Von echten Männern und dem wilden Meer

in Jugendbuch

Nikolaus Hansen(Hg.): Auf Kaperfahrt. Von Piraten, Stürmen und Klabautermännern

Das Meer lockt von jeher mit seiner scheinbar unendlichen Weite, ungeahnten Tiefen und Tausenden Geheimnissen. Es zu befahren, kann schnell ein Kampf ums pure Überleben werden, so fremd und unbezähmbar ist dieses Element. Was eignet sich besser als Gegenstand spannender Geschichten? Nikolaus Hansen hat aus den vielen vierundzwanzig ausgewählt und präsentiert sie in einer gelungenen Anthologie. Von MAGALI HEISSLER

PiratenEs ist die Wildheit, das Extreme, Existenzielle, das die Texte dieser Sammlung verbindet. Es geht um den besonderen Moment, das Abenteuer per se. Hochgepeitschte Gefühle, aber auch äußerste körperliche Kraftanstrengungen erwarten Leserinnen und Leser, extreme Bedingungen von Wind, Wetter, Wasser. Es ist eine Männerwelt, Weibliches ist Beiwerk. Die Vorstellung von einer Natur, die überwältigt werden muss, weil sie andernfalls den Menschen überwältigt, ist allbeherrschend. Von daher gesehen gehören viele der Geschichten, gleich ob Prosa oder Gedicht, zu einer altmodischen und ziemlich verstaubten Weltsicht.

Wie sie erzählt werden, ist aber alles andere als altmodisch. Hier kommen hervorragende Autoren zu Wort, Könner im Umgang mit Sprache, in der Handhabung von Spannung, im Beschreiben von Figuren, vor allem aber der eigentlichen Hauptperson, dem Meer. Das macht das Lesen zu einem besonderen Erlebnis, selbst wenn man hin und wieder die Stirn runzelt angesichts manch altväterlicher Ansicht.

Die ausgewählten Geschichten entstanden zum größten Teil in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eine Handvoll ist noch älter. Was sie auszeichnet, ist ihr realistischer Stil. Sie lesen sich frisch. Ungewohnt ist das nautische Vokabular (es wird im Anhang erklärt), nicht etwa das Deutsch. Sprache und Erzählweise heben sich gründlich ab von dem Einheitsbrei, in dem heutzutage Spannung serviert wird, und öffnen gerade einem jüngeren Publikum die Augen für die Vielfalt des Erzählens.

Voller Überraschungen

Hansen hat sich bei der Auswahl weder vor langen Textauszügen noch vor besonderen Geschichten gescheut. Überraschungen warten viele hier. Autoren wie Jack London, B. Traven, Defoe, Hans Leip, Heyerdahl, Poe erwartet man sicher, nicht aber unbedingt Tolstoi oder ›Leopold Knorbelsberger‹, der im 19. Jahrhundert von einem Verleger möglicherweise einfach erfunden wurde. Man liest von Piraten und exzentrischen Kapitänen, vom Klabautermann und Schiffbrüchigen. Vor allem liest man viel über die harte Arbeit an Bord, gleich, ob es sich um Matrosen an Bord von Luxusdampfern handelt oder von Lofotenfischern, die ihren Lebensunterhalt mit Fischfang verdienen.
Die Abhängigkeit von den Elementen ist überwältigend, die Schilderungen von Stürmen, vom Malstrom, von den Lebensverhältnissen an Bord sind beeindruckend lebendig. Freiheit und Bedrückung, Eigenständigkeit und Abhängigkeiten, Gemeinschaft und entsetzliches Verlassensein liegen nahe beieinander. Die Angst ist immer dabei, untergründig oder ausgesprochen. Ein ganzer Textauszug von Manfred Hausmann etwa, handelt davon.

Man befindet sich aber auch an der Seite von Entdeckern (Thor Heyerdahl) oder geistesgegenwärtigen Jungoffizieren (Forester, Hornblower), von Helden wie John Maynard und Nis Randers. Und natürlich lauern Gespenster, am Ende gibt es sogar eine besonders feine Horrorgeschichte von W. H. Hodgson. Die Zusammenstellung ist ausgezeichnet komponiert, es bleiben keine Wünsche offen. Dafür wird Neugier geweckt, auf den Rest der Geschichten, von denen nur ein Ausschnitt erzählt wird, auf andere Geschichten der Autoren und auf das seltsame Leben auf dem Meer.

Reich illustriert

Das harte Leben, das zugleich so reich an Abenteuern ist, findet man auch in der großzügigen Bebilderung des schönen Buchs. Reinhard Kleist zeigt diese Welt in harschem schwarz-weiß. Nichts ist anmutig hier, nichts niedlich. Stürme toben auf den Bildern wie im Text. Die Figuren sind kantig, die Gesichter hart, selten blitzt ein Lächeln durch, die Furcht zeigt sich häufiger. Kommt Freude, ist sie ebenso umfassend, dann tanzt der ganze Körper. Schönheit erscheint unvermutet, ein Schiff auf ruhiger See, eine Möwe als Schmuck am Horizont, eine winzige Idylle, für einen winzigen Moment und zugleich festgebannt als romantisches Sinnbild für alle Zeit. Dann folgen wieder Schrecken, Zerstörung, Chaos. Bilder und Geschichten ergänzen sich perfekt.

Ideal ergänzt wird die Sammlung auch durch das Vorwort, das auf die Geschichten einstimmt und noch einige Lesetipps für die enthält, die nach der Lektüre süchtig geworden sind, was leicht passieren kann. Etwas Sorgfalt fehlt beim Nachweis der Texte, die Geschichte von Konrad Reich ist von ihm nur nacherzählt, sie stammt von Heinrich Smidt.

Nicht schön ist, dass im Vorwort die Beibehaltung des Worts »Neger« mit dem oberflächlichen Argument weggewischt wird, dass es sich hier um Literatur handelt. Wie grundsätzlich bei diesem Problem kommt es auf den Kontext an, der auch hier nicht gerade freundlich ist. Was dann die »Literatur« anbelangt, so hat ihre eherne Unangreifbarkeit wenig Bedeutung, sobald es darum geht, alte Texte der neuen Rechtschreibung anzupassen, was im vorliegenden Buch selbstverständlich geschehen ist, oder auch einmal ein Wort um der besseren Verständlichkeit willen zu verändern. Nicht nur auf dem Meer, auch an Land hat das Leben seine Tücken.

Abgesehen davon ist diese Anthologie wirklich eine ausgezeichnete Bereicherung des Leselebens, für Neugierige und Meeresbegeisterte gleichermaßen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Nikolaus Hanser: Auf Kaperfahrt. Von Piraten, Stürmen und Klabautermännern
Mit Bildern von Reinhard Kleist
Hamburg: Aladin Verlag 2015
430 Seiten. 22,95 Euro
Kinder-/Jugendbuch ab 10 Jahren
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