Über Frösche und Menschen

in Film

Film | Im Kino: Home Care

Zwar wird ›Home Care‹ im Programmheft des diesjährigen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg als Komödie angekündigt, doch eigentlich handelt es sich um eine Tragödie. Zum einen ist da die Krankenversorgung, die innerhalb des vereinigten Europas EU eine immer reduziertere, sogenannt kostengünstigere Rolle spielt. Grenzüberschreitend heißt es auch in diesem Bereich, es müsse »gespart« werden. Übertragen heißt das, die mittlerweile überall regieführenden privaten, konzernartig agierenden Betreiber des Gesundsheitswesens reduzieren Personal, Mittel und Zeit, die für Menschen nicht mehr vorhanden ist; denn die kostet bekanntlich Geld. Und zum anderen befindet sich dann doch ausreichend Kapital in den Steuerkassen, um etwa, wie hier im Fall des ländlichen Tschechiens, Fröschen Straßenunterführungen zu bauen, auf daß wenigstens die unversehrt zur anderen Seite dieser nicht nur für sie immer fremderen Welt zu gelangen. Gedanken zum Film von DIDIER CALME

HomeCarePosterFrösche spielen überhaupt wesentliche Rollen im Spielfilmerstling Home Care von Slávek Horák. Der Titel kommt in der Übersetzung in die englische Weltverkehrs- oder auch Kinosprache vielleicht etwas ungelenk, gar mißverständlich daher. Domácí péče heißt schlicht häusliche Pflege. Gepflegt werden allerdings nicht in erster Linie Frösche, sondern (meist ältere) Menschen, die nun mal verständlicherweise lieber zu Hause versorgt werden und nicht in einem dieser wenig menschennahen sterilen, zweifelsohne noch vorhandenen Krankenhäuser.

Die Krankenschwester Vlasta (Alena Mihulová) ist Hauspflegerin und, wie in den meisten Fällen, mit dem Linienbus unterwegs zu ihren Patienten; die sind allerdings keineswegs, wie das Programmheft verheißt, »merkwürdig«, sondern das, was der Filmbeobachter als normal bezeichnen würde, nur eben krank und, was naheliegt, wenn der Mensch die meiste Zeit alleine ist, ein bißchen oder vielleicht vereinzelt auch arg schrullig. In einer Szene kommt der Bus an einer offenbar spontan errichteten Baustelle nicht weiter, ein riesiges Loch in der ehemals asphaltierten Straße verhindert die Weiterfahrt. Der Fahrer und anschließend auch Vlasta steigen aus und führen mit den Bauarbeitern eine kurze, heftige Debatte über diese nirgendwo angekündigte Straßensperre, die zur Rettung der Frösche angelegt ist, für die man einen Tunnel gräbt. Nun ja, schreit einer der Tunnelgräber den beiden zu: Zwei Millionen aus dem Strumpf der europäischen Sparpolitik wollen rasch vergraben werden, das schaffe schließlich Arbeitsplätze.

Ein Frosch, der offensichtlich die unterirdische Möglichkeit der Flucht in eine bessere, gefahrlosere Welt noch nicht entdeckt hatte, verursacht denn auch einen Unfall. Hauspflegerin Vlasta ist nächtens zu Fuß in strömendem Regen auf dem Weg nach Hause, die beiden Taschen schleppend, in denen sie ihre Hilfsmittel sowie all die benötigten Medikamente gegen alle erdenklichen Krankheiten aufbewahrt, unter denen älter gewordene Menschen nun mal häufig leiden und die unter anderem Schmerzen lindern sollen. Ein Motorrad naht von hinten, der Fahrer hält an, man kennt sich eben auf dem Land, nicht nur in der Umgebung des tschechischen Brünn, und fordert die recht belastete und völlig durchnässte Krankenschwester auf, auf dem Sozius platzzunehmen. Es scheint ihr, die ansonsten eben auf vier Rädern unterwegs ist, manchmal auch von Ehemann oder künftigem Schwiegersohn chauffiert, unangenehm, fast peinlich, es mögen auch Ängste sein. Der Zweiradpilot überzeugt sie schließlich, indem er gar seinen Helm anbietet und verspricht, langsam zu fahren. Zu sehen ist die Fahrt durch die regennasse Nacht, das Kameraobjektiv fokussiert auf einen Frosch, möglicherweise jenen, der den Untergrund nicht gefunden hatte. Der Notfallarzt des Krankenhauses diagnostiziert Vlasta gegenüber erhebliche Verletzungen, Knochenbrüche und weiteres, die jedoch nicht sie erlitten hat, sondern ihr Retter aus dunkler, regnerischer Nacht, der nun selbst im Hospital liegt. Sie aber leide unter einer fortgeschrittenen Pankreatitis; eine chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse, auch als Krebs zu bezeichnen; der Arzt gibt ihr noch einige Monate. Verursacht wird diese äußerst schmerzhafte Krankheit unter anderem durch ständigen, über Jahre hin praktizierten Alkholgenuss.

