Albatros

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Lite Ratur | Wolf Senff: Albatros

Krähe, du kennst sie, diese Aufnahmen, nicht wahr, sie sind krass, du hast sie gesehen, ich bin mir sicher, im Internet sind sie seit Wochen ein Renner. Fossilienfunde aus dem Oligozän, Krähe, beweisen, dass Albatrosse schon zu grauen Vorzeiten lebten, vor vierunddreißig bis dreiundzwanzig Millionen Jahren, oh eine halbe Ewigkeit, dass der Albatros über den Wassern fliegt. Von WOLF SENFF

Black-browed_albatross_Uwe kilsVögel sind verschieden, Krähe, verschieden, wie Menschen verschieden sind. Er fliegt anders als du, Krähe, er fliegt über den Meeren endlos lange Strecken mit verblüffender Geschwindigkeit. Nein, unvorstellbar, ›dynamisches Segeln‹, so nüchtern nennt der Mensch dessen Fliegen.

Er landet über Wochen, gar über Monate nicht und holt sich Schwung, indem er sich zu den langsamen Luftschichten unmittelbar über der Wasseroberfläche hinabfallen lässt, nein, er benötigt keinen Flügelschlag, nicht einen. Man liest, er umfliege den Planeten. Oft folgt er einem Schiff, kein Flügelschlag, stell dir vor, er bettet sich reglos in den Luftstrom, und wenn du dich morgens ans Heck stellst, liegt er quasi an genau derselben Stelle wie schon gestern Abend.

Er legt, heißt es, während des Fliegens ein Schläfchen ein, und ein unerwarteter Windstoß stimuliere die stabilisierenden Reflexe. Raues Wetter, das sei ihm ein Vergnügen. Da staunst du aber, Krähe. Du bist auch ein Flugkünstler, Krähe, ich seh‘ dir gerne zu, doch die weiten Meere sind keine Region für dich.

Der Albatros schwebt herab, wenn er landet, zögerlich, unbeholfen, eine Bauchlandung kommt schon mal vor, und es wird sogar erzählt, dass er sich überschlug und sich die Beine brach, dann war ihm nicht zu helfen. Du wirst ihm hier nicht begegnet sein, Krähe, fast alle Arten leben über den südlichen Ozeanen, sie brüten auf kleineren Inseln Hawaiis oder Neuseelands, liebenswerte Geschöpfe – doch dem Menschen, vergiss das nicht, Krähe, gilt Liebenswürdigkeit als Zeichen von Schwäche, oh weh der Mensch, er ist ein unerbittlicher Kämpfer, ein Herrscher, ein Held auf dem Planeten.

Im Gegensatz zu dir, Krähe, ist der Albatros weiß, seine Flügel sind grau gesprenkelt, kleinere Albatrosse sind auch grau oder bräunlich, doch wird man ihn nicht mit dir verwechseln; es ist lange her, dass du weiß warst, stimmt’s, und hat nicht Apoll einst deine Federn geschwärzt, es gibt da Geschichten. Ein Albatros ist nicht ganz so schwer wie ein Schwan, bei ausgebreiteten Flügeln misst er dreieinhalb Meter und mehr. Das beeindruckt, Krähe, er ist ein stolzes Tier, ein majestätischer Vogel.

Du kennst die Aufnahmen, nicht wahr, du hast sie gesehen, ich komme darauf zurück. Klar, sie sind gestellt, sicher, tote Albatrosse, Kadaver, nein, nicht was wir eine Augenweide nennen.

Er ist bei all seiner Anmut und Schönheit schwach und wehrlos, die japanische Sprache nennt ihn ›adohori‹, ›dummer Vogel‹. Seefahrern war er willkommene Nahrungsergänzung, sie fingen ihn mit Ködern an einem Haken, der sich ihm in den Schnabel spießte, später erschossen sie ihn zu ihrer Erbauung und amüsierten sich über das arglose Geschöpf. Das Leben in der Nachbarschaft von Menschen ist beschwerlich.

Sei froh über dein schlichtes schwarzes Gefieder, Krähe. Der Kurzschwanzalbatros, der auf Torishima brütete, einer kleinen japanischen Insel sechshundert Kilometer südlich von Tokio, wurde gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts über zwei Jahrzehnte lang systematisch getötet, um sein Gefieder profitabel in westliche Nationen zu exportieren, wo es als wärmende Füllung für Betten und Kissen verwendet wurde.

Rund fünf Millionen dieser Vögel, heißt es, kamen auf Torishima zu Tode, wie nennen wir das, vielleicht Ornithozid – die Population war Anfang der dreißiger Jahre auf knapp hundert reduziert, der Kurzschwanzalbatros gilt heute als gefährdete Art. Das Betreten von Torishima, der ›Vogelinsel‹, ist untersagt, die Insel ist karg, sie ist wenig mehr als ein Vulkankegel.

Der Kurzschwanzalbatros ist einer der raren Albatrosse der Nordhalbkugel bzw. des nördlichen Pazifik. Im neunzehnten Jahrhundert schätzte man sein Vorkommen auf hunderttausend, neunzehnhundertneunundvierzig erklärte man ihn für ausgestorben.

Ach, die Aufnahmen, die ich erwähnte, nein, vergessen wir sie nicht, nur gib mir einen Moment noch für den Hinweis, Krähe, dass es gegen das Abschlachten der Albatrosse Widerstand gab, ich will das nicht übergehen, und sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts in London die ›Society for the Protection of Birds‹ konstituierte und Theodore Roosevelt im Februar 1909 die westlichen Hawaii-Inseln zum Naturschutzgebiet und speziell zum geschützten Brutgebiet für Vögel erklärte.

Für die Inseln Neuseelands, etwa Chatham Island, leistete dieses endgültig der ›Wildlife Act‹ von 1953. Du siehst, wie unendlich lange das dauert, es lässt aber hoffen, Krähe, denn die Kurzschwanzalbatrosse kehrten nach Torishima zurück, sie brüten dort wieder. Seit 2006 existiert eine internationale ›Albatross Task Force‹. Von ›Wisdom‹, einem einundsechzigjährigen Laysan-Albatros, der auf Midway Island brütet, existieren Kontakte per Facebook sowie ein Twitterfeed @WisdomZ333 – meine Güte, für den Albatros ein Auftritt im Internet, da kannst du vor Neid erblassen, Krähe.

Die Fotos? Eine extrem unangenehme Angelegenheit, Krähe, sie verdirbt uns die Stimmung, doch wir wollen ja bei den Tatsachen bleiben. Die Fotos zeigen Kadaver, in deren Eingeweide Müll gefunden wurde, Plastiktuben, -dosen, -deckel, -tüten, Feuerzeuge. Chris Jordans arrangierte die Abfallteile in den offenen Kadavern, sodass nicht zu übersehen ist, woran die Albatrosse krepierten. Man soll den Menschen meiden, Krähe, sag‘ ich doch, und noch weiß niemand, wie die ganze Chose ausgeht, nein, die Dinge stehen nicht zum Besten.

| WOLF SENFF
| Foto: UWE KILS