Eine zu große Bürde

in Jugendbuch

Jugendbuch | Sabine Raml: Heldentage

Knapp sechzehn zu sein, ist für viele Teenager alles andere als leicht, auch ohne eine Alkoholikerin als Mutter und keinen Vater zu haben und an solcher Angst vor Berührung zu leiden, dass die erste große Liebe daran scheitert. All das bürdet Sabine Raml in ihrem Debütroman ihrer Heldin auf. Aber auch die Geschichte selbst erweist sich am Ende als eine etwas zu große Bürde für die Autorin. Von MAGALI HEISSLER

Heldentage400»Spaghetti« ist ihr Spitzname, er soll von ihren glatten dünnen Haaren kommen. Das sagt jedenfalls Lea darüber und sie lacht dazu. Zum Lachen zumute ist ihr allerdings nicht, aber warum das so ist, würde sie niemals erzählen. Lea lebt mit ihrer alkoholkranken Mutter zusammen. Es ist kein Mutter-Tochter-Verhältnis, sondern ein Albtraum. Lea kümmert sich um den Haushalt, erledigt alle Behördengänge, beschafft Alkohol und Zigaretten. Sie ist nicht einmal sechzehn, aber sie kennt die Tricks.

Dieses Leben hat ihr psychisch bedingtes Asthma, Überreaktionen der Haut und ein Selbstbewusstsein eingebracht wie gekochte Spaghetti. Andere psychische Probleme, eine keimende Depression, Gefahr von Selbstverletzung und zerstörerische Wut sind auf dem Weg. Was Lea eben noch in der Bahn hält, ist die Clique, allen voran ihre beste Freundin Pola. Sie erzählt ihr zwar nicht von ihren Schwierigkeiten, aber Pola ist ein Fixstern, an dessen Leuchten sie sich orientiert. Sie möchte sein wie Pola. Eine weitere Hilfe ist, aufzuschreiben, wie es ihr ergeht. Die dritte ist ihre Liebe zu Lenny, einem Jungen aus der Clique. Eben die bleibt unerfüllt. Das ist der Beginn eines wachsenden Katastrophengefühls, das zu einer fatalen Entscheidung führt. Sie ist zugleich ein letzter Hilfeschrei. Lea kann nicht sicher sein, ob ihn jemand hört.

Dokumentiertes Gedankenwirrwarr

Raml lässt ihre Hauptfigur Lea erzählen, unkorrigiert, ungezügelt, wie es ihr, einer knapp Sechzehnjährigen in den Kopf kommt. Die Gedanken flattern, jagen sich, Assoziationen werden ausgelöst. Das Denken mäandert, wiederholt sich bis ins Schmerzhafte, bewegt sich im Kreis, weiter, enger, schießt ins Weite und landet mit überraschend scharfen Einsichten unvermutet punktgenau auf dem Boden. Der Text vibriert an manchen Stellen vor Lebendigkeit.

Was der Text ebenfalls widerspiegelt, ist ein wesentliches Motiv der Erzählung, Leas Atemlosigkeit, ihre durch ihre Lebensbedingungen ausgelöste Atemnot. Die Sätze »ohne Punkt und Komma« ihrer Mutter fügen sich ebenso ein. Das ist geradezu vorbildlich durchgearbeitet. Gelungen sind auch Leas scharf formulierte Beobachtungen, über sich, ihre Mutter, die Liebe und die Welt. Raml findet sehr prägnante Wortspiele dafür, ohne in Spielereien abzugleiten. Die Psyche eines bedrängten Teenagers abzubilden ist mit der genauen Wiedergabe eines vermeintlichen Gedankenwirrwarrs rundum gelungen.

Wackelige Konfliktlösung

Die Handlungslogik wurde dagegen vernachlässigt. Typisch für einen Debütroman taucht gleich auf der ersten Seite Schreiben als Motiv auf, gerät aber bald aus dem Fokus. Die Wiedergabe von Leas Stimme ist dann doch Gedachtes und keineswegs Geschriebenes. Die behauptete Verbindung von Schreiben und Atmen ist bald vergessen. Auch das ist typisch für ein Debüt, wo das Schreiben naturgemäß im Vordergrund steht, die tatsächliche Schreiberfahrung aber höchstens für drei Seiten reicht, selbst wenn es sich für die Autorinnen anfühlt wie dreihundert.

Blass bleibt die Clique, die Lea nach ihren eigenen Worten so sehr braucht. Auch Pola, das bewunderte Vorbild, ist eine wenig überzeugende beste Freundin. Ihre umfassende Yoga-Ruhe lässt sie zur reinen Beobachterin werden, was Leas Leid vergrößert. Das ist genau besehen nicht verantwortlich. Polas Sprüche aus einem Yoga-Ratgeber wirken sentenziös, oberflächlich und weit von der Realität entfernt. Lea wird dadurch auch nicht geholfen, trotzdem wird Polas Rolle an keiner Stelle einer Kritik unterzogen.

Ein anderes Problem ist die Darstellung der alkoholkranken Mutter. Das trägt ein gutes Stück weit, ihre Stimmungsschwankungen, ihre Besessenheit, mit der sie alten Freundinnen hinterhergoogelt, sich mit der Vergangenheit beschäftigt statt mit der Gegenwart. Leas Angst vor Streit, Ohrfeigen, psychischem Druck wird deutlich. Dass sich das aber in Wohlgefallen auflöst, sobald die alte Freundin der Mutter auftaucht, ist nicht überzeugend. Die Freundin ist ein wahrer Engel, der Nachname, Licht, gerät gefährlich in die Nähe von Kitsch.
Das gilt auch für den Untertitel ›Do what you love‹. In der ungezähmten konsumorientierten Unterhaltungsgesellschaft unserer Tage ist das nicht gerade ein tauglicher Leitspruch für Jugendliche.

Der Höhepunkt, die Nacht, in der Lea ihre Wut hinausschreit, ist wiederum beeindruckend beschrieben. Dass sich ihre psychisch bedingten Krankheiten dann bei einem Urlaub unter südlicher Sonne auflösen und am Ende auch schon wieder ein interessanter Junge winkt, ist zu viel des Guten. Die angebotene Konfliktlösung ist entschieden wackelig. Streng genommen drückt sich die Autorin davor. Der eigentliche Konflikt, der zwischen Lea und ihrer Mutter, wird nur noch gestreift. Zu dem Zeitpunkt der Handlung sind wir leider auch schon daran gewöhnt, dass alles gut wird. Ein bisschen Yoga, ein bisschen Urlaub und alle haben sich lieb, ist die Botschaft.

Das ist zu wenig für einen Jugendroman, noch dazu, wenn er mit einem so hohen Anspruch ansetzt und den auch über gut die Hälfte des Buchs einlöst. Schade.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Sabine Raml: Heldentage
München: Heyne, Heyne fliegt 2015
300 Seitenm 14,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren