Plattenbau und Karussell

in Kulturbuch/Sachbuch

Kulturbuch | Ulrich Burchert: Bunte DDR. Bilder aus einem lebendigen Land

Manche mögen den Titel des Buches für paradox halten. Die DDR? Die war doch bekannt für ihre Grundfarbe grau, dunkelgrau, wie die vom Braunkohleruß gefärbten Hausfassaden. Und dann für einen Band mit Schwarzweißbildern? Aber der Fotograf Ulrich Burchert weiß schon genau, warum er sein Buch ausgerechnet ›Bunte DDR‹ genannt hat. Von PETER BLASTENBREI

DDRDenn bunt ist ja nicht nur die Bezeichnung für Farbenvielfalt, sondern eben auch für Vielfalt im Allgemeinen. Und genau darum geht es, wie Burchert in seinem kurzen, aber prägnanten Vorwort darlegt: die DDR aus einer »Erinnerungsverschiebung« zu befreien, die nur noch die tristen, langweiligen und repressiven Seiten ihrer Geschichte wahrhaben will. Mit »Ostalgie«, wie man das oft denunziatorisch genannt hat, hat das nichts zu tun. Jede vernünftige Dokumentation bemüht sich um die Perspektive der Zeitgenossen.

Dieses Vorwort, die Kurzbiografie Burcherts und die Bildunterschriften mit Jahreszahl sind die einzigen Texte, die das Buch enthält. Für jüngere Leser/innen oder diejenigen, die keine »gelernten DDR-Bürger« sind, mag das ein wenig zu knapp sein. Wer weiß (noch), was eine Dispatcherin war, eine Brigade oder die Klaus-Renft-Combo ?

Der Autor für sein Buch Bilder ausgesucht, die er als Bildjournalist für Junge Welt und die Frauenzeitschrift Für Dich und »im Eigenauftrag« gemacht hat. Alle sind zwischen 1970 und 1991 entstanden, dokumentieren also fast exakt die Ära Honecker und dann sehr eindrucksvoll das Ende der DDR. Noch etwas anderes bleibt herauszuheben: ich kenne keinen Bildband, der das Territorium des zweiten deutschen Staates derartig dicht abdeckt. Von Rügen im Norden bis Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) im Süden, vom Kyffhäuser bis zum Oderbruch hat Burchert das Land durchfahren, von der Großstadt Berlin (mit etwa der Hälfte der Aufnahmen) bis zu kleinsten Dörfern in der Lausitz finden sich Aufnahmen.

Gegen die Erinnerungsverschiebung

Eingestreut in die Folge von Einzelbildern sind fünf Originalreportagen, wie sie damals bei den Auftraggebern von Burchert erschienen. »Solo Sunny real« illustriert den Auftritt einer jungen Berliner Sängerin auf dem Land mit deutlichem Bezug zu Konrad Wolfs gleichnamigem Film von 1980, »Heißreparatur« (1978) die gewagte Reparatur der Schmelzwanne einer Glasfabrik bei laufendem Betrieb, »Produktionsjubiläum« (1982) eine kleine Feier im Elektrogerätewerk Zella-Mehlis anlässlich von zehn Millionen Stück einer in der DDR viel gekauften Haushaltsrührmaschine. Ein ganz eigenes Flair hat die Hochzeit zweier politischer Flüchtlinge aus Südafrika 1988 in einer winzigen thüringischen Dorfkirche.

Die Bildreportage »Vom aufsteigenden Stürzenden« zeigt den Umzug des Ateliers des Bildhauers Fritz Cremer (1906-1993) im Februar 1989. Burchert hat sich auf den Abtransport der Monumentalentwürfe des »Aufsteigenden« konzentriert. Cremers »Aufsteigender« ist das eindrucksvolle Symbol der weltweiten Selbstbefreiung der Menschen und international vielleicht sein bekanntestes Werk. Titel der Reportage, die Nachbarschaft von Bildern erster Großdemonstrationen und die misslichen Positionen, in die der Abtransport die Statuen bringt, vermitteln den Bildern einen unerwarteten Doppelsinn. Wer stürzt hier, wer steigt auf? Endet überhaupt der Aufstieg mit einem Sturz? Oder ist der Aufstieg im (vorauszuahnenden) Sturz enthalten?

