Zündeln am europäischen Haus

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Ernst Wolff: Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs

Richtig. Wir müssen die Vergangenheit neu sortieren, von Grund auf neu, zumindest was Europa betrifft. Seitens des Hegemons USA existierte von Anfang an ein unmissverständliches Konzept, und nie herrschten Zweifel daran, was zu tun sei. Von WOLF SENFF

Weltmacht IWFNeuerdings verzeichnen wir jedoch Auflösungserscheinungen wie den unsäglichen Skandal um den US-amerikanischen Geheimdienst NSA. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat sich nach jahrzehntelangem Wirken allerlei Sympathien verscherzt, er wurde in die Verhandlungen mit Griechenland bekanntlich allein auf deutsches Drängen einbezogen.

Machtinstrument seit Bretton Woods

Der Reihe nach. »Tatsächlich handelte es sich beim IWF um eine von den USA ins Leben gerufene, von ihnen beherrschte und allein auf ihr Interesse zugeschnittene Einrichtung, mit der die neue Supermacht sich neben der militärischen auch die wirtschaftliche Weltherrschaft sichern wollte«, und rechtzeitig zu Kriegsende wurde der IWF auf der internationalen Konferenz von Bretton Woods/USA im Juli 1944 vorbereitet und endgültig 1947 konstituiert.

Die ›New York Tribune‹ sprach diesbezüglich unverblümt von der »intensivsten von oben gesteuerten Propaganda-Kampagne in der Geschichte des Landes«, und wir dürfen uns sehr wundern, dass diese Nachricht über ein halbes Jahrhundert lang nicht über den Atlantik drang. Wolff hält sich jedoch nicht mit Gejammere über die heimische Medienlandschaft auf, er schreibt die Geschichte der aggressiven Herrschaft des Hegemons durch sein wichtigstes Machtinstrument, den in Bretton Woods etablierten IWF, dessen Hinterlassenschaften, so Ernst Wolff, denen »kriegführender Armeen« glichen.

Knallharte Konditionen

Der IWF bot dem chilenischen Diktator Pinochet bei seiner radikalen Austeritätspolitik »uneingeschränkte Rückendeckung«, und die soziale Ungleichheit verschärfte sich in Chile über Jahre hinaus: Arbeitslosenrate 1973 bei 3%, 1975 bei 18,7%, die Inflation stieg im gleichen Zeitraum auf 341%.

Im Jahr 1976 »half« der IWF Großbritannien, und Resultat war, »dass kein führendes westliches Industrieland jemals wieder einen Kredit beim IWF beantragte«. Der IWF verbindet seine Darlehen mit knallharten politischen Bedingungen, u.a. der Reduzierung öffentlicher Ausgaben, Privatisierung von Staatsbetrieben und Staatseigentum.

In den Staaten Afrikas und Lateinamerikas

Im Detail sind das zum Beispiel die Einführung von Studiengeld/Schulgeld, Kürzung der öffentlichen Mittel für Bildung, Streichen jeglicher Subventionen für Grundnahrungsmittel, restriktive Lohnpolitik, Einsparungen im Gesundheitswesen. Das Reden von »Rettung« und »Hilfsmaßnahmen« sei verlogen und heimtückisch. Man darf es wohl mit der »Too-big-to-fail«-Propaganda während der Bankenkrise vergleichen.

Wolff zeigt im Detail, was das besonders für Staaten in Afrika und Südamerika bedeutete, zumal korrupte Regierungen oft genug die Beträge für ihre privaten Interessen zweckentfremdeten. All das unter der Ägide des IWF.

Krieg auf die »vornehme« Art

Es ist erschütternd, dieses Buch zu lesen, und da man weiß, dass unangenehmen Fakten hierzulande gern mit Stillschweigen begegnet wird, verwundert es nicht, dass es über den Autor kein Wort bei Wikipedia gibt. Auf irgendeine scheinbar unerklärliche, lautlose Weise fügen sich manche Dinge auf eine Weise zusammen, dass sich die Haare sträuben.