Slivovica ist die Leib-, Magen- oder auch Hausmedizin des Ehepaares: frühmorgens zum Frühstück, er wohl auch zwischendrin während seiner handwerklichen Tätigkeit, derweil sie sich auf Pflegereise befindet, und dann wieder beide am Abend, wenn sie zurückgekehrt ist. Überhaupt scheint durch den gesamten Filmerstling des Regisseurs Slávek Horák immer eine Flasche des Selbstgebrannten zu kreisen, es findet sich immer ein Anlass, ob Besuch begrüßt oder verabschiedet wird, oder eben auf der den Film abschließenden Hochzeit der Tochter mit einem jungen Mann, der vom Äußeren her sowie mit seinem schnieken weißen Volvo-SUV (die einzige Sponsorenangabe im Abspann) die neue tschechische Generation symbolisiert. Bei dieser hochzeitlichen Gelegenheit ereignet sich schließlich eine weitere Tragödie: Der von allen, von sehr vielen Gästen der dörflichen Feierlichkeit überaus geschätzte Slivowitz, Slibowitz, Slivovic, Slivovitz, tschechisch eben Slivovice, dieser im gesamten Osten, präziser, Südosten Europas, gern und ausgiebig getrunkene, tatsächlich köstliche Pflaumenbrand, so er denn selbstgebrannt ist, droht auszugehen. Doch der Brandmeister erinnert sich, eine Flasche besonderen Inhalts im Garten vergraben zu haben. Als er sie mit einer Spitzhacke aus seinem unterirdischen Giftschrank zu befreien trachtet, schlägt er ihr den Kopf ab. Der Archäologe des Hochgeistigen und seine dem Spirituellen zugeneigte Helferin Vlasta eilen zu einer Bar im Dorf, kaufen rasch einige Flaschen, füllen die verflüssigten Pflaumen in eigene Glasbehältnisse um, schmieren noch etwas Erde um sie herum und kredenzen sie den Gästen. Lediglich ein Festtrinker scheint noch nicht ausreichend vom altbewährten Geist getrunken zu haben, denn er verzieht sichtbar das Gesicht, als er das Fabrikdestillat in sich kippt.

Diese komische Tragödie hat allerdings noch weitere Heilmittel aufzubieten. Die schwerkranke, immer wieder von starken Schmerzen und Erbrechungsanfällen geplagte Vlasta sucht, angeregt von einer jungen Frau (Tatiana Vilhelmová), der Tochter eines ihrer vielen Pflegefälle, ihr Heil mit anderen Mitteln. Zunächst versucht sie es bei ihr, die auch durch Handauflegen Wohlbehagen hervorruft und Schmerzen lindert, mit zeitgenössisch rhythmischem Tanz, der ihr den Weg zu ihrem Selbst weisen soll, anschließend bei einer Heilerin (Zuzana Kronerová), deren Hypnose allerdings nur bedingt wirkt. Der Schlaf, in den die Seelenheilerin sie versetzt, in den Vlasta, vermutlich wegen mangelndem Glauben an die gute Sache, erst beim zweiten Versuch fällt, beschert ihr einen Traum, in dem die Liebe die Hauptrolle spielt – die von der mit ihrem etwas knorrigen, mit sich seit Jahrzehnten allein am besten zurechtkommenden Ehemann (Boleslav Polívka).

Der hatte das gemeinsame eherne Ehebett, aus dem sie wegen seines anhaltenden, ihr die dringend benötigte Nachtruhe raubenden Schnarchens seit einiger Zeit geflohen war, geteilt, es zu einem allein für sich umgestaltet. Den letzten Kuss von ihm, teilt sie der jungen, auch tanztherapeutisch tätigen Handauflegerin, die körperliche Nähe für das Heilmittel schlechthin hält, lapidar mit, habe sie zu ihrer beider Hochzeit erhalten. Und tatsächlich bemerkt der sie seit langem nicht mehr begattende Gatte auch nicht annähernd etwas von ihrem Zustand, er nimmt ihre schwere Erkrankung nicht im geringsten wahr. Die zu verbergen gelingt ihr allerdings, nicht nur ihm gegenüber, auch grundsätzlich, und das, obwohl sie alle pharmazeutischen Präparate verweigert, selbst die eigentlich dringend benötigten starken Schmerzmittel. In der Hoffnung auf eine nichtschulmedizinische Wiederherstellung ihres gesunden Körpers zündet sie gar, auf Anweisung der Schamanin, nächtens einen völlig verdorrten, einen toten Baum an, den sie zuvor fachfraulich mit Verbandsgaze umwickelt, quasi vorab versorgt hat. Diese heidnisch-göttliche Handlung, teilt ihr die durchgeistigte Heilerin daraufhin mit, werde sie auf ihr nächstes Leben vorbereiten. Doch Vlasta will, das schreit sie hinaus, gerichtet vor allem an die Heilsbringerin, die in einer Zeit lebt, in der die Esoterik noch für Geheimwissen stand, die jedoch längst verkommen ist zu belanglosem, gleichwohl hochgewinnmaximierendem Hokuspokus, Vlasta will im jetzigen Leben leben.

