Liebe bis über alle Grenzen hinweg?

in Bühne

Bühne | ›Love hurts/!לא לשכוח – לאהוב‹ – ein deutsch-israelisches Dokumentarstück (Badisches Staatstheater Karlsruhe)

Dass Liebe und Beziehungen zwischen Mann und Frau keine leichte Angelegenheit sind, davon erzählen Klassiker der Weltliteratur und das Leben selbst. Daraus schöpfen Filmemacher ihre Stoffe – und nicht nur diese: Auch im Badischen Staatstheater ging es um die Liebe, um die Art, die schmerzt, wie es schon der Titel ›Love hurts‹ verrät. Doch das beeindruckende und überraschende Resumée des deutsch-israelischen Dokumentarstücks von Avishai Milstein (Koproduktion mit dem Teatron Beit Lessin, Tel Aviv) ist ein anderes: Die deutsche Schuld gibt es nicht. Von JENNIFER WARZECHA

2015_love_hurts_gp_453_webWas haben nun Schuld und Liebe dieses Mal gemeinsam? Ist es gar die Schuld, die schmerzt? Wie Literatur und Darbietungen auf Theaterbühnen und Filmen stets verraten haben, geht das in der Tat, zum Beispiel im Liebesmord-Motiv. Egal, ob der Held des Stückes oder Films aus dem Grund, seine Frau besitzergreifend an sich binden zu wollen, sie gerade deswegen tötet, um sie keinem anderen Mann zu überlassen oder gleich beide umbringt wie im Shakespeare-Klassiker ›Romeo und Julia‹ – klar ist: Schuld und Liebe liegen klar nebeneinander. Genauso wie Liebe, Kultur, Religion, Nähe und Distanz dicht beieinander sind. Und so ist das Thema des Stückes nicht die viel gerühmte und viel gescholtene Liebe allein, deren Grundlage 35 Interviews mit deutsch-israelischen Paaren waren, die Regisseur Avishai Milstein zur Konzeption des Stückes vorher aufgezeichnet hatte. Wie er im Programmheft betont, habe ihn die symbiotische Beziehung zwischen Deutschen und Juden, die gerade nicht nur aus der Nazi-Vergangenheit und Auschwitz herrührt, fasziniert, wenn sie auch jede der im Stück geschilderten Paarbeziehungen überzeichnet. So faszinierten den Regisseur, wie dort im Programmheft geschildert, »die archetypische Figur der ›schönen Jüdin‹« (die in der deutschen Literatur ab dem frühen Barock auftritt) und des »hässlichen Juden«, die beide in Kunstwerken sowohl mit antisemitischer, als auch solchen mit pseudoliberaler Haltung auftreten.

Fremdsein – das beginnt nicht erst in der Beziehung zwischen unterschiedlichen Geschlechtern, die sich im Laufe der Zeit und ihrer Begegnung, ihres Kennenlernens, gegenseitig annähern. Der Andere, der Fremde und seine andere und damit erst einmal fremde Kultur sind nicht nur aktuell ein brennendes und aufwühlendes Thema, das die Gesellschaft bewegt. Schon vor der Shoa waren die Juden immer »die anderen«, die Vergangenheit ist voll von Ereignissen, in denen der Antisemitismus Liebe und Leben zerstört. Wie der Regisseur anmerkt, sei gerade die Anzahl der Liebesgeschichten zwischen deutsch-jüdischen Paaren erstaunlich hoch und die Dynamik zwischen verbindendem und zerstörendem Gefühl, zwischen Liebe und Hass, sehr stark gewesen.

Charmantes Rollenspiel im Zeichen von Liebe, Kultur und Abhängigkeiten

2015_love_hurts_gp_134_webEben diese steht im Zentrum der kulturellen und teilweise ehelichen Auseinandersetzung der einzelnen Paare und so treten sie auch auf die recht schlicht gehaltene Bühne (Bühne und Kostüme: Adam Keller), zuerst einzeln und mit bestürztem Blick. Der eine kann kein Deutsch sprechen, dafür aber Hebräisch und Englisch. Wieder ein anderer unterhält sich vorwiegend auf Hebräisch und Deutsch. Der Vierte spricht alle der genannten Sprachen. Passend dazu werden jeweils die deutsche bzw. die hebräische Übersetzung der Sprechtexte auf der Leinwand eingeblendet, denn wie schon bei dem ähnlich strukturierten Stück ›Die Uhr tickt‹ stehen an diesem Abend nicht nur die Schauspieler des Badischen Staatstheaters (überzeugend: Veronika Bachfischer, ausdrucksstark und besonders überzeugend: Florentine Krafft, überzeugend: Sebastian Reiss), sondern auch die des in Koproduktion stehenden Teatron Beit Lessin auf der Bühne (amüsant, kokett und ausdrucksstark: Vitali Friedland, besonders überzeugend und ausdrucksstark sowie temperamentvoll: Hadas Kalderon sowie kühl, aber überzeugend: Rafi Tavor). So sind die Schauspieler/innen in doppelt besetzten Paar-Konstellationen zu sehen: Florentine Krafft und Sebastian Reiss zum Beispiel kommen einerseits als Ilana aus Naharija und Ronald aus Gaggenau (hier wird gleichzeitig ein lokaler Bezug hergestellt), die beide trotz aller Gefahren und Terroranschlägen gerne weiterhin in Israel leben, sowie Peter aus Potsdam und Sivan aus Jerusalem daher. Sie lernen sich in Indien auf einer Trekkingtour kennen. Beide kennen die Identität des anderen vorerst nicht. Sie beginnen eine Affäre, die Sivan beendet, als sie erfährt, dass Peter Deutscher ist. Als eine, die sich mit dem Schicksal der europäischen Juden in der Shoah identifiziert, lehnt sie jeglichen Kontakt mit Deutschen ab und bleibt gespalten, selbst als ihr Peter einen Heiratsantrag macht. Sehr eindrücklich ist der kiloschwere Wanderrucksack, der im Zentrum des hin und her eilenden Paares steht. Er symbolisiert die zentnerschwere Last, die auf der Beziehung des Paares liegt – denn Sivan verharrt das ganze Stück über in ihrer unentschiedenen Haltung.

Mit Charme und Ironie bis zum Schluss: Hadas Kalderon

2015_love_hurts_gp_160_webEindrücklich bis zum Schluss bleibt Hadas Kalderon. Wohl als Zeichen der deutsch-israelischen Freundschaft spielt sie die 77 Jahre alte Lea aus Stuttgart, die als Studentin nach Israel ausreist und vom Sohn ihres Idols, des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, schwanger wird. Sie kehrt nach Deutschland zurück. Die Beziehung scheitert. Lea bleibt zurück, denn sie will »das Land der Mörder« für immer hinter sich lassen. Aufgeregt entdeckt sie dann, dass ihre Enkelin sich in einen Deutschen verliebt hat, weswegen diese ins Land der Verbrechen, aber mit der Metropolstadt Berlin auch dem der Versprechen an die Juden, einreist …
Anschaulich zeigt das Stück Differenzen und Annäherungen in der deutsch-israelischen Beziehung. Florentine Krafft erzählt im Nachgespräch, dass sie sich in Israel erst als Schweizerin ausgegeben habe, um nicht sofort den gängigen Vorurteilen und Verurteilungen zu begegnen.

Möglicherweise, dass eine deutsch-israelische Freundschaft tatsächlich möglich ist.

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: FELIX GRÜNSCHLOSS

Titelangaben
›Love hurts/!לא לשכוח – לאהוב‹
REGIE Avishai Milstein
DRAMATURGIE Jens Peters, Jan Linders
AUSSTATTUNG Adam Keller
MUSIK Divano Swing, Jerusalem

TERMINE
Sonntag, 15.11., 19:00-20:15 – STUDIO
Montag, 16.11., 20:00-21:15 – STUDIO