Tinseltown

in Lite Ratur

Lite Ratur | Wolf Senff: Begegnungen

Ein schlanker Mann, eher klein, unauffällig. Hätte ich zu meiner Zeit, rief er, über diese immensen Möglichkeiten verfügt, ich versichere Ihnen, die Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen. Was, rief er aus, wäre der Welt erspart geblieben! Seine Stimme drohte zu kippen, er schrie, nein angenehm war es nicht, ihm zuzuhören, er steigerte sich in ein Gebrüll.

P1010562klDas schillernde Ambiente der Bühnen und der Studios inspirierte ihn, gepflegte Gestalten verkehrten geschäftig zwischen den Hallen, bunt gekleidete Männer, aparte Frauen. Er hatte das Gefühl, er laufe zu großer Form auf, er werde überwältigt, er gab sich hin, er tat sich keinen Zwang an.

Schließlich wandte er sich seinem Gegenüber zu, der sich abgewandt hatte, weil ihm die Situation peinlich geworden war. Sie waren doch auch einst Politiker, sagte er, Sie waren durchaus nicht unumstritten, wie man liest, nicht unumstritten. Er schmunzelte, merkte endlich von selbst, dass er zu laut sprach, und dämpfte seine Stimme.

Man liest, Sie hätten die Redekunst erfunden, sagte er, und der gepriesene Gorgias von Acagras sei einst Ihr Schüler gewesen. Oh, Sie glauben nicht, wie ich die berühmten Redner schätze, ich bin selbst einer, und was nach mir kam, ist nicht der Rede wert. Was meinen Sie, wie viel Arbeit es mich kostete, das rollende R einzuüben, ein Redner darf nie nachlassen, der innere Schweinehund lauert in allen Ecken und Winkeln. Sie selbst, fügte er hinzu, waren Schüler des großen Parmenides?

Empedokles war dieses Geschwätz zuwider und er fragte sich, welches absonderliche Geschick ihm diesen vermaledeiten Kerl zugespielt hatte, über den es, soweit er davon erfahren hatte, nur das Widerwärtigste zu berichten gab, und weshalb hatte es sie an einen Ort wie diesen verschlagen, das Leben schlich auf krummen Pfaden, was war aus Europa geworden, was aus der idyllischen griechischen Heimat!

Es war laut, es war grell. All die vielen Kameras, die Studios, nein, das war nicht nach seinem Geschmack. Was für Gründe gab es, dass er diesem Kerl hier begegnete? Sie hatten beide den Freitod gesucht, vielleicht war das der Grund, er selbst, um seinem lebenssatten Dasein ein würdiges Ende zu setzen – Hatte er am Ätna allen Ernstes eine Sandale liegen gelassen? –, der andere, weil er eine stolze Nation gegen die Wand gefahren hatte und keinen Ausweg sah, noch im Sterben hatte er sich als jämmerlicher Feigling erwiesen, größer können Gegensätze nicht ein.

Sie könnten mir sympathisch sein, setzte Hitler fort, Sie wurden verehrt, man hielt Ihnen vor, ein Schamane zu sein, ein Betrüger, das Leben ist bunt, sage ich Ihnen. Sie waren Vegetarier, lese ich, und sollen von sich gesagt haben, Sie würden dem Wind und dem Regen gebieten. Ist das nicht eine Nummer zu groß? Nicht einmal ich würde das von mir behaupten. Bedenken Sie das, mein Lieber. Die Vorsehung, ja, die war stets auf meiner Seite, ein wahrlich bedeutendes Leben nahm mit mir sein Ende, mein Platz in den Geschichtsbüchern ist unauslöschlich.

Gehen Sie, sagte Empedokles, Sie haben längst jedes Recht verspielt, unter den Lebenden zu weilen. Er lächelte. Sie haben in gleicher Weise das Recht verspielt, sich unter den Schatten aufzuhalten, seien diese noch so bunt und lebensecht, wie es den Anschein hat. Nach allem, was man weiß, sind Sie ein Ungeheuer unter den Lebewesen. Wer hat Sie hierher durchgewunken?

Köstlich, entgegnete Hitler und lachte. Dies ist die Welt der Schatten, mein Lieber, der farbigen Schatten, der Traumfabriken. Gewiss, ja, in diesen Studios wurde ›Godzilla‹ gedreht, ›Kingkong und die weiße Frau‹, doch davon verstehen Sie nichts.

Zu Ihrer Zeit kannte man weder eine Industrialisierung noch hatten Sie eine Ahnung von den modernen Technologien. So ist die Welt, sie schreitet pausenlos voran. Und Sie, werter Herr, können da nicht mitreden. Wer nicht achtgibt, hat den Anschluss schon verloren, sage ich Ihnen, das Dasein erhöht seine Geschwindigkeit Tag für Tag. Es gibt komplette Völker, die nicht wert sind, zu leben.

