Spielarten der Gewalt, Deutungen der Gewalt

in Kulturbuch/Sachbuch

Kulturbuch | Der Gewalt ins Auge sehen. Mittelweg 36 – Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Gewalt in den verschiedensten Formen scheint uns zu umgeben. Jugendgewalt gegen Gleichaltrige, Polizeikugeln für junge Farbige in den USA, Gewaltkriminalität, rassistische Übergriffe auf Einwanderer, offener Krieg in der Ukraine, in Syrien, im Jemen und wer weiß wo in Afrika, terroristische Anschläge, strukturelle Gewalt (Galtung, H. Marcuse) in zunehmend ungerechter werdenden neoliberalen Gesellschaften. Der neue Themenband ›Der Gewalt ins Auge sehen‹ der ›Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung‹ (HIS) stellt Facetten des Phänomens vor. Von PETER BLASTENBREI

Cover 4/2015.inddJan Philipp Reemtsmas Abschiedsvortrag vom 5.Juni 2015 eröffnet den Band. Der scheidende Institutsleiter kritisiert darin massiv die unzureichenden Deutungen, die Soziologen und Politologen für anscheinend unmotivierte und damit unpolitische Gewaltausbrüche in Gegenwart und jüngster Vergangenheit bereithalten. Mit all ihrem Gerede von psychischen Faktoren und sozialem Umfeld hätten sie das Problem, warum denn nun Autos brennen, Steine fliegen und Polizisten angegriffen werden, eher verunklärt. Dem stellt er sein Konzept einer grundsätzlichen Attraktivität von Gewalt entgegen, einer Lust am »Kaputtmachen«, wissenschaftlicher ausgedrückt, einer Lust an Entgrenzung und an der Selbstermächtigung zum großen »Du darfst«.

Wie üblich am Institut für Sozialforschung wurde der Hauptvortrag des Abends fachlich kommentiert. Michael Wildt, Professor für deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Berliner Humboldt-Universität, hält Reemtsmas Konzept für fruchtbar für die immer brennende Frage, wie denn aus normalen Menschen NS-Täter werden konnten. Wolfgang Knöbl, Reemtsmas Nachfolger an der Institutsspitze, erinnerte daran, dass der US-Soziologe Jack Katz bereits 1991 ein ähnliches Konzept ins Spiel gebracht hatte, ohne damals aber größeren Widerhall zu finden.

Trotz dieser freundlichen Aufnahme darf man an der Tragfähigkeit von Reemtsmas These zweifeln, nicht nur weil sie so ausgesprochen simplizistisch klingt. Sie bezieht sich fast ausschließlich auf literarische Belegstellen (Thomas Mann, Schiller, Brecht, Shakespeare, Victor Hugo, Arno Schmidt) und psychoanalytische Denkmuster, soll aber heterogene Phänomene wie die RAF, Krawalle von 1848 und die Gotteskrieger der IS erklären helfen. Außerhalb dieses Kosmos liegen zudem Menschen, die die »narzisstischen Gewinne« ruhiger Bürgerlichkeit oder eines Gewaltmilieus nie gegeneinander abwägen konnten, weil sie weder bürgerliches Leben noch die damit verbundene Sublimierungsleistung kennengelernt haben. Soll’s ja geben.

Ende und Anfang 1945

Zahlreiche sogenannte Alte Kämpfer der NSDAP, Parteimitglieder von vor 1933, bildeten ab März 1945 eine Reihe von Freikorps, die blutig gegen angebliche Volksverräter (nicht gegen alliierte Truppen!) vorgingen. Ihre Motivation ist einfach zu erschließen: nach einer Niederlage würde sie ein Leben als gehetzte Paria erwarten, die Lebensform Partei – für viele die einzige, die sie kannten – wäre verloren. Vielfach spielten auch Reminiszenzen an eigene Freikorpserfahrungen 1918/22 eine Rolle. Diesen neuen Freikorps fielen nicht wenige NS-Funktionäre zum Opfer, die als unzuverlässig, opportunistisch oder gar kapitulationsbereit galten.

