Scammon 1/3

in Lite Ratur

Lite Ratur | Wolf Senff: Wale

Lassberg sah die Anlagen bei Guerrero Negro, während er sich dort aufhielt, um Wale zu beobachten, er fuhr zwangsläufig dort entlang auf seinem Weg zur Ojo de Liebre, an schier endlos weitläufigen flachen Becken in der Wüste, elf Becken, hatte er gelesen, mit einer Ausdehnung von alles in allem vierzig Quadratkilometern, in denen das aufgespülte Wasser verdunstete, Natur ist geduldig, und wie man sieht, meint sie es gut mit dem Menschen, nein, abwechslungsreich ist das nicht, die Gegend ist öde, menschenleer, das ergiebigste Salzgewinnungsterrain auf dem Planeten.

Abb:  National Marine Mammal Laboratory (NOAA)
Abb: National Marine Mammal Laboratory (NOAA)
Zu Jahresanfang zog der Kalifornische Grauwal aus der Arktis an der pazifischen Küste entlang bis in diese wärmeren Regionen der nördlichen Baja California und brachte in den flachen Lagunen seinen Nachwuchs zur Welt – die Walfänger hatten einst einträgliche Gründe, diese Gegenden aufzusuchen, und folgten ihm nach.

Walfänger – die Sprache schlägt uns ein Schnippchen, wir betrügen uns selbst. Nein, diese Männer fingen keine Wale, sie brachten sie um und schmolzen die Kadaver zu Tran aus, dem ersten in großen Mengen verfügbaren flüssigen Brennstoff, der bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Lampenöl verwendet wurde.

Scammon hatte bereits in den vergangenen zwei Jahren in den Lagunen der Baja California den Grauwal gejagt. Diesmal wollte er nicht wieder so weit nach Süden segeln. Er suchte die Küste entlang nach Lagunen und ankerte, als er endlich einen Einlass gefunden hatte, seine Brigg ›Boston‹ und das Begleitschiff ›Marin‹ vor der Küste, sie schafften die umfangreiche Ausrüstung an Land und ließen sich einige Tage lang Zeit, die Brennöfen und die Zugvorrichtung aufzubauen.

Gramner und Eldin, die die Lagune von Land her auskundschafteten, kamen mit verheißungsvollen Nachrichten zurück. Sie hätten ihren Augen nicht getraut, sagten sie, dass sich jetzt, während der letzten Dezembertage, schon einzelne Wale hier im flachen Gewässer aufhielten.

Als am folgenden Tag die Sonne aufging, brachen die Männer in zwei Schaluppen auf. Scammon hatte ihnen viel versprochen, sie machten sich große Hoffnungen, und vielleicht war es wirklich ein Hauptgewinn, dass sie wieder bei Scammon angeheuert hatten.

Gramner ruderte ein gutes Stück weiter in die Lagune, während Scammon sich an das Harpunengewehr setzte, das an die Bugspitze montiert war, und, als sie auf zehn Meter heran waren, den ersten Grauwal ins Visier nahm. Die Harpune traf, und am Seil arbeiteten sie sich näher an ihn heran, um ihm eine Sprenglanze in den Körper zu schießen. Die Ladung explodierte dicht unter dem Kopf und riss den Leib empfindlich auf. Nun ruderten sie dichter heran, und während das Wasser sich rot färbte, steuerten sie auf die Fluke zu.

Thursday schlug zu, zielsicher auf den schmalen Hals zur Schwanzflosse, wieder, wieder, bis auch dort das Blut in Strömen quoll und rasend schnell das Wasser tränkte: Ha! Seht! Da rinnt ihm sein Lebenssaft!

Das Meer will Blut, es verlangt seinen Anteil, setzte McAlister, der die vergangene Saison mit Scammon in den südlichen Lagunen gejagt hatte, grinsend hinzu: Vergib uns, großer Teufel Grauwal!

Am Wundbrand wirst du nicht sterben!, spottete nun auch Crockeye, ein rothaariges, milchgesichtiges Bürschchen, siebzehnjährig, das zum erstenmal mit ihnen auf Fahrt war.