›Weltmacht IWF‹ stellt faktenreich und überzeugend ein zentrales Element der Wirtschaftsgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts dar, listet die erbitterten Widerstände in afrikanischen und südamerikanischen Staaten auf, beschreibt auch für den Laien verständlich die »Schocktherapie für die Sowjetunion«, den Einfluss des IWF auf den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, den vom IWF herbeigeführten Staatsbankrott Argentiniens – eine verheerende Spur und, wenn man so will, in der Tat eine höchst zurückhaltende, gar »vornehme« Art, vernichtende Kriege gegen ganze Völker zu führen.

Hierzulande: betretenes Schweigen

Wolff weist auf die in den diversen kapitalismuskritischen Publikationen wiederholt erwähnte Tatsache hin, dass die Abschaffung des Glass-Steagall-Act durch Bill Clinton 1999 die bislang bestehenden Restriktionen für die Finanzwirtschaft aufhob. Seitdem habe sich eine Finanzelite etabliert, die »reichste und wirtschaftlich mächtigste Gruppe von Menschen, die es jemals auf der Erde gab, und eines der wichtigsten Machtinstrumente, auf die sie sich stützen, ist der IWF«.

So sind die Zusammenhänge, und wir erinnern uns daran, dass exakt diese Konfliktlage seinerzeit dazu führte, dass ein Parteivorsitzender und Finanzminister seine Ämter niederlegte. Was geschah darüber hinaus? Nichts als betretenes Schweigen im Walde. Niemand fühlte sich veranlasst, gegenzusteuern, selbst die vergleichsweise mickrige Kapitalverkehrssteuer fiel nach lang anhaltendem Palaver ins Wasser. Das Nichtstun der Politik ist so empörend wie Merkels selbstgefällige Parole der Alternativlosigkeit.

Deutsche Firmen organisieren das Elend

Ernst Wolff lässt die Situation Europas nicht aus. Die Europäische Union sei unter der sogenannten Troika »eine von den Wirtschaftsinteressen des Finanzkapitals und der Großkonzerne beherrschte Organisation«, im »Testlabor« Griechenland werde derzeit ausprobiert, wie weit man mit Verelendung, Zerstörung von Infrastruktur und Entstaatlichung gehen könne, ohne massive soziale Unruhen auszulösen.

Er führt Beispiele an, die uns die Augen öffnen, etwa »die komplette Unterordnung des griechischen Gesundheitssystems unter das Prinzip der Wirtschaftlichkeit«, bei dessen Vorbereitung und kaltblütiger Ausführung deutsche Firmen wie ›KSB Klinikberatung‹, ›B & K Informatik und Consulting‹ sowie die deutsche Entwicklungshilfeagentur ›GIZ‹ beteiligt seien. Wir sind in diesen Tagen Zeugen der Zuspitzung des Konflikts und erleben, dass sich ein Volk mit Mitteln der Demokratie zur Wehr setzt.

Selbstgefällige »Alternativlosigkeit«

Das Finanzsystem sei weltweit brüchig, politisch werde der Konzentration des Reichtums nichts entgegengestellt, stattdessen werde die Unterdrückung und Ausbeutung der Völker rücksichtslos verschärft. Soziale Widerstände sieht Ernst Wolff vor allem in den südlichen Ländern Europas, »zermürbende soziale Erfahrungen« seien Grundlage für eine kontinuierlich wachsende Wut, die sich unweigerlich und unberechenbar ein Ventil suchen werde.

Wer dieses Buch nach Lektüre beiseitelegt, dürfte relativ sprachlos sein und sich nur noch wundern über die bornierte, selbstgefällige »Alternativlosigkeit«, mit der hierzulande unbeirrbar weiterhin am europäischen Haus gezündelt wird.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Ernst Wolff, Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs
Marburg: Tectum Verlag 2014
240 Seiten, 17,95 Euro

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