Schwarz oder weiß

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Lite Ratur | Wolf Senff: Krähe

Gewiss, über dieses Thema redest du ungern, Krähe, ich merke das doch, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du das locker vergessen hättest. Nein, glaub‘ ich nicht. Lange her, doch das war ein einschneidendes Erlebnis, Krähe, es hat deine Welt von Grund auf verändert, verstehst du.

Abb: Stuart Yeates
Abb: Stuart Yeates
Ihr kennt nicht so etwas wie Geschichtsbücher, nein, die euch erzählen, wie die Krähe den Planeten besiedelte, wie sie Dürreperioden überlebte, wie sie untereinander Konflikte austrug oder sich den großen Raubvögeln entzog. Wäre doch interessant zu wissen, Krähe. Gab es Völkerwanderungen bei euch, wie ist die demographische Struktur, rechnet ihr euch zu den gefährdeten Arten, war euer Verhältnis zu den Wölfen immer schon gut oder gab es Konflikte, und welche Tiere stehen euch nahe außer dem Wolf.

Dein Gefieder war weiß damals, als Götter in Griechenland lebten, und es war nicht immer klar, wie deren Zuständigkeiten untereinander aufgeteilt waren, auch Zeus fühlte sich für Liebesangelegenheiten zuständig. Denn darum geht’s, Krähe, du hast dich unangenehm hervorgetan, du hast Überwachungsdienste geleistet. Man soll sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, heißt es.

In einem sich vertrauenerweckend seriös präsentierenden Überblick, einem Portal zur griechischen Mythologie, wird Apollon irreführend als ›Sonnengott‹ bezeichnet, da geisterten wohl noch diverse ägyptische Gottheiten in den Köpfen – wie kann sich ein Leser zurechtfinden, die Überlieferung der Menschen ist verwirrend. Es wird übermäßig viel geredet, Nachrichten aus dritter Hand, Gerüchte, du verstehst. Ein übles Durcheinander, Krähe, eine Sprachverwirrung. Nein, so etwas kennst du vermutlich ebenfalls nicht, da bleibt dir einiges erspart.

Apollon war eine der zwölf Hauptgottheiten, einer der olympischen Götter, er stand mitten im tosenden Leben. Das Heiligtum zu Delphi mit dem berühmten Orakel war ihm geweiht, er hatte vielerlei Zuständigkeiten, ja, er war der Gott des Lichts, auch der Musik, der Dichtkunst, des Gesangs, er war Oberhaupt der neun Musen und zeichnete die leidgeprüfte Kassandra mit der Gabe der Weissagung aus; er war der Gott der Bogenschützen und wurde gelegentlich dem Sonnengott Helios gleichgesetzt.

Nun weißt du’s, Krähe. Um einen solchen Gott ranken sich unzählige Episoden, klar, und jeder der zu erzählen anhebt, kommt unweigerlich vom Hölzchen aufs Stöckchen. Bei den griechischen Göttern, was auch immer geschah, ging es um alles oder nichts, jedesmal, die Leidenschaften kochten hoch; um jeden, der auftrat, ist eine Geschichte gewoben, und eine handelt von deinem Gefieder.

Phlegyas war ein Sohn des Ares, des mächtigen Gottes des Krieges, des Massakers, des Blutbads; das Geräusch brechender Knochen bereitete Ares köstliches Vergnügen und selbst Zeus, sein Vater, verachtete ihn. Ausgerechnet um Phlegyas‘ Tochter Koronis warb Apollon, vor nichts schrecken die Götter zurück.

Kannst du dir leicht vorstellen, welch komplizierte Konstellation sich da anbahnte. Dass dabei dein Gefieder sich änderte, ist eine Randnotiz, Krähe. Der Gott war in hellem Zorn. Übrigens findet sich noch heute in Ausnahmefällen mal eine Krähe mit weißem Gefieder, doch das ist nicht wichtig. Das war jetzt eine lange Vorrede, oder? Kommt vor, Krähe, ist ja auch endlos lange her. Nun aber mal!

Phlegyas – wir erfahren das von Dante – setzte Apollons vielgerühmten Tempel zu Delphi in Brand, weil er überzeugt war, der Gott habe seine Tochter Koronis verführt und mit ihr Asklepios gezeugt, der später als Gott der Heilkräfte Ruhm erlangte. Phlegyas wurde für sein frevlerisches Tun hart gestraft und setzt seitdem als Fährmann die Verdammten über den Sumpf der Styx, wohin die Jähzornigen gebannt sind.

Er sei, so überliefert uns Pausanias das Geschehen, von Apollons Pfeilen getötet worden und in der Unterwelt zu der Strafe verdammt, einen nackten Felsen über sich zu sehen, der stets im nächsten Moment herabzustürzen drohe. Du siehst, Krähe, die Überlieferung beschert uns verschiedene Versionen. Nun zu deinem Gefieder.

Als Apollon noch um Koronis warb, sandte er, sie zu überwachen, eine weiße Krähe aus. Er war bis über beide Ohren verliebt und traute keiner Frau. Da lag er nicht falsch, denn Koronis empfand tiefe Liebe für den König Ischys, und obgleich sie bereits von Apollon schwanger war, verband sie sich mit Ischys, zu groß war ihre Scheu vor den Göttern.

Die weiße Krähe flog eilig zurück und berichtete. Apollon war erschüttert, ihm brach das Herz, ihm fehlten die Worte, er fühlte sich kaltblütig getäuscht, von einer Sterblichen hinters Licht geführt. Es war zu spät, und hätte nicht seine Krähe der treulosen Koronis unverzüglich die Augen aushacken sollen, sind Krähen nicht kluge Tiere. Jetzt ergriff ihn die Wut. Weshalb hatte die Krähe das treulose Weib verschont?

Oh, man konnte ihm ansehen, wie sehr es in ihm arbeitete. Peinigende Gedanken trieben ihn um, sie warfen ihn hin und her, sie quälten ihn. Seine Stirn lag in tiefen Falten, sein Blick irrte wie erstarrt umher und stockte immer wieder, sobald er die weiße Krähe streifte. Als Apollon endlich wieder zu Worte fand, verdammte er das Tier dazu, schwarz zu sein. So ergeht es dem, der unerfreuliche Nachrichten überbringt, Krähe.

Außerdem klagte Apollon bei seiner Schwester, der Jägerin Artemis, bitterlich über Koronis’ Treulosigkeit. Was konnte er tun, auch die Götter sind ihren Leidenschaften und Gefühlen wehrlos ausgeliefert. Uns sind weiter leider keine Details überliefert, doch Artemis, erschüttert vom Leid des Bruders, legte augenblicklich ihre Ausrüstung an und brach auf; sie schoss einen ganzen Köcher Pfeile auf Koronis ab und tötete sie. Das Kind Apollons wurde aus dem leblosen Leib sicher geborgen.

Eine unterhaltsame kleine Episode, nicht wahr, und siehst du mal, Krähe, wie dramatisch oft die Ereignisse sind und wie Götter und Menschen gleichermaßen darunter leiden. Die Götter, sagst du, seien selbst in Vergessenheit geraten? Kann gut sein, Krähe. Das Durcheinander ist deswegen nicht geringer geworden.

| WOLF SENFF