Patrick Wagner, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Halle-Wittenberg, arbeitet einen weiteren Aspekt heraus. Die Prozesse gegen die Fememörder 1945/46 erlaubten es vielen Deutschen, die selbst in der NSDAP gewesen waren, einen Unterschied zwischen »anständigen Nazis«, den Opfern, und Fanatikern, den Tätern, zu konstruieren, der sie selbst entlastete.

Ulrike Jureit von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (HSF), auch einer Reemtsma-Gründung, diskutiert die anhaltende Gültigkeit des 8. Mai 1945, des Tags der militärischen Kapitulation Deutschlands, als historische Epochengrenze (etwa gegenüber dem 9. November 1989).

Koloniale Kontexte

1794 eroberten französische Revolutionstruppen die Zuckerinsel Guadeloupe zurück, die im Vorjahr mit Hilfe royalistischer Pflanzer in britische Hand gefallen war. Wichtigste Kriegsmittel der Franzosen waren die Abschaffung der Sklaverei und – eine Guillotine. Abolition und Terreur gingen, so Flavio Eichmann (Universität Bern), bei Rückeroberung und Machterhalt eine verhängnisvolle Allianz ein, bis 1802 Napoleon die Sklaverei wieder einführte.

Was leider nicht gelingt, ist, die Anteile von Terror und Sklavenbefreiung an der französischen Herrschaft bis 1802 gegeneinander abzugrenzen. Denn für den Umfang des Terreur ebenso wie für das neue Zwangsarbeitssystem bietet Eichmann nur Quellen aus der Hand royalistischer Ex-Plantagenbesitzer.

Der Schutzvertrag des Herero-Oberhaupts Kamaherero 1890 mit den Deutschen gilt bei Historikern als schwerer politischer Fehler, der das Land dem Kolonialismus auslieferte. Matthias Häußler (HSF) schlägt eine überzeugende neue Lesart vor. Kamaherero, eine überragende Persönlichkeit und Erbe eines machtbewussten Clans, war besorgt wegen der kolonialen Expansion und bemühte sich seit Jahren um europäischen Schutz, der seine Herrschaft nicht einschränken sollte. Nur, wenige Monate nach Vertragsabschluss starb er. Sein Nachfolger konnte sich gegen seine Rivalen nur mit deutscher Hilfe durchsetzen, und wurde von ihnen anschließend mühelos in ihr koloniales Herrschaftssystem eingebaut.

Attentat auf Adenauer

Am 27.3.1952 gaben zwei Münchner Jungen ein an den Bundeskanzler adressiertes Paket bei der Polizei ab statt es zur Post zu bringen, worum sie ein geheimnisvoller Fremder gebeten hatte. Und tatsächlich enthielt das Paket eine Bombe, die den Sprengmeister zerriss und zwei Polizisten schwer verletzte. Was Wolfgang Kraushaar (HSF) hier beschreibt, war ein Attentat auf Konrad Adenauer, das 50 Jahre unbekannt blieb.

Erst die Memoiren des Hauptattentäters, des Sprengstoffspezialisten des israelischen Nationalistenführers Begin, deckten 2003 die Hintergründe auf. Die Bundesrepublik hatte damals im Vorfeld der Luxemburger Verhandlungen kein Interesse an derartiger Publicity – ebenso wenig wie die israelische Regierung. Und auch die Franzosen, die die fliehenden Attentäter aufgriffen, wollten keine Öffentlichkeit – ihre geheime nukleare Kooperation mit Israel nahm eben Gestalt an.

Die einzelnen Artikel zeigen – wie ja eigentlich beim HIS kaum anders zu erwarten –mit wenigen Abstrichen eine hohe wissenschaftliche Qualität und sind zugleich gut lesbar. Ein umfassendes Panorama des Phänomens Gewalt, das man von einem Themenheft eigentlich erwartet hätte, ergibt sich daraus aber nicht.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Mittelweg 36: Der Gewalt ins Auge sehen
Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 24.Jahrgang, 4/2015 (August/September 2015)
Hamburg: Hamburger Institut für Sozialforschung 2015
120 Seiten, 9,50 Euro