Burchert hat es nicht nur bei den echten Reportagen belassen, sondern mehrfach Bilder zu Paaren oder Gruppen zusammengestellt, die so ursprünglich nicht zusammengehört hatten. Das ist legitim und meist entsteht daraus eine neue visuelle Spannung. So bei dem Paar Altbau-Hinterhaus im Prenzlauer Berg in Berlin und Neubau-Vorderhaus in Bautzen (S.82-83), beide Male mit frühstückenden Familien. Auf den ersten 5-6 Seiten entsteht so sogar eine verborgene zusätzliche Reportage, die man sich mit den Augen erarbeiten muss und vielleicht »Leben des Menschen« nennen könnte.

Es hätte wenig Sinn, die zahlreichen Motive des Bandes einzeln vorzustellen. Ganz im Vordergrund steht der arbeitende Mensch, einzeln, in der Gruppe, auf dem Land, in der Fabrik, an der Maschine, auf dem Bau und in der gemeinsamen Freizeit. Die DDR verstand sich selbst als Staat der Arbeit (so ganz anders als Deutschland heute), doch Propaganda sucht man hier vergebens. Die fotografierten Menschen schauen ernst und selbstbewusst in die Kamera, Fachmänner und Spezialistinnen in ihrem Bereich, keine ewig glücklichen Menschen aus spätstalinistischen Wandbildern mit eingefrorenem Cheese-Lächeln. Und: Arbeit verleiht Würde, aber sie ist hart und schmutzig, sie fordert und ermüdet, und man freut sich auf den Feierabend (S.142-143).

Vielfalt in Schwarzweiß

Das zweite große Thema des Bandes sind Jugendliche und schließlich Kinder, beim Lernen, beim Spielen, beim Sport, überall. Eines meiner Lieblingsbilder ist darunter, fröhliche Kinder in Sportkleidung an der Bar des Palastes der Republik (S.182) – selten hat ein staatliches Gebäude einem freundlicheren Zweck gedient.
In die Bilder nach 1986 schleichen sich langsam Zeichen des Verfalls ein, wie er für die letzten Jahre der DDR so charakteristisch wurde. Die Kinder am Kollwitzplatz spielen immerhin an einem See, den ein defekter Hydrant verursacht hat (S.90-91). Bis hin zum Schlusspunkt, einem wilden Autofriedhof in Löbau, wo friedlich vereint Panzer und Personenwagen nebeneinander her rosten (1991).

Auf der letzten Seite hat der Fotograf seine eigene Signatur hinterlassen: nachdenklich mit der Kamera um den Hals auf einem Stein mitten in einem frischgepflügten Acker, dessen Furchen ins Weite laufen – Dürers Melancolia 1976.

Burcherts leise und eindringliche Bilder sind äußerst vielfältig in Motiven, Darstellung und Blickwinkel, bunt eben. Sie zeigen eine Gesellschaft, die, da hat das Vorwort recht, sehr viele Facetten hatte, auch in Schwarz-Weiß. Einlassen muss man sich auf die Bilder aber schon, genau und lange hinschauen, dann geben sie oft Dinge preis, die auf den ersten Blick nicht da waren. Wie das Hochzeitspaar ganz am Rand der konventionellen Aufnahme einer Klassenfahrt nach Buchenwald, das seinen Hochzeitsstrauß am Denkmal niederlegt (S. 206).

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Ulrich Burchert: Bunte DDR. Bilder aus einem lebendigen Land
Berlin: Verlag Neues Leben 2015
256 Seiten, 230 Bilder, 24,99 Euro

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