Warten

in Jugendbuch

Jugendbuch | Hilde K. Kvalvaag. Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt

Warten, dass etwas geschieht, warten, dass das Leben beginnt, warten auf die große Liebe, ist eine Haltung, die verlockend sein kann. Bewahrt sie eine doch davor, aktiv zu werden, gleich ob im Handeln oder Nachdenken. Hilde K. Kvalvaag stellt in ihrer zweiten auf Deutsch erschienenen Erzählung eine junge Wartende vor. Und redet auch von den Folgen der Passivität. Von MAGALI HEISSLER

SommerDen langen Sommer mit der etwas älteren Schwester am Fjord bei den Großeltern verbringen, das ist für Johanne das Paradies, seit sie denken kann. Schwimmen gehen, in der Sonne liegen, alte Bekannte besuchen, Mittsommer feiern, an nichts denken, nichts tun, diese Sommer sind schwerelos und süß, wie die Schaumbananen, die die beiden Mädchen im örtlichen Laden kaufen. Auch als sie alt genug sind, in diesem Laden einen Sommerjob zu übernehmen, verliert der Ferienaufenthalt nichts von seiner Leichtigkeit. Ewig muss es so weitergehen, denkt Johanne, wünscht sie, glaubt sie.

In diesem Jahr aber wird sich etwas ändern, sie weiß auch, was. Im Vorjahr hat sie sich ein wenig in Are verliebt, richtig gemerkt hat sie das erst, als der Sommer vorbei war. In diesem Sommer werden sie ein Paar, das weiß sie sicher. So sitzt sie im Laden und wartet auf ihn.
Are kommt lange nicht. Wer auch nicht kommt, ist Johannes Schwester. Sie hat sich plötzlich für eine Aushilfstätigkeit in der Stadt entschieden. Are scheint ebenso plötzlich eine Vorliebe für die viel ältere Beate zu haben. Dafür interessiert sich sein Bruder Mattias für Johanne. Johanne müsste sich entscheiden, aber Warten ist so süß. Dummerweise wartet das Leben nicht und so hat sich längst etwas in Bewegung gesetzt, aus dem leicht eine Katastrophe werden kann.

Erschütterungen

Die Handlung setzt damit ein, dass Johanne auf dem Drehstuhl vor der Ladenkasse sitzt und sich im Kreis dreht. Diese Szene charakterisiert Johanne perfekt. Sie dreht sich um sich selbst, sie sitzt, wo man sie hingesetzt hat, sie träumt. Sie trägt ein enges Sommerkleid, noch zu dünn für die kühlen Junitage. Sie friert, aber sie will attraktiv sein, erwachsen wirken auf einen, den sie sich zum Liebsten erträumt hat. Was sie fühlt, glaubt sie. Es ist eine kindliche Vorstellung von einer kindlichen Welt.

Andere Menschen interessieren Johanne nur bedingt. Sie sind, was sie sind. Ladenbesitzerin, Großmutter und Großvater, Alkoholiker, Nachbarin mit Liebeskummer. Selbst der ist für Johanne ein bisschen aus einer der Zeitschriften, die sie aus dem Laden mitgehen lässt, um sie abends im Bett zu lesen. Schmerz teilt sich ihr nicht mit. Sie ist eingeschlossen in ihrem rosaroten Kokon. Sie arbeitet, weil man eben einen Sommerjob hat. Richtig ernst nimmt sie das nicht. Sie arbeitet ordentlich, aber nur nebenbei. Sie spielt erwachsen sein. Das tut sie auch in der Freizeit, wenn sie raucht oder trinkt, obwohl ihr übel wird davon.

