Gewalt? Gerechtigkeit!

in Bühne

Bühne | Heinrich Kleists ›Kohlhaas‹ – Schauspiel Frankfurt

Ernst Bloch nannte den Protagonisten Michael Kohlhaas aus der gleichnamigen, 1810 erschienen Novelle von Heinrich von Kleist den »Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität«. De facto ist Kohlhaas bereit, für sein Recht ganze Städte niederzubrennen, ohne wirklich Recht zu bekommen. Aus der komplexen Novelle hat der Schauspieler und Regisseur Isaak Dentler, zusammen mit der Dramaturgin Henriette Beuthner, in den Kammerspielendes Schauspiels Frankfurt ein Ein-Mann-Stück kreiert, mit Dentler selbst als Erzähler und Protagonisten. Das Publikum quittiert die Adaption ›Kohlhaas‹ mit tosendem Applaus. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Premiere angesehen.

sf_presse_kohlhaas_6919aDem Rosshändler Michael Kohlhaas werden Anfang des sechzehnten Jahrhunderts auf dem Weg zum nächsten Markt seine Pferde abgenommen, legitimiert mit einem neu von Junker Wenzel von Tronka eingeführten Passierschein. Als er die Tiere zurückverlangt, sind sie in schlechtem, für ihn wertlosem Zustand. Kohlhaas ist prinzipiell nicht bereit, diesen Akt der Willkür und Ungerechtigkeit hinzunehmen: Er klagt gegen die Herrschenden und begibt sich damit in einen erbitterten, blutigen Streit. Als seine Klage nicht gehört, respektive unterschlagen wird, kämpft er mit der Waffe in seiner Hand und brennt mit einem eigens aufgestellten Söldnerheer mehrere Städte nieder, um Tronka zu fassen zu bekommen. Nicht Rache- oder Blutdurst – es ist sein Gerechtigkeitsgefühl, das ihn zu den kriegerischen Taten anleitet.

Eine Welt in Unordnung

Isaak Dentler ist ein grandioser und vielseitiger Schauspieler, dem es gelingt, das Publikum die ganze Aufführung hindurch alleine zu unterhalten. Er ist alles in einem: Neutraler Erzähler, Kohlhaas, Luther und alle anderen Protagonisten – und stets schafft er es, diese auch adäquat zu verkörpern. Wäre es normalerweise schon schwer, den von Ambiguitäten und Paradoxa geprägten Michael Kohlhaas selbst zu personifizieren, der einerseits ein rechtschaffener Bürger ist, um den die Welt herum, an der Grenze von Mittelalter und Neuzeit, in Unordnung gerät, und der sich andererseits die (christliche) Gerechtigkeit mit einer Rebellion erzwingen will – und ergo zum ersten prominenten Terroristen (oder gewalttätigen Freiheitskämpfer, wie man es nimmt) der deutschen Literaturgeschichte wurde –; aber Dentler gelingt es, all dies scheinbar mühelos darzustellen, und dazu auch noch etwa die verunsicherte Ehefrau und Kohlhaas´ schwer verletzten Knecht überzeugend darzustellen.

Dem Erzähler und Schauspieler gelingt dies beispielsweise mit einem riesigen Fundus an Gestik und Mimik. Je nach Emotionsgrad der Handlung der Protagonisten redet er laut, dann wieder leise, schnell, dann wieder langsam, mal wahnsinnig und wütend, mal penetrant und prinzipiell vernünftig, kurz, Dentler ist ein geborener Erzähler.

Eigentümlich wirkt in der Inszenierung, dass fast die gesamte Handlung in dem antiquierten Sprachstil Kleists vorgetragen wird, obwohl doch ohnehin immer wieder in der Erzählung gerafft, gekürzt und interessante Details weggelassen und ›Michael Kohlhaas‹ so ohnehin schon partiell aufgesprengt wurde.

Aus Gewalt Recht entstehen lassen

Doch in gewisser Weise ist dies stringent, da Dentlers Inszenierung als diskursiv-dramatischen Höhepunkt auf den Dialog zwischen Martin Luther und Kohlhaas hinausläuft: Denn hier verfällt der deutlich verunsicherte Kohlhaas in die heutige Umgangssprache, während der Schauspieler Luther in ein Mikrofon sprechen lässt, und macht aus dem Reformator – mit seiner energischen, langsamen und verurteilenden Stimme – einen arroganten, populistischen und redundant agierenden Antagonisten, der Kohlhaas dazu aufruft, zu vergeben und den Feind zu lieben. So als ob es auf dieser Welt Gerechtigkeit und Vergeben und Vergessen geben könne, so als ob dies keine Strategie der Herrschenden wäre, um die Schäfchen ruhig zu halten! Besonders die Darstellung respektive Karikierung Luthers gelingt Dentler auf exzellente Weise. Hier zeigt sich auch der Grundwiderspruch des Stückes: aus Gewalt Recht entstehen sowie revolutionärem Pathos und religiöse Versöhnungstaktik kollidieren zu lassen.

sf_presse_kohlhaas_7050aDentlers ›Kohlhaas‹ ist als Ein-Personen-Stück eine günstige Produktion gewesen, auch die Bühnenmittel sind sehr reduziert. Einmal überschüttet er sich mit Blut, als Kohlhaas beschließt, Krieg gegen Tronka zu führen, und trocknet sich später, als eine Amnestie im Gespräch ist, mit Heu, ganz im Sinne eines politisch naiven Rosshändlers. Hin und wieder fällt Regen, die fast leere Bühne vernebelt und verdunkelt sich und unterstreicht damit die düstere Atmosphäre des Stücks. Diese Schlichtheit generiert dort einen dramatischen Effekt, wo er nötig ist, und lässt die Darstellung sich ansonsten frei entfalten.

Es gelingt Dentler, aus Kleists Stück eine überzeugende Einmannaufführung zu machen, und diese auch noch in einer guten Stunde zu verwirklichen – ohne zu seicht zu werden oder zu sehr zu simplifizieren. Vor allem der Grundkonflikt zwischen Gerechtigkeit und Rebellion wird überdeutlich: Kohlhaas ist Held und Schurke gleichermaßen, wird zum modernen Antihelden stilisiert. Der einzige größere Kritikpunkt ist, dass der klassisch-dramatische Aufbau dieser Novelle – und eine klassische Novelle fungiert ja laut Theodor Storm als Schwester des klassischen Dramas – im Theaterstück beibehalten und nicht postdramatisch modernisiert, aufgebrochen oder experimentell verfremdet, sondern beibehalten und lediglich gerafft wurde. So fehlt etwa der Inszenierung ein Rekurs auf gegenwärtige revolutionäre Bewegungen und deren Begründungsstrategien, was dem Stück eine lebendigere und kritischere Facette hätte hinzufügen können.

| PHILIP J. DINGELDEY
| FOTOS: BIRGIT HUPFELD

Titelangaben
Kohlhaas
Nach Heinrich von Kleists Novelle ›Michael Kohlhaas‹
Regie: Henriette Beuthner
Michael Kohlhaas: Isaak Dentler
Schauspiel Frankfurt