Von Freiheit und Vulgäranarchismus

in Bühne

Friedrich Schiller: Die Räuber; Staatstheater Darmstadt

Schon Marcel Reich-Ranicki wusste, dass Friedrich Schiller bereits in seiner Jugend einen schöneren Sprachstil besaß, als Johann Wolfgang von Goethe in seinem ganzen Leben. Das zeigt natürlich vor allem Schillers Sturm-und-Drang-Debut ›Die Räuber‹ – ein Theaterstück über Liebe und Hass, über Familie und Individualität, über Usurpation und Freiheit. Dennoch wird Schiller heute weniger auf deutschen Bühnen aufgeführt, als sein Freund Goethe. Der Regisseur und Schauspieler Christoph Bornheim tritt dem entgegen und hat ›Die Räuber‹ in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt in einer grellen und bunten Version inszeniert, die sich primär – aber nicht nur – an Jugendliche ab 16 Jahren richtet. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Premiere angesehen.

sr_025_Jannik_Nowak__c_Jan_MotykaZentrum des Dramas sind zwei unterschiedliche und sich doch ähnliche Brüder, der Topos ist ein biblischer: der Bruderkampf. Der eine davon, Franz Moor ist vor Neid zerfressen, gegen seinen Bruder Karl: der attraktive Lieblingssohn, der mit der wunderschönen idealistischen Amalia verlobt ist, in Leipzig studiert und einst den Vater beerben soll. Durch eine Intrige bringt Franz den Vater Maximilian von Moor dazu, dass dieser von Karls rebellischen Lotterleben in Leipzig erfährt, und lässt ihn den Kontakt zu Karl beenden. Sukzessive erobert sich Franz die Macht, glaubt gar, den Vater getötet zu haben und bedrängt Amalia sexuell. Karl wird derweil als Verstoßener zum Anführer einer Räuberbande in den böhmischen Wäldern, zusammen mit seinem Kommilitonen Spiegelberg und Roller, um sich dem bourgeoisen Leben zu entziehen und frei von allen zivilisierten Banden die wahre Freiheit der Kriminalität zu genießen. Schnell jedoch entpuppt sich Spiegelberg als skrupelloser Mörder und Vergewaltiger. Schließlich erfährt Karl vom Putsch seines Bruders und kehrt brandschatzend zurück, um Franz zu stellen, der jedoch – von religiösen Schuldgefühlen getrieben – Suizid begeht. An den eigenen Verbrechen geht auch Karl zugrunde, der schließlich Maximilian und Amalia umbringt und sich der Justiz stellt.

Laut, verzweifelt und aggressiv

Bornmüllers Version der Räuber ist energiegeladen und extrem komprimiert. Auf gut zwei Stunden hat er das Stück zusammengedampft und mit extrem vielen Gags dekoriert. So lässt er Franz (dargestellt von Nicolas Fethi Türksever) als weinerliche transsexuelle Gestalt auftreten, die in shakespearscher Manier beschließt, als degenerierter Sohn sich dem Bösen zu verschreiben und an die Macht zu putschen. Er ist laut, verzweifelt und aggressiv. Zwischenzeitlich kommuniziert er gerne mal mit dem Publikum, um sich seinen weiteren Lebensweg diskursiv anzunähern. Maximilian (gespielt von Jörg Zirnstein) lässt er des Öfteren als Ballerina auftreten, und eher als dümmlich und naiv erscheinen. Und Jannik Nowak, der den Karl gibt, ist ein zaudernder, aber freiheitssüchtiger Räuber, der an seiner eigenen Moral zugrunde geht. Das zeigt sich auch daran, dass für die Räuberbande die Losung der Freiheit zur Tautologie degeneriert, als Legitimation alles zu tun, auch ganze Städte niederzubrennen, um Bandenmitglieder vor dem Galgen zu bewahren. Widerspricht jemand, bekommt er nur den Freiheitsruf oder Pistolen zu hören. Auch hat Bornmüller begriffen, dass die Rolle der idealistischen Amalia eigentlich eine Fehlkonstruktion Schillers ist (Reich-Ranicki zufolge wisse das ja heute jeder Tankwart), weshalb er Maria Radomski als Amalia variiert, zu einer aggressiven, weiß geschminkten und manchmal auch kalten Frau macht.

sr_096_Jeanne_Devos_Samuel_Koch_Jannik_Nowak__c_Jan_MotykaAll das wird immer wieder untermalt von musikalischen Einspielungen aus dem 20. Jahrhundert. Laut, schnell und gefühlsgeladen wird die Inszenierung dadurch. Jedoch emotionalisiert die Musik auch das Publikum leichter und erschwert ergo eine kritische Distanz zum Stück. Dafür kriegt der Musiker David Kirchner am Ende wieder die bizarr-verfremdende Wende, wenn er den romantischen Song ›Death is not the end‹ von Nick Cave und Bad Seeds zum Besten gibt, als Karl Amalia tötet. Fast jede Sozialromantik, die sich der bürgerlichen Macht auf anarchische Weise verweigert, wird bei Bornmüller ebenso negiert, wie die repressive Macht selbst.

