Widerstreit der Gefühle

in Kinderbuch

Kinderbuch | Marie Norin, Emma Adbåge: Lyra ist ganz heimlich

Die ganz Kleinen haben es noch leicht, denkt man manchmal. Sie sind spontan in ihrem Fühlen, noch weit entfernt von dem Hin und Her und den Verwicklungen, die die Emotionen Älterer kennzeichnen. Das ist ein gewaltiger Irrtum, auch die ganz Kleinen kämpfen schon mit Gefühlen. Davon erzählen Marie Nordin und Emma Adbåge in dem Bilderbuch Lyra ist ganz heimlich, die eine mit Worten, die andere mit ihren Bildern. Von MAGALI HEISSLER

Marie-Norin-Emma-Adblge-Lyra-ist-ganz-heimlichLyra hat eine beste Freundin, Rally heißt sie, und das Leben ohne sie ist einfach undenkbar. Den ganzen Tag sind die beiden zusammen, im Kindergarten und danach entweder bei Lyra zu Hause oder bei Rally. Schön ist das, richtig schön. Eines Tages aber kommt Rally nicht allein, sie hat ihren Teddy dabei. Das ist Nalle und sie ist süß, süß, süß. Lyra kann gar nicht genug bekommen von Nalle. Dann wird es Abend und Rallys Mama holt sie ab, Schluss mit dem Spiel.

Doch es geschieht ein Wunder. Im Trubel des Aufbruchs vergisst Rally Nalle. Kurzerhand behält Lyra den Teddy über Nacht. Am nächsten Tag beginnt das Wochenende. Rally bleibt zu Hause und Lyra ist auch beschäftigt. Das Wochenende ist viel schöner mit Nalle. Der Montag auch. Aber Rally hat inzwischen angefangen, Nalle zu vermissen. Die kleine Bärin fühlt sich aber noch so gut an, wenn Lyra sie im Arm hat. Hergeben kommt nicht infrage. Andererseits ist Rally doch die beste Freundin! Was tun?

Die große Versuchung

Norin setzt ihre kleine Heldin einer großen Versuchung aus. Die bringt Lyra in beträchtliche seelische Not. Sie lebt Egoismus und Gier aus. Die Folge sind Betrug und dicke Lügen. Der ›heimliche‹ Weg ist ein Weg, der stracks abwärtsführt. In kürzester Zeit ist Lyra überhaupt nicht mehr freundlich. Sie ist tatsächlich ein bisschen unheimlich geworden, ein kleines besitzgieriges Biest. Das ist mit Konsequenz erzählt, allerdings ohne zu verurteilen. In kurzen Sätzen wird einfach berichtet, was vorgeht.

Die kleinen Sätze reichen auch aus, um zu zeigen, wie sich langsam das schlechte Gewissen einschleicht. Der Tag, an dem offen gelogen wurde, wird zu einem entsetzlich langen Tag. Als Lyra einmal vor lauter Gewissensbissen die arglose Rally anfaucht, fühlt sie sich selber scheußlich. Die Brüche sind deutlich auch in den schlichtesten Worten.

Nordin lässt Lyra allein in der Misere, niemand rät ihr. Sie muss von sich aus erkennen, was falsch ist und was richtig. Es geht fast ausschließlich um die Interaktion der beiden kleinen Mädchen, die Erwachsenen sind Randfiguren. Diejenige, die Lyra schließlich hilft, ist Rally, allerdings ohne es zu merken. Die beiden Figuren sind ausgezeichnete Vorbilder, ohne es sein zu wollen. Es ist eine simple Geschichte aus dem ganz normalen Alltag und eben das verstärkt ihre Wirkung. Tatsächlich wird hier mit leichter Hand eine ordentliche moralische Lektion erteilt.

Chaotische Kinderwelt

Farbe im Wortsinn verleihen der Handlung neben den einprägsamen Sätzen die frechen und zugleich liebevollen Illustrationen von Emma Adbåge. Ihre Kinderwelt samt den Figuren darin ist so süß wie Nalle, ohne lieblich zu sein. Alles hat Ecken und Kanten und verschobene Proportionen, die Kinder übergroße Köpfe und kleine Körperchen. Sie trippeln auf winzigen Füßchen, aber sie hinterlassen deutliche Spuren. Ihr Lachen und Weinen, ihr Zweifeln, Erschrecken, die Liebe, die sie fühlen, werden überdeutlich in der Mimik.

Ihr kindlicher Überschwang zeigt sich nicht nur in ihren höchst lebendig wiedergegebenen Bewegungen, sondern auch im bunten Chaos, das in ihrer Welt herrscht. Im Kinderzimmer geht es drunter und drüber. Adbåge findet für die gleichen Räume immer wieder einen anderen Blick, tauscht Kissen aus und verstreut über den Boden, was immer Kinderhände fassen können.

Ihr Einfallsreichtum spiegelt sich im Einfallsreichtum der beiden Mädchen beim Spielen. Autobahn und Verkleiden, Musik machen, Kochen, am Ende gibt es sogar eine Superdisco. Das Chaos aus dem Kinderzimmer greift zuweilen auf andere Räume der Wohnung über, ganz normaler Alltag auch hier. Man kann die Seiten zehnmal anschauen und entdeckt immer noch ein weiteres witziges Detail. Zugleich verweist das herrschende Chaos im Reich der Gegenstände auf das ausgebrochene Chaos im Reich der Gefühle. Die Welt ist nicht in Ordnung, nie. Sie muss immer wieder in Ordnung gebracht werden. Das können schon ganz Kleine. Rally macht es vor und Lyra muss von nun an nicht mehr heimlich sein.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Marie Norin, Emma Adbåge: Lyra ist ganz heimlich
(Lyra och Rally, 2014) Aus dem Schwedischen übersetzt von Helene Hillebrandt
Hamburg: Rororo Rotfuchs 2015
30 Seiten, 12,99 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

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