Der Film endet, wie bereits erwähnt, mit Leben. Neues kündigt sich im Leib der völlig in der modernen Gegenwart lebenden Tochter an. Zwischendrin hatte die, wie das alte Bett aus Eisen, eingerostete Ehe von Mutter und Vater auch wieder zur Liebe gefunden, und das auch noch in der Freiheit der Natur, in eines Grabes unmittelbarer Nähe, in einer köstlichen Szene, die Liebemachen, bisweilen auch Sexualakt genannt, lediglich durch in Bewegung geratene zwei paar Schuhe andeutet.

Einem Grab ist Vlasta tatsächlich einmal entkommen. Während der Beerdigung eines ihrer Pflegefälle, dem Vater jener jungen Frau, die sie zu all diesen toten oder zumindest vergessenen Wiederbelebungsritualen geführt hatte, fällt ihr das vom sie auf seine Art liebenden Ehemann zum Geburtstag geschenkte Mobiltelephon hinein in das tiefe Loch. Es sollte ihr technische Erleichterung verschaffen, vielleicht aber beabsichtigte er hintersinnig, sie auf diese Weise nicht mehr nächtens durch die ländlich-dörfliche, ohne Zweifel gefährliche Dunkelheit chauffieren zu müssen, etwa zu dem notrufenden bettlägerigen Schwerkranken, der sich im nachhinein als recht beweglicher Geher erweist, der sich mit der Begründung verteidigte, er läge eigentlich nur deshalb ständig, da er sich zu sehr vor dem Umfallen fürchte. Vlasta entkam der für die Leiche gedachten Bodenaushebung schließlich wieder, in dessen knapp zwei Meter Tiefe sie unter freizeitbergsteigerischen Höchstleistungen hinabgestiegen, das letzte Stück gar gefallen war, um dort schließlich mit einem anderen Versorgungsfall kurz die aktuelle Pflegelage fernmündlich zu kommunizieren, und dann auf nichts zu warten als auf die Erlösung aus diesem unterirdischen Übel. Hilfe erlangte sie einmal mehr durch einen jungen, lebensfroh strahlenden Menschen, der sie vor Ankunft des Leichenzuges entdeckt und des Totengräbers Leiter hinuntergereicht hatte, sodass sie auf diese Weise dem Hades entrinnen konnte.

Home Care läßt offen, wie die Krankheit von Vlasta verläuft, sie wird nicht weiter thematisiert. Das mag der Bezeichnung Komödie geschuldet sein, doch tatsächlich nickt der Filmbeobachter zustimmend, da er die wohl ernst gemeinte Botschaft verstanden zu haben meint: Die sogenannt aufklärerische Moderne ist noch nicht unbedingt überall angekommen außerhalb der Metropolen, hier im abgelegenen Dunstkreis der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn, der in Home Care durchaus die nicht allzu weite Ferne zum Balkan andeutet. Doch es bleibt die Frage, ob es sich in der Nähe irgendeines anderen Ballungszentrums der großen Vereinigung Europa wirklich so anders, tatsächlich soviel aufgeklärter verhält. Daran dürften Zweifel angemeldet werden, solange unter Aufklärung in der Regel nichts anderes verstanden wird als das Verstehen von technischen, maschinellen Abläufen zur Verbesserung, zur Beschleunigung von arbeitstechnischen Vorgängen zugunsten nicht nur weltweit agierender Konzerne, und dabei vor allem die Nähe der Menschen zueinander, nicht zu vergessen die körperliche, zusehends in die Vergessenheit ge- oder genauer: verdrängt wird. Das einander wärmende Miteinander, das scheint noch immer das beste Heilmittel gleichermaßen für Körper und Geist zu sein. Und gäbe es bei all dem Ernst des Alltags noch soviel zu schmunzeln oder gar zu lachen. Wie in diesem gelungenen Spielfilmerstling des 1975 geborenen Slávek Horák.

| DIDER CALME

Titelangaben
Home Care/Domácí péče
Buch: Slávek Horák
Kamera: Jan Šťastný
Sound: Vladimír Barák
Musik: Peter Surový, Juraj Baláž
Darsteller: Alena Mihulová, Boleslav Polívka, Tatiana Vilhelmová, Zuzana Kronerová, Sara Venclovská
Produzent: Slávek Horák
92 Minuten