Coventry – Ein Ort der Erinnerung

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Thema | Zerstörung der Stadt Coventry vor 75 Jahren

Heute vor 75 Jahren zerstörte ein Angriff der deutschen Luftwaffe die mittelenglische Stadt Coventry und tötete rund 600 Menschen. Dieses Ereignis weckt üblicherweise das Interesse von Militärhistorikern und Luftkriegsspezialisten. Dabei wird die weitere Geschichte Coventrys oft ausgeblendet: Bis in die 1970er Jahre hinein entwickelte sich die Industriestadt an der Peripherie Birminghams zu einem der einflussreichsten Akteure im europäischen Gedenkkanon. Von JÖRG FUCHS

Dresden, Warschau, Rotterdam. Die Erinnerung an die Verheerungen der Luftangriffe während des Zweiten Weltkrieges in Europa manifestiert sich an zahlreichen symbolträchtigen Orten. Für Deutschland nimmt Dresden eine herausragende Stellung ein. Als Kollektivsymbol des Luftkrieges überstrahlt es zahlreiche andere, stärker zerstörte Städte. Beim Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche in den Jahren 1996-2004 wurden originale Trümmersteine eingesetzt, die sich durch ihre dunklere Färbung markant im Neubau absetzen. Dieser Kunstgriff konstruierte eine Kontinuität zwischen Vorkriegszeit und Gegenwart. Hier wurde nicht nur auf einen Schlag die Zerstörung, sondern auch der Umgang mit den Trümmern während des DDR-Regimes symbolisch aufgearbeitet. Die Strahlkraft der historischen Erneuerung überwand somit mehrere Unrechtsregime.

Vom Modellfall der Zerstörung zum transnationalen Gedenkort

Alte und neue Kathedrale von Coventry
Alte und neue Kathedrale von Coventry
Fast alle europäischen Länder besitzen geformte oder gewachsene Stätten der Erinnerung an die Verheerungen des Luftkrieges. Überregionale Bedeutung erlangte die mittelenglische Industriestadt Coventry – sie entwickelte sich zu einem europäischen Zentrum des Gedenkens.

Coventry verbrannte in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940. Von den rund 328.000 Einwohnern starben 568. Auch wenn die Stadt danach noch mehrfach angegriffen wurde und sich die Zahl der Todesopfer fast verzehnfachte, fand nur der erste Angriff Eingang in die kollektive Erinnerung und löste weltweite Bestürzung aus. Dies war einer der Gründe für die deutsche Berichterstattung – Propagandaminister Goebbels erfand das Wort ›coventrieren‹, das als ›to coventrate‹ auch in den englischen Sprachraum Einzug hielt – den Angriff nach anfänglich überschwänglicher Euphorie später nicht weiter politisch auszuschlachten.

Die deutsche Luftwaffe setze in Coventry auf das Mittel des Flächenbombardements mit brandsetzender Munition. Militärstrategen aller kriegsführenden Parteien wussten bereits vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, dass man eine Großstadt nicht alleine mit Sprengstoff vernichten kann. Umfangreiche Bombentests führten zu einer Angriffsstrategie, die im weiteren Verlauf des Krieges vor allem auf alliierter Seite perfektioniert wurde, deren Luftstreitkräfte im Gegensatz zur taktisch geprägten deutschen Luftwaffe eine stärker strategische Ausrichtung besaßen.

Das Mischungsverhältnis von Spreng- und Brandbomben sowie der zeitlich verzögerte Abwurf und die fächerförmige Aufteilung in Angriffssektoren verhinderten wirksam die Abwehr- und Löschmaßnahmen in den angegriffenen Städten. Wie effektiv diese Methode war, demonstrierte der Angriff auf Coventry, der die Stadt als ausgebranntes Ruinenfeld zurückließ. Diese Idee der flächenmäßigen Zerstörung verfolgte mehrere Ziele – zum einen die Zerstörung der Rüstungsbetriebe und die Dezimierung der in den Städten wohnenden Arbeiterschaft; darüber hinaus sollte die Moral der Einwohner und der Soldaten geschwächt werden. Durch die Angriffe sollten sie erkennen, dass die militärische Führung nicht in der Lage war, die Heimat zu schützen.

Winston Chruchill besucht die Ruine der Kathedrale
Winston Chruchill besucht die Ruine der Kathedrale
Diese Ziele wurden jedoch nur teilweise erreicht: Vor allem die Moral der Zivilbevölkerung blieb in der Regel stabil: Wer Familienangehörige sowie Hab und Gut verloren hatte, neigte vielleicht zur Resignation, nicht jedoch zur Auflehnung gegen die Regierung, die für Luftkriegsopfer in der Regel schnelle staatliche Fürsorge anbot. Die Bewohner Coventrys blieben, zum Erstaunen der deutschen Öffentlichkeit, »hart im Nehmen« – und setzen früh auf Versöhnung: In seiner Weihnachtsansprache von 1940, die im Radio übertragen wurde, predigte der Propst der zerstörten St.-Michael-Kathedrale, Richard Howard, Versöhnung mit dem Kriegsgegner und sprach sich gegen Rachegedanken aus. Lediglich 15% der Einwohner Coventrys wünschten sich Vergeltungsangriffe auf deutsche Zivilbevölkerung – im Gegensatz zu 76% der Einwohner von nicht bombardierten ländlichen Gebieten.

