Berardi und »Poetische Quellen«

in Porträt & Interview

Interview | Wolf Senff im Gespräch mit Jochen Schimmang

Das 14. Internationale Literaturfest »Poetische Quellen«, das vom 27.-30. August in Bad Oeynhausen und Löhne (OWL) veranstaltet wird, fand schon im Vorweg öffentliche Resonanz aufgrund der Absage des italienischen Philosophen Franco Berardi. Über diese Absage, über den Eventcharakter moderner Veranstaltungen und den Stellenwert von Literatur sprach unser Autor WOLF SENFF im Interview mit Jochen Schimmang.

Abb: Don Manfredo
Jochen Schimmang bei einer Lesung auf dem Erlanger Poetenfest 2009
Abb: Don Manfredo
Jochen Schimmang liest auf dem Literaturfest am Sonntag, 30. August 2015, 18 Uhr, aus ›Grenzen Ränder Niemandsländer‹ und ›Das Beste, was wir hatten‹ (»Tischgespräch« mit Sergej Lochthofen, Moderation: Jürgen Keimer)

TITEL: Der Anlass für dieses Interview, das Literaturfest »Poetische Quellen« Ende des Monats in Bad Oeynhausen und Löhne, gewinnt durch die Absage von Franco Berardi eine gewisse Brisanz. Der zu einem Podiumsgespräch eingeladene italienische Philosoph und Publizist Franco Berardi protestiert damit gegen den politischen Umgang mit der griechischen Regierung. Löst solch eine Geste ernsthaftes Nachdenken aus?
J. Schimmang: Nein, zum Nachdenken über den Umgang mit Griechenland wird es wenige veranlassen, dieser Anspruch wäre zu hoch angesetzt. Aber ich kann die Absage aus Sicht des Autors verstehen, das kann man machen, doch meines Erachtens setzt das kein politisches Zeichen.

Die Gründe

Der politische Effekt steht nicht im Vordergrund der Absage?
Schimmang Franco Berardis Begründung ist interessant, und viele werden ihm darin zustimmen, dass er sagt, Wolfgang Schäuble betreibe deutsche Machtpolitik. Der deutsche Finanzminister ist ein neoliberaler Überzeugungstäter, und Neoliberalismus wäre seine schöne neue Welt, eine Utopie, wenn nur alles so verliefe, wie sie das gerne hätten. Der Finanzminister ist letztlich ein Erfüllungsgehilfe, es geht nicht um eine deutsche Vormachtstellung, sondern Schäuble tritt als der Prototyp dieser Denkweise auf. Wenn die ganze Welt so funktionieren würde, wie das badische Gemüt es sich ausmalt – dann wär’s prima.

Franco Berardi vertritt die südeuropäische Haltung, die wir an Griechenland kennengelernt haben und die auch Italien, Spanien und Portugal vertreten werden.

Gespaltenes Europa

Dieser Gegensatz ist ja virulent. Es geht vorgeblich um Europa, aber genaugenommen geht es um den Euro und darum, dass Europa sich im Hinblick darauf eher desintegriert, weil Europa zurzeit eine Art Zwangsverband ist, der den Besonderheiten der einzelnen Länder nicht gerecht wird,

Das alternative Projekt wäre folglich ein Staatenverbund?
Ja. Das wäre der Fall, der der ordoliberalen Position widerspräche. Die möchte gleiche Regeln in allen Staaten, was völlig unrealistisch ist. Der Ordoliberalismus ist eben eine abstrakte Utopie, darin mit der marxistischen durchaus vergleichbar.

Literatur leitet nicht

Im Hinblick auf das Literaturfest möchte ich versuchen, den Standort des Schriftstellers genauer zu beschreiben. In Ihrem Essay ›Grenzen Ränder Niemandsländer‹ sortieren Sie den Schriftsteller eher an den Rand, also abseits des sogenannten Mainstream. Ließe sich das für Franco Berardi ebenso konstatieren?
Es ist zweierlei. Erstens ist es eine persönliche Entscheidung, ob man den engagierten Autor geben möchte oder nicht, der sich, etwas übertrieben formuliert, bereitwillig zu jedem Thema äußert. Das lehne ich allein schon deswegen ab, weil Autoren keineswegs politisch klüger sind als der Normalbürger, es gibt einfach zu viele Gegenbeispiele. Und das andere ist natürlich, dass die Literatur als solche zwar in den fünfziger und sechziger Jahren durchaus ein Leitmedium war, aber das ist sie ja lange nicht mehr.

Ich gebe Ihnen dazu gern ein persönliches Beispiel. Mein Vater war damals Stadtkämmerer und stellvertretender Stadtdirektor, damals gab es noch Stadtdirektoren in Niedersachsen, und er verkehrte dann eben auch privat mit seinem Milieu; wir hatten den Baurat häufiger zu Besuch, und der kannte, wenn von Heinrich Böll ›Ansichten eines Clowns‹ zur Sprache kam, der kannte das, und zwar nicht nur als Titel, sondern er hatte das gelesen. Stellen Sie sich doch heute mal einen Stadtbaurat vor, der einen Roman liest und intelligent darüber reden kann.