Dieser Mann war kaum zu bremsen. Der Mensch muss stark sein, fuhr Hitler fort, das Leben ist Kampf, jedes Mittel ist recht. Sehen Sie die junge Frau dort auf der Bühne? Ich bewundere diese Menschen, so durchsetzungsstark, so zäh wie Leder. Was für eine kräftige Stimme, es ist die Stimme, die zählt, verstehen Sie, es ist die Stimme, seit Neuestem ist sie akustisch verstärkt. Ein ungemein dramatischer Effekt! Welch grandioser Fortschritt! »Freedom’s just another word for nothing left to lose«. Das ist das in einem einzigen Satz komprimierte Programm der neoliberalen Politik!

Empedokles gab sich amüsiert. Janis Joplin, sagte er lächelnd, Bobby McGee, und: Wissen Sie, in welch zartem Alter diese Frau von uns ging?

In welch zartem Alter! Sein Gegenüber brauste auf vor Empörung: Da ist sie nicht die einzige geblieben! Ein erfülltes Leben misst sich nicht an gezählten Jahren, werter Herr! Leben ist geballte Energie, ist unbändige Kraft! Get it while you can!

PICT0068klEmpedokles lächelte verächtlich. Wen die Götter lieben, den rufen sie früh zurück? Ein Ammenmärchen. Live fast, love hard, die young? Der Gedanke, man könne Leben konsumieren, sagte er, sei absurd, und es heißt dennoch, er habe viele Anhänger. Besonders in Zeiten, die sich für aufgeklärt hielten, würden mehr Legenden in die Welt gesetzt als in Homers gesammelten Werken, die Technologien der Moderne seien Technologien der Täuschung, ausnahmslos.

Sie verhielten sich einige Minuten lang still und hörten Joplins Auftritt zu. Hitler wirkte fasziniert, ja hingerissen, seine Blicke folgten jeder Bewegung, er zuckte zu einigen Rhythmen, als lasse er sich mitreißen in einen Rausch, eine Ekstase, und bewegte die Lippen, als ob er einzelne Textzeilen auswendig kenne. Fehlte nur noch, dass er eine Wunderkerze aus der Tasche zog.

Empedokles war gelangweilt, sein Gesicht zeigte Spott und Herablassung, er ordnete das Geschehen einer jugendlichen Verwirrung zu, bestenfalls, wie er überhaupt jegliche lautstark aggressive Musik ablehnte, Musik durfte nicht die Sinne betäuben, im Gegenteil. Die Sängerin, bei Zeus wie sah sie bloß aus, darf man denn sein Äußeres so vernachlässigen. Sie war übermäßig alkoholisiert, und wer weiß, was sie geraucht hatte. Hochmut kommt vor dem Fall, wie tief kann der Mensch sinken.

Krass, bekannte Hitler und strich über sein Bärtchen, er habe in der falschen Zeit gelebt. Wie geschmeidig man die Massen durch Kultur verführen könne! Wie lückenlos lasse sich ein ganzes Volk überwachen! Wie unauffällig werde es durch Medien regiert und gelenkt! Er hatte Tränen in den Augen.

Nein, er werde darauf nichts entgegnen, sagte sich Empedokles. Die Menschen, gut, sie seien verschieden, immer schon, und er zweifle, dass man von einem Fortschritt in der Geschichte reden könne, solange ein Diktator ein ganzes Land ins Unglück stürze und die jüdischen Teile der Bevölkerung ausrotten lasse, wie sei das möglich, er verabscheute diesen Kerl.

Er war selbst stets ein Freund des Respekts vor den Menschen gewesen, er etablierte in Acagras die Demokratie, das liege Jahrtausende zurück, er werde den Vorsokratikern zugerechnet, sei ein Schüler des unerreichten Parmenides – wie könne sich das neueste Jahrhundert anmaßen, von Fortschritt in der Geschichte zu reden. Man werfe nur einen Blick auf die barbarischen Zustände!

Bei Zeus, wie kümmerlich dieser Mensch dasaß! Ein seelischer Krüppel. Und er selbst? Welches mitleidlose Geschick hatte ihn hierher verschlagen?

Nein, es gab keine Erklärung, dies war kein Ort für einen Aufenthalt, er musste sehen, dass er so schnell wie möglich herausfand, dies alles war ein Furcht einflößender Irrgarten, zu allen Seiten Studios, in denen neueste Legenden produziert wurden, die Menschheit wurde überschwemmt mit neuesten Legenden. Welch deprimierendes Dasein!

| WOLF SENFF

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