Die Macht freundlicher Worte

in Kinderbuch

Kinderbuch | Jack Sendak; Maurice Sendak: Viel Glück und viel Regen.

Wer kennt das nicht? Etwas klappt nicht, passt nicht, ein Kind gehorcht nicht. Also besteht man darauf, drückt und presst, wird laut. Durchsetzen ist alles, oder? Es geht auch anders, nämlich mit ein wenig Nachdenken und vor allem mit sanften Tönen. Jack Sendak hat vor vielen Jahren eine Geschichte über die Macht von Freundlichkeit geschrieben, sein Bruder Maurice hat das Ganze illustriert. Von MAGALI HEISSLER

RegenDie Welt, in die uns Jack Sendak führt, ist der unseren ähnlich, in einem Punkt aber unterscheidet sie sich. In Trokan, so heißt das Dorf, in dem sich das alles abspielt, regnet es meistens und die Menschen dort finden das einfach großartig. Regen ist das Beste, was gibt. Er lässt die Blumen blühen, macht die Kleider nass, die Luft duftet und wenn die Tropfen fallen, gibt das die schönste Musik, die man sich in Trokan vorstellen kann. Was man sich nicht vorstellen kann, ist ein Tag ohne Regen. Genau das tritt ein.

Es bleibt nicht nur bei einem Tag, einer Nacht, nein, viele Tage lang regnet es nicht. Entsetzen breitet sich aus. Guter Rat ist teuer. An dem mangelt es nicht, leben in Trokan doch einige sehr gescheite Zeitgenossen. Der Bürgermeister ist nur einer von ihnen, der Philosoph ein anderer. Sogar einen Wissenschaftler gibt es. Die Drei sind so klug und ebenso ihre Ratschläge dafür, wie man es regnen lassen kann. Trokan hofft wieder. Die Maßnahmen sind einschneidend und auch laut, doch sie fruchten nichts. Das Ende der Welt scheint gekommen!

Was in den Köpfen steckt

Erzählt wird in schlichten Worten, auch die Handlung ist eine schlichte. Ihre Stärke liegt in der Verschmitztheit, mit der sie präsentiert wird. Es geht ums genaue Hinsehen, darum, nicht auf große Taten zu vertrauen und großen Worten schon gar nicht, sondern zu verstehen, dass zwei dazugehören, wenn etwas klappen soll. Trokans Bewohnerinnen und Bewohner sehen zuerst nur sich und ihr Problem. Der Regen fällt nicht mehr, sie leiden unter der Sonne. Wärme, Hitze, Staub, Stille, kein Regen pladdert mehr fröhlich auf die Dächer oder singt sie in den Schlaf. Um den alten Zustand wiederherzustellen, nehmen sie alles in Kauf.
Sendak hat drei recht verrückte Einfälle, sie werden nacheinander ausprobiert und am Ende, als nichts davon hilft, alle drei auf einmal. Das ist sehr lustig, nicht nur für ein Kinderpublikum. Alle machen sich lächerlich, besonders die drei so weisen Ratgeber, die an dem gleichen Fehler leiden wie die anderen, sie sehen nur sich. Was in ihren Köpfen steckt, taugt also nicht für andere.

Rettung bringen die kindlichen Hauptfiguren, Jolanthe und Raimund. Die zündende Idee hat Jolanthe, sie sieht weiter, denkt an die andere Partei, die am Regen beteiligt ist, die Wolken nämlich. Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis? Raimund steuert das Material bei, Jolanthes Plan umzusetzen, und so steigt schließlich ein besonderer Ballon in den Himmel.

Regen macht glücklich

Der kleine Kosmos Trokan ist eine Art verkehrte Welt. Was die Geschichte mit vielen einfallsreichen Details erzählt, zeigen die Illustrationen von Maurice Sendak genauso liebevoll und überzeugend. Es beginnt schon auf dem Schmutztitel. Glücklich reckt ein Männchen die Hände hinauf in den strömenden Regen. Auf der nächsten Seite schon sitzt eine Familie selig im Regen auf der Wiese. Das Glück des Titels in Verbindung mit etwas, das eine Leserin eigentlich nur höchst bedingt glücklich stimmt, teilt sich von da an in jedem Bild mit, bis plötzlich die Sonne scheint und die Leute von Trokan die Köpfe hängen lassen wie verdurstende Blumen.

Trokan – für Deutschsprachige enthält Sendaks Ortsname ein erkennbares klangliches Wortspiel – kann überall sein. Maurice Sendak allerdings gibt seinen Figuren einen leichten osteuropäischen Anklang. Schirmmützen sieht man, Kopftücher, Faltenrock und Pelzmäntel. Die Gesellschaft ist ländlich geprägt, insgesamt aber gibt es wenig Einzelheiten. Maurice Sendak konzentriert sich auf die Figuren, wie es sein Bruder beim Erzählen tut. Er bildet ab, das wechselnde Mienenspiel und die Gesten geben wieder, was die Worte sagen. Sie stützen die Stimmung, vor allem die Komik, etwa, wenn der Philosoph charakterisiert wird oder die Leute mit Papiertüten über dem Kopf herumspazieren. Jedes der sieben Kapitel enthält mindestens eine ganze bebilderte Seite, dazu kommen Bildstreifen am Kapitelanfang und immer wieder kleine Vignetten oder herumwandernde Einzelfigürchen. Zu sehen gibt es viel. Dass das alles schwarz-weiß ist, tut dem Spaß keinen Abbruch, Maurice Sendak arbeitet auf das Beste mit den Schattierungen. Den Glücksreigen, der in Trokan am Ende getanzt wird, könnten Farben nicht strahlender machen.

Ein eigenwilliges Buch, drollig, aber mit einiger Überlegung präsentiert, dem man sein Alter – es erschien erstmals 1956 – nicht im Mindesten anmerkt. Im Gegenteil. Und am Ende hat man regelrecht Lust auf einen Regentag!

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jack Sendak; Maurice Sendak: Viel Glück und viel Regen
(Happy Rain, 1956). Übersetzt von Ebi Naumann)
Hamburg: Aladin Verlag 2015
48 Seiten. 16,90 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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