Tanjung Puting

in Lite Ratur

Lite Ratur | Wolf Senff: Tierwelt/Tim

Er war in Tanjung Puting, erzählt Susanne, sie habe ihn ermutigt, dort hinzufahren. Nein, sie selbst sei nie dort gewesen, sie habe eine Menge darüber gelesen, sagt sie, und weil es per Flieger ein Katzensprung sei, wäre es unbedacht gewesen, Tanjung Puting auszulassen, eine solche Gelegenheit ergebe sich kein zweitesmal, ein verlängerter Wochenendtrip, er buchte den Anschlussflug von Jakarta nach Pangkalan Bun auf Borneo.

Foto: Bjornman
Foto: Bjornman
Außer während der Trockenzeit im Sommer ist das Areal feucht und sumpfig, aber der Orang-Utan lebt in den Wipfeln, seit den siebziger Jahren beschäftigten sich drei Frauen intensiv mit dem Leben der großen Primaten: Jane Goodall in Gombe, Tansania, mit Schimpansen, Dian Fossey mit Berggorillas vor den Virunga Vulkanen in Ruanda, Biruté Galdikas mit Orang-Utans auf Borneo, ihr Camp Leakey liegt im erwähnten Naturschutzgebiet Tanjung Puting.

Eine Vorkämpferin in den fünfziger Jahren war Barbara Harrison im nordöstlichen Borneo gewesen, und wenn man berücksichtigt, dass ein Bundestagspräsident das Geleitwort zu ihrem Bericht verfasste, darf man zurecht fragen, wozu überhaupt Politik taugt, wenn der Schutz des Lebens dann doch jahrzehntelang vernachlässigt wird.

Sie musste ihm das lang und breit erklären, er genoss diese Zuwendung, hatte sie zu sich in seine weitläufige Wohnung eingeladen, hoch über den Dächern Beijings, Tasse Kaffee mit einem Schuss Whiskey, und irgendwann hatte er angebissen und interessierte sich ernsthaft. Weshalb, fragte er, erfahre man von diesen Themen nichts in den Medien, im Fernsehen senden sie eine Dokumentation und das war’s.

Er war dann tatsächlich geflogen, wenige Tage. Die Anreise, berichtete er, sei umständlich gewesen, lästig, sagte er, sie hätten eine lange Strecke per Boot zurückgelegt, und zehn Meilen aufwärts auf dem Sekonyer Fluss hätten sie endlich tropischen Regenwald erreicht, kein abwechslungsreicher Anblick, zumal es geregnet habe, die umständliche Reiserei sei eine Plage.

Nein, enttäuscht sei er nicht, er bekam Orang-Utans zu Gesicht, weibliche Tiere, eines oder zwei mit Nachwuchs. Ein Orang-Utan, wurde ihm erklärt, gebäre im Alter zwischen dreizehn bis fünfzehn Jahren, und ein zweites Baby dann wieder nach sechs bis acht Jahren, die Mutter trage das Kind fünf bis sieben Jahre mit sich.

Der männliche Orang-Utan sei ein Einzelgänger, groß, kräftig, doppelt so schwer wie das weibliche Tier. Es gab viel Information, berichtete Tim, Biruté Galdikas habe die Tiere jahrelang in ihrem Lebensraum studiert und ihren Worten zufolge handelt sich es um eine von der des Menschen gänzlich verschiedene Welt.

Man hätte mitschreiben müssen, sagte er, oder aufnehmen, doch letztlich bringe einen auch das diesen Welten nicht näher, er hatte Fotos mitgebracht, doch Bilder, sagte er, seien flüchtig, er habe sich abgewöhnt, Bilder geordnet zu speichern, du hältst das Leben nicht in Bildern fest. Der Orang-Utan nutze gelegentlich Stäbe als einfaches Werkzeug, er lebe bruchlos in seiner Welt, erst dem gefangenen Tier würden unter Zwang technische Fähigkeiten entlockt, man bringe ihm einfaches Zählen bei und werte das, Tim konnte sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen, als ein Zeichen menschenähnlicher Intelligenz.

Susanne war erleichtert, der kurze Ausflug hatte Tim offensichtlich gefallen, und sie freute sich, dass er aus seinem alltäglichen Stress ausgebrochen war. Was seien drei Tage, sagte er, er habe ungeordnete Eindrücke gesammelt, einen oberflächlichen Eindruck aus einer fernen Welt, deren Existenz durch die industrialisierte Landwirtschaft gefährdet sei.

Es sei ein Jammer, sagte er, der Orang-Utan lebe nur noch in wenigen Regionen auf Sumatra und auf Borneo. Am intensivsten sei die Erfahrung, dass das Tier sich nicht auf Anhieb erschließe. Es sieht unscheinbar aus, verstehst du, sagte er, wir müssen lernen hinzuschauen, zu erkennen, und so etwas klappt nicht von heute auf morgen. Nein, der Orang-Utan trägt kein Schild »Achtung« um den Hals, er singt kein Lied, sein Auftreten wird nicht mit Läuten oder Klingeln angekündigt und flott frisiert ist er auch nicht. Tim lachte.

Für mich ist selbstverständlich, sagte er, dass ich ein Ziel habe, das arbeite ich mir aus, setze es um, und das war’s dann. Oft eben auch mit Kaufen verbunden, und wenn ich dafür zahle, weiß ich, was ich bekomme. Was nicht gefällt, kann ich zurückgeben oder umtauschen, so funktioniert meine Welt.

Ins Schwarze getroffen. So war Tim. Susanne schmunzelte.

Das Tier, sagte er und musste selbst lachen, hat seinen eigenen Willen und der tropische Regenwald ist sein Lebensraum, da bist du als Mensch ein Eindringling, bestenfalls ein Gast. Camp Leakey ist eine Brücke in die Welt des Orang-Utan, sie wildern dort Tiere aus, die in menschlicher Gefangenschaft gehalten waren, oder ziehen verwaiste Jungtiere auf.

Foto: H. Grobe
Foto: H. Grobe
Nein, sagte er, im Grunde konnte ich mit den Orang-Utans nichts anfangen. Wie denn auch, wenn man sich als Tourist dort aufhält. Es sind Details, die sich festsetzen, zum Beispiel die völlig ungewöhnliche Art, wie sich ein Orang-Utan fortbewegt, in den Bäumen sowieso, seine Arme fast doppelt so lang wie die Beine, und die Füße sind so gelenkig, dass man eher von vier Händen reden sollte. Alles wirkt zwar anfangs höchst menschlich, irritiert aber dennoch, weil es so anders ist, je länger du hinsiehst, da bist du völlig perplex.

Du verstehst nicht, was du da siehst, plötzlich ist dir alles fremd. Da hängt so ein Tier, locker eine Hand um einen Ast geklammert, sieben oder zehn Meter über dir und sieht in aller Ruhe auf dich herunter. Und du kannst von Glück reden, überhaupt solch einen Anblick geboten zu bekommen, denn im Geäst und in den Wipfeln muss einer aufmerksam hinsehen, um das Tier zu entdecken.

Susanne staunte. Tim war sonst nicht besonders redselig. Sie saßen in seinem Wohnzimmer, er war seit Montag von Borneo zurück.

Klar sind wir auf den befestigten Wegen in den Urwald gegangen. Aber Camp Leakey selbst bietet bessere Gelegenheiten, einzelne Orang-Utans zu sehen, ein ausgewildertes Tier kehrt ab und zu zurück, und sei es einen halben Tag der Nahrung wegen. Jedenfalls die weiblichen Tiere, die sich in einem relativ umgrenzten Territorium aufhalten. Die älteren männlichen Tiere sind unbeständig und streifen weite Strecken durch das Land. Danke, Susanne, war ein guter Tipp. Er lehnte sich zurück und trank einen Schluck Kaffee.

| WOLF SENFF

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