Angeschwemmtes

in Jugendbuch

Jugendbuch | Gerlinde Kurz: Strandgut

Wer Strände bei Ebbe kennt, Ufer von Seen oder Flüssen bei sinkendem Wasserstand, hat es gleich vor Augen: Seltsam geformte Holzstücke, Flaschen, Plastiktüten, Muschelschalen, glatt geschliffene Glasstückchen, verrostetes Eisen, Müll und Wiederwertbares, Dreck und Schönheit nebeneinander. Gerlinde Kurz hat sich in ›Strandgut‹ davon zu einem Bild des Lebens inspirieren lassen. Und sich deutlich zu viel zugemutet. Von MAGALI HEISSLER

StrandgutJakob muss sich an einem neuen Ort zurechtfinden, zusammen mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten ist er umgezogen. Eine neue Wohnung, ein neues Zimmer, die neue Schule. Es lässt sich ganz gut an, dann aber bricht ein Virus aus und die Schule wird geschlossen. Alle Eltern sind besorgt, Jakob wird zusammen mit einer neuen Freundin zu deren Tante auf eine Nordseeinsel geschickt, bis die Epidemie vorbei ist. Ferien mitten in der Schulzeit, die Kinder sind begeistert. Auf der Insel aber erlebt Jakob Seltsames. Die alte Nachbarin der Tante behauptet, ihn zu erkennen, sie spricht ihn sogar mit Namen an, obwohl er sie nie zuvor gesehen hat.

Jakob ist verwirrt. Das ist nicht die einzige Verwirrung. Seinen Vater hat Jakob nie gekannt, alles, was er von ihm hat, ist der Vorname und einen Schlüssel, den er immer mit sich trägt. Der Schlüssel scheint zu einem zufällig gefundenen Kästchen zu passen. Soll Jakob es öffnen?

Viel Gerede und wenig Bedeutung

Die Handlung kann vom ersten bis zum letzten Satz nicht verbergen, wie gekünstelt das Konstrukt ist. Die Geschichte setzt mindestens dreimal an. Als Leserin nimmt man dementsprechend dreimal Anlauf, bis sich auch nur vage herauskristallisiert, worum es denn gehen soll. Dass Erzählen Entscheidung ist, hat der Autorin noch niemand gesagt. Ein Dutzend Themen werden angerissen. Fremdheit, Vaterlosigkeit, Schulangst, Landschaften und ihre Symbolik, düstere deutsche Vergangenheit, erwachende Freundschaft, ein kesses Mädel, Stracciatella versus Zimteis, Schlüssel und ihre Symbolik, ein Bootsrumpf, der Mensch als Teil der Natur. Nach zehn Seiten schwirrt einer der Kopf und da ist man noch nicht am Ziel, bei weitem nicht. Es warten noch Geschichten Erzählen und Geschichten Finden, unerfüllten Lieben, Schnapsbrennen und die hochspannende Frage der Verbreitung von Durchfallerkrankungen. Das Problem dabei ist, dass alle Themen die gleiche Bedeutung zugesprochen bekommen und mit der gleichen Wichtigkeit vorgetragen werden.
Es ist keiner zu verdenken, wenn sie dieses Buch abbricht.

Nichts wirkt organisch im Handlungsverlauf, im Gegenteil. Es wird brachiale Gewalt eingesetzt, um die Figuren dahin zu bringen, wo sich das Geheimnis befindet. Das gilt auch für seine Aufdeckung. Jakobs Freundin Hannah, ein lebhaftes Mädchen, was man schon daran erkennt, dass sie rote Haare hat, entführt die hochbetagte ehemalige Nachbarin stracks aus dem Krankenhaus, weil sie der Ansicht ist, dass diese zu Hause wohnen soll. Für die alte Frau ist die Vergangenheit näher als die Gegenwart, was so sein muss, damit das Geheimnis von Jakobs Vergangenheit aufs Tapet kommt. Dadurch dürfen Nationalsozialisten und verfolgte Juden auftreten, was sich in Jugendromanen ja immer gut macht. Auch war die Nachbarin Hebamme, was sowohl symbolisch als auch für die Handlung einsetzbar ist. Wer könnte besser als eine Hebamme wissen, wer wessen Kind war, ist, sein wird? Es ist zum Weinen banal.