Naturgemäß konnte die Versöhnung erst nach dem Kriege stattfinden, Anstoß dazu gab unter anderem der Neubau der Kathedrale, der 1962 abgeschlossen wurde und – ebenso wie die Zerstörung – überregionale Beachtung fand: Spendengelder aus aller Welt trafen in Coventry ein, Konrad Adenauer übergab in London einen Scheck in Höhe von 50.000 Mark, Partnerstädte stifteten symbolisch Ziegelsteine für den Wiederaufbau. Ein Nagelkreuz, geformt aus drei in den Ruinen der Kirche gefundenen Zimmermannsnägeln, wurde zum Symbol der Versöhnung: Als moderne Reliquie wurde es als Zeichen der Versöhnung in andere Städte gesandt, Kopien dieses Kreuzes befinden sich heute beispielsweise in Berlin, Dresden und Würzburg in der Obhut ökumenischer Nagelkreuz-Glaubensgemeinden.

Auch wenn sich der europäische Austausch mit dem zeitlichen Abstand zum Krieg verringerte, so ist Coventry noch heute die Stadt mit den meisten Städtepartnerschaften Europas. Darunter befinden sich zahlreiche Städte, die im Luftkrieg ebenfalls schwer getroffen wurden, wie Dresden, Kiel und Warschau. Überraschend ist die Tatsache, dass einige Versöhnungsaktionen zwischen den Städten Coventry und Dresden in den 1960er Jahren auf die Initiative des späteren Holocaust-Leugners David Irving zurückzuführen sind. Diese Aktionen fanden vor einem angespannten politischen Hintergrund statt, England und die DDR pflegten keine diplomatischen Beziehungen und die oft religiös motivierten Aktionen wurden vom kirchenfeindlichen Regime der DDR teilweise zu innenpolitischen Propagandazwecken missbraucht.

Warum ausgerechnet Coventry?

Eine eher unspektakuläre Industriestadt, die zu einer Ikone des Gedenkens an den Luftkrieg wurde. Läge es nur an den einprägsamen Fotografien der Ruinen oder den beeindruckenden Resten der Kathedrale, so müssten sich andere Städte in ähnlicher Form zu überregionalen Gedenkikonen entwickelt haben.

Die Erinnerung wird stets durch Akteure getragen. Davon gab es in Coventry zahlreiche, die teils kooperativ, teils konkurrierend aktive Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit leisteten. In deutschen Städten setze die Aufarbeitung der Luftangriffe erst später ein, im Vordergrund stand zunächst der materielle und ideelle Wiederaufbau des Landes. Erinnerung basiert auf Beziehungen zu einem Geschehen, beispielsweise durch eine emotionale, biographische oder historische Bindung. Das Aussterben der Zeitzeugengeneration, die Abwertung von Zeitzeugnissen und häufig auch das Desinteresse nachfolgender Generationen führte im Laufe der Zeit zu einem Abriss der Bindung an die historischen Ereignisse.

Abb: Sir James
Kreuz aus Nägeln der Kathedrale von Coventry – Geschenk des Dekans der Kathedrale an Konrad Adenauer.
Abb: Sir James
Die Vermittlung geschieht heute oft indirekt, durch abstrakte Gedenkrituale an Erinnerungsorten, deren Aussagekraft zunehmend verblasst und deren Charakter häufig zweifelhaft ist. Viele Städte, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, bieten heute kaum noch architektonische Zeugnisse, die unmittelbar an ihre Zerstörung erinnern und eine biographische oder historische Rückbindung an das Ereignis erlauben. Die Entwicklung der am 16. März 1945 fast vollständig zerstörten Stadt Würzburg zeigt exemplarisch den Umgang mit der Vergangenheit: Ruinen wurden geschleift, in historisierender oder moderner Form neu aufgebaut oder in ästhetisierender Weise in Neubauten integriert. Genuine Stätten, die heute noch von der Zerstörung und den Nachkriegsjahren zeugen, spielen im Erinnerungsdiskurs eine untergeordnete Rolle. Das Erinnern konzentriert sich an nachträglich konstruierten Gedenkstätten, beispielsweise dem nicht unumstrittenen Mahnmal an die Toten des Luftangriffes am Hauptfriedhof oder dem über Jahrzehnte historisch falsch dargestellten Denkmal für die Trümmerfrauen und -männer am Mainufer.

Auch in Coventry haben der Lauf der Zeit und Generationenwechsel für eine Distanz zum historischen Erbe der Stadt geführt. Die Nagelkreuzbewegung, einst Symbol für Frieden und Versöhnung unter den europäischen Kriegsgegnern, ist zu einer globalen Bewegung herangewachsen, Nagelkreuzzentren finden sich heute in Burundi ebenso wie auf Kuba, in Hong-Kong und in Sambia, wo es unter anderem als Symbol für die Versöhnung zwischen Gott und der Menschheit steht. Auch wenn sich die historische Botschaft im Laufe der Zeit von seinen Ursprüngen entfernt hat, steht das Nagelkreuz aus Coventry für ein außergewöhnliches Zeichen der Versöhnung in einer Zeit, in der die Skepsis unter den ehemaligen Kriegsgegnern an der Tagesordnung war.

| JÖRG FUCHS
| Titelfoto: SIR JAMES