Als die Kinderwelt immer wieder erschüttert wird, reagiert Johanne mit Trotz. Als sie mehr Einblick in die Geschehnisse um sie herum bekommt, mit Angst. Wie ein Kind läuft sie davon, versteckt sich, schließt sich auf der Toilette ein. Kvalvaag kennt die Gemütslage solcher Wartender genau. Bei ihrer Beschreibung stimmt jedes Wort, jeder Ton. Sie weiß auch, dass solche Menschen in Bedrängnis nicht sympathischer werden. Es fällt der Leserin oft schwer, Johanne mit Mitgefühl zu folgen. Mögen kann man sie kaum.

Kvalvaags Geschichte ist mehr als ein Jugendroman. Es ist eine klassische Erzählung, die in Aufbau, in der Motivik und ihrer Verarbeitung sowie in der Figurenschilderung im Grenzbereich zur Literatur anzusiedeln ist. Gelegentlich überschreitet sie die Grenze auch. Der Fokus ist weit, es geht um mehr, als um die Schilderung, wie ein Mädchen reifer wird. Kvalvaag schildert einen seelischen Zustand, in dem die, die sich in ihm befinden, von außen kaum erreicht werden können. Signale nehmen sie nicht wahr. Sie sind noch nicht reif dazu.

Es geht darum, die Gefahren zu erkennen, die das Leben bereithält. Kvalvaag findet erstaunliche Bilder dafür. Ein Marder, der Schwimmende verfolgt, Fledermausschwärme in der Nacht, ein Auto, dessen Scheinwerfer durch die Dunkelheit huschen, von irgendwoher, irgendwohin. Bedrohlich, nicht bedrohlich? Es gibt keine Antwort darauf, wie es auf so vieles im Leben keine gibt.
Bedrohung geht aber auch von Johanne aus. Sie verletzt andere, aus Unwissen, aus Naivität, aus schierem Egoismus. Kind sein schützt nicht davor, dass man anderen tiefe Wunden zufügt.

Die Leserin bleibt in Vielem blind wie die Hauptfigur. Die Suche in den Bergen nach dem verschwundenen Mattias ist ein Bild für die Suche nach Antworten auf tiefergehende Fragen über Menschen und Menschsein. Sie spiegelt aber auch die Suche der Leserin nach der Lösung vieler Rätsel der Geschichte wider. Warum leidet Mattias an Schlaflosigkeit? Was treibt Are an? Gab es einen Konflikt zwischen den Brüdern, wie es einen zwischen Johanne und ihrer Schwester gibt? Die hat die Wochen zu einem unbekannten Abenteuer in Oslo genützt, aber sie kehrt geschlagen zurück, zu einer Atempause in der Kinderwelt. Für Johanne gibt es die Kinderwelt nicht mehr. Sie hat Unheil angerichtet, der rosarote Kokon ist zerrissen.

Am Ende ist es endlich Sommer geworden, heiß, der Himmel blau, die Schwester ist wieder da, das Paradies ist ausgebrochen. Aber Johanne sieht die Welt nicht mehr in ihren gleichmäßigen, gedämpften Farben. Sie hat die Sonnenbrille abgesetzt. Die Welt ist schön, aber ihr Licht ist grell, die Konturen klar und an zuweilen so scharf, dass man sich daran böse verletzt. Warten ist gefährlich.

Der Titel ist deutlich zu lang geraten, die Übersetzung liest sich wunderbar, allerdings sollte man mit dem Wort ‚mongoloid‘ im Zusammenhang mit Trisomie vorsichtig umgehen. Das Buch ist als Jugendbuch erschienen und das angezielte Publikum wird nur in Einzelfällen ausgerüstet sein, Johannes Wortwahl unter ihrer Rolle als unzuverlässige Erzählerin zu verbuchen.
Man geht aber auch nicht fehl, wenn man diese ausgezeichnete Erzählung als moderne norwegische Literatur einsortiert. Ihre Qualitäten sind eindeutig.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Hilde K. Kvalvaag: Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt
(Nattsommarfugl, 2005 a.d. Norwegischen übers. von Maike Dörries)
Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2015
157 S. 13,95 Euro
Jugendbuch ab 15 Jahren

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