Pole Position für den Roman

Seitdem hat sich ebenso, Sie erwähnten es, der Standort von Literatur in der Gesellschaft verändert. Wie sortieren Sie das, was heutzutage als Literatur angeboten wird, es erscheint eine Fülle von Büchern, es wird unglaublich viel produziert.
Ich bin nicht pessimistisch, was das Lesen angeht, all die Endzeitszenarien kulturkritischer Art teile ich überhaupt nicht. Erstmal allerdings ist es so, dass überhaupt nur noch eines akzeptiert wird, denn Literatur, das ist der Roman, und dass es andere Formen der Literatur gibt, wissen wohl lediglich die Fachleute. Das Publikum, ohne jetzt herablassend sein zu wollen, ist so erzogen, dass Literatur und Roman ein- und dasselbe sind. Deshalb schreibt jeder Verlag auch auf Bücher, bei denen es sich nicht um Romane handelt, ›Roman‹ drauf, weil sie anderenfalls die Auflage gleich einstampfen könnten.

Der heutige Literaturbegriff ist reduziert?

Mainstream

Der heutige Literaturbegriff ist gewissermaßen reduziert. Beim Roman ist man zurückgekommen auf den gut erzählten, nicht anspruchsvollen Mainstream; das muss ja nicht zwangsläufig schlecht sein. Wenn es sprachlich gut durchgearbeitet ist, ist dagegen nichts einzuwenden. Das ist eben das, was den Betrieb in Gang hält und auch mit den üblichen Preisen belohnt wird. So funktioniert halt der Betrieb. Wer das anders machen will, der kann das gern machen und muss dann sehen, wovon er seinen Lebensunterhalt bestreitet.

Der sogenannte Mainstream ist demzufolge das, was durch das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und ebenso durch Hildesheim gefördert wird.
So ist es. Den Instituten selbst ist das vielleicht nicht klar, aber es ist tatsächlich so. Dort werden bestimmte Techniken, Erzähltechniken vermittelt, die sich durchaus auch mal verselbständigen, weil die meisten Absolventen so jung sind, dass sie überhaupt gar nichts zu erzählen haben. Ich habe selbst dort ein halbes Jahr unterrichtet. Man merkt das.

Leipzig, Klagenfurt

Ich bin aber dort durchaus Leuten begegnet, die später groß herausgekommen sind, Clemens Meyer etwa, der lediglich ins Seminar kam, wenn es um seinen Text ging, und ansonsten ging er wieder, oder Julie Zeh, also Schülern, die heutzutage öffentliche Personen sind, das war um die Jahrtausendwende. Es ist sozusagen die gut gebaute große Erzählung, die dort gelehrt und vom Publikum auch verlangt wird.

Und auch Klagenfurt passt in diese Reihe.
Man muss davon ausgehen, dass Vorlesewettbewerbe etwas für Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren sind, und anderes ist auch Klagenfurt nicht. Die Leute, die nach Klagenfurt kommen, wissen das selbstverständlich und inszenieren sich entsprechend. Ich meine damit nicht nur die diesjährige Gewinnerin, die ich sehr schätze; sie leitet die Villa Concordia in Bamberg, die Stipendien vergibt, ich war dort selbst ein Jahr lang zu Gast, sie wissen da ja alles über die zeitgemäßen Bedingungen des Auftretens in Klagenfurt. Das begann vor Jahren mit Rainald Götz.

Event und Kultur

Das ist Eventkultur?
Genau. Rainald Götz wusste von vornherein, was erwartet wurde. Darüber hinaus bietet Klagenfurt vor allem eine Selbstinszenierung für die Kritiker, und zwar weit mehr als für die Kandidaten, die vorlesen; denn die Kritiker sind die gesamte Zeit präsent, und in der Hinsicht ist das die Fortsetzung der Gruppe 47, die ja auch die Kritiker groß gemacht hat und nicht die Autoren. Reich-Ranicki, Hans Mayer, Walter Jens und andere sind groß geworden durch die Gruppe 47, nicht so sehr die Autoren.

Vor diesem Hintergrund, den Sie schildern, frage ich mich, wo denn bloß, mit Verlaub, die ernstzunehmende Literatur zu suchen bzw. besser noch: zu finden ist. Ich taste mich heran mit meiner Frage, ob das Literaturfestival ›Poetische Quellen‹ ebenfalls Teil der Eventkultur ist.

Literatur und Inszenierung

Das weiß ich noch nicht. Das Literaturfest in Ostwestfalen-Lippe hat eine seriöse eigene Tradition, es hat sich seit vierzehn Jahren dort etabliert; ähnliches läuft ja seit vielen Jahren in Erlangen ab, und selbstverständlich ist das ein Event. Die Leute kennen das, das hat einen ›local touch‹. Es kommt selbstverständlich darauf an, wer eingeladen wird, was programmatisch angeboten wird, aber ein Event ist es gewiss, wie eine simple normale Lesung ein Event ist. Außerdem ist bekannt, dass einzelne Autoren, die, wenn ich so sagen darf, sehr auf sich halten, es strikt ablehnen, überhaupt noch aufzutreten, ich denke zum Beispiel an Peter Handke, von Botho Strauß ganz zu schweigen.

Vielleicht halten wir ein wenig an dem Begriff Event fest, das ja im Grunde eine Frage der Inszenierung ist. Lassen Sie mich einen so profanen Bereich wie den Fußball dazu heranziehen. Fußball wird inszeniert, und die Inszenierung gewinnt letzten Endes Eigencharakter, und zwar so sehr, dass das Ereignis, also der Fußball selbst, schon beinahe eine minderwertige Rolle spielt; denken Sie an die Werbeblöcke, an die herzigen Kinder, die an den Händchen der Profis in die Stadien einlaufen, an die diversen Kurzinterviews, die analysierenden Experten u.a.m.

»The happy few«?

Die Frage ist, ob Literatur so stark ist, sich nicht verbiegen muss, so viel Eigencharakter hat, dass sie über derartige ›Petitessen‹ locker hinwegsehen kann. Und wo, dieser Zusatz noch, wo tritt dieser Eigencharakter von Literatur zutage?
Das ist in der Tat die spannende Frage. Man kann ja gewissermaßen als ein Fürsprecher des Events auftreten und damit den Anspruch verbinden, dass neue Leute aus ihrem Alltag an die Literatur herangeführt werden, Leute, die sonst zu Hause kein Buch aufschlagen oder zu einer Lesung gehen würden. Andererseits kann ein Autor den Standpunkt vertreten, Leute abzulehnen, die er erst mühsam an seine Werke heranführen muss. Der Autor kann immer sagen, er schreibe für ›the happy few‹, das reicht ihm dann.

Poesie und Finanzwirtschaft

Generell aber ist meiner Meinung nach gegen den Eventcharakter nichts einzuwenden, man muss das im Detail ansehen, um das bewerten zu können. Es gibt auch Events der Art, dass die Moderatoren sich wichtiger tun als die Autoren, die eingeladen sind. Bei der LitCologne zum Beispiel sind die Moderatoren viel wichtiger als die eingeladenen Gäste.

Lassen Sie mich abschließend auf Franco Berardi zurückkommen, der sich in seinem dieser Tage publizierten ›Der Aufstand. Über Poesie und Finanzwirtschaft‹ zur Rolle von Sprache und Literatur äußert. Im Rückblick auf die Literatur des vergangenen Jahrhunderts beschreibt er das Phänomen, dass sich das Wort ablöst von seinem Referenten, also dem Bezug, dem, mit de Saussure gesprochen, Signifikat. Im Symbolismus und ähnlich im Expressionismus gewinnen die Zeichen selbst eine literarische Eigenstruktur und lösen sich von dem Referenzbezug.

Poesie ist keine Waffe

Spannend ist es dann insofern, als Franco Berardi diesen Sachverhalt als einen Vorlauf für das betrachtet, was sich in der Finanzwirtschaft einige Jahrzehnte später herausbildet. Eine zentrale Wendemarke ist für ihn die Loslösung des US-Dollars von der Goldbindung durch Richard Nixon 1972, also auch hier die Loslösung von jeglicher realen Bezugnahme. Tendenziell sieht Berardi die Poesie mit ihren facettenreichen Bedeutungsschichten als eine bzw. als die wesentliche Möglichkeit, sich aus diesen Reduktionen zu befreien.

Ich bin da zunächst einmal skeptisch. In der Finanzwirtschaft wird doch offensichtlich ungeheuer viel Phantasie bemüht, da wird mit Wünschen operiert, mit Grundbegriffen aus Spieltheorien, und es ist sehr zweifelhaft, ob Poesie da als Waffe erfolgversprechend wirksam sein kann. Der Neoliberalismus hat ja selbst utopischen Charakter, und ganz im Gegenteil, die Finanzwirtschaft ist ja ein großer Stoff auch für realistische Literatur.

Unser eingefahrenes Denken

Ich erinnere Sie an die Lehmann-Pleite von 2008, als ein, zwei Monate später Firmen und reiche Privathaushalte in der Londoner City in beträchtlichem Umfang Personal entlassen mussten. Das ist großes, dramatisches Geschehen und zugleich Stoff für Satire. Meines Erachtens sollte man gegen die Finanzwirtschaft durchaus mit ökonomischer Vernunft argumentieren; man kann den Akteuren zu Recht vorwerfen, dass sie sich längst von der Realität abgekoppelt haben und zu einer generellen Gefährdung geworden sind.

Die Vorstellung, dass die Poesie uns da herausziehen könnte, hat wohl romantische Züge; vermutlich möchte Berardi vor allem die Modalitäten unseres eingefahrenen Denken öffnen, und vielleicht wird so ein Schuh daraus. Sein unmittelbarer Bezug von Poesie auf Finanzwirtschaft ist zumindest sehr überraschend.
Schimmang Insofern muss man die Absage zweifellos bedauern. Franco Berardi hätte seine Position im Detail darstellen können, mit Gewinn für das Publikum.

| WOLF SENFF