Eine etwas makabere Selbstironie demonstriert etwa die Rolle des Räubers Roller, die mit dem Rollstuhlfahrer Samuel Koch besetzt ist. Wie gewohnt spricht und spielt dieser in einer sehr monotonen Weise. Einerseits ist dies gelungen, bricht dies doch die Freiheitsrhetorik von Spiegelberg und Karl auf oder zeigt die menschliche Kälte der Räuber bei Erzählungen über ihre Verbrechen; andererseits wirkt dadurch auch die ganze Rolle arg langweilig. Auch Nowak spielt Karl etwas langweilig, nur manchmal stürmisch. Dafür brillieren vor allem Türksever und Radomski. Die schmerzvolle zierliche, aber energievolle, manchmal auch groteske, düstere und desillusionierte Amalia stellt Radomski überzeugend dar.

Rosa Rüschen und Springerstiefel

sr_042_Nicolas_Fethi_Tuerksever_Maria_Radomski__c_Jan_MotykaUnd besonders Türksever macht aus Franz einen bisexuellen Bösewicht, der mit rosa Rüschen, Springerstiefeln und Blousonjacke auftritt, in einer bombastischen Weise, wodurch man fast versucht ist, eher mit dem Putschisten zu sympathisieren, der aus seiner Verzweiflung das Leid andere boshaft hervorrufen will, um zu seinem Recht zu kommen. Noch verfremdeter und bizarrer wird die Darstellung durch die zahlreichen Verrenkungen und Gesänge von Türksever. Auch gelungen ist die Rolle von Spiegelberg. Denn dieser wird personifiziert von Jeanne Devos, deren zierliche feminine Gestalt einen starken Kontrast setzt zur blutrünstigen Skrupellosigkeit des Protagonisten.
Auch in der Kostümierung setzt Bornmüller auf Kontraste und Grotesken. Oft kombiniert er bunte, grelle Farben und Kleidungselemente aus dem 18. Jahrhundert mit verschiedenen Stilrichtungen des 20. und 21. Jahrhunderts, inklusive weißen und blauen Perücken. Protagonisten wie Maximilian im goldenen Overall oder im weißen Tutu werden so der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Bühnenbild ist dafür relativ schlicht. Massenweise Kartons sind aufgestellt, vor denen sich das Stück auf Plastikstühlen abspielt, alles wirkt provisorisch, bis die Räuber in ihrem Freiheitsbestreben das Bühnenbild aufbrechen, die Kartons wegwerfen und einen Wald aus goldenem Lametta gewaltsam freilegen.

Ein Gag jagt in dieser Version der ›Räuber‹ den nächsten, und die Protagonisten treten alle extrem emotional und psychisch labil auf. Der Duktus des Sturm und Drang wird hier in radikaler Weise auf die Bedürfnisse heutiger rebellierender Individualität im Korsett der Bourgeoisie transferiert, ohne große Eingriffe in Schillers Originaltext vorzunehmen. Schrill, grell und bunt ist die gesamte Aufführung, musikalisch, farblich und schauspielerisch fehlt es nur an Wenigem. Keiner der Protagonisten wird noch richtig ernst genommen, viele werden zur Karikatur ihrer Intentionen und Motive. Das sorgt beim Publikum für allerlei Lacher und großen Applaus. Insgesamt ist es also eine sehr gelungene und sehenswerte Aufführung. Viel Zeit zum Reflektieren bleibt aber dabei nicht, oft fühlt man sich emotional mitgerissen. Der Schluss sorgt ein wenig für Ausgleich, wenn Karl beschließt, nach dem Mord an Amalia sich der Justiz zu stellen, wenn Nowak das berühmte Zitat von Bertolt Brecht anbringt, nämlich »Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, es helfen nur Menschen, wo Menschen sind«. Dies stammt zwar aus ›Die heilige Johanna der Schlachthöfe‹, sprich, Brechts Bearbeitung von Schillers ›Die heilige Johanna von Orleans‹ und hat originär eher wenig mit ›Die Räuber‹ zu tun, legt aber nahe, dass Bornmüller Karl eher als Rebellen respektive Revolutionär interpretiert, der an seinen Taten zugrunde geht, denn als einen ordinären Vulgäranarchisten.

| PHILIP J. DINGELDEY
| Fotos: Jan Motyka

Titelangaben
Friedrich Schiller: Die Räuber
Staatstheater Darmstadt, Kammerspiele
Regie: Christoph Bornmüller
Maximilian von Moor: Jörg Zirnstein
Karl Moor: Jannik Nowak
Franz Moor: Nicolas Fethi Türksever
Amalia von Edelreich: Maria Radomski
Spiegelberg/ Tod: Jeanne Devos
Roller: Samuel Koch

Termine
Donnerstag, 05.11.2015, 20 Uhr
Mittwoch, 18.11.2015, 20 Uhr
Donnerstag, 19.11.2015, 20 Uhr
Donnerstag, 17.12.2015, 20 Uhr
Sonntag, 27.12.2015, 20 Uhr