Was früher geschehen ist, erfahren die Kinder vor allem durch Briefe aus der Kriegszeit, die sich eine junge (für ganz schlichte Gemüter) Unbekannte und ein versteckter namenloser Flüchtling geschrieben haben. Sie sind endlos lang, auf der Insel war man offenbar nicht von der Papierknappheit betroffen, wie sie sonst herrschte. Ihr Ton soll von Tragik umwoben sein, wirkt aber unecht, weil das Traurige im Gerede ertrinkt. Große Gefühle verlangen große Darstellungsfähigkeit. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man das Wort »Gefahr« hinschreibt oder Gefahr darstellt. Letzteres ist es, das fehlt. Das gilt auch für Szenen, die komisch sein sollen. Sie geraten nicht einmal skurril, sie sterben auf dem Papier. Alles wird viel zu freundlich, alltäglich, brav beschrieben. Alles wird eingehend erklärt, von den Leserinnen wird nichts gefordert. Es wird gelehrt, sanft mahnend und blümchenumrankt rechthaberisch. Das ist kein Raum für eigene Gedanken.

Vor allem herrscht stets der gleiche Ton. Gerade junge Leserinnen werden dadurch die größten Schwierigkeiten haben zu erkennen, was wichtig ist in der Handlung und was nicht. Der Himbeersirup, den die Figuren dauernd »hinunterstürzen«, die Bilderrahmen der Tante, die diese natürlich aus Treibholz baut, die hochbetagte Nachbarin, Jakobs Angst vor seiner eigenen Geschichte? Eine Erzählung der alten Frau über den Alltag auf der besetzten Insel weckt in ihm den Gedanken, dass er damit später im Schulunterricht glänzen kann. Ein Huhn flattert ebenso aufgeregt herum, wie Hannah, wenn sie wieder einmal eine Mission hat, um die Menschen zu retten. Statt Schwerpunkte zu setzen, prasselt ein Wörterregen herunter.

König Zufall und seine putzigen Gesellen

Über der Wiedergabe von Alltäglichem und sinnlosen Details im Gestern und Heute wurden leider die Charakterisierungen der Figuren vergessen. Keine bekommt Konturen, sie sind äußere Eigenschaften auf Beinchen aus Pfeifenreinigern. Keine entwickelt Tiefe, die Autorin hat viel zuviel Angst davor. Es gibt keine Krisen, nur ein bisschen Gerangel. Und kaum haben sie einmal durchgeatmet, finden die Figuren selbst mit zwölf Jahren lehrbuchtaugliche Erklärungen für ihr Handeln und das der anderen, dass man sich nur wundern kann, wie sie sich bei so viel Vernunft überhaupt in die Haare kriegen konnten.

Die Autorin schreibt mit Schwung an den eigentlichen Themen vorbei. Fehlt Jakob sein Vater? Wie steht er zum neuen Lebensgefährten der Mutter? Was genau bedeutet seine Sammelleidenschaft von Schlüsseln? Dass er sich ihre Nummern und die Form des Barts merken kann? Was passierte in seiner alten Schule? Die ihm anbehauptete Angst wird nicht greifbar. Jakob wirkt höchstens gereizt.

Zu allem Unglück hat ihm die Autorin auch noch ein Schreibprojekt an den Hals gehängt. Überwältigt von ihrer Begeisterung über das eigene Schreiben schreibt sie eine Autorin in ihre ohnehin übervolle Handlung. Die gibt Philosophisches zu Ideenfindung von sich. Alle Geschichten sind schon da, sagt sie und guckt künstlerisch aus dem Fenster. Am Ende zeigt sich natürlich, dass sie recht hat. Jakobs Geschichte war da. Er musste sie finden und kann sie jetzt aufschreiben. Was für ein Zufall!

Den Erwachsenen geht es nicht besser. Sie geraten vor allem putzig. Die Tante mit dem Rikscha-Fahrrad, die Nachbarin, die von Früher raunen darf. Wer gerade gebraucht wird, taucht im nächsten Moment auf, egal, ob Norovirus oder Jakobs Mutter, die gegen Schluss einen innigen Monolog zum Rest der seltsamen Ereignisse um Jakobs Geburt deklamiert. Selbst Jakobs Großmutter, die er nicht recht mag, was selbstverständlich ausführlichst geschildert wurde, trifft ein. Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit der alten Nachbarin, wie das Ende zeigt. Es hat mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun, ist aber sehr hübsch und äußerst detailliert aufgeschrieben.

Nicht alles, was man am Strand findet, muss man nach Hause schleppen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Gerlinde Kurz: Strandgut
Stuttgart: Urachhaus 2015
270 Seiten, 15,90 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren