Indiana Jones und der IS

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Kulturbuch | Günther Wessel: Das schmutzige Geschäft mit der Antike. Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern

Vor gut einem Jahr schreckte eine Meldung aus dem Nahen Osten die Öffentlichkeit auf: Der IS finanziert seinen Terror durch den Verkauf von geraubten antiken Kunstwerken ins Ausland. Günther Wessels zeigt in seinem Buch ›Das schmutzige Geschäft mit der Antike‹, dass das Problem sehr viel komplexer ist, als eine solche vereinzelte Nachricht glauben lässt. Von PETER BLASTENBREI

KulturgutWessels Reise durchs Schattenreich des illegalen (und halblegalen) Antikenhandels – denn um antike Kunst geht es hier – wird angesichts der Dimensionen dieses schmutzigen Geschäfts, seiner Umsätze und Gewinne, seiner langen Wurzeln und seiner internationalen Verflechtungen schnell zum Albtraum. Händler, Schmuggler, Raubgräber Museumsleute, Sammler, engagierte oder korrupte Gesetzeshüter aus vielen Ländern kommen hier vor. Der IS könnte, selbst wenn seine Terrorfinanzierung durch Kunstraub beweisbar wäre, dabei nur einer unter sehr vielen Mitspielern sein.

Sicher, Kunstraub ist kein neues Thema. Einige der bekanntesten frühen Archäologen, darunter Heinrich Schliemann und der Nofretete-Entdecker Ludwig Borchardt, haben sich daran beteiligt. Doch während Archäologen heute an den historischen und alltagsgeschichtlichen Aussagen des Grabungszusammenhangs interessiert sind, nicht mehr am spektakulären Einzelstück, sind reiche Sammler Schatzgräber geblieben, die mit ihrer Besitzgier einen fatalen Nachfragesog in den Herkunftsländern erzeugen.

Ausgraben mit dem Bagger

Seit den 90er Jahren kamen dazu noch andere Motive: antike Kunst als sichere Geldanlage statt unsicherer werdender anderer Anlageformen, Kunst als Spekulationsobjekt und Kunstkauf als Methode zur Geldwäsche. Ein schneller Preisanstieg ungeahnter Dimension setzte ein. Legal ausgeführte Antiken reichten aber schon vorher nicht mehr aus, um die Sammelwut zu befriedigen, also dehnte sich der illegale Markt aus. Heute schätzt Interpol den weltweiten Jahresumsatz von Raubkunst auf 6-8 Milliarden Dollar – der dritte Platz im illegalen Handel nach Waffen und Drogen.

Die Folgen in den Herkunftsländern sind entsprechend katastrophal und drohen die Reste ganzer antiker Zivilisationen zu vernichten. In Ägypten wühlen heute schwer bewaffnete Banden mit Baggern nach Schätzen, wo früher Ägyptologen feine Pinsel benutzten. Seit hier, im Irak und in Syrien die staatlichen Strukturen zusammengebrochen sind, ist das Geschäft für Raubgräber und Schmuggler immer leichter geworden und passt sich elastisch den Wünschen der Kunden an. Wie viele Stücke aus der Plünderung des Nationalmuseums in Bagdad zieren heute westliche Sammlungen? Wie viele aus der Plünderung des Ägyptischen Museums 2011, die, wie man heute weiß, mithilfe vorbereiteter Listen erfolgten?

Womit wir bei den Zentralfiguren des internationalen Kunstraubs wären, den Sammlern. Und an die ist ebenso wenig heranzukommen wie an erfolgreiche Schmuggler oder die Raubgräber im Orient. Die Dunkelfeldforschung, wie man das beim Bundeskriminalamt nennt, hat da offenbar noch kaum Resultate gebracht. Dafür stellt Wessel eine absolute Rarität vor, den »guten Sammler«. Für Karl-Heinz Preuß und seine Ehefrau ist ihre Sammlung nicht Eigentum, sondern ihnen zeitweilig anvertrauter öffentlicher Besitz. Als sich ein ägyptisches Relief in der Preuß-Sammlung als gestohlen erwies, zögerten sie nicht, es der ägyptischen Botschaft zu übergeben. So geht es eben auch.

Sammler im Zwielicht

Auch die Kunsthändler entziehen sich der Öffentlichkeit fast ebenso wie Kriminelle. Sind sie doch einmal zu einem Interview bereit, ist von ihnen wenig mehr als die branchenübliche Ausrede zu hören: Schwarze Schafe gibt es leider überall, und man darf deshalb nicht das ganze Gewerbe verteufeln. Tatsächlich hätten sie sehr viel zu erklären, vor allem wieso sich immer wieder in ihren Verkaufskatalogen und bei ihren Auktionen so zahlreiche Stücke ohne klar nachprüfbare Herkunft finden, die damit alle verdächtig sind, aus Raubgrabungen zu stammen. Werden sie tatsächlich einmal erwischt, geben sie stillschweigend die Beute zurück und werden oft nicht belangt.

Und schließlich kann man eine Überraschung erleben. Selbst Museen, private wie öffentliche, waren und sind Abnehmer illegaler Antiken. Vor allem US-amerikanische Museen mit ihren großen Ankaufetats sind hier anfällig, allen voran das Getty-Museum in Malibu, das immer wieder unangenehm aufgefallen ist. In den USA hat sich dabei eine regelrechte Dynamik entwickelt. Direktoren, aber auch vermögende Sponsoren erwarten von den Kuratoren die Anschaffung und Präsentation glänzender Einzelstücke. Das erhöht das Prestige des Museums, aber nicht weniger das Ansehen des Kurators innerhalb der Zunft. Vorsicht beim Ankauf ist dann oft Nebensache.

Und was kann man nun gegen den illegalen Antikenhandel tun? Jämmerlich wenig, wie es scheint. Selbst das – 37 Jahre nach der einschlägigen UN-Konvention! – stolz präsentierte neue deutsche Kulturgutschutzgesetz erfasst nur bereits als gestohlen gemeldete Antiken, nicht aber Stücke aus neuen Raubgrabungen. Dazu noch die extrem zögernde Kooperation deutscher Behörden mit den Behörden in den Herkunftsländern, Straffreiheit oder Minigeldbußen für Kunsthändler, mangelnde Ausstattung und fehlende Kompetenz bei Polizei und Zoll – man könnte glatt auf dumme Gedanken kommen.
Bleiben umfassende Information, Hoffnung auf einen Bewusstseinswandel und hilflose Appelle an Sammler und Händler – eine wahrhaft entmutigende Perspektive.

Wessels Buch ist informativ, umfassend, kenntnisreich und (trotz kleinerer Wiederholungen) spannend zu lesen. Seine vielen Gesprächspartner hat er klug ausgewählt und er hört ihnen genau zu – sonst nicht unbedingt eine journalistische Tugend. Er versteht das Anliegen der Herkunftsländer wie das der Archäologen, die in der Öffentlichkeit auch heute noch oft für eine Art Schatzgräber im öffentlichen Dienst gehalten werden, und kann beide plausibel machen. Ein rundum gelungenes Buch also, das archäologisch und historisch Interessierte dennoch traurig stimmen muss.

| PETER BLASTENBREI

Titelangaben
Günther Wessel: Das schmutzige Geschäft mit der Antike. Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern
Berlin: Chr. Links Verlag 2015
184 Seiten, 18 Euro
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