Thursdays Wagemut zahlte sich aus. Als ahne der gequälte Wal, was ihm drohte, als nähme er zögernd, erschrocken, unwillig Abschied von seiner Arglosigkeit und entschlösse sich zum Widerstand gegen den unbekannten Angreifer, sammelte er seine letzte Kraft und seine Fluke peitschte mehrmals die Wasseroberfläche, jedoch ohne noch die Männer abzulenken, die zu seinem Kopf gerudert waren, damit Thursday seine Arbeit vollende. Im Nacken des Wals klafften bald tiefe Schnitte, auch hier strömte Blut ins Wasser, wer wäre in der Lage, das Leben vor diesem tödlichen Zugriff zu bewahren.

Sie warteten begierig darauf, dass der Wal rot gefärbten Blas hervorstieß. Das Blut wäre in seinen Lungen, wenige Minuten und er würde ersticken, für erfahrene Waljäger war das Routine.

Die Männer zogen sich einige Meter zurück und beobachteten den Todeskampf.

Seht gut zu, lachte Scammon, der Mensch ist das grausamste Raubtier auf dem Planeten.

Bis zum heutigen Tag fühlte sich dieses Tier geborgen in seinem Element, setzte Thursday triumphierend hinzu.

Der Grauwal keuchte zweimal tiefrote Wolken Blas hervor, herrlich leuchteten sie auf vor den gierigen Blicken der Männer, sie zählten begeistert mit, sie hatten gewonnen. Es war jedesmal derselbe Kampf, jedesmal waren die Männer mit ihren Kräften am Ende, sie hatten sich verausgabt, hartgesottene Kerle, ihre Harpune war dem Geschöpf überlegen, auch wenn die Männer es für einen sportlichen Wettstreit erklärten.

Das sterbende Tier wälzte sich schwerfällig auf den Rücken. Die See schlug Wellen, Wasser spritzte auf, stand ein letztes Mal glühend gegen den Himmel und legte sich, kaum dass eine halbe Minute verstrich, harmlos plätschernd um den Kadaver.

Die Ruderer sprangen auf, reckten ihre Fäuste empor, umarmten einander, wandten sich Thursday zu, drängten ihn nach der Mitte des schwankenden Bootes und zogen ihn, indes sie sich schwungvoll setzten, auf ihre hochgestreckten Hände. Die See färbt sich rot, sangen sie, wenn der Teufelsfisch tot, das möge geschehen vielmals im Leben! Vielmals im Leben! Vielmals im Leben!

Nun muss der beste Mann ins Wasser!

Die Schaluppe schwankte, Wasser spritzte auf.

Wir geben dir das schärfste Messer, rief Crockeye.

Dazu eine halbe Stunde, ergänzte McAlister, der neben Crockeye auf der ersten Ruderbank saß: Sobald sie verstrichen ist, erwarten wir dich mit dem zweiten Beutestück. Ho! Ho! Ho!

Sie hoben ihre Last in die Luft, dass das Boot gefährlich schaukelte. Sie waren eine aggressive Mannschaft, ein eingespieltes Team, mit allen Wassern gewaschene Kerle, die Champions League der Waljagd, und diese Lagune bewährte sich schon beim ersten Gefecht als ein unvergleichliches Schlachtfeld, der Wal leistete keinen Widerstand.

Gebt Thursday herunter!, befahl Scammon barsch: Er hat hervorragende Arbeit geleistet. Die Beute wird für zehn Fässer gut sein, das bedeutet für uns drei bis vier Tage an den Öfen. Zwanzig dieser Exemplare, und meine Schiffe sind bis obenhin geladen.

Scammon hatte alles zurechtgelegt, damit sie den Kadaver zu den Brennöfen auf Höhe der ›Boston‹ schleppten.

Thursday zeigte tiefer in den Hauptkanal: Seht dort Gramners Boot!

Die zweite Schaluppe lag siebzig Meter entfernt.

Sie sahen Eldin erbarmungslos zustoßen, das Wasser spritzte hoch auf. Das Tier reagierte panisch auf den unbekannten Schmerz, es hatte ja keine Ahnung, was mit ihm geschah, und selbstverständlich war es zu spät. Wenn nur die Harpune gut getroffen hatte, war sein Ende besiegelt, die Harpune war eine großartige Erfindung, sie veränderte die Welt.

Sie waren dicht an den gefährlich tobenden Leib herangefahren, das Boot schlingerte nach einem Schlag der Fluke. Die Männer suchten nach Halt, ein Ruderer verlor das Gleichgewicht und stürzte ins Wasser. Geistesgegenwärtig streckte er die Hände aus und klammerte sich am Bootsrand fest. Die Männer hievten ihn zurück ins Boot.

| WOLF SENFF