das London von 1889. ›Scotland Yard‹ wirkt in seiner Aufmachung nicht von ungefähr wie eine Fortsetzung von ›Jack the Ripper‹. Auch wenn es von einem anderen Künstlerteam gestaltet wurde und die Handlungsstränge im Prinzip nichts miteinander zu tun haben, spielen beide Comics doch mit den gleichen Motiven: Blutige Mordfälle im London der Post-Ripper Ära. ›Scotland Yard‹ mischt dabei allerdings historische Personen und Begebenheiten noch bunter mit literarischen Vorlagen und eigenen Erfindungen durcheinander.

Der Comic beginnt mit einem wahrhaftigen historischen Ereignis: der Hinrichtung der Mörderin Mary Pearcey, die damals sogar zum weiten Kreis der Verdächtigen für die berüchtigten ›Jack the Ripper‹ – Morde gehörte. Überwacht wird die Hinrichtung allerdings von Inspector Lestrade – ein Name, der jedem ›Sherlock Holmes‹- Fan ein Begriff sein dürfte. Neben Figuren von Arthur Conan Doyle tritt wiederum ein Kollege und Zeitgenosse desselben auf, nämlich ein Mr. Abraham Stoker. Wer mit dessen berühmtestem Werk gut vertraut ist, wird viele der Anspielungen des Comics wesentlich besser verstehen, auf der anderen Seite aber auch den Schlussgag des Albums schon von Weitem kommen sehen.

C.S.I. London

Hauptfigur ist der in Misskredit geratene Inspektor Gregson, der zu Anfang der Geschichte den bisherigen Tiefschlag seiner Karriere hinnehmen muss: Ein von ihm überwachter Gefangenentransport wird überfallen, und dabei geraten zwei gemeingefährliche Irre auf freien Fuß: Carfax und Renfield, zwei psychopathische Mörder, die schon bald auf den Straßen Londons ihr blutiges Unwesen treiben. Um den beiden Ungeheuern in Menschengestalt Herr zu werden, wird Gregson ungewöhnliche Hilfe an die Seite gestellt: Gemeinsam mit dem Psychiater Dr. Seward und dessen hübscher Assistentin Faustine Clerval bezieht Gregson ein verstaubtes Untergeschoss des Scotland Yard als Operationsbasis. Vervollständigt wird die Gruppe vom Straßenjungen Wiggins, der gleichzeitig ihre Verbindung zu Colonel Moran ist, dem Boss der Londoner Unterwelt. Mit diesem schließt Gregson das Gentlemen´s Agreement ab, bei der Jagd nach den Psychopathen zusammenzuhalten. Damit besteht die Task Force aus dem klassischen Kolportage-Figurenensemble: ein Kommissar, der sich jenseits des Gesetzes bewegt, ein progressiver Psychologe, der seiner Zeit voraus ist, eine kesse Suffragette und ein Straßenjunge mit Scally-Kappe.

Das liest sich leider nicht nur in der Zusammenfassung wie ein Konzept für eine Serie im Fahrwasser von ›Ripper Street‹, sondern auch im Comic selbst. Man hat das Gefühl, zwei Episoden einer längeren Serie zu lesen, und nicht einen abgeschlossenen Zweiteiler. Das liegt zum einen daran, dass der Autor Dobbs sich an manchen Stellen etwas zu sehr im High-Concept-Konstrukt seiner Geschichte verliert und zu viele Nebenfiguren und -schauplätze einbaut. Diese sind zwar inhaltlich clever verknüpft, lenken von der Handlung allerdings eher ab, anstatt sie weiterzutreiben. Beispiel? Die Auseinandersetzung von Gregson mit seinem Vorgesetzten Lestrade, der in dieser Variante ein richtiges Arschloch sein darf. So etwas funktioniert im seriellen Erzählen wesentlich besser als in einer abgeschlossenen dramaturgischen Einheit.

Doch die Einheit des Doppelalbums wird auch dadurch aufgebrochen, dass die beiden Gegner nicht gemeinsam agieren, sondern einer nach dem anderen gejagt werden: Im ersten Kapitel geht es um Carfax, im zweiten dann um Renfield. Und auch die Figuren Gregson, Seward und Clerval werden eher angerissen als wirklich auserzählt – eben genau so, als wären es Serienfiguren, die man ohnehin kennt, und die am Ende jedes Falles wieder zu ihrem Status Quo zurückkehren.

Game of Tones

Abb: Splitter-Verlag
Abb: Splitter-Verlag
Die Fälle selbst, also die Jagd nach dem jeweiligen Psychopathen, sind spannend erzählt – auch wenn die Ermittler ihre Gehirnzellen oft nicht besonders anstrengen müssen, um von einem Hinweis zum nächsten zu kommen. Gänsehaut-Momente und dezenter Humor sind geschickt in die Thrillerhandlung eingestreut. Die Antagonisten werden durchaus wirkungsvoll als grausige Vorläufer eines Hannibal Lecter in Szene gesetzt, woran die visuelle Umsetzung von Stéphane Perger einen hohen Anteil hat.

Perger setzt das viktorianische London ebenso detailliert wie düster ins Bild und wechselt gekonnt zwischen ruhigen, klassisch aufgelösten Passagen und dynamischen Horror- und Actionsequenzen, in denen er die Panelrahmen wirkungsvoll zugunsten expressiver Seitengestaltung aufbricht. Die Vorzeichnungen treten hinter einer aufwändigen Aquarell-Direktkolorierung zurück, die sehr monochrom gehalten ist; je nach Location in Grau-, Braun- und Grüntönen. Die Einfarbigkeit wirkt dem Naturalismus der Illustrationen etwas entgegen, verstärkt dafür jedoch die unheimliche Stimmung – und lässt natürlich im richtigen Zeitpunkt das Blutrot wieder schön zur Geltung kommen.

So liefern Autor und Zeichner beide eine durchaus gute Arbeit auf hohem Niveau ab, sodass Freunde des Genres an diesem Album ohnehin kaum vorbei kommen werden. Diese werden vor allem für die vortrefflichen Illustrationen sowie die Präsentation zweiter glanzvoll-unheimlicher Schurken dankbar sein, bei denen es sich glücklicherweise einmal nicht um Jack the Ripper himself handeln muss. Andere Elemente werden den Fan weniger überraschen. Der mittlerweile schon fast unvermeidliche Auftritt des Elefantenmenschen Joseph Merricks etwa. So liest sich die Geschichte durchaus kurzweilig, leidet aber an einem in diesem Genre häufiger auftretendem, klassischem Symptom: Zu viele Figuren, Anspielungen und Querverweise bremsen die Spannung und die Sogwirkung der Geschichte. Da wäre mit etwas mehr Konzentration und dem Mut, weniger zimperlich mit dem Ensemble der Hauptfiguren umzugehen, noch mehr rauszuholen gewesen.

| BORIS KUNZ

Titelangaben
Dobbs (Text), Stéphane Perger (Zeichnungen): Sctoland Yard
(Scotland Yard 1: Au Coeur des Ténêbres, 2: Pupées de Sang)
Aus dem Französischen von Swantje Baumgart
Bielefeld: Splitter Verlag 2014
96 Seiten, 19,80 Euro

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