ICE

in Lite Ratur

Lite Ratur | Wolf Senff: Begegnungen

Nicht zum Jahreswechsel, nein, Busfahren ist uncool, in der Bahn ließe sich sogar einmal Erste Klasse ausprobieren, verstehen Sie, es geht um Leute, ich hielt mich einmal versehentlich in der Ersten Klasse auf und begegnete einem Bekannten, Sie wissen, dem Freund eines Freundes, wir kannten einander eher vom Hörensagen und hatten für den Rest der Reise Gesprächsstoff.

Überhaupt sind die Leute offener geworden, über die sogenannten sozialen Netzwerke sind sie daran gewöhnt, sich massiv zu entblößen, sie tragen ihr Herz auf der Zunge, da denken sie, weshalb nicht in der Bahn, sie haben Zeit und sonst nichts zu tun.

Tim fährt gelegentlich die Strecke von Hamburg nach Berlin, ICE, eindreiviertel Stunden, am folgenden Tag weiter bis Leipzig, doch nun ist Tim nicht jemand, der frei von der Leber weg plaudert, er wäre nicht derjenige, der ein solches Gespräch im Eisenbahnabteil eröffnet.

Er erinnerte sich nachher auch gar nicht, wie er in das Gespräch hineingezogen wurde, er schnappte bald nach dem Hauptbahnhof einige Brocken auf. Der ihm gegenübersitzende wohlbeleibte Mann, er lebte, wie er nach wenigen Minuten einfließen ließ, in Eppendorf, würde in Berlin seine Tochter besuchen, eine Künstlerin, die mit einem Amerikaner verheiratet war.

Die zierliche Frau, die in Fahrtrichtung am Fenster saß, hielt sich noch zurück, sie stamme aus Bad Kreuznach, lebe aber seit einem Jahr in Bad Schwartau; das Zweifamilienhaus, in dem sie gelebt habe, sei ihr zu groß geworden, seitdem ihre Tochter mit Familie nach Berlin umgezogen sei, sie praktiziere dort als Ärztin. Man redet miteinander, nicht wahr, aufgeschlossen und wie einem der Schnabel gewachsen ist, man tauscht Informationen wie Briefmarken, eifrig, interessiert, dass das Gespräch nicht abbricht.

Der wohlbeleibte Mann hört einige Minuten lang zu, ein Freund aus dem Nachbarabteil öffnet die Tür und bietet ihm lachend ein Bier an; es entsteh eine Pause. Er steige ebenfalls in Berlin aus, sagt Tim und besuche dort seine Schwester.

Der wohlbeleibte Mann fällt in das Lachen ein, der Mann seiner Tochter sei relativ klein, sagt er, etwa einsfünfundsechzig, und sie sei deutlich über einssiebzig, doch sie kämen prächtig zurecht. Er habe ihnen ihre Wohnung ausgebaut, einen dreieinhalb Meter hohen Wohnraum, wunderschön, und erzählt von dem Haus auf dem Land, auch das habe er großzügig ausgebaut.

In Ihrem Alter, unterbricht Tim, sei man ja im Ruhestand und gar nicht mehr auf Aufträge angewiesen.

Am schlimmsten sei, dass er nur noch hier und da Beschäftigung finde, im Kreis von Freunden und Familie. Sein Leben lang habe er sich nie um Aufträge bewerben müssen; er habe in Katar gearbeitet, wo jetzt Bayern München ein Trainingslager habe, und dort Shopping Malls gebaut, sagt er, da sei mit Geld nicht gespart worden, im Gegenteil. Auch das habe sich rasant verändert. Und Einwände vorwegnehmend: Er habe an den Arbeitsbedingungen nichts ändern können, sich aber um seine Arbeiter gekümmert, er habe sie in ihren schäbigen Unterkünften besucht und immer gut mit ihnen gearbeitet. Ob er in der Welt herumgekommen sei, fragt er Tim, seine Gesprächsführung hat einen spürbaren Automatismus, eine Routine.

Er habe eine Zeitlang in Beijing gelebt, erklärt Tim, und im Auftrag eines Verlages über die literarische Szene dort berichtet, habe aber eigentlich nicht viel gesehen von der Welt. Er könne das nicht sagen, nein. Er sei in Mexiko gewesen, in San Francisco, auf der Baja California, in Guatemala, mehrmals in Israel und ansonsten Europa. Der wohlbeleibte Mann nickt.

Die zierliche Frau am Fenster sagt, sie habe als Schulsekretärin gearbeitet, ein schöner Beruf, sie sei immer Vertrauensperson für die Schüler gewesen. Es treffe zu, sagt sie, dass der Wechsel in die Wohnung nach Bad Schwartau nicht einfach sei, man dürfe das nicht unterschätzen, sie habe deutlich weniger Platz, die neue Wohnung sei ihr zu eng und der Abstand zu ihren Nachbarn habe sich naturgemäß verringert, sie empfinde die neue Situation als bedrückend.

Nein, Tim ist selten an solchen Gesprächen beteiligt, und fast fühlt er sich, als würden seine Gesprächspartner sich im Rückblick auf ein langes Leben rechtfertigen wollen. Der wohlbeleibte Mann schwärmt von einem Lokal schräg gegenüber vom Rathaus, wo er sich an milden Abenden nach draußen setze und der Ober ihm unaufgefordert ein Hefeweizen auf den Tisch stelle. Sicher, fügt er unaufgefordert hinzu, er sei dort ein bekannter Gast. Am schönsten seien jene Abende, an denen sich nach und nach um ihn herum andere einfänden und man bis in die Nacht plaudernd beisammen sitze.

Nein, er kenne das Lokal nicht, sagt Tim und erklärt auf die Gefahr hin, dem Gespräch eine wenig erwartete Wendung zu geben, dass er sich selbst ernähre und abstinent lebe, und tatsächlich wechselt der wohlbeleibte Architekt wenige Minuten später in das Nachbarabteil, die Gesprächsteile fügen sich nicht geschmeidig wie ein Puzzle.

Ihre Tochter arbeite nicht mehr als Ärztin, erklärt die zierliche Frau, sie leide seit längerer Zeit an Rückenproblemen, Morbus Bechterew, eine entsetzliche Qual, sagt sie, sie habe wochenlang im Koma gelegen, und als sie damals vor drei Jahren nach Berlin gereist sei, die Tochter zu besuchen, habe sie befürchten müssen, sie werde sie nicht lebend antreffen.

Das habe sich zum Glück geändert?

Ihre Tochter habe es überstanden, ja. Die Genesung sei mühselig, sie habe erneut lernen müssen zu sprechen, und sie beide würden sich auf den Besuch freuen, die Tochter habe drei Kinder, und wäre die Fürsorge seitens der Familie nicht gewesen – nein, auf sich gestellt hätte die Tochter diese Strapazen nicht überlebt.

Tim wünscht ihr einen angenehmen Aufenthalt in Berlin, als er sich verabschiedet, und der wohlbeleibte Architekt kommt zum Abteil, um sein Gepäck zu holen.

Sind diese Bahnreisen nun anstrengend? Tim hat noch eine knappe halbe Stunde mit der S-Bahn nach Pankow vor sich, und es ist merkwürdig, hinter dem schlanken schwarzhaarigen Mann, der neben ihm auf dem Bahnsteig wartet, in der einen Hand den Koffer, in der anderen ein Tetra-Pak, stand er eben noch im ICE, Tim folgt ihm in die S-Bahn und nimmt auf dessen aufforderndes Kopfnicken hin ihm gegenüber Platz.

| WOLF SENFF
| Titelbild: M. VOSS